14.08.2011 · Ein Gerücht kann Banken ruinieren, Politiker in die Enge treiben und Spekulanten reich machen. Wenn es Emotionen weckt, plausibel ist und sich schnell verbreitet, wird es für das attackierte Unternehmen schwierig, die Meldung zu ersticken. In der vergangenen Woche war die französische Bank Société Générale dran.
Von Winand von PetersdorffDas Lehrstück über ein Gerücht beginnt am Sonntag, dem 7. August. Da meldet die britische Boulevardzeitung „Mail on Sunday“, die französische Bank Société Générale stecke in einer gefährlichen Lage und stehe möglicherweise an der Schwelle eines Desasters. Das Gerücht verbreitet sich in Europa: Am Montag verkaufen die Bankaktionäre. Der Kurs der drittgrößten französischen Bank geht auf Talfahrt. Die Aktie rutscht von 28 auf 24 Euro bis Dienstagvormittag, um sich danach wieder zu erholen. Am selben Tag entschuldigt sich „Mail on Sunday“ für ihre Meldung: Sie sei unwahr.
Es folgt der 10. August, an dessen Ende die Feststellung steht: Das Gerücht hat das Dementi überlebt. Die Bank verliert binnen weniger Stunden knapp ein Viertel des Unternehmenswertes. Auch andere Banktitel werden in den Keller gezogen. Société Générale formuliert eine dramatische Mitteilung: Alle Gerüchte über Finanzierungsprobleme oder große Risiken in den europäischen Pleiteländern seien komplett falsch. Der Bankchef gibt dem amerikanischen Sender CNBC ein Interview, im dem er die Gerüchte als „Müll“ bezeichnet. Die Bank ruft die französische Finanzaufsicht an, die Urheber des Gerüchtes zu suchen.
Gerüchte gibt es immer und überall
Ein anderes Gerücht macht die Runde: Leerverkäufer spekulieren gegen Frankreichs Banken und prügeln mit bewusst gestreuten Gerüchten Kurse nieder. Am selben Tag kommt der französische Präsident Nicolas Sarkozy vorzeitig aus dem Urlaub zurück. Er reagiert auf ein weiteres brisantes Gerücht: Frankreich könnte sein AAA-Rating verlieren. Nach zweistündigen Beratungen erklärt das Finanzkabinett, Frankreich halte am Sparkurs fest. Die Ratingagenturen verbreiten, dass Frankreichs Bestnote nicht zu Disposition stehe.
Nachdem sich die Banktitel am Donnerstag kaum erholen, beschließen Frankreich, Italien, Belgien und Spanien in der Nacht zum Freitag, ungedeckte Leerverkäufe von Finanztiteln zu verbieten. Am Freitag ziehen die Finanztitel wieder an. Doch der Société Générale-Kurs liegt am Ende sieben Prozent niedriger als zu Beginn der Woche.
Wer kann das erklären? In der Schweiz sitzt Mark Schindler. Er hat über Gerüchte an Kapitalmärkten promoviert, bevor er zu einer Bank wechselte und Hedgefonds-Portfolios managte. Schindler findet eine Frage ziemlich müßig: Wer die Quelle des Gerüchts ist. Denn Gerüchte gibt es immer und überall, von Spekulanten, von Plaudertaschen und von Leuten, die alles falsch verstanden haben. Interessanter ist eine andere Frage: Welches Gerücht macht Karriere?
Vor allem schlechte Nachrichten verbreiten sich blitzschnell
Schindlers erste Zutat für ein erfolgreiches Gerücht: Es muss extreme Emotionen wecken, das sind in der Regel Angst oder Gier. Société Générale weckt Angst. Sie ist den Spekulationen in einer Zeit ausgesetzt, in der alle Marktteilnehmer voller Furcht sind, ob die europäischen Banken nicht zu viele gefährliche Staatsanleihen halten. Die Bank selbst ist einer der weltweit größten Händler von Aktien-Derivaten und gilt deshalb als systemrelevant. Das weckt Erinnerungen an die kollabierten Lehman-Brothers. Der Ruf und das Kapital der Bank litten unter Fehlspekulationen ihres Händlers Jérôme Kerviel, der dem Institut einen Milliardenverlust bescherte.
Plausibel muss die Story ferner sein, man muss dem Institut die Schieflage schon zutrauen. Der Markt tut das offenbar zeitweise. Die weitere Zutat für gefährliche Gerüchte: Sie müssten blitzschnell verbreitet werden, sagt Schindler. Das funktioniert, weiß er aus Befragungen von Wertpapierhändlern. Vor allem schlechte Nachrichten verbreiten sich über Handy und Mail über Bankengrenzen hinweg binnen kürzester Zeit.
Besonders gute Chancen haben Gerüchte, wenn sie auf kurzfristig orientierte Marktteilnehmer treffen. „Die häufen sich in fallenden Märkten“, sagt der Schweizer Ökonom Thorsten Hens. Denn in solchen Phasen kommen Aktien- und Anleihebesitzer schneller an den Rand ihrer Risikofähigkeit, entweder finanziell oder psychologisch.
Gerüchte können stärker sein als Erfahrungen
Hat die üble Nachrede gewisse Plausibilitätserwägungen überstanden, dann schauen die kurzfristig orientierten Börsenakteure nicht mehr auf die inhaltliche Qualität der negativen Nachricht. Sie fragen sich nur noch, ob der Markt die Nachricht glauben wird. Das liegt am speziellen Charakter der Kapitalmärkte: Kurzfristig betrachtet sind Finanzmärkte „Majoritätsspiele“: „Es gewinnt derjenige, der erahnt, was die Mehrheit macht“, erläutert Hens. In solchen Märkten sind die Händler getrieben von der Angst zu spät zu kommen und verunsichert vom Verdacht ein Wettbewerber könnte mehr wissen.
Spätestens dann wird es für das attackierte Unternehmen schwierig, die Meldung zu ersticken. Dagegen an informieren allein reicht nicht, allein schon weil ohnehin so viele Informationen kursieren. Früher galt, Gerüchte kommen auf, wenn handfeste Daten fehlen. Typisch im Krieg, wo Gerüchte wuchern, weil Informationen aus taktischen Gründen zu Militärgeheimnissen werden. Heute gilt: Gerüchte blühen auch, wenn es so viele Nachrichten gibt, dass die Märkte sie nicht mehr verarbeiten können.
Hinzu gesellt sich ein Phänomen, das der Evolutionsbiologe Ralf Sommerfeld entdeckt hat in einem Labortest am Max-Planck-Institut in Plön. In seinem Versuch kam heraus, dass Gerüchte stärker sein können als Erfahrungen. Probanden sollten Mitspieler, die als großzügig galten, mit Geld belohnen. Obwohl die Probanden alle neutralen und wichtigen Informationen über die Großzügigkeit einer Person hatten, ließen sie sich in ihren Entscheidungen maßgeblich von Gerüchten beeinflussen. Das macht alles kompliziert.
Die normale Sprachregelung von Unternehmen, die Objekt von Gerüchten sind, lautet: „Wir nehmen zu Gerüchten keine Stellung.“ Das hat etwas mit Zeitökonomie zu tun. Es gibt zu viel zu dementieren. Zudem droht Gefahr: Wer zu früh dementiert, macht womöglich erst auf Probleme aufmerksam. Unvergessen ist der gemeinsame Auftritt von Bundeskanzlerin Angela Merkel und dem damaligen Bundesfinanzminister Peer Steinbrück, die auf dem Höhepunkt der Finanzkrise erklärten, die Spareinlagen der Bundesbürger seien sicher. Das hatte offenbar beruhigende Wirkung und bremste einen Run auf deutsche Banken. Doch einem Teil der Bürger wurde erst gegenwärtig, wie gefährlich die Lage war.
Eine möglich Reaktion für attackierte Unternehmen kann sein, Gerüchte für bare Münze zu nehmen. Manche Firma verschärft ihr Sparprogramm nach Gerüchten über Gewinneinbrüche. Und schließlich kann man ja auch mal Täter spielen statt immer nur Opfer. Das exerzierte die unter dem starken Franken leidende Schweizer Notenbank in der vergangenen Woche. Sie munkelte, man könne den Franken an den Euro andocken. Der Erfolg blieb nicht aus. Der Franken fiel um fünf Prozent.
Ich möchte nur noch eines klar stellen, an dem von mir verbreiteten Gerücht ...
Rüdiger Noll (krn)
- 15.08.2011, 01:15 Uhr
.... habe da auch ein Gerücht gehört:
Rüdiger Noll (krn)
- 14.08.2011, 17:32 Uhr
Gerüchte
Wolfgang Richter (langweiler2)
- 14.08.2011, 17:12 Uhr
Tatsache ist, dass französische Banken
Paul Banaschak (paul.banaschak)
- 14.08.2011, 15:14 Uhr
Sehr guter Artikel!
Jean Miller (philodendron)
- 15.08.2011, 00:45 Uhr
Winand von Petersdorff-Campen Jahrgang 1963, stellvertretender Ressortleiter Wirtschaft.
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