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Mittwoch, 19. Juni 2013
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Kapitän im Piratenprozess „Ich befahl der Mannschaft, sich zu verkriechen“

 ·  Im Hamburger Prozess gegen somalische Piraten hat erstmals der Kapitän des überfallenen Frachters ausgesagt. Gegenüber den Angreifern hegt er keinen Groll. In solchen Gegenden müsse man mit Überfällen rechnen.

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Er ist ein Kapitän wie aus dem Bilderbuch. Großgewachsen, markantes Gesicht, das weiße Haar grob nach hinten gekämmt. Ein echter Seebär, den so schnell nichts aus der Ruhe bringt. Dierk Eggers ist also genau der richtige Mann für gefährliche Einsätze auf hoher See. Daran erinnerte sich sein Arbeitgeber, die Hamburger Reederei Komrowski, als es auf der „Taipan“ plötzlich ein Führungsproblem gab. Der polnische Kapitän dieses Containerschiffes weigerte sich, durch den Golf von Aden zu fahren. Das sei ihm zu gefährlich – wegen der vielen Piratenüberfälle. Also sprang Eggers ein. Ein Einsatz, den er und seine 14 Seeleute nicht so schnell vergessen werden.

Denn sie erfuhren am eigenen Leib, wie gefährlich es ist, am Horn von Afrika vorbeizuschippern. Am 5. April dieses Jahres überfielen zehn somalische Piraten ihr Schiff. Doch die geplante Geiselnahme scheiterte. Zu Hilfe geeilte Marinesoldaten verhafteten die Seeräuber, die nun seit Ende November in Hamburg vor Gericht stehen. Es ist der erste Piratenprozess in Deutschland seit mehr als 400 Jahren. Am gestrigen Mittwoch, dem sechsten Verhandlungstag, sagte Dierk Eggers als Zeuge aus.

Da sitzt er nun in seinem hellgrünen Hemd, der Wollweste und den ausgebeulten Cordhosen denen gegenüber, die mit ihm und seiner Crew Millionen Dollar Lösegeld erpressen wollten. Doch Eggers würdigt die zehn Angreifer, die umrahmt von ihren Anwälten vor ihm in Saal 337 des Strafjustizgebäudes am Sievekingplatz lümmeln, kaum eines Blickes. „Ich habe keine Angst gehabt“, so wird er nach seinem ersten Auftritt vor Gericht sagen. „Daher empfinde ich keinen Hass.“ In solchen Gegenden müsse man eben mit Überfällen rechnen. „Wir hatten schicksalhaftes Glück.“

„Es sah so aus, als ob das Schiff abdreht. Aber das haben wir missdeutet“

Ruhig und konzentriert schildert der 69 Jahre alte Kapitän, was an jenem Ostermontag im April geschehen ist. Die „Taipan“ war auf dem Weg von Djibouti nach Mombasa. „Wir waren schon 600 Seemeilen entfernt vom Horn von Afrika und damit eigentlich schon raus aus dem eigentlichen Gefahrengebiet.“ Die Sicht ist trüb gewesen. Trotzdem erkennt Eggers, dass sich eine Dau der Taipan nähert. Das ist ein traditionelles arabisches Holzschiff. Eggers ändert den Kurs, um zu sehen, ob die Dau darauf reagiert. „Es sah so aus, als ob das Schiff abdreht. Aber das haben wir missdeutet.“ Als die Dau ihre Geschwindigkeit drosselt und zwei Schnellboote, sogenannte Skiffs, zu Wasser lässt, ist klar, dass es sich nicht um ein harmloses Fischerboot handelt.

Mit großer Geschwindigkeit nähern sich die Skiffs. „Ich befahl der Mannschaft, sich in einem geschützten Raum zu verkriechen. Das war der Maschinenkontrollraum.“ Der Kapitän feuert eine Leuchtrakete in Richtung der Angreifer, was diese freilich nicht abschreckt. Im Gegenteil: Nachdem Eggers per Satellitentelefon die militärische Überwachungszentrale der Anti-Piraten-Mission Atalanta in Dubai sowie seine Reederei in Hamburg alarmiert hat, schaut er von Steuerbord aus dem Fenster. „Da mussten wir betrüblich zur Kenntnis nehmen, dass die Piraten Kalaschnikows hatten.“ Dem Kapitän und seinen beiden verbliebenen Mitstreitern auf der Brücke fliegen buchstäblich die Kugeln um die Ohren. Manche durchschlagen Stahlschotten, als wären sie aus Butter, erinnert er sich. Daher lässt er von dem Plan ab, das Schiff auf einen Zickzackkurs zu steuern, um den Piraten das Entern zu erschweren. Stattdessen zieht auch er sich in den Schutzraum zurück.

Die Rettung wurde mit Helmkamera gefilmt

Von dort hört die Besatzung über die Lüfterschächte „wilde Schießereien und Gekloppe. Die Piraten haben versucht uns zu finden. Wären wir in ihre Gewalt geraten, wäre jede Hilfe aussichtslos gewesen.“ Als die Piraten Kurs in Richtung somalischer Küste nehmen, kappt Eggers die Stromzufuhr und stoppt die Maschine. Die eigentliche Rettung durch die holländische Fregatte „Tromp“ bekommt die Mannschaft in ihrem Versteck nur indirekt mit. Eine Spezialeinheit seilt sich von einem Hubschrauber auf die „Taipan“ ab und liefert sich heftige Feuergefechte mit den Piraten, die sich letztlich aber alle ergeben. Der holländische Kommandeur filmt den Rettungseinsatz mit einer Helmkamera (siehe www.faz.net/piratenvideo).

Nachdem die Marinesoldaten die Piraten gefesselt haben, suchen sie ihrerseits nach der Besatzung der „Taipan“. „We want to help you! You are safe!“, rufen sie durch die Gänge. Doch die Crew denkt zuerst, es handle sich um einen Trick der Piraten. Erst als Eggers hört, dass sich die Soldaten auf Holländisch unterhalten, öffnet er die Luke der Schutzkammer. Mit Hilfe der „Tromp“-Ingenieure gelingt es ihm, das Schiff wieder in Bewegung zu setzen. „Noch am Abend setzten wird die Fahrt in Richtung Dubai fort.“ So beendet Eggers seinen Bericht.

Genauso nüchtern, wie dieser Satz klingt, so nüchtern ist auch der ganze Auftritt dieses mutigen Mannes vor Gericht. Da hat ein Kapitän einfach nur seine Arbeit gemacht – unter schwierigen Umständen, aber das gehört nun mal zu diesem Job dazu. Das ist das Selbstverständnis von Dierk Eggers. Daher ist ihm auch nicht wohl in seiner Haut, als er nach seiner Aussage in eine Fernsehkamera sprechen soll. Der Nordfriese möchte eigentlich nichts weiter sagen, und sich schon gar nicht in irgendeine Heldenrolle drängen lassen. „Reden ist nicht meine Welt“, bringt er hervor.

Erst als die Kamera weg ist, gibt sich dieser Haudegen der Meere doch noch ein wenig zugänglich. Er sei die ganze Zeit ruhig geblieben, beschreibt Eggers seine Seelenlage im Moment des Angriffs. Das habe auch seine Leute beruhigt – so sehr, dass einige von ihnen sogar im Panikraum eingeschlafen seien. Würde er noch mal durch den Golf von Aden fahren? „Ja“, entgegnet er kurz. Eggers kann es kaum erwarten, wieder in See zu stechen: „Hoffentlich geht es bald wieder los.“

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Jahrgang 1964, Wirtschaftskorrespondent in Hamburg.

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