26.10.2008 · Hartmut Mehdorn attackiert die Zug-Hersteller und löst damit Befremden aus. „Wir halten eine öffentliche Diskussion nicht für sinnvoll“, sagte eine Sprecherin von Siemens. Doch nach dem geplatzten Börsengang muss der Bahn-Chef gegen weitere Imageverluste kämpfen.
Von Rüdiger KöhnIn der Bahnindustrie sind die Forderungen nach Schadensersatz des Bahn-Vorstandsvorsitzenden Hartmut Mehdorn auf völliges Unverständnis gestoßen. Die von ihm öffentlich plazierte Drohung gegenüber den Herstellern Siemens, Bombardier und Alstom nannten Kreise eine „absurde Diskussion“. Denn gemeinsam würde auf Arbeitsebene gut zusammengearbeitet, um die Ursachen für die derzeitigen Probleme zu finden. Die Industrie geht daher auch nicht davon aus, dass Belastungen auf sie zukommen.
Mehdorn kündigte am Wochenende die Prüfung von Schadensersatzforderungen gegen die Hersteller an. Die Deutsche Bahn sei auf verlässliche Garantien der Hersteller angewiesen, sagte er. Seit Tagen kommt es in Deutschland im Bahnverkehr zu Verspätungen und Ausfällen, da 67 Hochgeschwindigkeitszüge mit Neigetechnik ICE T kurzfristig aus dem Verkehr gezogen worden sind. Sie mussten durch langsamere Züge ersetzt werden. Darüber hinaus sind immer noch zahlreiche Züge der dritten Generation der Hochgeschwindigkeitszüge ICE 3 kürzeren Wartungsintervallen unterzogen, weshalb es auch bei den von diesen Zügen bedienten Strecken zu Schwierigkeiten kommt. Ausgelöst wurden die verkürzten Wartungsintervalle durch einen Radbruch an einem ICE 3 am 9. Juli in Köln und durch entdeckte Risse an der Achse eines ICE T.
„Halten öffentliche Diskussion nicht für sinnvoll“
Offizielle Stellungnahmen der Unternehmen sind kaum zu erhalten, da sie die Diskussion nicht weiter anheizen wollen. „Wir halten eine öffentliche Diskussion zwischen den Partnern nicht für sinnvoll“, sagte eine Sprecherin von Siemens. Bahn und Hersteller würde seit Jahren eine enge Zusammenarbeit verbinden. Und: „Wir haben auch schon früher gemeinsam Herausforderungen bewältigt.“ Dieser Hinweis muss so verstanden werden, dass die gegenwärtigen Probleme bereits in gemeinsamen Arbeitsgruppen untersucht werden – und zwar in einer guten Atmosphäre, wie es in Kreisen der Hersteller heißt.
Siemens macht keine Angaben, ob und inwieweit Belastungen durch mögliche Forderungen der Bahn auf den Konzern zukommen könnten. Angaben darüber werden mit dem Hinweis auf die Feststellung des Jahresabschlusses und der damit verbundenen Schweigeperiode („Quiet Period“) gemacht. Im Umfeld ist allerdings zu hören, dass der Konzern derzeit offenbar nicht von irgendwelchen Regressforderungen ausgeht.
Erstaunen über Mehdorn
Das Erstaunen über Mehdorn ist umso größer, als für Betriebsausfälle grundsätzlich der Betreiber haftet. Das sei weltweit in jedem Markt so, heißt es in Branchenkreisen. Zudem sind die Gewährleistungspflichten nach zehn Jahren abgelaufen. Die Züge befinden sich – je nach Auslieferung – bereits zwischen etwa acht und zehn Jahren auf der Schiene. Der schnelle Neigetechnikzug ICE T ist von Siemens und dem französischen Konkurrenten Alstom gebaut worden, der Hochgeschwindigkeitszug ICE 3 von Siemens und der kanadischen Bombardier. Alle drei Unternehmen haben in Deutschland eine große Fertigung. Die derzeit geprüften Radsätze werden, wie zu hören ist, von Alstom und Bombardier geliefert. Da es sich um Konsortien handelt, werden alle mit der Drohung von Mehdorn adressiert. Befremden kommt auch deswegen auf, weil die Oberstaatsanwaltschaft Köln die Ursache für den Vorfall im Juli noch nicht ermittelt hat.
Vermutet wird hinter Mehdorns Taktik nicht nur ein Kampf gegen einen weiteren Imageverlust. Noch in diesem Herbst will die Deutsche Bahn über die Auftragsvergabe für die vierte Generation von Hochgeschwindigkeitszügen entscheiden. Im Gespräch sind sieben bis 15 neue Züge. Angeblich will der Bahn-Vorstandschef die Bewerber dadurch stärker unter Druck setzen und gegeneinander ausspielen. Im Gegensatz zu früheren Vergaben treten die zwei großen Anbieter nun gegeneinander an: Siemens mit dem Verlaro (eine Art ICE 4), der bereits in Spanien und in China fährt; Alstom mit dem neuen AGV. Auch Bombardier, bisher nicht im Hochgeschwindigkeitssegment vertreten, soll ein Konzept vorgestellt haben.