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Kaffee Der Espresso aus der Kapsel

05.01.2009 ·  Nach gutem Essen wünscht der Genießer einen Espresso. Die neuen Maschinen mit den Kapseln sind billiger als große Vollautomaten, dafür kostet der Kaffee aber mehr. Immer mehr Anbieter drängen in den Markt.

Von Tobias Piller, Rom
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Die Urlaubserinnerung an das Genießen von Cappuccino oder Espresso auf der Piazza wollen sich besonders gern die Deutschen ins eigene Haus holen. Seit Jahren ist den deutschen Fans von Espresso, Cappuccino oder Latte macchiato das Beste gerade gut genug: Von den geschätzt 1,5 Milliarden Euro, die jährlich in ganz Europa für die Ausstattung privater Haushalte mit Espressoautomaten ausgegeben werden, entfällt gut ein Drittel auf den deutschen Markt. Dort dienen Vollautomaten, etwa mit Mahlwerk für die Kaffeebohnen und Milchschaum nach Wunsch, längst als Prestigeobjekt für den gehobenen Haushalt, damit nach einem gepflegten Abendessen die Gäste mit einem Kaffeegetränk nach italienischer Art beeindruckt werden können. Dass die echten Italiener nach dem Abendessen nur noch Espresso, aber keinen Cappuccino oder Milchkaffee trinken, braucht in Deutschland niemanden zu stören.

Nachdem der Kaffeegenuss nach italienischer Art in deutschen Heimen jahrelang auch ein wenig Luxus darstellte, kann er nun mit der Verbreitung neuer Technologie zum Mode- und Massenphänomen werden. Während ein Espressovollautomat derzeit zwischen 500 und 2000 Euro kostet, gibt es inzwischen auch schon italienische Kaffeestimmung für deutlich weniger Geld: Die Renner in den Elektromärkten sind nun Geräte zu Preisen von 130 bis 300 Euro. Diese funktionieren nicht mehr mit gewöhnlichen Kaffeebohnen, sondern mit gemahlenem Kaffee in Kapseln. Damit sind die Kunden zwar nicht mehr frei, jede Woche eine andere Kaffeemarke zu wählen, sondern müssen ihre Maschine immer mit Kapseln des gleichen Herstellers laden. Doch die relativ günstigen Einstandspreise für die Geräte machen das Risiko der Markenbindung inzwischen überschaubar.

Die „Crema“ als Qualitätsmerkmal

Die Technik der Kapseln zu perfektionieren und zudem immer preiswerter werden zu lassen hat mehr als zwanzig Jahre gedauert. Die Rolle des Pioniers schreibt sich dabei der Schweizer Nestlé-Konzern zu. Schon 1986 wurde die Tochtergesellschaft Nespresso SA gegründet, um Büros mit italienischem Kaffeeflair zu versorgen. Nach Angaben von Nestlé kam zehn Jahre zuvor einem Mitarbeiter auf einer Italien-Reise die zündende Idee, Espresso auch in Büros und Wohnungen zu bringen.

Italiener selbst konnten schwerlich eine ähnliche Intuition entwickeln. Vielen von ihnen genügt noch heute die "Moka"-Kanne, die unten mit Wasser befüllt auf den Herd gestellt wird, um Wasser durch eine Kaffeeschicht nach oben zu pressen. Allerdings entwickelt die traditionelle Form des heimischen italienischen Kaffees nicht die "Crema", die Creme- und Schaumschicht, die für den Kenner ein wichtiges Qualitätsmerkmal darstellt. Doch in Italien gibt es zum Frühstück ohnehin nur einen flüchtigen Kaffee mit ein paar Keksen. Den Rest erledigen die 150 000 Bars, von denen jeder eine an der nächsten Straßenecke findet. Selbst für das Büro schien in Italien lange Zeit die Kaffeemaschine unnütz: Entweder der Kaffee wird vom Laufburschen einer nahe gelegenen Bar gebracht, oder aber der Wunsch nach einem Espresso wird zum willkommenen Anlass für eine Pause oder ein informelles Treffen außerhalb des Büros genommen - gelegentlich in einer Atmosphäre, um die Ausländer ihre italienischen Kollegen beneiden.

Nespresso dominiert den Markt

Kein Wunder, dass während der achtziger Jahre die italienischen Kaffeeröster vor allem daran dachten, möglichst viel Espresso in ungemahlenen Bohnen an kommerzielle Bars zu liefern und dazu in Italien möglichst oft mit dem eigenen Markenlogo vertreten zu sein. Aufgeschlossen gegenüber neuen Zubereitungsmethoden zeigte sich die expansive Turiner Rösterei Lavazza, die 1989 ein Patent und eine Fabrik für eine neuartige Espressozubereitung erwarb, die mit Kaffeepads in Papiervlies funktionierte. Diese Kaffeepads, später auch eine erste Generation von Kapseln, waren aus italienischer Perspektive nicht für private Haushalte geeignet, sondern nur für Unternehmen und große Büros, die entweder in eine teure Maschine investieren wollten oder für Leihgeräte attraktive Verbrauchszahlen versprachen. Der Kundenkreis war damit beschränkt auf Geschäftskunden, die von Zwischenhändlern beliefert wurden.

Gleichzeitig konnte aber Nespresso mit seinem Angebot sowohl für Büros als auch für Privathaushalte schneller wachsen. Die Italiener mussten befürchten, dass sie wieder einmal Inspiration und Stil geliefert hatten, die Ausländer damit aber dann die besseren Geschäfte machten. Nespresso verzeichnete allein für 2007 ein Umsatzplus von 40 Prozent und erreichte ein Geschäftsvolumen von mehr als einer Milliarde Schweizer Franken (675 Millionen Euro). Der Stützung des ursprünglich als Kundenclub betriebenen Geschäfts dienen nun zusätzlich gut 170 "Boutiquen" mit guten Adressen in großen Metropolen, in denen sich weitere Kunden gewinnen lassen.

Die Italiener versuchen eine Aufholjagd

Lavazza versucht nun, am stürmischen Wachstum des Marktes der Espressomaschinen mit Kapseln für private Haushalte teilzunehmen. Während Nespresso mit dem italienischen Hausgerätehersteller De Longhi und deutschen Unternehmen zusammenarbeitet, kooperiert Lavazza seit 2007 mit dem italienischen Kaffeemaschinenspezialisten Saeco für neue Espressomaschinen mit einer Serie von Kapseln, die zunächst auf dem italienischen Heimatmarkt angeboten wurden, mittlerweile aber auch in Österreich, Frankreich und Großbritannien erhältlich sind.

Selbst als umsatzstärkster Kaffeeröster Italiens mit einem Geschäftsvolumen von insgesamt 1,05 Milliarden Euro im Jahr 2007 ist Lavazza gegenüber dem Nestlé-Konzern ein Zwerg und kann für neue Produkte die Auslandsmärkte nur Schritt für Schritt erschließen. Doch in Italien hat der aufwendige Konkurrenzkampf von Nespresso und Lavazza mit aufwendiger Fernsehwerbung - George Clooney für Nespresso gegen italienische Showgrößen für Lavazza - den Kaffeekapseln zusätzliche Aufmerksamkeit verschafft. Auch kleine regionale Kaffeeröster versuchen sich nun in diesem Segment - eigentlich ohne Aussicht, jemals eine kritische Masse an Verkaufszahlen für Geräte oder Kapseln zu erreichen. Sogar eine einzelne Traditionsbar in Rom, "Caffè Sant' Eustachio", bekannter Treffpunkt für Politiker, Touristen oder jugendliche Nachtschwärmer, bietet nun eine hauseigene Espressomaschine für Kapseln - wenn auch in einer äußeren Form, die sehr die handwerklichen Bemühungen einer kleinen Schlosserei verrät.

Für Crema“ ist hoher Wasserdruck nötig

Obwohl die neue Generation der Espressomaschinen ab 129 Euro und die Kapseln ab 30 Eurocent zu haben sind, enthalten sie dennoch ausgefeilte Technik: Die Kaffeekapseln werden anfangs nur auf der Seite des Aludeckels von Wasserdüsen durchlöchert. Aus denen kommt der heiße Wasserdampf mit großem Druck in die kleinen Kaffeebehälter und durchspült sie, bevor Sekundenbruchteile später an genau definierten Öffnungen der Kapselboden aufgebrochen wird und der fertige Espresso heraustritt. Damit dabei die "Crema" entsteht, ist möglichst hoher Wasserdruck nötig. Nespresso garantiert 19 Bar, Lavazza immerhin 9 Bar. Dementsprechend halten beide Kaffeehersteller mit dem Argument des Wasserdrucks andere Anbieter von Espresso aus Kapseln und "Pads" nicht für wettbewerbsfähig.

Der technische Aufwand und der etwas höhere Preis einer Tasse Espresso, für die jeweils eine Kapsel von 30 bis 35 Cent "verbraucht" werden muss, lohnt sich für den Verbraucher allemal, meint Giuseppe Lavazza, Vizepräsident des italienischen Kaffeeunternehmens. Der junge Unternehmer aus der vierten Generation der Lavazzas schickt dabei voraus, dass für ihn der Espresso "die gesündeste Art des Kaffeegenusses" darstellt, weil der Wasserdampf in den wenigen Sekunden des Kontaktes mit dem Kaffeepulver nur die Aromen aufnehme, während für traditionellen deutschen Kaffee das Pulver minutenlang im Wasser gebadet wird und sich dabei mehr Koffein oder Fette in der Flüssigkeit auflösen. Der Espresso aus der Kapsel garantiert nach Meinung des Turiner Fachmanns trotz einfacher Handhabung immer gute Qualität - auch im Vergleich zum Angebot der traditionellen italienischen Kaffeebars. "Bei der Zubereitung des Espressos an der Bar gibt es so viele Variablen, dass man viel falsch machen kann und oft das Endprodukt nicht optimal ist", sagt Lavazza.

Vollautomaten müssen gewartet werden

Auch im Vergleich zu den in Deutschland verbreiteten prestigeträchtigen Vollautomaten haben die billigeren Geräte mit Kapseln den Vorteil, dass derart komplizierte Geräte eine aufwendige Wartung benötigen. Wenn sie nicht ständig Espresso produzieren, droht zudem ein Verlust an Aroma für die Kaffeebohnen, die kontinuierlich bereitgehalten werden müssen. Der Vorteil der aufwendigen und teuren Automaten bleibt jedoch, dass sie ohne weiteres Zutun nicht nur Espresso, sondern auch Cappuccino oder Caffelatte produzieren können. Weil die Mischung von Espresso mit Milch gerade in Deutschland besonders beliebt ist und andere Vermarktungsstrategien erfordert wie in Italien, hat sich Lavazza den Start mit den neuen Kapseln auf dem deutschen Markt für den Sommer 2009 aufgehoben. Nespresso kann bis dahin in Deutschland noch weiter zulegen und traumhafte Wachstumsraten vorlegen. Der Anteil der Kapseln am Gesamtabsatz des Kaffees, 2007 noch bei 4 Prozent, werde sich bis 2012 auf 12 Prozent verdreifachen, heißt es bei den Schweizern.

Auch wenn künftig in diesem Marktsegment italienische Hersteller wie Lavazza ihre Urheberrechte auf Espresso oder Cappuccino reklamieren sollten, lässt sich Nespresso davon nicht beeindrucken: "Die Kaffeebohnen kommen schließlich in keinem Fall aus Italien und werden auch von den Italienern in Lateinamerika oder Afrika eingekauft." Dass für guten Espresso oder Cappuccino nicht nur Automatentechnik, sondern vor allem gute Rohstoffe nötig seien, werde aber leider gerade in Deutschland gerne vergessen, heißt es diplomatisch. Im Klartext bedeutet dies, dass mancher deutsche Kunde, der im großen Mercedes bei Aldi einkaufen fährt, seinen teuren Espresso-Vollautomaten mit Billigbohnen füttert. Doch eine Maschine allein kann nicht italienische Kaffeekultur garantieren.

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Jahrgang 1962, Wirtschaftskorrespondent für Italien mit Sitz in Rom.

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