Home
http://www.faz.net/-gqi-xrzc
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Jungfernflug Der Dreamliner ist endlich startbereit

15.12.2009 ·  Boeing hat mit seinem neuen Flugzeug eine beispiellose Pannenserie erlebt. Zwei Jahre verspätet soll die Maschine an diesem Dienstag zum Jungfernflug abheben. Mit 865 Bestellungen ist die 787 schon jetzt Boeings erfolgreichstes Flugzeug.

Von Roland Lindner, New York
Artikel Bilder (7) Lesermeinungen (1)

Das Paine Field steht im Moment unter genauer Beobachtung. Es ist der Hausflughafen des amerikanischen Boeing-Konzerns, direkt neben dem Werk in Everett nahe Seattle. Von hier aus schickt Boeing neue Maschinen zu ihren ersten Testflügen. Und von hier aus soll nun nach einer gewaltigen Verzögerung auch endlich der Jungfernflug des neuen Modells 787 („Dreamliner“) starten.

Die Lokalpresse berichtet aufgeregt über jede Bewegung auf dem Paine Field. Die „Seattle Times“ schrieb, dass das erste Testflugzeug Ende November aufgetankt wurde. Boeing selbst hüllte sich lange Zeit sich in Stillschweigen und legte sich auf kein konkretes Datum fest. Doch nun schlägt für den krisengeplagten Boeing-Hoffnungsträger die Stunde der Wahrheit. Der Start ist für 19.00 Uhr deutscher Zeit am Boeing-Werk in Everett bei Seattle angesetzt.

Absage in letzter Minute im Juni

Die Zurückhaltung bei Boeing ist verständlich, denn zu oft ist das Dreamliner-Projekt schon von Pannen und Verzögerungen erschüttert worden. Zu frisch ist auch die Erinnerung an den Juni dieses Jahres, als Boeing den Testflug in letzter Minute abgesagt hatte. Boeing schockte mit der Erklärung, das Flugzeug habe Belastungstests nicht standgehalten, und es seien kleinere Schäden an Stellen aufgetaucht, an denen die Flügel mit dem Rumpf verbunden sind. Der Konzern musste zugeben, von den Schwierigkeiten selbst überrascht worden zu sein, denn die Defekte seien in Computersimulationen nicht vorhergesehen worden.

Der Dreamliner liegt nun schon mehr als zwei Jahre hinter Plan. Die Verschiebungen haben längst die Dimensionen erreicht, wie sie der europäische Wettbewerber Airbus mit seinem A380 erlebt hat, der mit fast zweijähriger Verspätung zum ersten Mal ausgeliefert wurde. Boeing hatte sich ursprünglich vorgenommen, den Dreamliner schon wenige Monate nach der feierlichen Enthüllungszeremonie im Juli 2007 erstmals in die Lüfte zu schicken. Im Mai 2008 sollte die erste Maschine an die japanische Fluglinie All Nippon Airways übergeben werden. Die Erstauslieferung ist nun für das vierte Quartal nächsten Jahres angesetzt.

Neues Baumaterial soll Revolution bringen

Für Boeing ist der Dreamliner von gewaltiger Bedeutung. Es ist die erste völlig neue Flugzeugserie seit dem Jahr 1995, als der Langstreckenflieger 777 eingeführt wurde. Mit dem Dreamliner versprach Boeing eine Revolution: Das Flugzeug besteht zum großen Teil aus einem leichteren Plastikverbundstoff anstelle des traditionell verwendeten Aluminium. Nach Angaben von Boeing sorgt das veränderte Baumaterial dafür, dass der Dreamliner 20 Prozent weniger Treibstoff verbrauchen wird als vorherige Flugzeuggenerationen.

Neue Wege ging Boeing auch beim Produktionsprozess: So lagerte das Unternehmen einen großen Teil der Entwicklungs- und Fertigungsarbeiten an ein über die ganze Welt gespanntes Netz von Zulieferern von Amerika über Italien bis Japan aus, unter anderem, um die Kosten für das Projekt nicht alleine schultern zu müssen. Die Partner sollten nicht einfach nur Einzelteile liefern, sondern bereits einen großen Teil der Montagearbeiten übernehmen. In Everett kommen dann bereits größere Flugzeugteile an, und hier findet im Wesentlichen nur noch die Endmontage statt.

Rückschläge und Verzögerungen

Dieses Produktionsmodell erwies sich aber als tückisch: Oft wurden falsch oder unvollständig montierte Teile nach Everett geliefert, was zeitraubende Nacharbeiten nötig machte. Boeing sah sich gezwungen, die Zügel selbst wieder fester in die Hand zu nehmen. So übernahm der Konzern die Kontrolle über zwei Werke des amerikanischen Zulieferers Vought im Bundesstaat South Carolina. Boeing kämpfte beim Dreamliner-Projekt noch mit einigen anderen Schwierigkeiten: So gab es einen Engpass bei Bauteilen, außerdem verschob ein Streik der Mechaniker den Zeitplan weiter nach hinten. Die gescheiterten Belastungstests im Juni ließen manche Beobachter auch an der Tauglichkeit des Plastikverbundstoffs als Baumaterial zweifeln.

Die Verzögerungen beim Dreamliner waren nicht der einzige Rückschlag für Boeing: Auch bei der neuen Frachterversion des Jumbo-Jets 747 gab es Verzögerungen. Der zunächst für den Herbst angesetzte Erstflug musste gestrichen werden und wird wohl nun erst Anfang nächsten Jahres stattfinden. Boeing hofft nun aber, die Pannenserie mit einer erfolgreichen Inbetriebnahme des Dreamliner vergessen zu machen. Nach Informationen der „Seattle Times“ nimmt sich das Unternehmen vor, in diesem Jahr noch zwei Testflüge zu absolvieren. Freilich macht ein Jungfernflug noch kein verkehrstaugliches Flugzeug: Nach dem ersten Flug wird Boeing den Dreamliner unter einer Reihe von verschiedenen und auch extremen Bedingungen testen, etwa in unterschiedlichen Temperaturen und Flughöhen. Auch hier können noch immer neue Schwierigkeiten auftauchen. Insgesamt will Boeing in den nächsten Monaten sechs verschiedene Testflugzeuge im Einsatz haben.

Trotz der vielen Rückschläge in seiner Entstehung ist der Dreamliner bei den Kunden in der Flugindustrie auf glänzende Resonanz gestoßen. Zwar gab es wegen der Wirtschaftskrise einige Stornierungen von Aufträgen. Mit 865 Bestellungen ist die 787 aber jetzt schon Boeings erfolgreichstes Flugzeug.

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen

Jahrgang 1970, Wirtschaftskorrespondent in New York.

Jüngste Beiträge

Die Förderlücke

Von Heike Göbel

Der Gesetzentwurf zum Betreuungsgeld ist ein Ausweis unbelehrbaren Glaubens an die unbegrenzte Leistungsfähigkeit des Sozialstaates. Dass Eltern ihre Kinder, wie seit Menschengedenken, unbezahlt hüten, ist in Deutschland offenbar nicht mehr denkbar. Mehr 9 8

29.05.2012 17:45 Uhr
  Vortag
Dax 6.396,84 +1,16%
 OK
NameKursProzent
FAZ-INDEX 1.394,15 +1,26%
Dow Jones 12.580,70 +1,01%
EUR/USD 1,2475 −0,10%
Rohöl Brent Crude 106,29 $ −0,52%
Gold 1.579,50 $ +0,31%
Umfrage

Anonym bewerben? Ist das gut?

Alle Umfragen

Bitte aktivieren Sie ihre Cookies.