Ein schlechtes Wort über Jürgen Fitschen ist kaum zu hören: Unternehmen und sogar Wettbewerber schwören auf den 62 Jahre alten Deutschlandchef der Deutschen Bank. Fitschen überzeugt durch sein staatsmännisches Auftreten. Sein hanseatischer Tonfall weckt Erinnerungen an Altkanzler Helmut Schmidt. Nun ist er Kandidat für das höchste Amt in der deutschen Kreditwirtschaft: den Chefsessel der Deutschen Bank.
Der Berufungsausschuss des Aufsichtsrats will Fitschen zusammen mit Anshu Jain, dem Chef des Investmentbankings, als künftige Doppelspitze vorschlagen. Sie sollen die Nachfolge von Josef Ackermann antreten. Dessen Vertrag als Vorstandsvorsitzender läuft im Mai 2013 aus. Doch Ackermann dürfte schon früher gehen, sollte der Aufsichtsrat noch in diesem Monat den Vorschlag annehmen. Die Hauptversammlung 2012 wäre ein guter Zeitpunkt, weil sich Ackermann dann mit einem Rekordgewinn von 10 Milliarden Euro verabschieden könnte.
Dass die Mehrheitsverhältnisse im Aufsichtsrat noch nicht geklärt sind, liegt an Fitschen, der am 1. September 63 Jahre alt wird. Aufgrund seines Alters – er ist wie Ackermann Jahrgang 1948 – fragen sich Mitarbeiter der Bank, ob er als Ko-Vorstandschef nur eine Übergangslösung darstellt. Sie befürchten, dass schon bald Jain den Vorstandsvorsitz alleine übernehmen könnte. Dann könnte die Dominanz des Investmentbankings sogar zunehmen. Es soll in diesem Jahr zu dem angepeilten Rekordgewinn zwei Drittel beitragen. Der gebürtige Inder verkörpert die führende Rolle der Deutschen Bank unter den Investmentbanken der Welt.
Andererseits hält sich der Aufsichtsratsvorsitzende Clemens Börsig mit seinem Vorschlag zwei Optionen offen: Entweder erhält Jain, der nicht Deutsch spricht, nach einer Bewährungsphase die alleinige Verantwortung oder auf Fitschen folgt einer der jüngeren Vorstandsmitglieder an die Doppelspitze. Hoffnungen machen sich noch immer der Risikovorstand Hugo Bänziger, der wie Ackermann Schweizer ist, sowie Privatkundenchef Rainer Neske, dessen Bereich in Zukunft gemessen an den Erträgen eine ähnliche Bedeutung wie das Investmentbanking haben soll. Sollte Fitschen im derzeitigen Rennen unterliegen, könnten sich für Deutschlands größte Bank rasch zwei Lücken im Vorstand ergeben. Denn dann könnte nicht nur Ackermann, sondern auch Fitschen bald seinen Abschied nehmen. Im April 2012 läuft sein Vertrag aus.
Für die Deutsche Bank wäre ein Weggang von Fitschen ein herber Verlust. Er genießt das Vertrauen der deutschen Unternehmen. Den persönlichen Kontakt hält er für unerlässlich. „Die Firmenkunden benötigen ein Gesicht, mit dem sie die Bank identifizieren können“, lautet seine Überzeugung. Und er könnte schon bald das Gesicht der Deutschen Bank nicht nur für die Unternehmen, sondern auch für die breite deutsche Öffentlichkeit sein.
Sowohl in der Wirtschaft als auch in der Berliner Politik gilt Fitschen als gut vernetzt. Er bringt die Qualifikationen mit, die Jain noch fehlen. Denn der hat sein Büro in London und muss sich in Deutschland erst noch verankern. Und es gibt im Aufsichtsrat auch Bedenken, nach der Finanzkrise einem Investmentbanker die alleinige Verantwortung für die Bank anzuvertrauen.
Fitschen begann seine Karriere als Bankmanager mit Mitte 30 zwar spät; umso schneller stieg er auf. Nach seiner Ausbildung zum Groß- und Außenhandelskaufmann sowie einem Studium der Wirtschaftswissenschaften begann er 1975 bei der Citibank. Zur Deutschen Bank wechselte er 1987. Dort war er zunächst für die Expansion in Asien zuständig. 1998 gehörte Fitschen zum leitenden Management der Sparte Globale Unternehmen und Unternehmen. Dieses Geschäftsfeld verantwortet nun Jain. Im Mai 2001 rückte er in den Konzernvorstand auf. Als Ackermann im Mai 2002 Nachfolger von Vorstandssprecher Rolf-E. Breuer wurde, teilte er das Führungsgremium in einen für die Strategie zuständigen Konzernvorstand sowie ein für das Tagesgeschäft verantwortliches Group Executive Committee (GEC) auf. Fitschen gehörte zum GEC. Im April 2009 zog er wieder in den Vorstand ein. Der Aufsichtsrat hatte die Mitgliederzahl von vier auf acht verdoppelt.
Neben Fitschen wurde auch Jain in den Vorstand berufen. Der Aufsichtsrat wollte mit der Vergrößerung des Vorstands auch den Kreis möglicher Nachfolger Ackermanns ausweiten.
