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Jörg Kachelmann Aufstieg und Fall eines Wettertainers

27.06.2010 ·  Mit Wind und Wetter wurde Jörg Kachelmann berühmt. Mit Charme und Chuzpe boxte der Schweizer Wetterfrosch sich in die Medien. Jetzt bringt der Skandal sein Lebenswerk ins Wanken.

Von Melanie Amann
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Wieder ein Blitz. Norbert Steffen blinzelt und rückt seine blau-rosa gestreifte Krawatte zurecht. Er ist kein Mann für die Kameras. Er hat nie gelernt, wie hoch man das Kinn für ein gutes Foto heben sollte, ob man die Knie durchdrücken sollte oder eine Hand in die Hosentasche stecken darf. Norbert Steffen hat auch nie vor einer grünen Wand gestanden und mit den Händen im Nichts herumgewedelt, um extreme Höhenwinde und flachen Bodennebel zu zeigen.

Als Finanzvorstand einer Wetterfirma präsentiert Steffen keine Strömungsfilme, sondern erklärt die Finanzströmungen. Die Aufgabenteilung bei der Firma Meteomedia war stets sonnenklar: Steffen, der höfliche Mann mit dem schütteren Bürstenhaarschnitt, der leisen Stimme und den runden blauen Augen durfte rechnen. Derweil machten andere die Show. So lief es bis zum 20. März. Seitdem sitzt der Showmaster im Gefängnis, und Finanzmann Norbert Steffen muss die Show am Laufen halten. Er muss repräsentieren und argumentieren, Zweifel ausräumen und Mut machen. Er muss der Welt, den Kunden, den Mitarbeitern zeigen, dass Meteomedia nicht am Ende ist.

Der Showmaster ist Jörg Kachelmann. Seit dem 20. März sitzt der Gründer von Meteomedia in der Justizvollzugsanstalt Mannheim in Untersuchungshaft. Die Staatsanwaltschaft sagt, dass Kachelmann seine langjährige Geliebte vergewaltigt hat. Fast 100 Tage ist es her, dass der bekannteste Meteorologe Deutschlands festgenommen wurde. Erst Ende kommender Woche wird das Gericht prüfen, ob es die Untersuchungshaft vielleicht aufhebt. Vielleicht.

Ist nicht jeder ersetzbar?

Ein Firmenchef sitzt ein paar Monate im Gefängnis. Na und? Ist nicht jeder ersetzbar? Meteomedia beschäftigt mehr als 120 Mitarbeiter, eine Schar von Meteorologen, IT-Experten, Moderatoren. Aber Jörg Kachelmann ist für Meteomedia mehr als ein Manager, mehr als ein Verwaltungsrat nach Schweizer Aktienrecht.

Vor 20 Jahren erfand Jörg Kachelmann das Geschäftsmodell Wettervorhersage - und den passenden Markt gleich dazu. Er zeigte den Deutschen, dass Wetter mehr ist als ein Azorenhoch oder eine Landkarte mit Strichen und Kreisen. Er boxte sich bis in die Primetime der ARD. Er kam auf die Idee, Deutschland mit Wetterstationen zu pflastern und in großem Stil Unwetterwarnungen an Versicherungen oder Energiekonzerne zu verkaufen. Er kannte die Vorstände, Aufsichtsräte, Intendanten, Schauspieler, Bürgermeister und zog immer neue Aufträge an Land.

Jörg Kachelmann ist das Gesicht und das Herz und das Gehirn von Meteomedia. Seine Firma schließt die Verträge. Aber Jörg Kachelmann bringt das Kachel-Money rein.

Aus dem schweizerischen Nirgendwo in deutsche Wohnzimmer

„Unsere größte Sorge war immer, dass ihm ein Unfall passiert, weil er so viel im Auto saß“, sagt Norbert Steffen. „Dafür hatte das Risikomanagement vorgesorgt.“ An einen Strafprozess um Sex und Gewalt hat niemand gedacht. Als ob er die Frage geahnt habe, beschwichtigt Steffen sogleich: Kein Vertragspartner habe bisher gekündigt. „Die Geschäfte laufen normal weiter, wir verzeichnen seit Jahresbeginn ein Umsatzplus.“

Steffen sitzt in seinem Büro in der Zentrale von Meteomedia in Gais im Schweizer Kanton Appenzell auf einem Berg in 1151 Meter Höhe. Ein altes Landschulheim hat Jörg Kachelmann hier Mitte der 90er Jahre umbauen lassen, ein befreundeter Bürgermeister gab ihm den Tipp, das riesige Grundstück sei billig zu haben. Ringsum liegen nur ein paar Gehöfte, Wald und Wanderwege. Bei gutem Wetter blitzt das Blau des Bodensees in der Ferne. Die Verwaltungsleute zogen in die Zimmerchen des alten Bauernhauses, wo früher die Schüler schliefen. Aus der alten Turnhalle wurde ein Fernsehstudio.

Aus dem schweizerischen Nirgendwo beamte Kachelmann sich in deutsche Wohnzimmer. Im Sommer kraulte er vor der Kamera die Kühe, die um seine Satellitenschüsseln herum grasten, im Winter hüpfte er in die meterhohen Schneewehen hinter der Studiotür. In der abgelegenen Idylle von Gais hatte er seine Ruhe. Hierher kommt nur, wer Wetterberichte machen will.

Oder wer über den Wettermacher berichten will. In den Tagen nach dem 20. März konnte Steffen aus seinem Büro die Schlange der Ü-Wagen beobachten, die sich die enge Bergstraße hinab stauten. Vorher lief die Übertragung nur umgekehrt: Aus Gais schickte Meteomedia Wetterberichte zum Saarländischen Rundfunk, zu Radio Bremen, zum NDR, WDR, SWR, MDR und natürlich, die Krönung, zu den Tagesthemen. Wo man sich hinwendet in der ARD - Kachelmann war schon da, ob im Radio, im Fernsehen oder als Talkmaster.

„Ich wusste da schon alles über Meteorologie“

Wie kam der Sohn eines Eisenbahners so weit? Geboren vor 51 Jahren in Lörrach, wuchs Kachelmann in der Schweiz auf, in Schaffhausen. Er studierte Geographie, Meteorologie im Nebenfach, brach aber das Studium ohne Abschluss ab. „Ich wusste da schon alles über Meteorologie“, sagte er später. Die Boulevardzeitung „Sonntagsblick“ stellte ihn 1983 ein. „Wir wollten, dass er uns eine Wetterkarte baut wie in den amerikanischen Zeitungen. Nicht mit Kreisen und Strichen. Mit Sonnen und Wölklein“, sagt Peter Rothenbühler, der Kachelmann einstellte. „Er verstand sofort, was wir wollten. Er war ein Glücksgriff.“

Es blieb nicht bei Wetterkarten, Kachelmann drängte mit Umweltthemen ins Blatt. Er nutzte seine Kontakte zu den Geographen und den Öko-Hanseln, schleppte Themen an, bevor die Konkurrenten sie entdeckten. Als sein Förderer Rothenbühler Chef der Schweizer Illustrierten wurde, machte er den „Kachelfrosch“, wie Kollegen ihn nannten, zum Nachrichtenchef. Denn Kachelmann fiel immer etwas ein. Wenn die Redaktionsrunde ratlos im Konferenzsaal über Aufmacher nachgrübelte, schob Kachelmann dem Chef oft einen gelben Post-it-Zettel rüber. „Das Waldsterben ist ein Mythos“, stand darauf. Oder: „Bald stürzt der Berg auf den Gotthard“. Schon war ein Aufmacher geboren: Alarm! Der Permafrost im Gotthard-Gebirge schmilzt! Autofahrer werden bald von Felsbrocken zermalmt! Kachelmanns Wunderzettel wirkten immer. Vielleicht wunderte es deshalb niemanden, dass er 1989 auch seine Kündigung auf einem Post-it vermeldete.

„Er hatte ein geniales Gespür für Themen und war einfach lässig“, sagt Rothenbühler. „Diese Lässigkeit, die imponierte auch den Frauen.“ Sie wurden langsam aufmerksam auf den Mann, den Wegbegleiter mal als schüchternen Buben, mal als Charmebolzen, mal als Zotenreißer beschreiben.

Zwei Hochzeiten, zwei Scheidungen, zwei Kinder und mehr

Wie viele Frauen es gab im Leben von Jörg Kachelmann, welcher Dame er die Ehe versprochen oder nur die Liebe geschworen hat, bleibt unübersichtlich. Fest steht nur: Der Mann, dessen Haare immer ein bisschen zu lang und fettig aussahen und der Bart immer eine Spur zu struppig, dieser Mann landete bei den Frauen. Zwei Hochzeiten, zwei Scheidungen, zwei Kinder scheinen verbürgt. Dazu meldete sich seit der Verhaftung eine Schar von „Lausemädchen“ - die Kachelmann unter einheitlichem Kosenamen mit Rund-SMS bei der Stange hielt, während er durchs Land reiste.

Die private und berufliche Expansion gingen Hand in Hand. Anfang der 90er Jahre gründete Kachelmann Meteomedia und machte sich auf, den Deutschen das Wetter zu erklären. Den Einstieg schaffte er über den Südwestfunk, heute SWR. Er habe beharrlich Prognosen ins Studio gefaxt, erzählt Kachelmann gern. Qualität setze sich durch. Charme und Chuzpe auch, sagen andere. „Er antichambrierte so lange beim Rundfunkdirektor und Wellenchef, bis sie ihm eine Chance gaben“, sagt ein Meteorologe.

Statt „Niederschlag“ sagte er einfach es „schifft“

Kachelmanns Geschäftsmodell war Wettertainment. Die bunten Karten der Boulevardzeitungen entwickelte er weiter zu bunten Filmen, mit bewegter Moderation. Bei ihm hörten die Deutschen nicht, dass mit „Niederschlag“ zu rechnen sei, sondern dass es „schifft“. Anderswo redete ein dicklicher Mann mit Fliege vom Azorenhoch. In den ARD-Regionalsendern hüpfte der Kachelfrosch umher, der das Wetter als „motzelbärig“ beschrieb. Oder er schickte eine hochgewachsene Blondine im Minirock, die den Zuschauern sagte, dass sie morgen keinen Pullover brauchen. Wetter wurde ein people's business, die Sender bauten Stars auf, und in der ARD hieß der Star Kachelmann. Der nächste Schritt nach der Wettervermarktung war die Eigenvermarktung: Kachelmann warb für Joghurt von Danone, für die Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft, für die Sparkasse.

„Ohne Kachelmann wäre ich heute wohl nicht am Markt“, sagt Manfred Klemann, Chef von Kachelmanns Wettbewerber wetter.com. „Er ebnete den Weg für private Anbieter. Leider hat er dabei ein Monopol für sich erschaffen, jedenfalls in der ARD.“ Oftmals ohne Ausschreibung hätte Meteomedia Aufträge der Sender erhalten, von der Spitze durchgestochen - oft zum Ärger der Redaktionen.

„Er guckte immer nach ganz oben“, sagt Klemann. „Er hielt sich an Intendanten, Minister.“ Aber Freunde in Redaktionen schadeten nicht. „Jörg Kachelmann nimmt uns gleich noch mit zur Feier ins Schweizer Dorf“, meldete freudig ein Sportreporter von den Olympischen Spielen in Vancouver an die deutschen Zuschauer. Zeitweise gewann Kachelmann die WDR Mediagroup als Teilhaber für seine Firma. Jetzt hatte der Sender ein handfestes wirtschaftliches Interesse an Kachelmanns Erfolg.

Lieblingsfeind war der Deutsche Wetterdienst

Auf dem Bildschirm charmant, im Gespräch knallhart, das war Kachelmanns Strategie. Sein Lieblingsfeind war der Deutsche Wetterdienst (DWD) in Offenbach, den er in einem Medienkrieg zermürbte. Die gemütliche Behörde spielte jahrzehntelang eine Doppelrolle am Markt: Ihre aus Steuergeld finanzierten Wetterstationen lieferten Daten, die Meteorologen für Prognosen kaufen mussten. Zugleich verkaufte der DWD den Sendern selbst Prognosen. „Staatsmonopolist ruiniert kleine Private“, hätte Kachelmann früher auf sein Post-it geschrieben.

Kachelmann packte den DWD da, wo es weh tat: bei der Qualität. Die Beamten begannen Stürme zu fürchten. Nach jedem Orkan tobte das Tief Kachelmann über sie hinweg. „Eine erprobte Verschlafstelle von Orkanen“ seien die „Staatswetterspeichellecker“, funkte es über Kanäle wie die „Bild“-Zeitung. „Die Beamten-Wetterinäre werden zu einer Gefahr für die Bevölkerung.“ Mussten Menschen sterben, weil der DWD versagte? Man wird doch fragen dürfen. 2004 zog sich der DWD aus diesem Geschäft zurück.

Längst ließ Kachelmann selbst Messstationen bauen, über deren Sinn und Qualität Meteorologen trefflich debattieren können. Bezahlt haben sie meist private Sponsoren oder Gemeinden, etwa die Stadt Hofheim im Taunus, die zusammen mit dem Kreis 28.000 Euro berappte - dabei stand die nächste DWD-Station fünf Kilometer weiter. Dafür brachte Kachelmann die Station in die ARD, für ein paar Sekunden unter der Wetterkarte. Und er schaute bei der Eröffnung vorbei. „Die Kunden fragten immer nach ihm, sein Name gab dem Geschäft Zugkraft“, sagt Thomas Stadie, dessen Firma Thies Hunderte Bauaufträge für Stationen zählte.

Kachelmanns Gegner reiben sich schon die Hände

Ist jetzt alles aus? Kachelmanns Gegner reiben sich schon die Hände. „Ich habe Hoffnung, dass bald mehr Platz ist in der ARD“, sagt Konkurrent Klemann, der vor allem die weniger gut zahlenden Sender Pro7/Sat.1 beliefert. WDR & Co. zögern noch, wollen erst eine Gerichtsentscheidung abwarten.

Solche Signale hätten Kachelmann vielleicht etwas motzelbärig gemacht. Der Schweizer Norbert Steffen lächelt nur, faltet die Hände im Schoß und sagt: „Sehen Sie, das ist absolut unzutreffend, oder?“ Die Hälfte des Geschäfts mache Meteomedia ohnehin schon mit Wetterdaten für Firmen. Und er beteuert: „Meteomedia macht seit Jahren Gewinn, wenn er auch nicht üppig ist.“ In die Bücher will er sich aber nicht blicken lassen.

Also gute Laune auf der Alm? „Die Mitarbeiter sind höchst motiviert. Die schwierige Lage hat sie zusammengeschweißt.“ Nur eine hat etwas weniger zu tun: die Sekretärin, die Kachelmanns Fanpost verwaltete. In der Schublade warten die Autogrammkarten auf seine Rückkehr. Darauf gelbe Post-its:: „Für Oma Erna“, möchte eine Briefschreiberin gerne lesen.

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Jahrgang 1978, Redakteurin in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

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