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Land Rover : Der Defender wird deutsch

Die Parteiführerin der schottischen Konservativen, Ruth Davidson, am Land Rover Defender. Bild: dpa

Ein englischer Industrieller will den britischen Geländewagen-Klassiker auferstehen lassen. Mit tatkräftiger Unterstützung aus Deutschland.

          Der Milliardär Jim Ratcliffe ist Brite, aber er redet sehr viel über Deutschland. Es ist ein sonniger Spätsommertag, Ratcliffe sitzt in einem Pub namens „The Grenadier“ im feinen Londoner Stadtteil Belgravia und erzählt von seinem Lieblingsprojekt. „Britisch inspiriert und deutsch konstruiert“ – das ist, in einem Satz zusammengefasst, der Plan, mit dem Ratcliffe eines der legendärsten und meistgeliebten Fahrzeuge der Autogeschichte wiederaufstehen lassen will: den Land Rover Defender.

          Marcus Theurer

          Wirtschaftskorrespondent mit Sitz in London.

          Rekordverdächtige 68 Jahre lang ist der so knorrige wie urbritische Geländewagen mit dem Schuhkarton-Design vom Band gelaufen. Anfang 2016 hat der Hersteller Jaguar Land Rover schließlich einen Schlussstrich gezogen. Der hoffnungslos veraltete Veteran zählte zwar abseits der Straße in schwerem Gelände noch immer zu den besten Autos der Welt, fand aber vor den modernen Sicherheitsanforderungen der Zulassungsbehörden keine Gnade mehr. Doch für einen echten Fan wie Ratcliffe kann das nicht das letzte Wort gewesen sein: Er will einen neuen Defender bauen, nur besser – und deutsche Fachleute sollen ihm dabei helfen. Es ist das erste Mal, dass der öffentlichkeitsscheue Unternehmer darüber mit einer deutschen Zeitung spricht.

          40.000 Euro als Preisziel

          „Gegen Ende des Jahres werden in Deutschland 150 Ingenieure an unserem Auto arbeiten“, sagt Ratcliffe. Er hat dort für die Entwicklung externe Ingenieurdienstleister angeheuert. Die technische Machbarkeitsstudie, die er ganz am Anfang in Auftrag gegeben hat, stammt von einem „sehr großen deutschen Unternehmen“. Als möglichen Standort für die Montage seines Geländewagens hat der Brite ebenfalls die Autonation Deutschland ins Auge gefasst. „Es gibt da freie Produktionskapazitäten, die für uns interessant sein könnten“, sagt Ratcliffe. Das wäre womöglich günstiger, als ein eigenes Werk in Großbritannien zu bauen, was seine Leute ebenfalls prüfen.

          Der 64 Jahre alte Ratcliffe ist nicht irgendein Autonarr mit einem Faible für deutsche Ingenieurskunst und viel Geld auf dem Bankkonto: Die „Sunday Times“ hat ihn „Großbritanniens größten Industriellen“ genannt. Ratcliffe, der aus einfachen Verhältnissen in Nordengland stammt, hat in den vergangenen Jahrzehnten Ineos aufgebaut, einen der größten britischen Chemiekonzerne mit rund 17.000 Mitarbeitern. Jetzt soll sein Unternehmen auch Autos bauen. „Die Finanzierung ist für uns kein Problem, Ineos macht einen Jahresgewinn von mehr als 4 Milliarden Pfund“, sagt der Mehrheitsgesellschafter Ratcliffe.

          Ein Mann mit Deutschland-Passion: Automobilunternehmer Jim Ratcliffe (Mitte) wittert Investitionschancen.

          Der Chemieunternehmer behauptet nicht von sich, dass er ein Experte im Automobilbau sei. Aber er glaubt fest daran, dass sein Geländewagen eine Marktlücke schließen wird. Drei Anforderungen soll er erfüllen: „Er muss überragende Fahreigenschaften im Gelände haben, cool aussehen und zuverlässig sein“, sagt Ratcliffe. Das gebe es bisher nicht. Die vielen Sportgeländewagen von Audi, BMW und Porsche seien im Gelände in Wahrheit Nieten, „echte“ Offroader wie den Toyota Land Cruiser findet er hässlich, und der Original-Defender war für seine schlechte Verarbeitungsqualität berüchtigt.

          „Wir wollen ein Auto für Landwirte bauen, nicht für Leute, die damit in Chelsea zum Einkaufen fahren“, sagt Ratcliffe. Und sein puristischer Geländewagen ohne technischen Schnickschnack soll zwar nicht billig, aber doch erschwinglich sein: 35.000 Pfund – umgerechnet rund 40.000 Euro – „das wäre ein gutes Preisziel“, findet er. Damit würde sich sein Auto klar vom sehr viel teureren G-Modell von Mercedes unterscheiden, das ansonsten Ratcliffes Vorstellungen noch am nächsten kommt.

          „Ein deutsches Motorrad hat mir den Fuß gebrochen“

          Wenn der Brite von seinen Plänen spricht, dann redet er manchmal von „unserem Defender“, um sich anschließend schnell zu verbessern, dass er das natürlich nicht sagen dürfe. Denn Jaguar Land Rover, der Hersteller des Ur-Defender, hat ebenfalls angekündigt, unter diesem geschützten Markennamen ein neues Auto auf den Markt bringen. Doch für Ratcliffe steht schon jetzt fest, dass der Neuling nur noch ein schwacher Abklatsch des Originals sein werde. Deshalb will er die Dinge nun selbst in die Hand nehmen.

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          Bei aller Liebe zum Defender: Ratcliffe will mit seiner Neuauflage nicht nur einen Geländewagen ganz nach seinen Vorstellungen bauen – sondern auch Geld damit verdienen. Ein Absatzziel von 25.000 Fahrzeugen im Jahr hält er für realistisch. Der Geschäftsplan sieht über einen Zeitraum von vier Jahren Investitionen von insgesamt rund 650 Millionen Pfund vor. Die Gewinnzone soll binnen zwei bis drei Jahren nach dem für Ende 2020 angepeilten Verkaufsstart erreicht werden. Derzeit wird noch mit möglichen Motorenlieferanten aus der Autoindustrie verhandelt. Geplant ist auch eine Variante mit teilelektrischem Hybrid-Antrieb.

          Wenn sich der Selfmade-Milliardär etwas in den Kopf gesetzt hat, dann lässt er davon nicht so schnell ab. Das gilt nicht nur, wenn es ums Geschäft geht, sondern auch im Privatleben. Ratcliffe erzählt von einer mehrmonatigen Motorrad-Safari, die er zu seinem sechzigsten Geburtstag im südlichen Afrika unternommen hat. Auf der Hälfte der Strecke stürzte er schwer mit seiner BMW. „Ein deutsches Motorrad hat mir den Fuß gebrochen“, grinst er. Doch aufgeben kam für ihn nicht in Frage: Ratcliffe ließ sich einen Skistiefel einfliegen, um seinen mehrfach gebrochen Fuß zu schienen – und hielt damit die restlichen Wochen durch. „Optimal ist es nicht, mit einem Skistiefel am Bein in Afrika Motorrad zu fahren. Aber wir sind ans Ziel gekommen.“

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