29.04.2010 · An der Grenze zu Pakistan hat der indische Konzern Reliance eine riesige Raffinerie errichtet. Vor 15 Jahren war der Ort noch ein Fischerdorf, heute steht das Industriezentrum für mehr als 8 Prozent der indischen Exporte.
Von Christoph Hein, JamnagarDie Wände sind meterdick, die Doppeltüren aus handbreitem Stahl. Wer hier unten arbeitet, der bleibt an seinem Platz, wenn draußen ein Erdbeben tobt, Bomben fallen oder ein Feuer wütet. Die abgeschirmte Steuerzentrale ist das Herzstück der indischen Raffinerie Jamnagar. Sie liegt im Nordwesten Indiens, am Golf von Kutch im indischen Bundeststaat Gujarat, nahe der pakistanischen Grenze. "Noch vor 15 Jahren war hier Einöde", sagt SC Malhotra. Heute ist Jamnagar die größte Raffinerie der Welt.
Malhotra hat mit seinen mehr als 80 000 Bauarbeitern das Vorzeigewerk des indischen Konzerns Reliance Industries Ltd. (RIL) der Steppe abgerungen. "Wir sind wohl das einzige Unternehmen der Welt, das so eine Raffinerie in nur drei Jahren hochziehen kann", sagt er noch heute voller Stolz. Schon jetzt steht das Werk für mehr als 8 Prozent des indischen Steueraufkommens und gut 8 Prozent der indischen Exporte. Die zweite Entwicklungsphase des Werks arbeitet seit dem vergangenen Jahr. Und doch sagt der rüstige Siebzigjährige: "Wir sind noch längst nicht da angekommen, wo wir hinwollen." Der Bau eines Crackers, eines Hochofens, in dem Naphta in seine Bestandteile zerlegt wird, ist durch die Krise aufgeschoben worden.
Zerstrittene Familie
Aber weit sind die Inder auch jetzt schon gekommen. Aus dem abgelegenen Fischerdorf wurde eine Industriestadt, mit einem 8000 Hektar großen Werksgelände, Siedlungen, einer Schule, einem Krankenhaus, einem Supermarkt. Das Werk erzeugt seinen eigenen Strom - täglich die Hälfte des Gesamtverbrauchs der Hauptstadt Neu-Delhi -, und es betreibt eine eigene Meerwasserentsalzung. RIL, der größte börsennotierte Konzern Indiens und der größte Polyesterhersteller der Welt, sorgt für seine Leute rund um die Uhr: "Wir bieten unseren Mitarbeitern, deren Familie und Eltern Wohnungen, Schulen, aber auch freie Gesundheitsversorgung", sagt der Arzt R. Rajesh. In seinem blitzsauberen Krankenhaus behandelt er rund 300 Menschen täglich. Wer auf dem Militärflughafen Jamnagar landet, die Bunker, gestrichen im Orange der Erde, passiert hat, betritt Reliance-Land.
Auch wenn der Wettbewerber Essar hier ebenfalls eine kleinere Raffinerie betreibt, so sorgt Reliance doch für die Entwicklung der Region. Wären nicht sengende Sonne und Staub, erinnerte vieles eher an das frühe Ruhrgebiet als an das ländliche Indien. Schon der Aufbau des riesigen Werks war ein Kunststück. 1996 saß Dhirubhai Ambani, der Sohn eines Lehrers und Gründer von Reliance, hier noch unter Mangobäumen. Aus seinen Anfängen mit dem Verkauf von Textilien machte er auch dank bester Verbindungen zu den Regierungen einen Weltkonzern, der heute für fast 11 Prozent des indischen Exports und 7 Prozent der Marktkapitalisierung der Börse in Bombay steht.
Seine - inzwischen zerstrittenen - Söhne Mukesh und Anil bauten sein Erbe aus und formten Indiens größten börsennotierten Konzern. Sie zerschlugen ihn, doch beide Teile florieren. Mukesh Ambani leitet seit der Trennung RIL. Mit einem geschätzten Vermögen von 29 Milliarden Dollar ist Mukesh der reichste Geschäftsmann des Subkontinents und die Nummer vier der Welt. Doch nicht sein Bild hängt hier in jedem Bürogebäude, sondern das des Vaters: Im Firmenjet, in der Empfangshalle, im Casino - ohne den Dank an Dirubhai geht bei RIL nichts. Sinnsprüche zieren seine Bilder: "Die Raffinerie ist der Tempel des wiedererwachten Indiens" heißt es da.
Das Satellitenbild half bei der Standortentscheidung
Nach dem Blick auf Satellitenbilder hatte der Urvater von RIL befunden, genau hier die weltgrößte Raffinerie aus dem Nichts hochzuziehen. "Der Ort ist aus drei Gründen optimal: Er liegt nah an den Ölvorkommen der Golfstaaten, bietet einen natürlichen Hafen für Supertanker und ermöglicht die Arbeit das ganze Jahr über", sagt Malhotra. Das Industriegelände nimmt ein Drittel der Fläche Manhattans ein. Zum Vergleich: Europas größter Industriekomplex, die BASF in Ludwigshafen, misst gerade ein Achtel des Werkes in Jamnagar.
Rekordzahlen sind hier leicht zu haben. "Mit rund 66 Millionen Tonnen Raffinerie-Kapazität im Jahr stehen wir für mehr als 2 Prozent der weltweiten Kapazitäten", sagt JSP Bansal, einer der Leiter des Raffineriegeschäfts bei RIL. 40 Millionen davon gehen in den Export, in gut 40 Länder. 660 000 Barrel Öl verarbeitet RIL im ersten Komplex der Raffinerie - genug, um damit 50000 Einfamilienhäuser zu beheizen.
Der zweite, 2008 fertig geworden, verarbeitet weitere 580 000 Barrel täglich; damit ist Jamnagar größer als die Konkurrenz in Venezuela oder Südkorea. Im vergangenen Geschäftsjahr (31. März) ließ Jamnagar die Muskeln spielen: Nach 32 Millionen Tonnen Rohöl im Jahr zuvor wurden nun 61 Millionen Tonnen verarbeitet. Im letzten Quartal lag die Auslastung bei 108 Prozent - gegenüber 82 Prozent im restlichen Asien. RIL sieht damit die hohe Nachfrage nach den Produkten aus Jamnagar bestätigt. Der Umsatz der Raffineriesparte stieg im Geschäftsjahr um 51 Prozent auf gut 36 Milliarden Dollar. "Mit dem Cracker werden wir unseren Export um 50 Prozent steigern", kündigt Bansal an.
„Auf eine einzige Stellenanzeige bekommen wir 100.000 Bewerbungen“
Der Cracker könnte eine Kapazität von mehr als 500.000 Millionen Tonnen Ethylen im Jahr haben. Schritt für Schritt will RIL die Prozesse zwischen Öl und Endprodukt schließen. Nach dem Scheitern der geplanten Übernahme von Lyondell-Bassell hat der Heimatmarkt der Inder für sie an Gewicht gewonnen. Da ein Teil des Werkes Jamnagar in einer Sonderwirtschaftszone liegt, profitieren RIL von Steuer- und Zollerleichterungen. An den Wandtafeln im Managementgebäude werden die Ziele vorgegeben: "In diesem Jahr werden wir unsere Marge um 2 Prozent verbessern."
Den Druck, der auf ihnen lastet, bekommen die Angestellten für indische Verhältnisse gut entlohnt. Doch trotz des durchschnittlichen Baranteils von 25 000 Dollar im Jahr für die Fachleute hier liegt die Kündigungsrate bei rund 8 Prozent. "Sie werden uns aus Qatar oder Bahrein abgeworben", erzählt Bansal. Auch die Ehefrauen erwiesen sich hier, am Ende der Welt, als Problem: "Viele wollten nicht bleiben." Also ist RIL dazu übergegangen, auch ihnen Arbeit anzubieten. Seitdem hat sich die Lage entspannt. "Auf eine einzige Stellenanzeige bekommen wir 100.000 Bewerbungen", erzählt Bansal.
Arbeitsplätze durften auch die Bauern verlangen, denen der Konzern 1996 das Land abgekauft hat. "Wir haben keinen von ihnen eingestellt, das Risiko war uns zu groß", sagt Malhotra. Stattdessen zahlte RIL lieber jedem Bauern 350 000 Rupien (5888 Euro) Entschädigung. Jobs aber gab es später gleichwohl für viele - auf dem Feld: Denn heute führt RIL fast nebenbei die größte Mangoplantage Asiens mit mehr als 100.000 Bäumen, die gutes Geld bringt. Weitere zwei Millionen Pflanzen bilden einen Grüngürtel um das Werk. "Bald werden wir allein die Mangoplantage auf 150.000 Bäume ausbauen", sagt Ashok Bargaje, der das Pflanzprogramm verantwortet. "Reliance sucht immer nach Geschäftsfeldern. Und denkt in sehr großen Maßstäben."
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Christoph Hein Jahrgang 1960, Wirtschaftskorrespondent für Südasien/Pazifik mit Sitz in Singapur.
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