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Jalal Bagherli Der Nomade

10.03.2010 ·  Eine Aktie gewinnt in einem Jahr mehr als 1000 Prozent: Dahinter steckt ein Exil-Iraner in Kirchheim unter Teck. Jalal Bagherli leitet das kleine Börsenwunder Dialog Semiconductor. Im iPhone stecken dessen Chips. Der Chef kann alles außer Schwäbisch.

Von Winand von Petersdorff
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Man ist die deutschen Manager müde geworden, die von der Konzernsprache Englisch, von "gestreamlinten Prozessen" und vom Arbeitsplatz Flugzeug berichten, während ihnen die deutsche Provinz aus allen Poren heraustritt.

Jalal Bagherli ist ein freundlicher Perser, der wie ein harmloser Büromensch aussieht. Mit 18 Jahren kam der Lehrersohn aus Teheran ins britische Colchester, um Elektronik zu studieren. Die iranische Revolution versperrte seine Rückkehr in die Heimat und öffnete die Tür für eine wahrhaft globale Karriere.

Der promovierte Ingenieur arbeitete in England, Frankreich, in den Vereinigten Staaten für Texas Instruments, Sony und eine kleine Start- up-Firma aus dem englischen Cambridge. Jetzt führt er den neuen deutsch-britischen Börsenstar Dialog Semiconductor, der im schwäbischen Kirchheim unter Teck sitzt und kleine Elektrochips in Taiwan bauen lässt, um sie an amerikanische und koreanische Kunden zu verkaufen, welche sie von chinesischen Fabriken in Smartphones, MP3-Player oder Netbooks einsetzen lassen.

Willkommen in der Globalisierung, willkommen in der Welt der kleinen Schaltkreise, willkommen in Kirchheim unter Teck. Teck ist eine Burg auf einem schwäbischen Hügel, zu dessen Füßen sich nach Westen hin der Kirchheimer Stadtteil Nabern samt einem großen Industriegebiet ausbreitet, das in seiner Glanzlosigkeit anderen Industriegebieten in nichts nachsteht. Hier hat das kleine Börsenwunder Dialog Semiconductor sein Plätzchen. Und Jalal Bagherli hat hier ein schmuckloses Büro mit Burgblick, für den Fall, dass er da ist und nicht unterwegs ist zu Kunden, Subunternehmern, Aktionären oder Niederlassungen des eigenen Unternehmens. Leider in der Economy-Klasse. Der Chef hat einen Sparkurs verordnet, der ihn selbst trifft. Es ist das Leben eines modernen Nomaden. Man ist viel unterwegs, und der Komfort könnte besser sein.

Jalal Bagherli wirft in einem Englisch ohne regionale Färbung ein paar alte Vorstellungen über den Haufen: Ein Unternehmen braucht ein Hauptquartier. Falsch. Die wichtigen Leute seiner Firma treffen sich selten komplett in Kirchheim und ansonsten im Internet, auf Videokonferenzen oder sonst wie.

Wozu sind die Handys sonst schlau geworden? "Ohne Smartphones wie Blackberry wäre dieses Unternehmen nicht denkbar", sagt Bagherli. Management by Handy. Seine Frau schimpft mit ihm, wenn er nachts im Schlafzimmer mit dem Gerät hantiert. Die Mobilisierung der Welt wiederum beschert Dialog seinen Absatzmarkt.

Eine andere fundamentale Vorstellung von gestern lautet: Eine Industriefirma hat eine Fabrik oder wenigstens doch ein Fabrikle, sonst wäre es ja keine Industrie. Auch falsch. Dialog Semiconductor lässt seine Halbleiter nahezu komplett bei einem unbekannten Riesen aus Taiwan namens TSMC bauen. Der fertigt auf seinem Fabrikgelände in der Größe einer Kleinstadt Chips für lauter große Namen der Industrie. Außer Samsung und Intel beschäftigen fast alle erfolgreichen Halbleiterunternehmen asiatische Auftragsfertiger. Ihnen fehlt das Geld, alle zwei bis drei Jahre ihre Fertigungsstätten für die nächste Chip-Generation zu erneuern.

So ist Dialog Semiconductor unter Bagherli zu einem reinen Ingenieurunternehmen geworden, das seine Produkte komplett bis zum Prototyp entwickelt und zur Fertigung nach Ostasien weggibt. Das klingt etwas exotisch, doch Adidas und Hennes & Mauritz machen es genauso.

1999 am Neuen Markt mit Mondkursen gestartet

Je nach Perspektive ist diese Form der globalen Arbeitsteilung eine Bedrohung oder eine Chance. Bagherli sieht es so: "Europa hat keine Ausrede mehr, auf eine Industrie zu verzichten." Heute kann jeder Industrieller werden, für die hochtechnologische Detailarbeit findet sich schon ein asiatischer Subunternehmer.

Diese Vorstellung ist eine Provokation für die protestantisch-fleißige Schafferregion unter Teck, wo ein Fabrikle früher Ansehen und Einkommen begründete und einen unbestreitbaren Vorzug genoss: Sie war greifbar. Bei Dialog Semiconductor wummert, brodelt, leckt nichts mehr. Und das Hightech-Scheibchen, das hier ausgedacht wird, verschwindet zusehends auf schwer sichtbare Miniaturmaße.

Bagherli beseitigt die Vorstellung, dass ein Chip ein sterbenslangweiliges Ding ist. Für ihn auf jeden Fall nicht. Er hat seine ganze Karriere dieser ominösen Scheibe verschrieben, die inzwischen kaum größer ist als der Fingernagel eines Babys.

"Chips sind der Motor der industriellen Entwicklung", sagt der Iraner. Die technologischen Alleskönner lassen Produkte und ganze Unternehmen entstehen, die früher nicht denkbar waren. In Glückwunschkarten, deren Chips "Happy Birthday, dear Clara" singen lassen, steckt mehr Rechnerleistung als in den zimmerhohen Großcomputern der ersten Generationen.

Schrumpfende Chips für Smartphones, die Radio, Fernsehen, Fotoapparat, Internet, Telefon, Computer und Wasserwaage können, brauchen kleine Energiesysteme, die für jedes Spielchen zuverlässig Strom liefern. Dialog Semiconductor entwickelt solche Halbleiter, die die Energie im Smartphone sparsam managen. Apple, RIM (Blackberry) oder LG, fast alle Smartphone-Hersteller sind Kunden der Firma aus Kirchheim/Teck.

Endlich ist das Unternehmen, das sich schon 1999, mit gewaltigen Vorschusslorbeeren und notorischen Mondkursen, am Neuen Markt aufhielt, mal wirklich bei einem Megatrend dabei. Apples phantastische Verkaufserfolge mit dem iPhone machen die Kirchheimer ganz glücklich. Die braven Ingenieure bestätigen mit keinem Wort, dass ihre Chips Apples Wunderwaffe bestücken. Es ist aber so. Alles überall immer machen können: Dieser Wunsch befeuert die Mobilisierung von Internet, Fernsehen und Co. Und Bagherlis Truppe blüht auf im Industriegebiet von Nabern nach den langen Jahren der Dürre.

Die BenQ-Pleite beutelte das Unternehmen

Als der Iraner im September 2005 mit besten Empfehlungen ins Schwäbische kommt, ist die Firma nicht weit von der Pleite entfernt. Man weiß es nur noch nicht. Der wichtigste Kunde ist Siemens Mobile, der von BenQ übernommen und umgetauft wird, um dann 2006 in die Insolvenz zu gehen. An BenQ hängen 45 Prozent des Umsatzes. Dialog rutscht in tiefrote Zahlen, nachdem die Aktiengesellschaft schon in sämtlichen Jahren davor Verluste produziert hatte.

In der Not bekommt Bagherli freie Hand von den Eigentümern, vor allem Private-Equity-Gesellschaften. Er feuert Teile des mittleren Managements, schließt die letzte Fabrikation, bringt internationales Management in die Firma und ändert die Entwicklung. "Heute gibt es keine Hobbyprojekte mehr." Die Ingenieure müssen erklären, welche Kunden sie mit ihren Neuentwicklungen gewinnen wollen, bevor sie loslegen.

Damit die Mitarbeiter sich reinhängen, hat Bagherli jeden von der Sekretärin bis zum Chefentwickler über Aktienoptionen am Erfolg des Unternehmens beteiligt. Die Firma wird geführt wie ein Start-up, obwohl sie schon mehr als ein Jahrzehnt auf dem Buckel hat. Bagherli beschwört den Gründergeist. Der so bedächtig-diplomatisch wirkende Mann liebt den Wettkampf: "Ich mag den Wettbewerb, und ich mag es, gegen Riesen in unserem Sektor zu gewinnen." Wie schön ist es, die Goliaths wie Samsung zu schlagen, weil man besser ist. Wie angenehm ist es, hat er gelernt, mit deutschen Ingenieuren zu arbeiten. Sie sind diszipliniert, verstehen ihre Technik aufs beste und lassen sich selbst von unangenehmen Entscheidungen überzeugen, wenn sie ihnen logisch erscheinen. Nur an andere Standorte verpflanzen kann man sie kaum, ihnen reicht die Globalisierung vor der Haustür.

Die Arbeit von Bagherli und seiner Truppe zeigt Früchte, zunächst allerdings nur im Jahresabschluss. 2008 erwirtschaftet die 350-Mann-Firma zum ersten Mal seit langen Jahren Gewinn. Es ist eigentlich wie ein kleines Wunder. Doch die Börse übt Ignoranz, am Ende des Jahres notiert die Aktie sogar niedriger als zu Beginn. Es wird grotesk: Die Firma hat mehr Geld in der Kasse, als sie an der Börse wert ist. Die beteiligte Belegschaft ist ratlos. Doch 2009 kommen endlich die optimistischen Investoren zum Zuge. Seitdem hat sich der Kurs mehr als verzehnfacht. Inzwischen hat man das Kursniveau vergleichbarer Unternehmen erreicht.

Dialog kann in jedem kleinen elektronischen Gerät dabei sein, das mit seinem Besitzer unterwegs ist: Vom Handy über das Smartphone, das Netbook bis zum MP3-Spieler. Zwei Milliarden dieser Geräte werden jedes Jahr weltweit verkauft. Für den Handymarkt hat die Firma kleine Bildschirme entwickelt, die wenig Strom verbrauchen und scharfes Fernsehbild liefern. Man hat Entwicklungen für Netbooks und E-Books in der Pipeline: "Unsere gute Zeit hat erst begonnen." Bagherli ist ein Mann für den zweiten Blick. Er muss seine Energie zügeln: Ein Fuß wippt unaufhörlich im Technobeat. These boots are made for walking.

Der Mensch

Jalal Bagherli war noch keine 20, als er Mitte der siebziger Jahre aus dem Iran noch England kam, um Elektronik zu studieren. Er graduierte mit Auszeichnung zum Elektroingenieur der University of Essex, um danach an der University of Kent den Doktortitel zu erwerben.

Als Manager von Texas Instruments und Sony lernte Bagherli Großunternehmen kennen und schätzen, aber nicht lieben.

Er leitete viel lieber eine kleine Hightech-Firma, die Technologie für Handybildschirme entwickelte, bis zu ihrem erfolgreichen Verkauf. 2005 übernahm er die Führung von Dialog Semiconductor. Er ist 54 Jahre alt, hat erwachsene Kinder und lebt in der Nähe von London.

Das Unternehmen

Das Unternehmen Dialog Semiconductor ging 1999 an den Neuen Markt, als dieser noch eine große Sache war. Es teilte die Krankheit der meisten Firmen des Börsensegments: Verlustträchtigkeit. Das sollte sich erst knapp zehn Jahre später ändern. Dazwischen lagen schwere Einbrüche nach dem Verlust von Großaufträgen (BenQ, Ericsson). Jetzt ist man besser aufgestellt: mehr große Kunden statt einzelne riesengroße, und seit mehr als zwei Jahren nur noch Quartalsgewinne. Das ganze Jahr 2009 schloss man mit einem Umsatz von 217 Millionen Dollar und einem Betriebsgewinn von 30 Millionen Dollar ab. Das Management ist so global wie die Kundschaft. 350 Leute arbeiten für Dialog, 200 davon in Deutschland.

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