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HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Jahreseinkommen Das fünfhundertfache Gehalt einer Verkäuferin

23.03.2006 ·  Die Diskussionen um hohe Gehälter sind beileibe kein rein deutsches Phänomen. Auch in Amerika wird die Bezahlung der Vorstandschefs heftigst debattiert. Warum Banker wie Josef Ackermann so viel verdienen.

Von Benedikt Fehr und Daniel Schäfer
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Das Jahreseinkommen des Deutsche-Bank-Vorstandschefs Josef Ackermann erhitzt Jahr für Jahr die Gemüter und provoziert Mißgunst. Erst vor kurzem stellte die „Bild“-Zeitung Ackermann die Frage, wie er einer Verkäuferin erklären könne, daß er fünfhundertmal mehr verdiene als sie. Ackermann beantwortete dies mit dem Verweis auf den internationalen Wettbewerb um Spitzenkräfte. „Wenn er der absolute Top-Mann ist, dann müssen wir das auch nach den internationalen Maßstäben vergüten, sonst wird er sehr schnell von der Konkurrenz abgeworben.“ Ist diese Argumentation gerechtfertigt oder eine Ausrede für ein überzogenes Gehalt, wie es das Boulevardblatt wohl suggerieren wollte?

Die Diskussionen um hohe Gehälter sind beileibe kein rein deutsches Phänomen. Auch in Amerika wird die Bezahlung der Vorstandschefs heftigst debattiert. „Zu oft klaffen in Amerika Bezahlung und Leistung des Managements lächerlich weit auseinander“, schrieb die Investmentlegende Warren Buffet jüngst im Geschäftsbericht seiner Beteiligungsgesellschaft Berkshire Hathaway. Doch ein Josef Ackermann würde in Amerika wohl selbst nach diesen kritischen Maßstäben nicht als überbezahlt gelten. Denn nach einer Untersuchung der Universität Harvard verdienten die fünf ranghöchsten Angestellten von amerikanischen Aktiengesellschaften zwischen 2001 und 2004 mehr als 10 Prozent des Unternehmensgewinns - bei der Deutschen Bank liegt dieser Wert dagegen bei unter einem Prozent.

Geldregen über den Investmentbankern

Und mit seinem Jahreseinkommen von 11,9 Millionen Euro steht Ackermann nicht allein. In den vergangenen Wochen ist über den Führungskräften der globalen Investmentbanken - und vielen ihrer Mitarbeiter - ein Geldregen niedergegangen. Nicht von ungefähr: Fast alle Häuser haben im Jahr 2005 glänzend verdient. Amerikas größte Bank Citigroup hat 24,6 Milliarden Dollar Gewinn gemacht, die führende Investmentbank Goldman Sachs 5,6 Milliarden Dollar, die Deutsche Bank immerhin 3,5 Milliarden Euro. Das zahlt sich nun dank der erfolgsabhängigen Vergütung für die Chefs der Großbanken aus.

Zu den Spitzenverdienern bei den großen Wall-Street-Häusern zählte im vergangenen Jahr Hank Paulson, der Chef von Goldman Sachs. Er brachte es auf fast 38 Millionen Dollar. Davon erhielt er aber nur 600.000 Dollar in bar. Der Rest wurde, zum guten Teil erfolgsabhängig, in Aktien und Optionen mit Mindesthaltefristen ausgezahlt; das soll Paulson an seinen Arbeitgeber binden. Richard Fuld, Chef von Lehman Brothers, brachte es auf 34,5 Millionen Dollar, Stan O'Neal, der Spitzenmann bei Merrill Lynch, auf 32 Millionen Dollar. Auch die Schweizer Großbank UBS zeigte sich nicht sparsam: Ihr Chef Marcel Ospel erhielt 24 Millionen Franken.

Die übrigen Mitarbeiter müssen freilich nicht darben. Nach einer Faustregel schütten die Investmentbanken rund 50 Prozent ihrer Bruttoerträge (Umsätze) an ihre Mitarbeiter aus. Bei der Deutschen Bank beispielsweise hat jeder der 13.500 Mitarbeiter in der „Corporate und Investmentbank“ im vergangenen Jahr im Durchschnitt 415.000 Euro verdient. Vor allem einige Händler dürften sogar mehr verdient haben als ihr Chef Ackermann.

Fortschritt in Geschäftsmodelle umgewandelt

Ein Grund für die hohen Gehälter in der Bankenbranche ist, daß die Investmentbanken zuletzt von ungewöhnlich günstigen Rahmenbedingungen profitiert haben: niedrigen Zinsen, einem allgemeinen Aufschwung an den Kapitalmärkten, einer Welle von Übernahmen. Zudem versteht es die Branche wie kaum eine andere, technischen Fortschritt - sowohl in der Informationstechnologie als auch in der Finanzmathematik - in ertragreiche Geschäftsmodelle umzusetzen. Das hat der Branche ein Rekordjahr beschert, weshalb die Gehälter der Investmentbanker kräftig gestiegen sind. Die hohen Gehälter haben aber auch einen anderen Effekt: Sie zementieren die Marktpositionen der Investmentbanken, indem sie extrem hohe Eintrittsbarrieren für neue Wettbewerber schaffen.

Mehr noch als für andere Unternehmen gilt für die Investmentbanken, daß ihr wichtigstes "Kapital" die Mitarbeiter sind, dabei vor allem eine kleine Elite hochqualifizierter Spezialisten. Die Mitarbeiter aber gehen jeden Abend aus der Tür - und müssen am nächsten Tag nicht unbedingt wiederkehren. Gerade bei den hochkarätigen Spitzenleuten ist das keine leere Drohung.

Dreistellige Millioneneinkommen möglich

Tatsächlich haben in den vergangenen Jahren Tausende Investmentbanker in New York und London den Banken den Rücken gekehrt und sich Hedge-Fonds und Beteiligungsunternehmen (Private-Equity-Fonds) zugewendet. Denn sie können dort noch weitaus mehr Geld verdienen als in den Investmentbanken. Für die besten Hedge-Fonds- und Private-Equity-Manager, die an der Wall Street als die neuen Stars gefeiert werden, sind durchaus dreistellige Millionengewinne möglich. So hat Stevie Cohen, Chef des amerikanischen Hedge-Fonds SAC Capital, in einem einzigen Jahr geschätzte 600 bis 650 Millionen Dollar verdient. Und einer der Altmeister der Private-Equity-Branche, der Gründer und Vorstandschef der weltgrößten Beteiligungsgesellschaft Blackstone, Stephen Schwarzman, hat in 20 Jahren ein Vermögen von 2,5 Milliarden Dollar angehäuft.

Nach einer Umfrage des CFA Institutes unter britischen Vermögensverwaltern verdienen Hedge-Fonds-Manager im Schnitt 58 Prozent mehr als ihre Kollegen von Investmentfonds oder Brokerhäusern. Möglich ist das durch die hohen Verwaltungs- und Erfolgsgebühren, die Hedge- und Beteiligungsfonds ihren Investoren abverlangen. Bei den größten Fonds wie dem 12 Milliarden Dollar schweren Vehikel von Blackstone fallen allein als Verwaltungsgebühren dreistellige Millionensummen an. Hinzu kommt die erfolgsabhängige Vergütung, die meist 20 Prozent des Gewinns beträgt. Die ranghöchsten Mitarbeiter erhalten dann den weitaus größten Teil dieses Kuchens. Wie früher die Investmentbanken, sind diese Fonds zudem als Partnerschaften konstruiert, an denen die Spitzenmanager mit ihrem Privatvermögen beteiligt sind. Sie können dadurch im Erfolgsfall ihren Gewinn nach oben hebeln.

Enormer Leistungsdruck

Um diese unternehmungslustigen Mitarbeiter zu binden, müssen die Investmentbanken ebenfalls hohe Einkommen in Aussicht stellen. Typischerweise ist das Festgehalt dabei recht klein. Doch wenn ein Mitarbeiter eine milliardenschwere Übernahme oder Anleiheemission an Land zieht und erfolgreich abwickelt, wird er am Gewinn vergleichsweise stark beteiligt - so wie man es in einer Partnerschaft täte. Kehrseite der Medaille aus Sicht des Mitarbeiters ist freilich, daß der Leistungsdruck enorm ist. Wer keine Erfolge vorweisen kann, wird in Wall Street und der City vor die Tür gesetzt, von einem Tag auf den anderen, mitunter ohne Abfindung. Doch es gibt auch zahlreiche Gegenbeispiele. So mußte der damalige Chef von Morgan Stanley, Philip Purcell, im vergangenen Jahr zwar seinen Posten abgeben, nachdem die Aktien in fünf Jahren 40 Prozent an Wert verloren hatten. Dieser Abgang wurde ihm freilich mit einer Abfindung von mehr als 77 Millionen Dollar versüßt.

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