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Italien : Fiat geht weg – und keinen interessiert’s

Die frühere Teststrecke auf dem Dach des Lingotto, der ehemaligen riesigen Autofabrik von Fiat in Turin. Bild: Hauri, Michael

Italien hat die Nachricht über den Weggang von Fiat mit einem Schulterzucken quittiert. Dabei haben sich viele Unternehmen längst in aller Stille gegen ihr Land entschieden.

          Fiat verlässt Italien, und in Italien interessiert das fast niemanden. Was würde wohl umgekehrt in den Vereinigten Staaten passieren, wenn General Electric seinen Sitz in die Niederlande verlegen würde, wie würde Großbritannien reagieren, wenn Vodafone nach Zürich umzöge, fragt allerdings das kleine rechte Intellektuellenblatt „Il Foglio“. Die pragmatischen Angelsachsen würden sicher sofort darüber nachdenken, was dem eigenen Land fehle und was solch große Konzerne weggelockt habe. Bestimmt würde dort schnellstens ein Gesetz beschlossen, um abwanderungswillige Konzerne zu halten. Die Entscheidung von Fiat sei eine „Ohrfeige der globalen Wirtschaft für die italienische Interpretation der Modernität“, heißt es in dem kleinen Blatt, das auch vom wirtschaftspolitisch erfolglosen Silvio Berlusconi mitfinanziert wird.

          Tobias Piller

          Wirtschaftskorrespondent für Italien und Griechenland mit Sitz in Rom.

          Italiens öffentliche Debatte dreht sich schon wieder um das Klein-Klein der römischen Tagespolitik. Fiat hat zudem viel unternommen, um die Italiener zu beschwichtigen. Am Tag vor der Bekanntgabe der Entscheidung, nach der Fusion mit Chrysler den Firmensitz in die Niederlande und den steuerlichen Sitz nach Großbritannien zu verlegen, besuchten Fiat-Präsident John Elkann zusammen mit dem Geschäftsführer Sergio Marchionne den Ministerpräsidenten für eine höfliche Vorabinformation. Der Agnelli-Erbe Elkann gab der hauseigenen Tageszeitung ein beschwichtigendes Interview: „Mein Büro bleibt in Turin“, sagte Elkann. Geplant sei, in Italien die stillgelegten Fabriken wieder arbeiten zu lassen, und Turin bleibe weiterhin die Zentrale für Europa.

          Die Regierung tut nichts

          Die Gewerkschaften klagen wie bisher über die immer wiederkehrende „Kurzarbeit null“ in den vier Fiat-Fabriken Italiens. Sie erinnern an alte Investitionsversprechen von Fiat-Chef Marchionne aus dem Jahr 2010, die wegen der Wirtschaftskrise und wegen unkooperativen Verhaltens der Gewerkschaften dann zum größten Teil in die Zukunft verschoben wurden. Von der Regierung wird gemäß dem Reflex der siebziger und achtziger Jahre verlangt, sie möge Fiat zu einem runden Tisch einbestellen. Doch die Regierung von Ministerpräsident Enrico Letta tut bisher nichts. Außergewöhnlich war lediglich die drohende Ankündigung des obersten Steuerfahnders Attilio Befera, man werde den Umzug des offiziellen Unternehmenssitzes in die Niederlande und die Verlegung des steuerrechtlichen Sitzes nach Großbritannien genau unter die Lupe nehmen. Das könnte noch viel Ärger bedeuten. Denn wie in anderen Fällen wird von Fiat verlangt, jeglichen Wertzuwachs am alten Stammsitz in Turin vor dem Wegzug zu versteuern, zudem werden womöglich auch noch fiktive Lizenzgebühren für Autos italienischer Marken angesetzt, die im Ausland gebaut und verkauft werden.

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