18.02.2010 · In zehn Tagen öffnet die Cebit ihre Tore: Die größte IT-Messe der Welt kocht auf kleiner Flamme. Innerhalb von zehn Jahren hat sich die Zahl der Besucher halbiert. Mit einem neuen Konzept soll die Messe nun wieder größer werden.
Von Stephan FinsterbuschDer Countdown läuft, und Ernst Raue ist sich sicher: Der Start geht gut über die Bühne. Die Zeiten sind zwar schwer, die Lage ist zwar schwierig und das Geschäft knallhart. "Doch die Cebit hat sich in ihrer Geschichte schon mindestens einmal neu erfunden", meint der für die Ausrichtung des jährlichen Techniktreffs verantwortliche Vorstand der Deutschen Messe AG in Hannover. "Das wird sie wohl ein zweites Mal tun müssen, will sie weiterhin Trends bestimmen und Richtungen vorgeben", sagt August-Wilhelm Scheer, Präsident des Hightech-Verbandes Bitkom.
Wenn die größte IT-Ausstellung der Welt in zehn Tagen ihre Tore öffnet, wird sie wieder Hunderttausende Besucher und Tausende Aussteller anziehen, werden Politik und Wirtschaft hochrangig, prominent und wortreich vertreten, werden Geschäfte im Wert von mehreren Milliarden Euro abgeschlossen sein. In Hannover gibt sich die Branche ihr Stelldichein. Dafür sind in den hangargroßen Messehallen schon dreißig Kilometer Teppichbelag verlegt. Der Umfang der Kabelstränge unter dem Medienzentrum reichte wohl aus, ganz Guatemala ordentlich zu verkabeln.
Die Erwartungen sind bescheiden
Am Ende der sechs tollen Techniktage werden die Besucherzahlen und die Einnahmen an den Würstchen-, Kaffee- und Taxiständen voraussichtlich abermals unter denen des Vorjahres liegen. Doch sie werden besser sein als von vielen prognostiziert. Denn die Erwartungen sind bescheiden. Die Krise zieht ihre Kreise, die Rezession dämpft die Stimmung. Die Messegesellschaft reagiert. Sie wird vom kommenden Jahr an mehr auf Anwender und Nutzer zugehen als bisher. Sie wird sich in vier Bereiche teilen: professionelle Nutzer, private Anwender, öffentliche Hand sowie Forschung und Entwicklung. Und sie wird wieder mehr auf das junge Publikum zugehen, ohne das Konzept einer Geschäftsmesse aufzugeben.
An dieser Vierteilung arbeitet Cebit-Chef Raue seit drei Jahren. Er rückte 2008 Nutzer und Anwender von IT wieder stärker ins Zentrum, verstärkte diese Tendenz im Wirtschaftskrisenjahr 2009 und will den Wandel 2011 vollzogen wissen. Dafür wird der beratende Fachbeirat der Cebit mit entsprechenden Vertretern aus den einzelnen Teilbereichen besetzt. Daran wird auch das messebegleitende Konferenzprogramm ausgerichtet. Raue hat es bereits aufpeppen, forcieren und mit hochkarätigen Rednern besetzen lassen. Das musste er auch. Steckt doch die Hightech-Branche in einem tiefen strukturellen Wandel. "Die technologische Entwicklung wird immer mehr von den Konsumenten und weniger von den Profianwendern aus der Industrie getrieben", sagte Jean François Fau, Europachef des Chipherstellers Texas Instruments.
Das multimedial einsetzbare iPhone von Apple war Katalysator. Alles dreht sich um Nutzerfreundlichkeit, Agilität und Flexibilität. Apple geht vornweg, doch hält sich das Unternehmen selbst von allen großen Messen auf der Welt fern. Andere handeln anders: Ericsson und Motorola sind auf der Cebit wieder vertreten. Fujitsu hat gleich vier Stände. IBM ist traditionell groß vertreten. SAP nutzt die Cebit, um die eigentlich hauseigene Kundenmesse "World Tour" auszutragen. Die IT-Chefs (CIO) großer deutscher Unternehmen werden erstmals einen eigenen Gemeinschaftsstand haben.
Seit fast zehn Jahren geht es schon bergab
"Dass die Cebit künftig ihren Fokus von den Anbietern auf die Anwender erweitert, ist richtig und wichtig", sagt Thomas Endres, CIO der Lufthansa. Denn allein dieses sogenannte "Cebit-House of CIOs" wird ein IT-Einkaufsvolumen von 40 Milliarden Euro im Jahr repräsentieren. "Bislang gab es in der IT verschiedene Ebenen", sagt Endres. "Profis und Konsumenten, Firmen und Haushalte. Die Grenzen aber verschwimmen nun. Was heute für die Konsumenten entscheidend ist, kann morgen auch für Unternehmen wichtig sein."
Doch nach wie vor ist die IT-Industrie stark zersplittert. Das zeigt sich an den großen Messen: Die bunte Show der Konsumelektronik findet jeden Januar in Las Vegas statt, die der Mobilfunkanbieter im Februar in Barcelona. Im März steht für Unternehmenskunden die Cebit auf der Agenda. Im Sommer treffen sich die Computerbauer in Taipeh, im Herbst die Videospieler in Tokio. Doch wie Las Vegas, Barcelona und Tokio hat auch Hannover seit einiger Zeit einiges an öffentlicher Anziehungskraft verloren.
Was Mitte der achtziger Jahre aus Deutschlands wichtigster Industriegütermesse ausgegründet und als eigenständige Leistungsschau zunächst für Hard-, dann auch für Software und schließlich auch für Telekommunikation etabliert worden war, wuchs über die Jahre mit der gesamten IT-Branche auf der Welt in zweistelligen Prozentzahlen zu einem Messe-Mammut heran. 2001 stand die Cebit auf dem Höhepunkt. Dann ging es bergab. Während aber in deutschen Computer- und Handyfabriken die Lichter ausgingen, hielten die Messemacher in Hannover das größte Branchentreffen der Welt im Herzen Europas.
Viele IT-Messen haben ihre Pforten schon geschlossen
"Die Cebit wird immer an den Rekordzahlen von 2001 gemessen", sagt Raue. "Das ist ein bisschen ungerecht." Damals waren 9000 Aussteller und 870.000 Besucher auf der Messe; 2009 waren es halb so viele. Damals war das Messegelände überfüllt, 2009 blieben weite Teile vieler Hallen leer. Damals hatten Aussteller im Wust der Massen ihre Kunden nicht mehr gefunden und von der Messe eine Eindämmung dieser Besucherflut gefordert. Die Messe setzte fortan auf das sogenannte Business-2-Business-Modell, versuchte, nach dem Platzen der Internetblase erfolglos die Cebit-Home als eigenständige Konsummesse zu etablieren, und erhöhte die Eintrittspreise. Die Preise blieben bis heute konstant. Doch Aussteller- und Besucherzahlen gingen zurück.
Nun versucht sie die Kehrtwende. Hartwig von Saß hat sie bereits auf seinem Laptop. Der Chef der Hannoveraner Messe-Kommunikation schickt Grafiken und Diagramme, kleine bunte Kästchen und große schwarze Buchstaben über den Bildschirm. Auf der einen Seite stehen Begriffe wie Industrie und Services, Public, Consumer und R&D. Auf der anderen Software, Hardware, Neue Medien und Kommunikation. In der Mitte steht die Cebit. Dort sieht sich die Messe künftig auch stehen.
"Die Cebit wird es in fünf Jahren noch geben", meint Bitkom-Chef Scheer. "Aber sie muss dafür einiges tun." Denn Selbstläufer gibt es im Geschäft mit Bits und Bytes, Computern, Software und Handys jeder Art keine mehr. In den vergangenen drei Jahren haben von Bayern bis Frankreich, von Japan bis Österreich 43 IT-Messen auf der Welt ihre Pforten geschlossen - für immer. Anfang März werden sie in Hannover geöffnet. Der Countdown läuft, die Cebit muss sich ein zweites Mal neu erfinden und wieder abheben.
| Name | Kurs | Prozent |
|---|---|---|
| FAZ-INDEX | 1.319,85 | −3,26% |
| Dow Jones | 12.118,60 | −2,22% |
| EUR/USD | 1,2433 | +0,58% |
| Rohöl Brent Crude | 98,82 $ | −2,76% |
| Gold | 1.606,00 $ | +3,08% |
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