Amerika, die angeknackste Supermacht, mag so tief gespalten sein wie selten - es eint der Glaube an den Gott: „Es geht um Träume!“, ruft Präsidentenanwärter Mitt Romney den Wählern zu: „Steve Jobs wurde gefeuert, kam zurück und veränderte die Welt.“ Präsident Barack Obama spricht auf seiner Krönungsmesse das Gebet: „In Amerika glauben wir daran, dass ein kleines Mädchen der Armut entfliehen und der nächste Steve Jobs werden kann.“
Da lacht Amerika nicht ob dieser Komik, Amerika jubelt. Mag der iGott tot sein, Steve Jobs’ Vermächtnis, das iPhone, lebt. Rund um den Erdball halten die Massen wieder Wache vor den heiligen Apfel-Hallen, um nach duldsamen Stunden Euro, Pfund oder Dollar auf die Theke zu legen und die sechste Generation des erfolgreichsten Telefons aller Zeiten in Empfang nehmen zu dürfen.
Vom letzten iPhone verkaufte Apple am ersten Wochenende vier Millionen Stück. Vom neuen iPhone 5, das seit Freitag zu haben ist, sollen es doppelt so viele werden. Neben dem neuen Riesenbildschirm hofft Amerika auf eine wahrhaft revolutionäre Funktion: nun soll das iPhone auch noch die gesamte Wirtschaft retten.
„Vergesst die Fed, es lebe das iPhone“
Das teure Objekt werde das Wachstum stärker treiben als die Zentralbank Federal Reserve, die mit Stützungskäufen in Höhe von 40 Milliarden Dollar pro Monat die Konjunktur zu stimulieren erhofft, behauptet der ehemalige Fed-Gouverneur Kevin Warsh. Und der Chefvolkswirt der weltweit zweitgrößten Bank JP Morgan, Michael Feroli, rechnet vor, wie groß der Effekt der Apple-Konjunkturspritze ausfallen dürfte: Bis zu einem halben Prozentpunkt könnte das iPhone die Wirtschaftsleistung im vierten Quartal steigern - bei einer Wachstumsrate von insgesamt 2 Prozent.
Die Rechnung ist bestechend, ihrer Faszination kann sich kein Experte entziehen: Von den 600 Dollar, die Apple von den Telefongesellschaften für das iPhone verlangt, bleiben nach Abzug der Kosten für die Fertigung in China 400 Dollar je Gerät für Amerikas Volkswirtschaft. Bei 8 Millionen Geräten steigt so das Bruttoinlandsprodukt - die Summe aus Konsum, Investitionen und Exportüberschuss - um 3,2 Milliarden Dollar im Quartal. „Vergesst die Fed, es lebe das iPhone“, heißt es nun in den Internet-Blogs, und tatsächlich macht einen die steile These schwindelig: Kann eine einzelnes Gut die Ökonomie verändern?
Wäre der iPhone-Hersteller im amerikanischen Aktienindex Dow Jones gelistet, nähme er ein Drittel von dessen Gesamtwert ein - am Freitag notierte die Aktie des weltgrößten Unternehmens bei 700 Dollar, Tendenz steigend.
Doch ist der Konsumeffekt für die Gesamtnachfrage wirklich so stark, wie das iPhone-besoffene Amerika hofft? „Nicht zulässig“ sei solch ein Zahlenspiel, moniert Thomas Straubhaar, Direktor des Hamburgischen Weltwirtschaftsinstituts. Und Jörg Krämer, Chefvolkswirt der Commerzbank, erinnert sich zwar gut daran, wie der Internet-Hype zur Jahrtausendwende Milliarden in die Märkte spülte und das Wachstum trieb: „Doch das iPhone ist nur ein Telefon.“
Wohin, fragt Krämer, hätten die iPhone-Jünger ihre Dollar getragen, existierte ihr Spielzeug nicht? Aufs Sparbuch? Oder zu Samsung, den anderen Handyproduzenten? Das ist das Hauptargument gegen die These vom Wirtschaftsmotor iPhone: Dass die Bürger ihr Geld nur einmal ausgeben können. Was das Gerät wirklich mehr an Konsum bringt, weiß keiner - ist die Lage doch unübersichtlicher als etwa im kleinen Finnland, dessen Wachstum in den Glanzzeiten zur Hälfte von Nokia getragen wurde.
Zumindest das räumt Volkswirt Krämer ein: „Das iPhone könnte den Konsum zeitlich vorziehen.“ Nicht unwichtig für Unternehmen wie den darbenden Paketzusteller Fedex, 40 Milliarden Dollar Jahresumsatz, 290.000 Mitarbeiter. Ein Teil der Belegschaft sollte am gestrigen Samstag die jährliche Weiterbildung antreten - der Termin wurde abgesagt, wegen „gewaltiger Liefervolumina“. Die Umsätze des Paketboten schwächeln, die Luftfracht-Linie Asien-Amerika lahmt. Jetzt macht eine Massenlieferung Hoffnung, Absendeort China. Inhalt: das iPhone 5.
Wie das Parfum des Grenouille
Im Fernen Osten stehen die Fabriken von Foxconn, das die iPhones lötet und für stete Konsumkritik sorgt: Nicht nur, dass die chinesischen Arbeiter schuften müssten, auch die Wertschöpfung bleibe Amerika vorenthalten, schallt es aus Washington, als sehne sich die High-Tech-Nation an die Werkbank zurück. Zur Stützung der Tiraden führen die Senatoren eine Studie des Asian Development Bank Institute ins Feld: Das iPhone vergrößere das Ungleichgewicht von Export und Import zwischen China und Amerika, im Fachjargon Leistungsbilanzdefizit genannt und angeblich gefährlich für die ganze Welt.
Profitieren am Ende womöglich wieder nur die Chinesen? Welche Überraschung: Der Zeuge der Anklage, Studienautor Yuquing Xing, sieht auch im Vaterland von Steve Jobs nur Gewinner: „Apple verkauft das iPhone in alle Welt. Letztlich übersteigt der amerikanische Export den chinesischen Import.“
Schon immer schieden sich an Nutzen und Wert des iPhone die Geister. Das Reichenspielzeug vollbrächte nichts, was andere Handys nicht könnten, mäkelte man schon 2007 - eine Fehleinschätzung. Wie das Parfum des Grenouille sein Opfer verführte die Wundermaschine ihre Besitzer durch steten Internetzugang. Eine Milliarde Smartphones wird die Welt bald nutzen, das iPhone hat den Markt begründet.
„Nur Microsofts Betriebssystem Windows 95 hatte größeren Einfluss auf unser Leben“, jubelt Robert Atkinson, Präsident des führenden Internet-Think-Tanks ITIF: „Das iPhone hat aus dem Telefon einen Computer für jeden gemacht.“ Fährt der Forscher Zug, scannt der Schaffner die Fahrkarte auf dem Gerät. Versorgt sich Obama-Berater Atkinson vor langen Sitzungen mit frischem Obst, zieht er die Visa-Karte über die iPhone-App Square, die jedem Apfelbauern preiswert die Akzeptanz von Kreditkarten erlaubt.
Um 25 Prozent hätten Internet-Geräte wie das iPhone unser aller Produktivität gesteigert, schreibt McKinsey. Und Michael Mandel, Chefökonom des Washingtoner Progressive Policy Institutes, hat ausgerechnet, dass die Flut der Apps in der Entwicklerszene eine halbe Million Stellen geschaffen habe.
Auswiesene Skeptiker wie Robert Gordon sind weniger euphorisch. Der Ökonom ist der Papst der Produktivitätsforschung und hat jüngst ein paar Zahlen zusammengestellt: Der Lebensstandard habe sich in den vergangenen vier Dekaden nur in bescheidenem Maße verbessert - gegen die Schübe, die Dampfmaschine und Auto nach sich zogen, wirke das iPhone wie ein niesfestes Taschentuch, so der Tenor. Während sich das Pro-Kopf-Einkommen zu Mitte des vergangenen Jahrhunderts schnell verdoppelt habe, stünden die Industrieländer nun vor der Stagnation.
Auch Alvin Hansen, damals Amerikas führender Ökonom, warnte einst, der technische Fortschritts sei ein für allemal vorbei. Nun drohe Stagnation. Das war Ende der 30er Jahre. Die Welt darf auf das nächste iPhone hoffen.
Kaum etwas neues
Klaus Letis (odysseus_8)
- 25.09.2012, 12:05 Uhr
iPhone? Muß man das kennen?
Otto Meier (DerQuerulant)
- 24.09.2012, 00:46 Uhr
Wachstum durch Statussymbole..
Michael Posthoff (MisterMischa)
- 23.09.2012, 12:59 Uhr
Besser Wachstum durch iPhone als durch..
Michael Posthoff (MisterMischa)
- 23.09.2012, 12:53 Uhr
Das beste Apple-Produkt ist die Apple-Aktie
Dieter Weber (dieter.weber)
- 23.09.2012, 11:05 Uhr
