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Investmentbanker Absturz der Golden Boys

 ·  Investmentbanker verlieren zu Tausenden ihre Jobs und ihre Boni. Eine Branche wird abgewickelt. Eine Geschichte aus London, New York und Frankfurt.

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© AP Frankfurt, Mainzer Landstraße 151. Im Handelssaal der Commerzbank verfolgten die Trader Zahlen, Charts und Chats mit Kunden auf ihren bis zu acht Bildschirmen.

London, Notting Hill, an einem dieser grauen Novemberabende, an dem die Britinnen Gummistiefel tragen. Pedro M. lockert seine schmale schwarze Krawatte, als er aus dem Regen in das libanesische Restaurant tritt, das eher wie eine Imbissbude aussieht als wie ein Ort, an dem Londons Gutverdiener essen. Doch das tun sie.

Hier im Londoner Westen wohnen die Investmentbanker, hier speisen sie. Es ist teuer hier. Pedros Wohnung ein paar Straßen weiter kostet 2000 Pfund Miete im Monat, fast 2500 Euro: „Drei Zimmer, 60 Quadratmeter - Luxus ist das nicht“, sagt Pedros Frau. Sie ist mitgekommen, weil das, was Pedro jetzt erzählt, auch sie angeht.

Es ist eine persönliche Geschichte: die Geschichte, wie Pedro seinen Job verlor. Sechs Jahre arbeitete der Spanier im Handelssaal einer großen Bank, verkaufte dort Zinsderivate - Papiere, mit denen sich einerseits Firmen gegen Zinsschwankungen absichern. Und mit denen andererseits Investoren auf die Zukunft wetten: weil sie zu wissen glauben, wo der Zins morgen steht. „Mein Job war toll“, sagt Pedro. „Aufregend, viele Reisen, international und gut bezahlt.“ In seiner Position konnte man im Jahr 300.000 Pfund verdienen, wenn es gut lief. Mit Anfang 30.

Aber Derivate sind der Stoff, aus dem die Finanzkrise gemacht war. Jetzt ist die Krise erst mal vorbei, aber vorbei ist auch das große Geschäft. Pedro weiß schon gar nicht mehr, wie viele Entlassungswellen er in seiner Bank gesehen hat. „Zehn, fünfzehn?“ Vor wenigen Monaten dann kam der Anruf auch für ihn. Er solle ins Büro seines Chefs kommen. Der erklärte Pedro knapp, dass sein Job gestrichen werde. „Es ging nicht um mich, es ging um das, was ich gemacht habe“, sagt Pedro. „Das ist kein Geschäft mehr.“ Man gab ihm eine Liste mit Personen in der Bank, die er anrufen könne, um eine neue Stelle zu finden. Wenn er nach einem Monat nichts habe, sei er draußen, erklärte der Chef. Pedro fand nichts. Jetzt ist er raus, seinen Blackberry schaltete die Bank ab, wenige Stunden nachdem er das Gebäude verlassen hatte.

Eine Entlassungswelle rollt über die Banker hinweg. Die Handelssäle in New York, London und Frankfurt leeren sich. Erst glaubten die Banker an das übliche Spiel: eine Welle, auf die stille Wasser folgen. Doch langsam dämmert ihnen: Dieses Mal ist es anders.

300.000 Jobs hat die Finanzbranche seit Anfang 2011 weltweit gestrichen, viele davon im kleinen feinen Investmentbanking. Bis 2018 gehen dort noch 75.000 Jobs verloren, schätzt die Beratung Roland Berger. Allein die Deutsche Bank hat seit 2011 15 bis 20 Prozent der Stellen im Investmentbanking rasiert, ausgerechnet in der Sparte, aus der es Anshu Jain bis an die Spitze schaffte. Credit Suisse soll in Frankfurt jeden vierten Investmentbanker gefeuert haben.

Alle Banker müssen um ihre Jobs bangen. In der Londoner City, berichtet die Beratungsfirma Center for Economic and Business Research (CEBR), seien seit der Finanzkrise mehr als 100.000 Banker und Finanzmanager arbeitslos geworden. Die Schweizer Großbank UBS streicht 10.000 Jobs - 15 Prozent ihrer Mitarbeiter. Bank of America und HSBC trennen sich von 30.000 Mitarbeitern. Und Citigroup meldete Anfang Dezember: 11.000 Leute müssen gehen.

Doch dieses Mal trifft es nicht mehr nur die kleinen Leute am Bankschalter. Nein, es trifft die Golden Boys, wie die Investmentbanker sich einst nannten. Die Zauberer, die an acht Computerbildschirmen gleichzeitig Millionen kontrollieren, die Mathe-Genies, die komplizierte Finanzprodukte entwickeln - die Symbolfiguren für den Glanz und die Zerstörungskraft des Marktes: die Investmentbanker.

Sie müssen gehen, weil ihre Derivate auf dem Markt nicht mehr massenhaft gekauft werden, weil die Kunden sie weniger für Börsengänge und Firmenkäufe buchen und weil ihre Arbeitgeber schon die Bankenregulierung von übermorgen einbuchen.

London, 500 Meter vom Picadilly Circus. Hier hat Headhunterin Katushka Giltsoff ihr Büro. Ihr Spezialgebiet: die Finanzbranche. Seit der Finanzkrise hat sie 80 Prozent ihres Geschäfts verloren. „Ich musste mich völlig umstellen“, sagt Giltsoff, die in den 80er Jahren selbst Händlerin war. Giltsoff ist überzeugt: „Diese Jobs kommen nicht wieder.“ Die riesigen Trading Floors in den Glastürmen des Bankenviertels Canary Wharf und in der City werden halbleer bleiben. Zwar rufen immer wieder Banker bei der Headhunterin an, aber sie kann ihnen keine Angebote machen. Und für andere Berufe seien die Banker aufgrund ihrer hohen Gehaltsvorstellungen nicht vermittelbar.

Ja, wer nicht arbeitslos werde, wird bescheiden. 6400 Pfund wird der durchschnittliche Bonus für einen Londoner Banker in diesem Jahr betragen, schätzt das CEBR. Im Jahr 2008 waren es 33 000 Pfund. Weltweit verdienten Händler heute 30 Prozent weniger als 2007, sagen Vergütungsberater.

Mitleid können die Banker nicht erwarten, mögen die Rausschmisse noch so brutal sein: Die UBS hatte ihre Kürzungspläne kaum verkündet, da wurde mancher Händler, der um 6.30 Uhr zum Dienst kam, Coffee-to-go noch in der Hand, schon an der Pforte von Personalern abgefangen und in bezahlten Urlaub geschickt. Ihre Schreibtische räumten andere. Die Geschassten ertränkten ihre Enttäuschung in dem schummrigen Pub „The Railway Tavern“, 300 Meter von der UBS, der sich vor allem dadurch auszeichnet, dass er um acht Uhr früh öffnet.

Das Mitleid der Ex-Kollegen fällt dürftig aus. „Man wird nicht Investmentbanker, weil man Sicherheit erwartet“, sagt ein UBS-Investmentbanker, der noch dabei ist. Er fläzt sich in seinen Stuhl im Besucherraum der Finsbury Avenue 1, breitbeinig, den rechten Arm locker über die Lehne drapiert. Einst wollte er in die Politik, heute spricht er nur noch wie ein Politiker. „Man weiß doch, dass der Job unsicher ist.“

Mitleid gibt es auch keines von der Öffentlichkeit. Für Investmentbanker demonstriert keine Gewerkschaft, kein Politiker fordert Auffanggesellschaften wie für Schlecker-Frauen. Das harsche „Hire and Fire“ der Banken scheint das Volk zu erfreuen.

Die besten Absolventen der besten Universitäten beobachten die Umwälzungen an der Wall Street, in der Londoner City oder der Frankfurter Junghofstraße mit Misstrauen. Kein Zweifel - die goldenen Zeiten sind vorbei, und High Potentials ziehen ihre Konsequenzen. Für Berufsanfänger-Stellen, verrät ein ranghoher Händler in London, meldeten sich 25 bis 30 Prozent weniger Bewerber als vor der Krise.

„Wir denken, dass die Absolventen, die zu uns kommen, noch immer zu den besten ihres Jahrgangs gehören“, sagt Martin Wiesmann, Mitglied der Geschäftsführung von JP Morgan in Deutschland. Aber doch ist die Branche spürbar in Sorge, ob sie noch attraktiv ist als Arbeitgeber.

200 West Street, New York. Sandy ist dafür zuständig, die Zweifel der Bewerber zu zerstreuen. Sandra Hurse ist Recruiting-Chefin von Goldman Sachs, dem sagenumwobenen Giganten der Investmentbanken, lange Zeit der Traumjob der besten Studenten der Welt. 2006 kam Sandy zur Bank, kurz vor der Krise. Die Afro-Amerikanerin trägt perfekt lackierte schwarze Fingernägel, das Haar ist streng zum Dutt zurückgekämmt, dazu ein maßgeschneidertes kariertes Kostüm.

Freundlich, diplomatisch, unnahbar ist sie. Nein, sagt Sandy, das Auswahlverfahren habe sich seit der Krise nicht groß verändert. Nein, Fragen zu Image oder Verantwortung der Investmentbanker für die Krise stellten die 40.000 Praktikumsbewerber eigentlich nie. Solche Fragen hört sie allenfalls, wenn sie linksintellektuelle Studentinnen eines Liberal Arts College zum Kennenlern-Dinner einlädt. Und nein, sagt Sandy, es würden nicht weniger Leute eingestellt als früher. Was Sandy nicht erzählt ist, dass Job-Anfänger bei Goldman jetzt keine Zweijahres-verträge mehr bekommen, sondern unbefristet eingestellt werden. Das alte Modell trieb zu viele frühzeitig in andere Jobs. Das kann selbst Goldman sich nicht mehr leisten. Jetzt, da die Absolventen skeptischer werden.

Der Ruf ist nicht mehr gut. Das hat mit der Finanzkrise zu tun und mit Skandalen, die alle paar Wochen ans Licht kommen. Jüngere Meldungen betreffen die Deutsche Bank: Gleich drei Exmitarbeiter haben die Bank angeschwärzt, weil sie auf dem Höhepunkt der Krise Milliardenrisiken in ihren Büchern verschleiert haben soll - um den Staat nicht um Hilfe bitten zu müssen. Die Deutsche Bank beteuert, die Vorwürfe seien unbegründet. Vor Weihnachten kamen nach einer Durchsuchung wegen eines vermuteten Betrugs beim Handel mit Verschmutzungsrechten fünf Mitarbeiter der Deutschen Bank zeitweise in Untersuchungshaft, auch gegen den Chef Jürgen Fitschen wird ermittelt.

Ende November wurde UBS-Händler Kweku Adoboli zu sieben Jahren Haft verurteilt. Er hatte im vergangenen Jahr die Irrsinnssumme von 2,3 Milliarden Dollar verspekuliert. Übertroffen hat ihn aber JP-Morgan-Banker Bruno Iksil, genannt „der Wal von London“, der seiner Bank mit Fehlspekulationen Einbußen über 6 Milliarden Dollar beschert haben soll.

Da waren auch die Barclays-Banker, die Falschmeldungen an den Britischen Bankenverband lieferten und so den Zinssatz Libor manipulierten, der die Preise für Millionen Finanzprodukte bestimmt. In Deutschland lotste Morgan-Stanley-Chef Dirk Notheis das Land Baden-Württemberg in den verfassungswidrigen Milliardenkauf des Energiekonzerns ENBW. Und ausgerechnet bei der ehrwürdigen Bank Goldman Sachs wurden Kunden intern als „Muppets“, als Trottel, verhöhnt, petzte der Goldman-Aussteiger Greg Smith.

Jeder Fall liegt anders, aber jedes Mal waren Investmentbanker am Drücker. Alles klar, sagt sich der Zeitungsleser: Da ist eine zügellose Bande am Werk.

Frankfurt, Messeturm, 60. Etage. Hier sitzt ein Mann, der die Händler verteidigt: Philip Holzer, Vize-Deutschland-Chef von Goldman Sachs. Wegen der Pauschalurteile vieler Menschen über Investmentbanker würde er wohl nie in Talkshows gehen. Seine Welt ist viel komplizierter. Es ist nach 18 Uhr, und Holzer will noch auf die Weihnachtsfeier seiner Securities-Abteilung nach Bad Homburg ins „Wasserweibchen“. Aber vorher will er, Sohn eines legendären Chefredakteurs der „Frankfurter Rundschau“, erklären, was Investmentbanker eigentlich machen.

Zwanzig Jahre ist Holzer bei Goldman Sachs, fünf Jahre Krise hat er überstanden. „Für mich ist eine Lehre aus dieser Zeit, dass wir unser Geschäft besser erklären müssen.“ Ganz wichtig: „Die Menschen müssen verstehen, dass es nicht den Investmentbanker gibt.“ Eine Sparte seiner Bank berät bei Kapitalerhöhungen oder Firmenkäufen, eine andere macht Anlageberatung für Privatkunden oder Versicherungen. Nur die dritte, Holzers Abteilung, handelt am Kapitalmarkt.

Die Handelsabteilungen machten vor der Finanzkrise die Profite für die Banken, sie waren die Stars, die Top-Verdiener, wurden sogar Bankchefs, wie zuletzt noch Anshu Jain bei der Deutschen Bank. Doch in der Finanzkrise standen sie an vorderster Front, stürzten von ihrem Sockel. Und jetzt bauen viele Banken in ebendiesen Bereichen massenhaft Stellen ab.

Nicht Goldman Sachs, betont Holzer. In den Handelssälen seines Bereichs gibt es auch nicht den einen Typ Händler. Im Handelssaal sitzen Trader, die große Summen an ihren acht Bildschirmen jonglieren, neben den Mathe-Genies, die den Handel mit komplizierten Formeln beherrschbar machen sollen. Die „Strats“, kurz für Strategen, basteln Investmentprodukte die das Sales-Teams dann verkauft. Kein Wunder, dass für Investmentbanker kein Skandal wie der andere ist. Für sie sind Notheis und Adoboli so vergleichbar wie Äpfel und Frikadellen.

20 Jahre hat Philip Holzer gebraucht, um einen Satz zu finden, der seine Arbeit für Laien verständlich macht: „Wir sind eine Rückversicherung für Finanzrisiken.“ Goldman Sachs, erklärt Holzer, arbeite wie eine Versicherung, die Kunden Policen gegen Stürme verkauft. „Nur heißt der Sturm bei uns Crash oder Default.“ Man versichert sich gegen das Risiko, dass Schuldner pleitegehen. Das Instrument dafür: Kreditderivate.

Die britische Finanzjournalistin Gillian Tett beschreibt in ihrem Buch „Fool’s Gold“, wie verblüfft sie 2005 über die Zahl der Derivate war: 20 Billionen Verträge. Nicht Millionen, nicht Milliarden, nein: Billionen. „Und die Banken waren offensichtlich nicht daran interessiert, mir zu erklären, wie genau sie die Papiere strukturieren.“

Die Geburtshelfer der Derivate waren Menschen, die in den 90er Jahren neu im Handelssaal auftauchten. „Damals dominierten noch ,Old School’-Händler den Saal, wild und unkontrolliert, schreiend und Telefonhörer knallend“, erzählt der Handelschef einer großen Bank. Es war die alte Welt, wie sie die Londoner Headhunterin Giltsoff erlebte, als sie in den 80er Jahren noch als Eigenhändlerin tätig war „Testosteron!“, sagt sie. „Wir waren drei Frauen im Handelssaal - und die erste Beschäftigung der Männer am Morgen war zu schauen, welche von uns sie als Erstes zum Weinen bringen konnten.“

Diese Leute wurden peu à peu ersetzt. Die Finanzwelt wurde mathematisch, rational, computerzentriert. „Die Händler der ,New School’ sind Streber und Mathe-Freaks wie ich“, sagt der Handelschef. Und sie arbeiteten sich von den Rändern des Handelssaals ins Zentrum vor. Sie hätten den Handel transparenter und sicherer gemacht, findet der Handelschef - ein Satz, der eine Provokation für alle sein muss, die die Ursache der Krise in den Banken suchen.

Wieso dann die Krise? „Mein Vater hat immer über den Kommunismus gesagt: Das Problem ist nicht die Theorie, das Problem sind die Menschen“, sagt der Handelschef. Genauso sei es bei den Kreditderivaten gewesen, findet er. Die Idee dahinter war eine gute: Das Ausfallrisiko von Krediten sollte nicht mehr bei der einzelnen Bank bleiben, sondern in die Welt verteilt werden. So würde ein Kreditausfall jeden ein bisschen treffen und keinen umwerfen. Doch der Markt wurde so schnell so groß, dass die Derivate Fehler hatten, deren Konsequenzen keiner erkannte oder erkennen wollte. So konnten auch die Mathe-Genies den Crash nicht verhindern. Deshalb glaubt der Handelschef: Die Finanzkrise war die Folge menschlicher Fehler.

Ähnlich sieht es Martin Wiesmann, Mitglied der Geschäftsführung von J.P. Morgan Deutschland. „Die Idee von Derivaten ist nicht falsch“, sagt er. „Wer Firmenanleihen oder andere Aktiva geschickt bündelt, kann ein Anlageprodukt schaffen, das mehr wert ist als die Summe seiner Teile.“ Problematisch werde es, wenn die Instrumente massenhaft in einem Markt eingesetzt würden, in dem sich hohe Risiken ballen, wie bei der Spekulation auf steigende Häuserpreise in Amerika.

Einzelne Banker sind also schuld? Die Deutung kommt vielen Menschen gerade recht: Investmentbanker sind eben leichtsinnig, wenn nicht gar Bösewichte.

“Da macht man es sich viel zu einfach“, findet Jan Pieter Krahnen, Finanzprofessor und Bankenregulierungsexperte in Frankfurt. „Wenn man die Menschen für hauptschuldig hält, kann man bald aufhören, sich um die Branche zu kümmern - jetzt, da so viele entlassen werden.“ Die Verantwortlichen sind weg, alles prima.

Nein, für den Professor fängt die Arbeit jetzt erst an. „Natürlich erfüllen viele Händler ein Klischee. Aber man muss sich doch fragen, wieso das System eine bestimmte Sorte Menschen angezogen hat.“ Wer andere Menschen will, müsse das System verändern, findet Krahnen und engagiert sich in der Liikanen-Kommission, die für die EU Vorschläge zur Bankenregulierung entwickelt. „Es stehen viele Vorschläge im Raum. Was verwirklicht wird und wie nachhaltig das die Profitabilität der Banken berührt, ist noch völlig offen.“

Die Banker fühlen sich jetzt schon getroffen. J.P. Morgan rechnet damit, dass die Banken in den nächsten Jahren rund 14 000 neue Regeln umsetzen müssen. Pedro, unser gefeuerter Derivatehändler aus London, sagt es knapper: „Basel III hat mich meinen Job gekostet.“

Die Vorschrift Basel III soll die Bankenregulierung revolutionieren. Noch ist sie gar nicht eingeführt, aber sie wirft ihre Schatten voraus: Unter ihr müssten die Banken für bestimmte Geschäfte mehr Eigenkapital vorhalten als vorher - größere Puffer für ihre Risiken. Da Eigenkapital für Banken teuer ist in diesen Zeiten, bewirkt die Vorschrift, dass Banken bestimmte Geschäfte, speziell im Handel, reduzieren oder ganz aufgeben.

So steuert die Regulierung das Geschäftsmodell. Weniger Geschäft bedeutet weniger Händler-Jobs, weniger Boni und weniger Wilder Westen, mehr Brot-und-Butter-Geschäft: „plain vanilla“ nennen das die Händler.

New York, Wall Street. Peter van Kleef meldet sich telefonisch aus seinem Hotel in Manhattan. Er bezweifelt, dass der Staat die Instrumente im Kasten hat, um das Geschäft der Finanzindustrie zu regeln. „Eine große Organisation wie eine Bank muss sich Strukturen schaffen, in denen Menschen den Überblick über die Gesamtrisiken behalten“, sagt van Kleef, der 20 Jahre in Handelssälen großer Banken in Chicago und London gearbeitet hat. Heute handelt er nur für Kunden seiner eigenen Firma Lakeview Capital Market Services.

Dass sein Berufsstand ein so schlechtes Image hat, gefällt ihm nicht. Die meisten Händler seien unter 40, erklärt er. „Sie stehen den ganzen Tag unter enormem Druck, den sie in ihrer Freizeit irgendwie kompensieren müssen“, sagt er. Die meisten tun es im Fitness-Studio, andere feiern wild oder rasen im Sportwagen. „Die machen das Image der Branche aus.“ Zwar seien erfolgreiche Trader manchmal recht arrogant. Aber: „Gute Trader fühlen sich für die Summen, die sie bewegen, mindestens so verantwortlich wie für ihr eigenes Geld.“ Leider machten meist nicht die Vollbluthändler Karriere, sondern Leute, die ihre Zeit ebenso gut mit Politik und Bürokratie verbringen könnten. Dieses Problem könnten auch die Regulierer nicht lösen.

London, Liverpool Street Station. Wer von den Banktürmen der City aus in den Bahnhof hineinläuft, der passiert mitten im Fußgängerbereich ein auffälliges Gefährt. Mercedes SL, grau lackiert, Ledersitze. Preis laut Verkaufsschild: 168.000 Pfund. Eine junge Frau verteilt Prospekte und ist auch sonst auskunftsfreudig. Ja, der Wagen finde Interesse, sagt sie. Eine Menge Männer in Anzügen hätten sich nach Details erkundigt. „Einer hat gesagt, er habe davon schon zwei zu Hause“, erzählt sie und grinst. Spätestens hier wird klar: Mag die Branche noch so schrumpfen, eines bleibt, Geld wird es in der City immer geben. Da muss man sich keine Sorgen machen.

London, Notting Hill. Auch Pedro hat wieder zu tun, als Berater einer anderen Bank. Er verdient dort weniger, muss aber auch weniger arbeiten. „Ich kann mich nicht beschweren“, sagt er. Seine Frau freut sich, dass er wenigstens nicht mehr ständig auf sein Blackberry schaut. „Vorher hat er das sogar in den Flitterwochen nicht weggelegt.“

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Jahrgang 1978, Redakteurin in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

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