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Interview „Sylt wird es in einigen Jahrzehnten nicht mehr geben“

09.12.2004 ·  DIW-Umweltökonomin Claudia Kemfert sieht den Klimaschutz in Europa durch zu üppige Ausstattung mit Emissionszertifikaten gefährdet. Ein F.A.Z.-Interview.

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Claudia Kemfert lehrt Umweltökonomik an der Berliner Humboldt-Universität und leitet die Abteilung Energie, Verkehr, Umwelt im Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW). In dieser Funktion arbeitet die Fünfunddreißigjährige eng mit dem Zwischenstaatlichen Ausschuß für Fragen des Klimawandels (IPCC) zusammen, auf dessen Berechnungen sich auch die derzeit in Buenos Aires tagende Klimakonferenz stützt.

Die wachsende Zahl der Naturkatastrophen wird meist auf den Klimawandel zurückgeführt. Wie sicher ist dieser Kausalzusammenhang?

Unter Wissenschaftlern ist unbestritten, daß der Anstieg der Treibhausgas-Emissionen zu dem Anstieg der globalen Oberflächentemperatur geführt hat, der jetzt die Polkappen schmelzen und den Meeresspiegel ansteigen läßt. Die Kohlendioxyd-Emissionen wiederum entstehen hauptsächlich durch die Verbrennung fossiler Energieträger wie Kohle und Öl. An diesen Zusammenhängen gibt es keine Zweifel. Sehr hoch - ich würde schätzen, etwa 80 oder 90 Prozent - ist die Wahrscheinlichkeit, daß infolge der globalen Erwärmung extreme Wetterphänomene häufiger vorkommen und an Intensität zunehmen. Was wir nicht wissen, ist, wann und wo sie auftreten.

Das heißt konkret?

Wir wissen zum Beispiel jetzt schon, daß sich die Klimazonen verschieben und daß auch in Deutschland Tornados auftreten werden wie in den Vereinigten Staaten. Aber das kann schon morgen sein oder erst in 20 Jahren.

Überflutungen und Stürme gab es auch früher schon.

Das ist richtig, auch unsere Großmütter haben davon schon berichtet. Doch passierte das vielleicht einmal in deren Leben. Wir aber haben schon viele solcher Naturkatastrophen gesehen.

Weil es heute besser dokumentiert ist. Und die Schadenssummen steigen zwangsläufig, weil auch der Wohlstand wächst.

Und weil immer mehr Menschen an den Küsten wohnen und dort teure Häuser bauen. Nehmen Sie die Insel Sylt: Die wird es in einigen Jahrzehnten nicht mehr geben, und trotzdem wird dort weiter gebaut.

Das klingt alles ziemlich dramatisch.

Das ist es auch. Denken Sie an Holland, das jetzt schon auf der Höhe des Meeresspiegels liegt. Oder an Großbritannien. Britische Wissenschaftler haben uns unlängst Bilder gezeigt, auf denen im Jahr 2050 halb England unter Wasser liegt. Dieses alarmierende Szenario ist ja auch einer der Gründe dafür, daß die britische Regierung den Klimaschutz so vorantreibt.

Nicht die gesamte globale Erwärmung ist vom Menschen verursacht.

Das stimmt, es gibt auch einen natürlichen Treibhauseffekt, sonst wäre es auf der Welt bitterkalt. Der durch den Menschen verursachte Treibhauseffekt ist jedoch zu einem Großteil für den Anstieg der Temperatur verantwortlich.

Wie läßt sich die Erwärmung aufhalten?

Kurzfristig gar nicht. Selbst wenn wir heute auf einen Schlag alle Emissionen auf Null zurückfahren würden, müßten wir immer noch mit Umweltschäden rechnen. Die Treibhausgase haben eine Lebenszeit von 100 Jahren. Deshalb müssen wir auch über Anpassungsmaßnahmen reden.

Anpassungsmaßnahmen sind teuer.

Die Schäden, die entstehen, wenn wir nichts tun, sind noch teurer. Wenn man die Zahlen der Münchner Rück fortschreiben würde, würden globale Schäden in Höhe von 600 Milliarden Dollar im Jahre 2050 auftreten. In unseren Modellsimulationen, in die wir auch weitere volkswirtschaftliche Schäden miteinbeziehen, ist diese Zahl noch weitaus höher, bis zu 2 Billionen Dollar im Jahre 2050, allein 137 Milliarden Dollar in Deutschland. Hier werden Kosten miteingerechnet, die sich nur grob schätzen lassen, zum Beispiel für die Gesundheit, wenn aufgrund der Erwärmung das Malariarisiko steigt, für die Energieversorgung, wenn Kernkraftwerke nicht mehr gekühlt werden können und deshalb abgeschaltet werden müssen, für die Trinkwasserversorgung oder für den Tourismus, wenn die Deutschen lieber an die Ostsee fahren, weil es ihnen in Italien zu heiß ist.

Wie sicher sind solche Prognosen?

Solche Simulationsrechnungen sind natürlich mit höchsten Unsicherheiten behaftet. Da gibt es schon recht große Bandbreiten. Aber über die grundsätzliche Richtung ist sich die Wissenschaft einig.

Klimaschutz ist nur sinnvoll, wenn alle mitmachen. Wie kann man die Vereinigten Staaten und die Schwellenländer mit ins Boot holen?

Im Moment ist Europa Vorreiter, das den Klimawandel ernst nimmt und etwas dagegen tun will. Aber auch die Vereinigten Staaten müssen begreifen, daß ihnen Öl nicht unbegrenzt zur Verfügung steht.

So schnell sind die Reserven nicht erschöpft.

Spätestens in 50 Jahren ist auch für die Amerikaner das Leben vorbei, das sie jetzt führen. Das wird nicht ewig so weitergehen können. Auch die müssen jetzt umdenken.

Müssen auch die Deutschen umdenken?

Die Ökosteuer und Subventionen für Ökostrom aus Windrädern sind gute Maßnahmen, wenn auch nicht gerade der effizienteste Weg, um den Kohlendioxyd-Ausstoß zu senken. Wenn der 2005 startende europäische Emissionshandel funktionierte, könnte man auf diese Instrumente möglicherweise verzichten. Aber im Moment sieht es leider nicht danach aus. Die Zuteilung der Emissionszertifikate in den nationalen Allokationsplänen ist deprimierend. Wenn wir keine vernünftigen Reduktionsziele haben, kann der Emissionshandel nicht funktionieren.

Haben die Europäer den Klimaschutz durch eine zu üppige Zuteilung der Emissionsrechte diskreditiert?

Das muß man wohl so hart formulieren. Ich hoffe jedenfalls, daß das in den nächsten Zuteilungsphasen anders wird.

Die Bundesregierung will den Unternehmen, denen sie jetzt die Zertifikate kürzen muß, 2008 einen Nachschlag geben.

Die Regierung wäre besser beraten gewesen, standhaft zu bleiben und keine Anpassung mehr vorzunehmen.

Das Gespräch führte Nico Fickinger.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 09.12.2004, Nr. 288 / Seite 14
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