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Interview mit Oettinger „Zetsche genießt Vertrauen“

 ·  Baden-Württembergs Ministerpräsident Oettinger über den neuen Chef von Daimler-Chrysler, den Wagemut von Porsche, den Personalabbau bei Mercedes und die Regierungsbildung in Berlin: das F.A.Z.-Interview.

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Porsche wird Großaktionär bei VW, Mercedes streicht Tausende von Arbeitsplätzen: die großen Unternehmen Baden-Württembergs stehen in den letzten Tagen im Blickpunkt. Auf der politischen Bühne hat unterdessen der Wahlkampf begonnen: im März wird der baden-württembergische Landtag neu gewählt. Für Günther Oettinger, den langjährigen CDU-Fraktionschef im Stuttgarter Landtag, ist das eine erste Bewährungsprobe. Der 51 Jahre alte Jurist ist erst vor fünf Monaten zum Ministerpräsidenten gewählt worden.

Spannende Zeiten in der baden-württembergischen Wirtschaft: Porsche will Hauptaktionär bei Volkswagen werden. Wie beurteilen Sie diesen Schritt?

Das ist ein industriepolitisch kluger Schachzug mit Chancen für Porsche und VW. Schon bisher ist Kooperation zwischen den beiden Unternehmen Teil der Unternehmensstrategie. Ich glaube, daß Porsche-Chef Wendelin Wiedeking sich langfristig die Basis für diese Kooperation sichern und nicht auf Verträge und guten Willen angewiesen sein wollte. Umgekehrt werden alle Marken des VW-Konzerns von dem Know-How des Porsche-Entwicklungszentrums in Weissach vor den Toren Stuttgarts profitieren. Die Beteiligung ist für VW der perfekte Schutz vor feindlicher Übernahme, egal wie die EU entscheiden wird. Beide Konzerne werden profitieren, wenn alle Beteiligten klug genug sind, die Alleinstellungsmerkmale der Marken zu halten. Da aber derzeit schon das Profil von Audi durch VW nicht tangiert ist, obwohl es eine Tochtergesellschaft von VW ist, habe ich gar keine Sorge, daß Porsche sein Profil in der Nähe zu VW verlieren könnte, zumal Porsche bei VW Anteile hat und nicht umgekehrt.

Weckt die Beteiligung von Porsche an VW nicht Erinnerungen an die Entstehung von Daimler-Chrysler? Wieder verbrüdert sich eine Luxusmarke aus Baden-Württemberg mit einem Massenhersteller: Haben Sie nicht Sorge, daß es auch hier Probleme geben könnte?

Ein derart weitreichender industriepolitischer Schritt bietet immer Chancen und Risiken, keine Frage. Ich bin davon überzeugt, daß mit den 20 Prozent, die Porsche halten wird, und mit Wendelin Wiedeking als VW-Aufsichtsrat die notwendige Optimierung der Kostenstrukturen von VW beschleunigt wird.

Und wie beurteilen Sie die Veränderungen an der Spitze von Daimler-Chrysler? Ist Dieter Zetsche der richtige Mann, um diesen für Baden-Württemberg und darüber hinaus wichtigen Industriekonzern zu führen, nach den strategischen Irrungen in der Ära Schrempp?

Ich bin sicher, man wird das Lebenswerk von Jürgen Schrempp erst in zehn Jahren bewerten können. Seine Politik des Wachstums durch Fusion und Akquisition war richtig und notwendig. Schauen Sie: BMW kann nicht übernommen werden wegen der Familie Quandt, Porsche ist nicht gefährdet wegen der Familien Porsche und Piech, Audi gehört zu VW, und VW hat nun Porsche. Daimler-Chrysler ist also der einzige Autokonzern, dessen gesamte Anteile frei an der Börse handelbar sind. Wäre Daimler-Benz allein und damit relativ klein geblieben, wäre das Übernahmerisiko hoch. Dieter Zetsche bringt als neuer Konzernchef nun etwas mit, was dem Konzern guttun wird: Er ist ein echter Daimler-Chrysler-Mann. Zetsche hat sich bei Chrysler hohes Vertrauen aufgebaut, war zuvor bei Mercedes-Benz, und wenn er nun zurückkommt, wird er eine hohe Motivation in beiden Fahrzeugwelten auslösen. Er wird auch glaubwürdig sein, wenn es darum geht, Kostensenkungspotentiale zwischen Chrysler und Mercedes-Benz im Sinne von gemeinsamen Komponenten, Plattformen, Modellstrategien zu erschließen. Zetsche ist im richtigen Alter, er kann das zehn Jahre machen, er kennt den Konzern von innen in beiden Welten und genießt das Vertrauen der Beschäftigten auch für weitreichende, mutige Maßnahmen.

Ist das Vertrauen ausreichend für den Abbau von Tausenden von Stellen bei Mercedes-Benz?

Das sind natürlich schmerzhafte Einschnitte - die im übrigen im Einvernehmen mit dem Betriebsrat getroffen wurden und im Rahmen eines Freiwilligenprogramms umgesetzt werden. Daimler-Chrysler reagiert auf Marktlage, Kostendruck und Wettbewerb. Im Vordergrund muß stehen, daß mittelfristig die Wettbewerbsfähigkeit der Mercedes-Benz-Produkte gestärkt und damit die Produktionsstandorte gesichert werden.

Blicken wir nach Berlin: Sehen Sie in dem Wahlausgang ein Votum der Bürger gegen Reformen?

Nach meiner Einschätzung haben wir in Teilen der Bevölkerung immer noch Erkenntnisdefizite. Es ist uns noch nicht hinreichend gelungen darzustellen, warum es zu Veränderungen in der Sozial-, Steuer-, Arbeits- und Wirtschaftspolitik kommen muß. Außerdem wurde das Licht am Ende des Tunnels nach dem Reformprozeß nicht deutlich: Deutschland 2015, ein Land mit Wachstum, mit mehr Beschäftigung, wettbewerbsfähig mit China sowie Amerika und wieder führend in Europa. Wir waren zu stark in kleinen Kästchen unterwegs - Nachtzuschläge, Pendlerpauschale, Steuern.

Wird man noch einmal in einen Wahlkampf ziehen können mit einem Reformprogramm?

Ein kurzer Wahlkampf ist hierfür der falsche Ort. Ich würde trotzdem raten, auch künftige Wahlkämpfe in Offenheit, mit Mut und ohne Versprechungen zu führen. Allerdings glaube ich, daß mit Steuerpolitik ein Wahlkampf schwer zu machen ist, weil die Materie so kompliziert ist. Wegen seiner Steuererklärung muß der Bürger zum Steuerberater. Aber als Wähler geht er nicht zum Steuerberater.

Wie wird denn die Regierungsbildung in Berlin nun vonstatten gehen? Rechnen auch Sie mit einer großen Koalition?

Wir betreten alle Neuland, deswegen ist eine Prognose nicht auf Erfahrung gebaut. Jedenfalls ist die CDU/CSU völlig geschlossen, man kann nicht einmal Haarrisse bei Strategie oder Personalüberlegungen innerhalb der Union feststellen. Über die Tatsache, daß bisher immer die stärkste Partei das Kanzleramt anstreben konnte, werden wir nicht verhandeln. Und über die Tatsache, daß wir intern entscheiden, wer das Amt nun übernehmen soll, werden wir auch nicht verhandeln. Und daß wir Frau Merkel gewählt sehen wollen, ist völlig unbestritten. Das heißt: Die SPD muß vor Aufnahme formaler Koalitionsverhandlungen die Frage mit oder ohne Schröder entscheiden.

Das vollständige Interview lesen Sie an diesem Freitag im Wirtschaftsteil der F.A.Z.

Quelle: F.A.Z.
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