24.11.2004 · Im Gespräch mit Frankfurter Allgemeinen Zeitung äußert sich Stephan Kohler, Geschäftsführer der Deutschen Energie Agentur, über Windräder, Gebäudepaß und Biodiesel.
Die Energiepolitik der Bundesregierung ist heiß umstritten. Förderung der Windkraft, Ausstieg aus der Atomenergie, Wärmedämmung und alternative Treibstoffe zum Schutz des Klimas - die Wogen schlagen hoch, selbst innerhalb der Bundesregierung.
Mittendrin steht Stephan Kohler, Geschäftsführer der Deutschen Energie Agentur (Dena) und damit zuständig für die Umsetzung der Energiepolitik der Regierung. Die staatliche Förderung der erneuerbaren Energieträger - vor allem der Windkraft - ist ein Reizthema.
Wann wird Strom aus Windkraft wettbewerbsfähig sein?
Die Windenergie wird ihre Konkurrenzfähigkeit mit konventionellen Kraftwerken zwischen 2015 und 2020 erreichen. Diese Prognose ist aber abhängig von der Entwicklung der Weltenergiepreise und der Kostenentwicklung der konventionellen Kraftwerke. Die häufig zu hörende Aussage, Windenergie sei bereits kurz nach dem Jahr 2010 konkurrenzfähig, halte ich nicht für realistisch.
Kritiker werfen der Regierung vor, die Förderung der erneuerbaren Energien sei zu teuer. Stimmt das?
Keine Frage: Ein Energiesystem mit Windenergie ist kurzfristig teurer als ein System ohne Windenergie. Aber die Windenergie produziert weder Atommüll noch Kohlendioxyd-Emissionen. Daher müssen wir diskutieren, ob uns die Vorteile die Mehrkosten wert sind. Klimaschutz gibt es nicht kostenlos, ist aber dringend notwendig.
Große Teile des konventionellen Kraftwerksparks müssen in den kommenden Jahren neu gebaut werden. Auf welche Rahmenbedingungen muß sich die Energiewirtschaft einstellen?
Der konventionelle Kraftwerkspark muß so umgebaut werden, daß er für das Zusammenspiel mit erneuerbaren Energiequellen optimale Rahmenbedingungen liefert.
Das klingt kompliziert. Was heißt das konkret?
Die Windenergie hat nach dem Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) Vorrang: Immer wenn Wind weht, muß der Strom aufgenommen werden. Dann müssen die konventionellen Kraftwerke zurückgefahren werden. Im anstehenden Kraftwerksneubau brauchen wir daher weniger Grundlastkraftwerke, dafür aber mehr Mittel- und Spitzenlastkraftwerke, die besser regelbar sind. Diese Kraftwerke können die schwankende Einspeisung der Windkraftwerke besser ausgleichen.
Wenn der Wind kommt und geht, müssen die konventionellen Kraftwerke zum Ausgleich herunter- oder herausgefahren werden. Ist das sinnvoll?
Ein solches Verfahren muß optimiert werden, um Geld und Energie zu sparen. Aber es gibt viele Möglichkeiten: In Deutschland sind rund 30 000 Megawatt Nachtspeicherheizungen installiert. Die Heizungen lasten die Grundlastkraftwerke aus. Wenn Windstrom angeliefert wird, müssen die konventionellen Kraftwerke also nicht unbedingt in einen schlechten Teillastbetrieb heruntergefahren werden. Der Windstrom kann auch genutzt werden, um die Speicherheizungen aufzuladen. Dann sind die Kosten niedriger.
Viele Menschen ärgern sich über die vielen Windräder an Land. Welche Möglichkeiten gibt es, Windstrom auf dem Meer zu erzeugen?
Die Off-shore-Windanlagen im Meer werden in Zukunft eine große Rolle spielen, da der Wind dort viel länger bläst als an Land. Die ersten Pilotprojekte werden in den Jahren 2005 bis 2007 getestet. Bis zum Jahr 2010 werden wir dann 2000 bis 3000 Megawatt Kapazität im Meer stehen haben. Der Ausbau und die Synchronisation mit dem Verbundnetz an Land müssen parallel dazu erfolgen. Im Zeitraum von 2020 bis 2030 sollen 20 000 bis 25 000 Megawatt Stromerzeugungskapazität im Meer stehen. Das entspricht etwa der Leistung der heute in Deutschland betriebenen Atomkraftwerke.
Damit ist der Strom aber noch nicht dort, wo er verbraucht wird. Wie bringen Sie den Strom an Land?
Um die Windenergie in das System einzuspeisen, müssen Stromleitungen gebaut werden. Um 20 Prozent des Stromes aus erneuerbaren Energiequellen einzuspeisen, genügen 600 Kilometer neue Leitungen. Aber wir haben bereits 35 000 Kilometer aufgebaut, um das heutige Kraftwerkssystem zu optimieren. Da spielen 600 Kilometer eine untergeordnete Rolle.
Großen Streit gibt es auch um den Energiepaß für Gebäude. Die Wohnungswirtschaft klagt, daß der Paß lediglich als Beschäftigungsprogramm für Gutachter tauge. Was bringt der Paß?
Wir setzen mit dem Energiepaß eine europäische Richtlinie um. Von Januar 2006 an muß ein Vermieter einem Mieter einen Energiepaß vorlegen. Der Mieter kann sofort sehen, ob er ein Haus der Energieeffizienzklasse A oder I hat. Wir wollen mit dem Paß Markttransparenz schaffen und darüber Druck aufbauen, schlechte Wohnungen zu sanieren. Teile der Wohnungswirtschaft, die jetzt klagen, fürchten allerdings die Transparenz. Viele Wohnungsbauunternehmen, die Häuser mit hoher Energieeffizienzklasse haben, erhoffen sich aber auch Wettbewerbsvorteile.
Welches Potential steckt in der Sanierung der Häuser?
Der Gebäudebestand ist ein großes Feld für den Klimaschutz. Wir können im Gebäudebestand rund 80 Millionen Tonnen Kohlendioxyd einsparen. Die Zeit ist günstig, denn in den nächsten 20 Jahren werden etwa 50 Prozent aller Gebäude in die Sanierungsphase kommen. Wir haben ein optimales Zeitfenster vor uns, um die Energieeinsparung im Gebäudebestand voranzutreiben.
Lohnt sich Wärmedämmung für die Hausbesitzer?
Im Gebäudebestand bestehen hohe Sparpotentiale. Bei den heutigen Energiepreisen können wir nachweisen, daß sich Gebäudesanierung in vielen Fällen rechnet, da die eingesparte Energie die Investitionskosten übersteigt. Also versuchen wir, mit Information und Motivation die Investitionen in die Wärmedämmung anzuschieben. Leider achtet nur ein Drittel aller Menschen, die ihr Haus sanieren, auf eine energiewirtschaftliche Sanierung.
Ein Problemfeld des Klimaschutzes ist der Autoverkehr. Wie wollen Sie die Kohlendioxyd-Emissionen des Autoverkehrs eindämmen, ohne die Mobilität einzuschränken?
Der Schwerpunkt im Verkehrssektor liegt auf der Einführung alternativer Treibstoffe: heute Biodiesel, dann synthetische Treibstoffe auf Biomassebasis und schließlich regenerativ erzeugter Wasserstoff, der aber frühestens nach dem Jahr 2020 eine Rolle spielen wird. Die Autoindustrie engagiert sich sehr stark in der Entwicklung alternativer Treibstoffe, da sie hier den kostengünstigsten Weg sieht, Kohlendioxyd-Emissionen zu senken. Bis zum Jahr 2012 sollen 3 bis 4 Prozent der Treibstoffe nicht mehr aus Benzin bestehen. Heute liegt der Anteil aber noch unter 1 Prozent.
Läßt sich Klimaschutz-Technik exportieren?
Viele Länder sind an unserer Technik interessiert, da ihnen klar ist, daß wir langfristig von den fossilen Energieträgern wegkommen müssen. Zum Beispiel hat China angekündigt, 10 Prozent seines Energiebedarfs bis zum Jahr 2020 mit erneuerbaren Energieträgern zu decken. Neben den Europäern sind auch die Länder Südamerikas an der deutschen Energietechnik interessiert.
| Name | Kurs | Prozent |
|---|---|---|
| FAZ-INDEX | 1.394,15 | +1,26% |
| Dow Jones | 12.580,70 | +1,01% |
| EUR/USD | 1,2473 | −0,12% |
| Rohöl Brent Crude | 106,27 $ | −0,54% |
| Gold | 1.579,50 $ | +0,31% |
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