Ein bisschen Start-up ist Spreadshirt immer noch. Die Mitarbeiter des Internetunternehmens, das T-Shirts und Geschenkartikel individuell nach Kundenwunsch bedruckt, bewegen sich gerne mit Tretrollern von Büro zu Büro. Die meisten sind jung und ausgesprochen leger gekleidet: Jeans, T-Shirt und Turnschuhe bilden den inoffiziellen Dresscode. Doch trotz des Gründergeistes, der in der umgebauten Industriehalle im Leipziger Stadtteil Plagwitz weht: Spreadshirt ist dem Start-up-Charakter längst entwachsen. In dem vor zehn Jahren gegründeten Unternehmen arbeiten heute 450 Mitarbeiter. Der Umsatz summierte sich im vergangenen Jahr auf 46 Millionen Euro.
Nachdem sich vor vier Jahren schon der erste der beiden Gründer, Lukasz Gadowski, aus dem Tagesgeschäft zurückgezogen hat, schlägt nun auch sein Kompagnon Matthias Spieß diese Richtung ein. Ende Oktober will er seine Position als Technikvorstand abgeben und wie zuvor schon Gadowski in den Aufsichtsrat des Unternehmens wechseln, kündigt er im Gespräch mit der F.A.Z. an. „Meine Idee war es immer, mich überflüssig zu machen.“ Nun sei das Unternehmen so stabil, dass er sich guten Gewissens zurückziehen könne. Was er danach vorhat, darüber will er noch nicht sprechen. Auch die Frage, wer ihm im Vorstand folgen wird, ist noch offen. Fest steht: Seine Anteile am Unternehmen will Spieß behalten. Ihm, Gadowski, und einem weiteren Mitglied der Führungsmannschaft gehören gemeinsam etwas mehr als die Hälfte von Spreadshirt, knapp die Hälfte der Anteile halten die Risikokapitalgeber Accel Partners und Kennet.
„Die meisten Deutschen haben noch nie von uns gehört“
Den Einstieg von Accel im Jahr 2006 nennt Spieß im Rückblick eine Zäsur. Das Unternehmen habe es danach mit seinen Wachstumszielen übertrieben, zu schnell zu viele Mitarbeiter eingestellt, zu viele Strukturen geschaffen, erzählt der Mitgründer. Spreadshirt schrieb rote Zahlen, die Kosten wuchsen schneller als die Erlöse. Die Führungsspitze sah sich gezwungen, ein Zehntel der Belegschaft zu entlassen, und war auf eine weitere Finanzierungsrunde angewiesen. Spieß versucht gar nicht erst, diese Krise mit dem allgemeinen Wirtschaftsabschwung nach der Lehman-Insolvenz zu erklären. „Das lag in erster Linie an uns.“
Inzwischen hat sich das Unternehmen wieder gefangen, seit Anfang 2010 macht es nach eigener Aussage Gewinn. Allein im ersten Halbjahr dieses Jahres wickelte Spreadshirt 750.000 Bestellungen ab. Im Gesamtjahr soll der Umsatz von 46 auf mehr als 60 Millionen Euro steigen. Spätestens in fünf Jahren will der Vorstandsvorsitzende Philip Rooke, der das Unternehmen seit dem vergangenen Jahr führt, die 200-Millionen-Euro-Marke überschreiten. Er hält das nicht für einen kühnen Traum, sondern für ein realistisches Unterfangen. „Die meisten Deutschen haben noch nie von uns gehört“, sagt er. Entsprechend groß sei das Potential. Im vergangenen Jahr wuchs der Online-Versandhandel in Deutschland nach Angaben des Branchenverbands BVH um 18,5 Prozent auf ein Volumen von 21,7 Milliarden Euro.
Was einen möglichen Börsengang angeht, geben sich Spieß und Rooke zurückhaltend. Es sei wahrscheinlich, dass sich Accel und der 2009 dazugestoßene Investor Kennet irgendwann von ihren Anteilen trennen würden. Aktuell sei dies aber nicht geplant, sagt Rooke. „Der IPO-Markt ist im Moment ja ohnehin recht schwach.“ Der Vorstandschef konzentriert sich auf andere Dinge. Mit einer eigenen T-Shirt-Linie will er die Qualität verbessern und die Retourenquote weiter senken. Diese liegt mit 2 Prozent ohnehin schon vergleichsweise niedrig. Zudem soll sich der Fokus verlagern: Nachdem das Unternehmen in den vergangenen Jahren vor allem das Direktkundengeschäft forcierte, will es nun mehr Unternehmen mit Arbeitskleidung und Sportvereine mit Trikots versorgen.
Das Geschäft in Amerika wächst besonders stark
Spieß sieht darin eine Rückkehr zu den Wurzeln von Spreadshirt. Das Unternehmen war einst als Merchandising-Plattform konzipiert, über die Vereine und Unternehmen - vor allem solche aus der Internetszene - Werbeartikel für ihre Fangemeinde anbieten konnten. Erst später entstand das Angebot auf der Internetseite, über das auch Privatkunden Kleidung individuell bedrucken lassen konnten.
Als Spreadshirt im Jahr 2002 startete, wurden Gadowski und Spieß weithin belächelt. Eine Art Copyshop im Internet? Wer sollte das nutzen? Auch wenn es in Amerika mit Cafe Press schon ein vergleichbares Unternehmen gab, galt die Nachfrage im weniger internetaffinen Deutschland als begrenzt. Doch das Konzept der Gründer, hochwertigere Textilien und eine bessere Drucktechnik anzubieten als der Kopierladen um die Ecke, überzeugte viele Kunden. Zu den beliebtesten Textilien zählt etwa eine Kapuzenjacke der Marke American Apparel für 40 Euro. In den verschiedensten Farben und Größen wartet sie in den hohen Regalen des Textillagers darauf, mit den Motiven der Kunden versehen zu werden. Je nach Aufwand kann sie bedruckt mehr als das Doppelte des Ursprungspreises kosten.
Mittlerweile wird in Leipzig, Polen und an zwei Standorten in Nordamerika produziert. Das Geschäft in Amerika wuchs zuletzt besonders stark. Um das Wohlergehen der Mitarbeiter im Hauptquartier in Leipzig kümmert sich seit einiger Zeit eine „Feel-Good-Managerin“, die im Sommer für die Belegschaft gemeinsame Grillabende organisiert und im Winter das kollektive Weihnachtsbaum-Schmücken. Nicht mehr lange, dann wird in der ehemaligen Maschinenbauhalle wieder hektische Betriebsamkeit ausbrechen. Die zehn Tage vor Weihnachten sind die umsatzstärksten des ganzen Jahres. Dann wird in Leipzig Tag und Nacht gearbeitet - so wie in einem Start-up.
Ich kenns und ich mags
Werner Mayer (green-magic)
- 28.09.2012, 12:38 Uhr
