20.06.2004 · Seit einem halben Jahr sind in Deutschland Internet-Apotheken erlaubt. Ihr Geschäft boomt. Jetzt mischt sogar Karstadt mit. Vielen alten Apotheken droht die Pleite.
Von Thiemo HeegApotheker gelten als konservativ und wettbewerbsscheu. Lieber sind sie solidarisch, statt dem Branchennachbarn an den Karren zu fahren. Bei den Standesvertretern in Wittenberg ist es mit der Einigkeit vorbei. Denn eine der 14 Apotheken in der Lutherstadt ragt bundesweit heraus - negativ, wenn man den Berufskollegen von Apotheker Christian Buse Glauben schenkt: "Es gibt welche, die würden sich mit mir nicht an einen Tisch setzen."
Welches Vergehen hat sich Buse zuschulden kommen lassen? Wahrscheinlich ist er der Branche einfach eine Spur zu agil. Der 30jährige, dessen Mutter Christine in der Wittenberger Straße der Befreiung 52 die Robert-Koch-Apotheke führt, setzt seit Jahren aufs Internet. 2001 gründete er einen Online-Shop und verkaufte medizinische Hilfsmittel, wie Teststreifen für Diabetiker und Vitaminpräparate. Seit Januar ist in Deutschland der bis dahin verbotene Versandhandel von Medikamenten offiziell erlaubt. Und aus Buses "mycare.de" wurde eine Internetapotheke mit Komplettsortiment.
"Künftig auch Medikamente über karstadt.de"
Jetzt setzte der rührige Apotheker aus Sachsen-Anhalt noch eins drauf und schürte den Neid der Konkurrenten weiter. "Künftig auch Medikamente über karstadt.de", verkündete der Handelskonzern Anfang Juni in einer Pressemitteilung. Das Essener Unternehmen führt die Aufträge seiner Kunden jedoch nicht selbst aus. Sondern hat mycare.de damit beauftragt.
Christian Buse ist nicht der einzige, der sein Glück mit dem Internet versucht. Seit der Freigabe dieses Vertriebswegs vor knapp einem halben Jahr zählen Branchenexperten in Deutschland ein gutes Dutzend Firmen, die den Postversand von Pillen und Cremes im großen Stil betreiben. Das Internetportal netdoktor.de listet derzeit 16 Anbieter auf.
Genug Geschäft für alle
Damit bekommt Doc Morris erstmals echte Konkurrenz. Der im niederländischen Landgraaf, wenige Autominuten hinter Aachen, ansässige Versender war und ist aber weiterhin die Nummer eins, wenn es um Arzneien übers Internet geht. Gründer Ralf Däinghaus siedelte seine Firma im Juni 2000 in Holland an, um damit die Klippen des deutschen Rechts zu umschiffen. "Europas größte Versandapotheke" beschäftigt inzwischen 200 Mitarbeiter und hat äußerst ehrgeizige Geschäftspläne. Zwischen 2001 und 2003 verzehnfachte sich der Umsatz auf 50 Millionen Euro. Und für das laufende Geschäftsjahr sind satte 140 Millionen angepeilt.
Tatsächlich scheint trotz der zahlreicher werdenden deutschen Internet-Apotheken genug Geschäft für alle dazusein. Den deutschen Apothekenumsatz 2003 beziffert der Branchenverband ABDA mit 33,6 Milliarden Euro. Davon entfallen auf Internetbestellungen derzeit allenfalls ein Prozent, schätzt Arnt Tobias Brodtkorb, Mitbegründer der Bad Homburger Unternehmensberatung Sempora.
Gefahr für traditionelle Apotheken?
Auf mittlere Frist rechnet der Experte jedoch mit einem sehr steilen Wachstum: "In drei bis fünf Jahren werden es zwischen acht und zehn Prozent sein." Sehr viel höhere Versandquoten sind unwahrscheinlich, wie ein Blick ins Ausland zeigt. Im liberalen Holland, dem Doc-Morris-Stammsitz, spielen Internetapotheken Brodtkorb zufolge praktisch "keine Rolle". In der Schweiz bewegt sich ihr Anteil um die zwei Prozent, und selbst im wettbewerbsintensiven Amerika kommen sie auf gerade mal zwölf Prozent.
Müssen sich die "stationären" Apotheker also mit Blick auf die zunehmende Internetkonkurrenz gar keine Sorgen machen? Waren die Proteste der Vergangenheit eine Überreaktion? Schließlich hatten die Branchenverbände massive verbale Geschütze gegen eine Freigabe des Versandhandels im Rahmen der Gesundheitsreform aufgefahren. Und noch heute ist auf der Homepage der Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände zu lesen: "Medikamente aus dem Internet: Gefahr für die Gesundheit".
Erst der Anfang der Veränderungen
Die scharfen Reaktionen haben aus Sicht der Wahrer bisheriger Besitzstände ihre Berechtigung. Nach einer Sempora-Studie nehmen 84 Prozent der befragten Apotheker die Internetanbieter allenfalls als schwache Konkurrenz wahr. Die Mehrheit rechnet jedoch mit einer starken Konsolidierung der Branche in naher Zukunft. Tatsächlich gehen Experten davon aus, daß von den derzeit 21400 Apotheken in fünf Jahren noch maximal 15000 existieren.
Vor allem dürfte der Wegfall des Versandhandelsverbotes erst der Anfang gewesen sein, was die Veränderung der Rahmenbedingungen für die Branche angeht. Vielleicht schon 2007, nach der Bundestagswahl, könnte das Fremdbesitzverbot wanken - die Vorschrift, wonach nur ein Apotheker eine Apotheke besitzen darf. "Dann ändert sich die Apothekenlandschaft, es gibt Ketten, die günstiger einkaufen können", prognostiziert Berater Brodtkorb.
"Die Apotheke bringt's."
Vielleicht kommen die Konsumenten ja dann in den Genuß günstigerer Pillen. Die Freigabe der Preise für nicht rezeptpflichtige Arzneimittel im Januar hatte nicht diesen erhofften Effekt, im Gegenteil. Eine 20er-Packung des häufig verwendeten Hustenmedikaments "ACC akut" etwa kostete im Dezember 4,40 Euro, während sich die Apotheken jetzt an die Herstellerempfehlung von 4,85 Euro halten. Der niedrigste Versandpreis liegt bei 3,96 Euro.
Über den Preis wollen die stationären Apotheken also offensichtlich nicht mit den Versendern konkurrieren. Statt dessen versuchen sie es neuerdings verstärkt mit kleinen kostenlosen Beigaben wie Vitamintabletten und Brillenputztüchern. Und am kommenden Donnerstag mit dem "Tag der Apotheke", der unter dem Motto steht: "Die Apotheke bringt's." Das Problem: Firmen wie Doc Morris und mycare.de bringen es halt auch.
| Name | Kurs | Prozent |
|---|---|---|
| FAZ-INDEX | 1.394,15 | +1,26% |
| Dow Jones | 12.580,70 | +1,01% |
| EUR/USD | 1,2473 | −0,12% |
| Rohöl Brent Crude | 106,27 $ | −0,54% |
| Gold | 1.579,50 $ | +0,31% |
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