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Insolvenzverfahren Der Arcandor-Komplex in drei Akten

09.11.2009 ·  Montag: Arcandor, Dienstag: Karstadt, Mittwoch: Quelle. Die Gläubiger bewältigen nächste Woche in der Essener Grugahalle den größten Pleitefall in der deutschen Wirtschaftsgeschichte. Sie versuchen es zumindest.

Von Brigitte Koch und Rüdiger Köhn
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Der Wochenplan entspricht der Dramaturgie der bislang größten Insolvenz in Deutschland. Am Montag dürfte zum Auftakt noch geschäftige Routine herrschen. Am Dienstag wird es mit kontroversen Debatten schon prekärer. Und am Mittwoch ist die Eskalation von Emotionen nicht ausgeschlossen. Drei Tage ist die Essener Grugahalle für den Marathon auf den Gläubigerversammlungen gebucht.

Viele hundert Menschen werden in die auf Großveranstaltungen ausgelegte Grugahalle strömen, um ihre Ansprüche an die zusammengebrochene Einzelhandels- und Touristikgruppe anzumelden. Der Arcandor-Komplex umfasst mit insgesamt 37 Verfahren rund 75.000 Gläubiger, darunter zahlreiche Mitarbeiter.

In allen drei Veranstaltungen wird eine Person im Mittelpunkt stehen. Nein, nicht Thomas Middelhoff, der frühere Vorstandsvorsitzende von Arcandor, derjenige, der strategisch viel versäumt, dafür aber umso mehr Kosmetik für die Bilanzen des maroden Handelskonzerns betrieben hat, so dass am Ende Tausende Arbeitsplätze und Existenzen vernichtet, das Vermögen der Aktionäre ruiniert, das Privatbankhaus Sal. Oppenheim im Angesicht der Schieflage in die Hände der Deutschen Bank getrieben und schließlich der größte Teil des Vermögens von Quelle-Erbin Madeleine Schickedanz vernichtet wurden.

Insolvenzverwalter Görg am Pranger

Am Pranger wird vielmehr Insolvenzverwalter Klaus Hubert Görg stehen, der am 9. Juni mit den Insolvenzanträgen von Arcandor, Karstadt und Primondo/Quelle die Regie über eine Herkulesaufgabe übernommen hat. Was am Anfang mit Hoffnungen begonnen hat, mündet seit Wochen in zunehmender Kritik von allen Seiten: von den Banken, der Politik, den Gewerkschaften, von Bietern und potentiellen Käufern für die Restbestände einer einst großen Handelsgruppe. Und natürlich von den Quelle-Mitarbeitern, die diese Woche auf die Straße gegangen sind. Versäumnisse und Fehler werden ihm vorgeworfen, unrealistische Annahmen, Verzögerungen und Hinhaltetaktiken. Diese Kritik habe er für "unvermeidbar" gehalten. Denn eine Vergnügungsreise, sagte der 68 Jahre alte erfahrene Haudegen des Insolvenzrechts im Interview mit dieser Zeitung (F.A.Z. vom 26. Oktober), sei das von Anfang an nicht gewesen. Er selbst gesteht ein, dass er Fehleinschätzungen getroffen habe.

Am leichtesten dürfte ihm der Auftritt am Montag fallen, wenn um 14 Uhr die Gläubiger der Obergesellschaft Arcandor AG zusammentreffen, und er einen Zwischenbericht über die Geschehnisse seit dem Tag der Insolvenzanmeldung gibt. Arcandor ist nur noch eine Hülle ohne operative Zukunft. Alle Vermögensgegenstände sind verpfändet oder bereits verkauft. Middelhoff hat es während seiner Tätigkeit geschafft, selbst den Staub aus den Regalen zu verwerten, um eine gute Bilanz hinzukriegen, wie es Görg mehrfach formulierte. Die einzig werthaltige Beteiligung, die am Reisekonzern Thomas Cook, war an Banken verpfändet und wurde zwischenzeitlich für eine Milliarde Euro an institutionelle Anleger verkauft.

Komplex wird es am Dienstag, wenn sich um 10 Uhr die Gläubiger von Karstadt versammeln. Nach dem Abwicklungsbeschluss für das einst größte Versandunternehmen Quelle geht es nun um die Rettung der Warenhäuser, für die ein Insolvenzplanverfahren angestrebt wird. So will Görg den Gläubigern zumindest die Eckpunkte eines von seinen Teams erarbeiteten Sanierungskonzeptes vorstellen. Der endgültige Insolvenzplan mit dem Ziel der Fortführung von Karstadt in Eigenregie und dem parallel eingeleiteten Verkauf soll auf einer gesonderten Gläubigerversammlung noch möglichst im Dezember verabschiedet werden.

Zugeständnisse in Millionenhöhe erwartet

Einige wichtige Hürden für das Sanierungskonzept scheinen inzwischen genommen: Görg erwartet von allen Beteiligten erhebliche Zugeständnisse in Millionenhöhe, von den Lieferanten und Dienstleistern ebenso wie von den Vermietern und den Mitarbeitern. Nachdem Lieferanten und Vermieter bereits Unterstützung signalisiert haben, konnte am Wochenende auch eine Einigung mit den Arbeitnehmervertretern erreicht werden. Die 28.000 Karstadt-Beschäftigten wollen in den nächsten drei Jahren einen Sanierungsbeitrag von insgesamt rund 150 Millionen Euro leisten. Für Görg wäre es ein Erfolg in einer ansonsten kritischer werdenden Lage, wenn er am Dienstag eine Lösung für sämtliche Sanierungsbeiträge präsentieren könnte.

Görg hält unvermindert an dem Ziel fest, die Warenhäuser in Gesamtheit zu verkaufen. Dafür wird er beim Gläubigertreffen werben. Der Investorenprozess könnte noch in diesem Jahr gestartet werden, ist im Umfeld des Insolvenzverwalters zu hören. Von den 126 Waren- und Sporthäusern will Görg nach bisherigem Stand möglicherweise nur 17 zur Existenzsicherung der übrigen opfern. Doch wird generell bezweifelt, ob das seit Jahren mit schrumpfenden Umsätzen und Verlusten kämpfende Unternehmen in seiner Gesamtheit überhaupt eine Chance hat. Im Sommer hatte der Wettbewerber Metro Interesse an 60 Standorten bekundet, um diese in eine Warenhausallianz mit der Tochtergesellschaft Kaufhof einzubringen. Es mag Taktik des Handelsriesen aus Düsseldorf sein: Aber angeblich ist die Zahl der für Kaufhof noch in Frage kommenden interessanten Häuser inzwischen beträchtlich geschrumpft. Bei der beauftragten Investmentbank Merrill Lynch sollen sich laut Görg mehrere Interessenten gemeldet haben. Die Gläubiger werden wissen wollen, um wen es sich konkret handelt.

Denn von mehreren Interessenten war auch bei Quelle noch unmittelbar vor dem endgültigen Todesstoß die Rede. Aus den Erfahrungen bei Quelle sollte Görg indes gelernt haben. Oder droht der Untergang von Quelle zur Blaupause für Karstadt zu werden? Denn auch bei Karstadt kann sich eine Eigendynamik entwickeln. Etwa dann, wenn das bevorstehende Weihnachtsgeschäft, auf dem alle Hoffnungen ruhen, missglückt.

Der Schock saß tief

Der Schock saß tief, als der Insolvenzverwalter vor drei Wochen den Verkauf der Versandgruppe Primondo mit der Kernmarke Quelle für gescheitert erklärte. Und er wird am Mittwoch auch in der Grugahalle zu spüren sein. Wochenlange Diskussionen um die Finanzierung haben zunächst schleichend, dann immer stärker, das Ende des Fürther Versenders eingeleitet. Nur über einen staatlichen Massekredit von 50 Millionen Euro konnte der wichtige Herbst/Winter-Katalog gedruckt werden. Zweifache Zusagen über jeweils 300 Millionen Euro waren von den finanzierenden Kreditinstituten Valovis als Factoringbank sowie Bayern LB und Commerzbank notwendig, um den Betrieb aufrechtzuerhalten. Alles fand auf öffentlicher und politischer Bühne statt. Doch am Ende sprangen die interessierten Finanzinvestoren ab. Zu stark war das Versandgeschäft eingebrochen, als dass Quelle Deutschland - ohnehin das seit Jahren größte Sorgenkind des Arcandor-Konzerns - noch hätte überleben können.

Den Nachlassverwalter trifft die Kritik, nicht frühzeitig genug die verkaufsfähigen Primondo-Teile abgegeben zu haben, ohne Quelle Deutschland. Inzwischen hat sich der Hamburger Wettbewerber Otto die Rechte an den Namen Quelle und einigen Eigenmarken wie Privileg gesichert und die Landesgesellschaft Quelle Russland gekauft. Seit dem 1. November werden 18 Millionen Artikel zu Rabatten zwischen 10 und 30 Prozent angeboten. Es ist nicht nur der größte Ausverkauf in Deutschland. Es ist die bislang deprimierendste Abwicklung eines Wirtschaftswunders, bei dem am 30. Oktober die meisten der 2100 Mitarbeiter - davon 1900 in Deutschland - die Kündigung zum 1. November erhalten haben. Rund 4300 Beschäftigte von Quelle und nahestehenden Einheiten wie Service- und Call-Center sind mit dem Ausverkauf beschäftigt, werden aber spätestens Anfang 2010 ebenfalls auf der Straße stehen.

Görg hofft, genügend Geld zusammenzubekommen, um den Massekredit zurückzuzahlen. Seine eigenen Ansprüche, gemunkelt wird über Millionenbeträge, hat er hinter diese Forderungen gestellt. Die Spezialversender wie Baby Walz oder Hess Natur stehen im Übrigen nicht zum Verkauf, da sie dem Karstadt-Quelle-Pensionsfonds als Sicherheit dienen. Der hat schon kundgetan, dass er zunächst keinen Verkauf anstrebt. Nun geht es vor allem um den Verkauf des Einkaufsfernsehsenders HSE 24, die noch profitablen Auslandsaktivitäten von Quelle in Osteuropa, Österreich und in der Schweiz sowie die Call-Center und den Kundendienst Profectis. Es gebe Interesse von mehr als einem Dutzend potentiellen Käufern aus dem In- und Ausland, hieß es zuletzt. Fraglich ist, ob noch rechtzeitig bis Mittwoch weitere konkrete Verkäufe zustande kommen. Damit könnte Görg in dem emotional gewordenen Arcandor-Komplex die Gemüter etwas kühlen.

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Jahrgang 1955, Wirtschaftskorrespondentin in Düsseldorf.

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