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Insolvenzen im Jahr 2011 Es traf Verlage, Reeder und Zulieferer

27.12.2011 ·  Die krisenbedingte Insolvenzwelle ist ausgelaufen. Die vergangenen Großinsolvenzen sind auch kein Anzeichen einer neuen Welle. Dennoch gehen die Schäden in die Milliarden.

Von Georg Giersberg
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Dass es die Berliner Solon SE treffen würde, kam nicht wirklich überraschend. So richtig vorbereitet war dann dennoch niemand. Im Unternehmensleben ist es wie im richtigen Leben: Auch wenn ein Ende lange absehbar ist wie bei einigen Unternehmen der Solarbranche, kommt es dann doch überraschend. Solon oder Solar Millennium waren aber nicht die einzigen Unternehmen, die in diesem Jahr zahlungsunfähig wurden.

Es traf wieder große Unternehmen wie Manroland mit 6500 Mitarbeitern, es traf bekannte Unternehmen wie den Eichborn-Verlag oder den Stromanbieter Teldafax, und es traf solche, von denen man es nicht erwartet hätte, wie den Friedberger Insolvenzverwalter Reuss oder die Krankenkasse City BBK.

Sonnenenergie im Trend

Das Unternehmen Solon gehört als Ausgründung der TU Berlin (1998) zu den Pionieren der Photovoltaikbranche, die Sonnenenergie in Strom umwandelt. Die Branche liegt im Trend, auf deutschen Dächern werden täglich mehr Solaranlagen angebracht, die Subventionen fließen in Strömen. Dennoch geht es den meisten Anbietern schlecht. Der Markt in Spanien ist weggebrochen, nachdem die dortige Regierung kein Geld mehr hat für öffentliche Förderung. Vor allem aber machen chinesische Mitbewerber mit billigeren Produkten den deutschen Anbietern - und nicht nur ihnen - das Leben schwer.

In den Vereinigten Staaten haben schon die Branchenpioniere Evergreen und Solyndra ihre Existenz eingebüßt, und mit First Solar musste einer der international größten Solarkonzerne zweimal hintereinander seine Umsatz- und Gewinnprognose nach unten revidieren. Und Solon ist auch nicht der letzte deutsche Anbieter von Anlagen zur Solarstromerzeugung, der die Segel streichen muss - wie die Insolvenz des Projektentwicklers Solar Millennium mit 60 Mitarbeitern zeigt. Was der Insolvenzantrag der Solon für die 530 inländischen Mitarbeiter bedeutet, ist noch offen. Derzeit werden alle Möglichkeiten der Weiterführung oder des Verkaufs geprüft, heißt es.

Ähnlich müssen auch die 6500 Mitarbeiter des Druckmaschinenherstellers Manroland, Augsburg, über den Jahreswechsel um ihre Stellen zittern. Als einer der weltgrößten Hersteller von Druckmaschinen leidet Manroland unter der Billigkonkurrenz aus Asien, aber auch unter dem Trend zu elektronischen Dokumenten. Der Umsatzrückgang war massiv und auch unter dem Finanzinvestor Allianz fiel dem Management keine Lösung ein, die zukunftsträchtig wäre. Manroland ist die mit Abstand größte Insolvenz des Jahres; sie kam Ende November, und die Folgen sind daher noch offen.

Eine dritte Großinsolvenz im November schürte ebenfalls die Ängste, eine neue Insolvenzwelle könnte bevorstehen. Die Heitkamp-Holding, ein Unternehmen des ehemaligen BDI-Präsidenten Jürgen Thumann, musste Insolvenz beantragen. Heitkamp aus Herne zählte einmal zu den größten Baukonzernen des Landes, die Kraftwerke bauten, aber auch den Tunnel unter dem Ärmelkanal oder die Gläserne Manufaktur von Volkswagen in Dresden. Zum Schluss hatte Heitkamp allerdings nur noch 1000 Beschäftigte.

Kein Anzeichen für schlechtere Konjunktur

Die letzten Insolvenzanträge des Jahres betrafen große und bekannte Unternehmen. Vorboten einer schlechteren Konjunktur oder einer Insolvenzwelle sind sie dennoch nicht, versichert Helmut Rödl, Vorstand des Wirtschaftsforschungsunternehmens Creditreform. Der Insolvenzantrag des Druckmaschinenherstellers Manroland habe strukturelle Gründe. Manroland ist der größte Hersteller der Welt von Zeitungsdruckmaschinen, einem schrumpfenden Markt. Auch die Insolvenz des Bauunternehmens Heitkamp sei kein Anzeichen für eine schlechtere Konjunktur. Im Gegenteil, gerade der Bau profitiere noch immer von Konjunkturprogrammen und von der steigenden privaten Investition in Immobilien, sowohl in Neubau wie in Sanierung.

Deutschlands Unternehmen seien heute finanziell stabiler aufgestellt als zu Beginn der Finanzkrise im Jahr 2008. Die Ertragslage und die Eigenkapitalausstattung geben derzeit keinen Grund zur Klage, stellt der Verband der Vereine Creditreform fest. Die Unternehmen haben in den zurückliegenden Jahren viel zur Verbesserung ihrer Kapitalstruktur getan. „Gegenüber 2002 hat sich der Anteil der mittelständischen Unternehmen, deren Eigenkapitalquote mehr als 30 Prozent beträgt, um mehr als zehn Prozentpunkte von 16,6 auf 28,7 Prozent erhöht“, sagt Rödl. In diesem Herbst haben so wenig Unternehmen wie noch nie in den zurückliegenden zehn Jahren über sinkende Erträge berichtet.

30.200 Unternehmen haben Insolvenz beantragt

Die gute Lage der Unternehmen schlägt sich auch im Insolvenzgeschehen nieder: Insgesamt haben in diesem Jahr 30.200 Unternehmen Insolvenz beantragt. Das waren knapp 6 Prozent weniger als im Vorjahr. Gemessen an der Zahl der betroffenen Mitarbeiter war Manroland die größte Insolvenz des Jahres 2011. Das Unternehmen hatte zuletzt 6500 Beschäftigte. Es folgte die Sellner-Gruppe mit 1600 Beschäftigten. Sellner gehört neben AKT und dem Felgenhersteller BBS zu den Autozulieferern, die in diesem Jahr Insolvenz beantragten. Sellner hatte offenbar zu hohe Ausschussquoten in der Oberflächenbearbeitung und hat sich verspekuliert. Das Verfahren ist zwar noch nicht abgeschlossen; große Teile sind aber bereits an einen chinesischen Autozulieferer verkauft worden.

Von der schlechten Lage im Rollenoffsetdruck war neben Manroland auch die Schlott-Gruppe betroffen. Für die Zentrale im Schwarzwald fand sich kein Käufer, sie wurde im Sommer geschlossen. Andere Druckereien der Gruppe konnten verkauft und weitergeführt werden.

Einst die größte Schmuckhandelskette Deutschlands

Eine Großinsolvenz anderer Art war der Zusammenbruch des Stromdiscounters Teldafax aus Troisdorf bei Bonn. Weil viele der 750.000 Stromkunden im Voraus bezahlt hatten, hat es der Insolvenzverwalter Bähr gemessen an der Zahl der Gläubiger mit der größten Insolvenz der deutschen Geschichte zu tun. Obwohl Teldafax seine Strom- und Gaslieferungen längst eingestellt hat, wird sich das Verfahren wohl dennoch einige Zeit hinziehen. Ein Hauptgrund der Insolvenz war ein Verkauf der Produkte unter Einstandspreis. Das geht selten gut.

Wenig Glück bei der Suche nach einem neuen Eigentümer hatte der Insolvenzverwalter Jan Markus Plathner, dem die Abwicklung der Insolvenz der Schmuckhandelskette Gold Meister GmbH, Hanau, übertragen wurde. Die meisten der 130 Filialen sind inzwischen geschlossen. Das von Douglas gegründete Unternehmen Gold Meister war einmal neben Christ die größte Schmuckhandelskette Deutschlands. Zuletzt gehörte Gold Meister einem englischen Unternehmen, das von einem türkischen Geschäftsführer aus Gibraltar geleitet wurde.

Eichborn wird als Marke weiterleben

Aber auch mit einem deutschen Investor kann man Pech haben. Das Traditionsunternehmen Wächtersbacher Keramik in Brachttal bei Frankfurt wurde geschlossen. Der angebliche Erfinder des Henkelbechers und Anbieter von Keramik in glänzenden und leuchtenden Farben war schon öfters in Schwierigkeiten. Große Hoffnungen hatte man in Turpin Rosenthal gesetzt, den Enkel des Porzellanfabrikgründers Philipp Rosenthal, der 2006 Eigentümer wurde. Er versuchte, das Keramikgeschäft mit dem Porzellangeschäft seiner Könitz Porzellan in Thüringen zu verbinden. Aber auch das konnte den Niedergang der Fertigung nicht aufhalten; Rosenthal behält nur noch die Marke.

Als Marke wird auch Eichborn den Buchfreunden erhalten bleiben. Aber als selbständiges Unternehmen musste der 1980 gegründete Frankfurter Verlag in diesem Jahr aufgeben, in dem unter anderem auch die viele Jahre von Hans Magnus Enzensberger betreute „Andere Bibliothek“ erschien. Während die „Andere Bibliothek“ künftig im Berliner Aufbau-Verlag erscheint, wird Eichborn als Marke der Verlagsgruppe Bastei-Lübbe in Bergischgladbach weiterleben. Eichborn hat es in seinem kurzen Leben doch zu großer Bekanntheit gebracht.

Veruntreuung von Spendengeldern

Das war bei Choren nie der Fall. Hier war die Zukunft schon zu Ende, bevor sie überhaupt begann. Choren wollte aus Holz und Stroh sogenannten Sun-Diesel produzieren. Konzerne wie Daimler, Volkswagen und Shell stiegen ein, zur Einweihung im April 2008 kam eigens die Bundeskanzlerin angereist. Im Juli dieses Jahres aber ging Choren in die Insolvenz. Shell hatte sich 2009 wieder zurückgezogen, in diesem Jahr gaben die Autokonzerne kein Geld mehr. „Der verfahrenstechnische Nachweis erfolgte bislang nur im Labormaßstab“, hieß es verschämt im Geschäftsbericht. Die Energieausbeute war zu gering. Die Firma verbrannte Medienberichten zufolge 100 Millionen Euro, davon über 30 Millionen Fördermittel aus öffentlichen Kassen.

Eine große Zukunft sah auch die Bremer Reederei Beluga vor sich. Unter Niels Stolberg war Beluga zum Marktführer in der Schwergutschifffahrt mit zuletzt 72 Schiffen und 670 Mitarbeitern aufgestiegen. Im März kam die Insolvenz. Gegen Stolberg und andere Führungskräfte ermittelt die Staatsanwaltschaft wegen Betrugs in besonders schwerem Fall und unrichtiger Darstellung. Sie sollen Umsatzerlöse im dreistelligen Millionenbereich falsch ausgewiesen und so Kapitalgeber getäuscht haben. Gegen Stolberg wird zudem wegen Veruntreuung von Spendengeldern ermittelt.

Insolvenz eines Insolvenzverwalters

Insolvent wurden auch die Hamburger Traditionswerft Sietas, der Motorradbekleidungshändler Polo, die einst große Kommunikationsagentur Leipziger & Partner sowie der Feuerwehrausrüster Ziegler. Dass Unternehmen in die Insolvenz geraten können, überrascht nicht. Manchmal aber stehen Unternehmen vor dem Aus, von denen man es nicht erwartet hätte. Mitte des Jahres gab die Krankenkasse City BKK ihr Geschäft auf. Sie hat zuletzt mit 400 Mitarbeitern 168.000 Versicherte betreut. Und Anfang des Jahres hat es sogar einen Insolvenzverwalter erwischt. Der Friedberger Verwalter Bernd Reuss hat die Eröffnung des Insolvenzverfahrens über das Vermögen mehrerer Gesellschaften in seinem Eigentum beantragt.

Die in diesem Jahr in die Insolvenz abgerutschten Unternehmen hatten insgesamt offene Schulden von 23,3 Milliarden Euro. Im Vorjahr waren es noch mehr als 30 Milliarden Euro, die insolvente Unternehmen ihren Gläubigern schuldig blieben. Die Zahl der von Insolvenz ihres Arbeitgebers betroffenen Mitarbeiter ging allerdings nur leicht um 1,7 Prozent auf 236.000 zurück.

Für das Jahr 2012 geht Creditreform von einer gleichbleibend ruhigen bis leicht zunehmenden Insolvenzentwicklung aus. Die Unsicherheiten durch die Konjunktur, die schwerere Kreditvergabe (Basel III) und das verabschiedete Gesetz zur weiteren Erleichterung der Sanierung von Unternehmen (ESUG) werde kompensiert durch die gute Finanzverfassung der Unternehmen. Das neue Insolvenzrecht soll Unternehmen unter anderem durch einen verstärkten Schutz vor Vollstreckungsmaßnahmen auch schon vor der Insolvenz in schwierigen wirtschaftlichen Situationen helfen, einen Insolvenzantrag zu vermeiden.

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Jahrgang 1955, Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Menschen und Wirtschaft“.

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