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Insolvente Drogeriekette Der Niedergang des Schlecker-Imperiums

 ·  Die Schleckers haben den Handel mit Seife und Kosmetik revolutioniert. Danach ihre Leute schlecht behandelt und den Ruf ruiniert. Nicht nur deshalb sind sie jetzt pleite.

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© Michael Trippel/laif Die Konkurrenz nimmt lieber die Kunden statt der Filialen: Lars und Meike Schlecker, die Kinder des Unternehmensgründers, kämpfen um ihr Erbe

Anton Schlecker ist jetzt nicht mehr nur der große Ausbeuter, jetzt gilt er gemeinhin als Versager. Alles hat er falsch gemacht, sagen sie nun, da der Mann am Boden liegt. Die angekündigte Insolvenz seines Unternehmens wird von jenem Erstaunen begleitet, das sich immer einstellt, wenn sich etwas Großes, Vertrautes plötzlich als vergänglich erweist. Doch es kommt noch Häme hinzu und irgendwie das oberflächliche Gefühl, ein böser Mann bekomme seine gerechte Strafe. Als ob die Welt so einfach wäre.

Anton Schlecker ist ein großer Unternehmer. Er hat eine Handelskette mit mehr als 10.000 Filialen aufgebaut, Kunden konnten billig und bequem Kosmetika kaufen, so etwas gab es vorher noch nicht. Heute scheint sein Lebenswerk aber nicht mehr in die Zeit zu passen. Seine Unternehmensstrategie ist gescheitert. Schlecker ist pleite.

Mitte der siebziger Jahre ging es los

Der gelernte Metzger aus Ehingen war nicht der Einzige, der sich Ende der sechziger, Anfang der siebziger Jahre aufmachte, Deutschland mit Drogerie-Discountmärkten zu überziehen. Außer ihm waren da noch drei andere Unternehmerpersönlichkeiten: Dirk Roßmann aus Hannover, Götz Werner (dm) aus Karlsruhe und Erwin Müller aus Ulm. Zusammen prägen sie heute den Handel mit Drogerieartikeln. Alle vier legten Mitte der siebziger Jahre so richtig los. 1974 war die Preisbindung für Drogerieartikel gefallen. Die Kunden konnten von da an über Sonderangebote und Niedrigpreise herbeigelockt werden.

Der Niedersachse Dirk Roßmann beansprucht die Position des Pioniers. 1972 hatte der Spross einer Drogistenfamilie in dritter Generation seinen ersten „Markt für Drogeriewaren“ in Hannover aufgemacht. Ein Markt war etwas ganz anderes als die Drogerien von damals: Bis dahin wurden Drogerieartikel hinter einem Tresen wie in der Apotheke verkauft. Das Quartett der Drogerie-Entrepreneure machte die Artikel billiger und manchen alteingesessenen Unternehmen den Garaus.

War Roßmann der Erste, so wurde Anton Schlecker der Schnellste: Er begann in Kirchheim/Teck 1975 mit seinem ersten Drogerie-Discountmarkt, nachdem er sich schon mit SB-Warenhäusern und Metzgereien versucht hatte. Zwei Jahre nach der Drogerie-Premiere hatte Schlecker schon 100 Läden. Das Unternehmen stieg schnell zum Branchenprimus auf, 1984 waren es 1000 Filialen. Von 1987 an expandierte Anton Schlecker ins europäische Ausland. In der Spitze führte er europaweit mehr als 14.000 Filialen, 50.000 Mitarbeiter und erwirtschaftete einen Jahresumsatz von mehr als 7 Milliarden Euro. In Deutschland konnte fast jeder seinen Schlecker zu Fuß erreichen.

Kärglicher als Aldi-Nord vor zehn Jahren

Dann passierte etwas mit Schleckers Kernpublikum, den Frauen, vor allem den Müttern: Sie blieben weg. Das ist gefährlich. Mütter bilden die begehrteste Kunden-Gruppe der Drogeriemärkte und sind deshalb heiß umkämpft. Ihnen kann man Windeln, Feuchtigkeitstücher, Babynahrung und Kinder-Shampoo andienen. Dazu Cremes gegen Schwangerschaftsstreifen. Das Gute ist, sie kommen immer wieder, zumindest solange sie Windeln brauchen. Und wenn sie sich dann eingewöhnt haben, bleiben sie treu. Weniger gut aus Sicht der Drogisten ist, dass die Mütter von heute extrem anspruchsvoll geworden sind. Sie wollen es zwar immer noch billig, aber jetzt soll das Sortiment fair gehandelt, gesund, möglichst ökologisch und anständig sein.

Nur in einer Hinsicht konnte die bankrotte Drogeriekette aus Ehingen den Anforderungen gerecht werden, und das auch nur oberflächlich: Im Schlecker wirkt immer alles billig. Wenn das die Idee des Firmengründers Anton Schlecker war, dann wurde sie mit beeindruckender Konsequenz umgesetzt. Die meisten Filialen sehen heute kärglicher aus als Aldi-Nord vor zehn Jahren.

Und Aldi hatte es im Gegensatz zu Schlecker vermocht, seine Kargheit zum Kult werden zu lassen. Bei Schlecker haftet der Bescheidenheit - mit den Augen von heute betrachtet - etwas Schäbiges an. Das ist nicht anziehend für die moderne Mutter, sie geht lieber zum dm-Drogeriemarkt, deren Gründer Götz Werner als die Personifizierung des ehrbaren Kaufmanns gilt. Er stellt für die Kleinen Schaukelpferde und Wickeltische in die Filialen, außerdem gibt es Wasserspender zum Durstlöschen.

Niedrige Preise findet der Kunde heute überall

Über Schlecker gab es jahrelang nur schlechte Presse, die Verkäuferinnen waren erwiesenermaßen schlecht bezahlt. Anton Schlecker und seine Frau Christa wurden Ende der neunziger Jahre wegen Betrugs verurteilt, weil sie Hunderte Mitarbeiter unter Tarif entlohnt hatten. Regelmäßig geisterten Meldungen durch die Medien, dass Schlecker-Filialen häufig überfallen würden und dass die armen Kassiererinnen noch nicht einmal ein Telefon zur Verfügung hatten, um Hilfe herbeizurufen.

All das schien die Kundschaft zu ertragen. Das Phänomen Schlecker entzauberte sich erst, als sich herumsprach, dass er gar nicht billiger war als die Konkurrenz. Vor anderthalb Jahren formulierte der bis dahin neurotisch öffentlichkeitsscheue Konzern zur allgemeinen Überraschung: „Der Wettbewerb ist stärker geworden und es kommen weniger Kunden in unsere Filialen. Die Gründe sind klar: niedrige Preise bei Drogerieartikeln findet der Kunde heute überall.“

Wenn aber die Preise nicht mehr das wichtigste Unterscheidungskriterium sind, dann werden andere Faktoren plötzlich wichtig. Freundliche Verkäuferinnen, angenehmes Ambiente, gutes Image und modernes großes Sortiment. Das hatte Schlecker nicht zu bieten, die Läden waren klein, die Verkäuferinnen zu abgehetzt mit dem Kassieren und dem Einräumen der Ware, um immer freundlich sein zu können.

Das letzte Argument

Und noch eine Lektion bekam er vom Wettbewerb erteilt: Obwohl er lange knauserte bei Mieten, Löhnen und Innenausstattung, gelang es ihm nicht, Kosten- und Preisführer zu bleiben. Das ist der Beweis einer falschen, weil gescheiterten Unternehmensstrategie. Seit 2008 schreibt die Kette rote Zahlen. Der Firmenlenker zog die Konsequenz: Er holte seine Kinder ins Boot, installierte neue Geschäftsführer. In den letzten Jahren schloss Schlecker mehr als 1000 Filialen, der Chef selbst schoss einen substantiellen zweistelligen Millionenbetrag aus seinem Privatvermögen ein, um die Kosten der Restrukturierung zu decken. Weitere 600 Schließungen stehen nun an. Im Dezember wurde die Gewerkschaft Verdi gebeten, einem Sanierungstarifvertrag zuzustimmen.

Seitdem lässt die Arbeitnehmer-Organisation Schleckers Geschäftszahlen prüfen. Die Verhandlungen mit Banken über eine Umstrukturierung scheiterten. Berater versuchen unterdessen - bisher vergeblich -, Investoren für den kranken Riesen aus Ehingen zu finden. Die Konkurrenz winkt ab: Sie nimmt lieber die Kunden statt der Filialen. Das einzige Argument pro Schlecker ist die Kundennähe: Wo alle anderen Händler sich längst verzogen haben oder ohnehin nie angesiedelt hätten, da gibt es noch einen Schlecker. Er will die Immobilen, die Bequemen und die Eiligen von nebenan bedienen. Das wollte Tante Emma auch.

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Jahrgang 1963, stellvertretender Ressortleiter Wirtschaft und „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

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