15.05.2006 · Was wir als Kulturleistung bewundern, von den Pyramiden der Ägypter über den Buchdruck bis hin zu Computern aus der Neuzeit: Alles sind Leistungen von Ingenieuren. Zukunftssorgen kennt der Berufsstand kaum. Aber Nachwuchssorgen.
Von Georg GiersbergOhne Ingenieure ist unser Leben nicht denkbar. Als Ingenieur gilt derjenige, der in verantwortlicher Position anspruchsvolle technisch-organisatorische Aufgaben löst. Und derer gibt es immer mehr. Die meisten Ingenieure der vergangenen sechs Jahrtausende dürften im letzten Jahrhundert gearbeitet haben.
Was wir als Kulturleistung bewundern, von der archimedischen Schraube aus dem alten Griechenland über die Pyramiden der Ägypter, die mittelalterlichen Festungsanlagen, den Buchdruck, die Hochöfen der Industrialisierung bis hin zu den Autos und den Computern aus der Neuzeit oder zum größten Staudamm der Menschheit, der gerade in dieser Woche in China seiner Bestimmung übergeben wird, alles sind Leistungen von Ingenieuren.
Der gefragteste Beruf in Deutschland überhaupt
Wie Politiker, Künstler oder Wissenschaftler sind Ingenieure am kulturellen Aufstieg der Menschheit beteiligt. Es ist daher auch keineswegs anmaßend, wenn sich der Verein Deutscher Ingenieure zu seinem 150. Geburtstag - den er heute mit einem Festakt in Berlin begeht - die „Geschichte des Ingenieurs. Ein Beruf in sechs Jahrtausenden“ (herausgegeben von den Professoren für Technikgeschichte Walter Kaiser und Wolfgang König im Hanser Verlag) zum Geschenk macht.
In Deutschland arbeiten mehr als eine Million Ingenieure täglich an neuen technischen Lösungen, knapp 700.000 von ihnen als Festangestellte. Und der Bedarf ist groß. 18.000 Stellen für Ingenieure sind nach Angaben des VDI derzeit unbesetzt. Mit 16.000 offenen Stellen ist der Maschinenbauingenieur der gefragteste Beruf in Deutschland überhaupt. Bei Elektroingenieuren, Informatikern und Bauingenieuren ist ebenfalls die Nachfrage viel höher als das Angebot.
Technikskepsis ist keine Erfindung der Neuzeit
Aber Ingenieur ist längst nicht mehr Traumberuf eines jeden Jungen, das Image des nach Neuheiten suchenden technischen Bastlers hat gelitten. Noch Mitte der sechziger Jahre gaben 41 Prozent der Befragten an, daß der Ingenieur einer der Berufe sei, vor denen sie viel Achtung empfänden. Im Jahr 2001 zollten dem Ingenieur nur noch 22 Prozent ihre Achtung. In diesen vierzig Jahren hat sich viel geändert. In den sechziger Jahren wurde Technik als ein Pfeiler des Wirtschaftswunders gesehen. Erst in den siebziger Jahren wurde die Umwelt kritischer. Bei der Einführung neuer Techniken ging es nicht mehr nur um die Chancen, es ging auch zunehmend um die Risiken, die Folgenabschätzung, die Umweltverträglichkeit, die Ausbeutung der Rohstoffreserven.
Technikskepsis ist aber keine Erfindung der Neuzeit. Im sechzehnten Jahrhundert - gerade hatte das Universalgenie Leonardo da Vinci in Zehntausenden von Zeichnungen das gesamte Spektrum der Ingenieurkunst vom Festungsbau über die Waffentechnik, den Kanalbau, Wasserhebeanlagen, Textilmaschinen, Uhrwerke, Fluggeräte und Tauchanzüge sowohl praktisch wie auch in der zeichnerischen Umsetzung wesentlich erweitert - mußte sich der aufkommende Bergbau auch gegen Kritik wie die Verarbeitung von Metallen zu Waffen oder die Fragwürdigkeit des Eindringens in die „Mutter Erde“ durchsetzen. Technik war und ist zu jeder Zeit ein Ergebnis gesellschaftlichen Wollens.
Warum die Zeit der prominenten Ingenieure vorbei ist
Auch in früheren Jahrhunderten wollten Staaten über die Förderung des technischen Fortschritts besser sein als andere. Aus keinem anderen Grund wurden die Technikschulen gegründet, die erste 1806 in Prag, die zweite wenige Jahre später in Wien. Aus diesen Schulen gingen die technischen Universitäten hervor, deren Absolventen erst seit wenigen Jahren ein Exklusivrecht auf den Titel Ingenieur haben. Der vom lateinischen Wort ingenium für Geist oder scharfen Verstand abgeleitete Titel steht aber schon seit dem 11. Jahrhundert für die technische Umsetzung wissenschaftlich erforschter Erkenntnisse.
Er ist verbunden mit vielen bekannten Namen wie August Nikolaus Otto (Erfinder des nach ihm benannten Verbrennungsmotors und Gründer der Kölner Deutz-Werke), Gottlieb Daimler, Wilhelm Maybach und Carl Benz (alles Entwickler des Autos), Carl von Linde (Kältemaschinenbauer) über Emil Rathenau (AEG-Gründer), Konrad Zuse (Erfinder des Computers) bis hin zu Manfred Ardenne (Elektrophysiker). Daß man mehr tote als lebende Ingenieure kennt, liegt auch an der Technik, die immer kleinteiliger wird. Die Zeit der großen, bahnbrechenden Entwicklungen ist abgelöst von der Weiterentwicklung bekannter Techniken, und das auch meist im Team.
Führend in eingebetteter Informationstechnik
Die wohl bekanntesten lebenden Ingenieure dürften derzeit Ferdinand Piech und Wendelin Wiedeking sein, allerdings verdanken sie ihren Ruhm mehr ihrer Managementleistung als Unternehmensführer denn ihrer ingenieurwissenschaftlichen Tätigkeit. Ebenso geht es Franz Fehrenbach, dem Wirtschaftsingenieur an der Spitze der Bosch-Gruppe. Aber es zeigt, daß Ingenieure bis in höchste Positionen unserer Wirtschaft vordringen.
Daß Ingenieure ihren Einfluß verlieren, steht ohnehin nicht zu befürchten. Wenn sich der VDI heute in Berlin zum Festakt trifft, wird er nicht nur zurück-, sondern auch nach vorn schauen. Und dabei viele Felder technischer Entwicklung erkennen, auf denen deutsche Ingenieure viel zu bieten haben. Optische Technologien wachsen derzeit um 20 Prozent in jedem Jahr, darunter die Umsätze mit Lasertechnik sogar um 40 Prozent. Deutschland spielt mit einem Weltmarktanteil von 15 Prozent an dem 80 Milliarden Dollar ausmachenden Weltmarkt eine wichtige Rolle. Gut aufgestellt ist Deutschland auch im Bereich der Nanotechnologie, die Materialien in so kleinen Einheiten einsetzt, daß sie ganz neue Eigenschaften entwickeln. Ein Exportschlager ist auch die Mikrosystemtechnik, der wir nicht nur den Herzschrittmacher verdanken, sondern auch zahlreiche sicherheitserhöhende Einbauten im Auto.
Aber auch in der Informationstechnik ist Deutschland führend - zwar nicht in der von Japanern und Amerikanern beherrschten Konsumelektronik, aber in der industriell eingesetzten Elektronik, vor allem den sogenannten „embedded systems“ (eingebettete Systeme), worunter zahlreiche Steuergeräte gehören, von der Steuerung ganzer Anlagen bis hin zur Steuerung kleinster Antriebe. Ein Luxusauto hat heute bis zu 100 Steuergeräte eingebaut, die für mehr Sicherheit und mehr Fahrkomfort sorgen. Ein Wermutstropfen ist die Biotechnologie, in der der VDI hierzulande Nachholbedarf empfindet. Die Aufgaben und Herausforderungen sprechen dafür, daß der VDI auch seinen dreihundertsten Geburtstag wird feiern können - wenn es gelingt, immer wieder junge Menschen von der Technik zu begeistern und neugierig zu machen für Neuentwicklungen. Nicht zuletzt die Nachwuchsförderung hat sich der VDI auf seine Fahne geschrieben, um die Ingenieurkunst nicht nach sechstausend Jahren abbrechen zu lassen.
Bauingenieure
Dominik Hartmann (had)
- 16.05.2006, 01:16 Uhr
Georg Giersberg Jahrgang 1955, Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Menschen und Wirtschaft“.
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