Herr Bauer, AMD senkt die Gewinnprognose, Texas Instruments meldet Umsatzrückgänge, ST Microelectronics dämpft die Wachstumserwartungen. Statt einst erwarteten 5 Prozent Wachstum droht dieses Jahr eine Stagnation. Machen Sie beängstigende Signale für die Chip-Branche aus?
Nein. Ich sehe keine Panikreaktionen bei unseren Kunden. Es ist schon ziemlich paradox: Die Realwirtschaft, auch die Elektronikindustrie, ist alles in allem trotz Abschwächung des bislang steilen Wachstums guter Dinge. Unsere Produkte sind weltweit gefragt; die Kapitalmärkte spiegeln das aber in keiner Weise wider, sie haben klar eine Krise in die Kurse eingepreist.
Geben Sie also Entwarnung?
Das nun auch wieder nicht. Unsere Kunden werden schon vorsichtiger. Das betrifft jedoch vorwiegend das konsumnahe Geschäft in der Unterhaltungselektronik und mit Personalcomputern für den privaten Bereich. Die Gesamtlage ist jedoch nach wie vor gut, unsere Bestände sind noch eher zu niedrig.
Das klingt nicht sonderlich überzeugt?
Klar ist der Scheitelpunkt im Markt erst einmal überschritten. Klar ist aber auch: Es handelt sich um eine Abkühlung und nicht um einen Absturz, wie wir ihn im Herbst 2008 nach der Lehman-Pleite erlebten.
Wie schlägt sich Infineon in dieser Gemengelage?
Sehr ordentlich. Unsere Kunden aus der Industrie-, Automobil- und Chipkartenbranche sind weiterhin erfolgreich im Markt, wenngleich sich der Auftragseingang auf Grund des erreichten hohen Niveaus abgeschwächt hat. Die weitere Entwicklung hängt maßgeblich davon ab, inwieweit die Unsicherheit der Märkte, die auf die Kreditwirtschaft durchschlägt, ihrerseits die Realwirtschaft mitreißen wird...
... dem sich auch Infineon nicht entziehen könnte?
Es macht sich positiv bemerkbar, dass wir im vergangenen Jahr unsere Handy-Chipsparte an Intel verkauft haben und insbesondere nicht mehr im Geschäft der Massenspeicherchips - der D-Rams - vertreten sind. Die Achterbahnfahrten in diesen Bereichen machen wir nicht mehr mit. Infineon konzentriert sich auf die drei gesellschaftlichen Megatrends Energieeffizienz, Mobilität und Sicherheit. Das Unternehmen ist heute vollkommen anders aufgestellt. Und wir sind in unserem Portfolio wesentlich robuster und stabiler geworden, aber immun gegen Konjunkturzyklen sind wir natürlich nicht.
Ist diese Erkenntnis an der Börse angekommen?
In den angelsächsischen Märkten und bei Investoren, die mit unserer Branche vertraut sind, schon. Ich habe aber den Eindruck, bei vielen Brokern auf dem Parkett, gerade auch in Europa gilt immer noch die Devise: Halbleiter ist gleich Halbleiter. Wir können uns aber nicht mit NXP Semiconductors und auch nur bedingt mit ST Microelectronics vergleichen, die beide viel stärker im konsumnahen Segment vertreten sind. Amerikanische und britische Beobachter vergleichen uns eher mit Texas Instruments, International Rectifier, Fairchild oder auch kleineren sogenannten „Analog-Unternehmen“. Das sind mit Ausnahme von Texas Instruments kleinere Unternehmen, die eine Zyklizität mit geringeren Amplituden haben und oft bessere Ergebnisse erzielen.
Was somit auch für Infineon gilt, das dieses Jahr einen Umsatzzuwachs von 20 Prozent auf 4 Milliarden Euro und eine operative Umsatzrendite von 20 Prozent erreichen soll?
Wir wollen mittelfristig, also über die nächsten fünf Jahre, stärker wachsen als der Gesamtmarkt. Der Umsatz soll in einem normalen konjunkturellen Umfeld um mindestens 10 Prozent zulegen. Über den gesamten Zyklus hinweg streben wir im Schnitt 15 Prozent operative Marge an. Natürlich kann es dann auch einmal ein konjunkturell schwächeres Jahr geben, in dem die Rendite nur einstellig ausfällt, um danach im Aufschwung wieder zweistellig zu werden.
Das ist mutig. Trotz Beschwichtigungen klingt nämlich bei Ihnen immer wieder Vorsicht durch. Im Juli sprachen Sie schließlich noch davon, dass auch 2012 ein Wachstumsjahr werden würde. Bleiben Sie bei der Aussage?
Seit Juli ist in der Gesamtwirtschaft viel passiert. Die Rettungsschirme etwa für die hochverschuldeten Euro-Staaten werden wohl so groß gemacht, dass die Realwirtschaft am Ende nicht bruchlandet. Sollten jedoch die Kapitalmärkte mit ihrem Pessimismus recht behalten und die Entwicklung der Realwirtschaft vorwegnehmen, dann könnte es deutlich steiler bergab gehen. Vielleicht kann ich die Entwicklung am 16. November auf unserer Jahrespressekonferenz besser abschätzen. Heute ist das zu früh. Wir befinden uns zwar nicht im Blind-, aber im Instrumentenflug.
Rund 250 Millionen Euro investiert Infineon für die Chipproduktion auf 300-Millimeter-Siliziumscheiben. Für das Werk Kulim in Malaysia ist ein weiterer kräftiger Kapazitätsausbau geplant. Dieses Jahr belaufen sich die Investitionen auf 850 Millionen Euro. Können Sie dieses Investitionstempo angesichts der Unsicherheiten aufrechterhalten?
Man muss unterscheiden zwischen strategischen Investitionen und Kapazitätsinvestitionen. Die strategischen Investitionen werden wir nicht anfassen. Die 300-Millimeter-Produktion sichert uns die Erfolge von morgen. Bei den Kapazitätsinvestitionen könnten wir, je nach Konjunktur- und Marktlage, Vorhaben verschieben. Wir müssen jedoch bereits heute an das übernächste Jahr denken und unsere Investitionen darauf abstellen, dass wir weiter wachsen wollen.
... wenn Sie Investitionen schieben wollen, schwant Ihnen doch Schlimmeres?
Nein, aber wir können doch die Augen nicht vor der gesamtwirtschaftlichen Lage verschließen. Zu viele Leerkapazitäten wären einfach nicht gut. Wir beraten angesichts der Prognoseunsicherheit wöchentlich darüber, welche Umsätze zu erwarten sind und wie die Kapazitäten entsprechend angepasst werden müssten. In eine Nebelbank fahren wir nicht mit Vollgas. Doch wie gesagt, an den strategischen Investitionen gibt es nichts zu rütteln.
Infineon sitzt immer noch auf mehr als 2 Milliarden Euro Netto-Liquidität, dank des Verkaufs der Mobilfunksparte Anfang des Jahres für 1,1 Milliarden Euro. Haben sich die Prioritäten zwischen Investitionen, Aktienrückkauf, Dividende und Akquisitionen seitdem verschoben?
Nein. Die Investitionen haben wir bis Ende des dritten Quartals weitestgehend aus dem freien Mittelzufluss finanziert, also aus dem operativen Geschäft. In die Zukunft hinein garantiert uns unsere Liquidität Investitionssicherheit auch bei eventuell schwächeren Umsätzen. Organisches Wachstum hat eindeutig Priorität vor Zukäufen, genauso wie es die strategischen Investitionen haben. Akquisitionen betrachten wir mit Vorsicht, da haben wir derzeit nichts in der Pipeline.
Ist da überhaupt etwas am Markt?
In guten Zeiten sind Zukäufe teuer. In schlechteren Marktphasen wird ein interessantes Unternehmen nur mit kräftigen Aufschlägen verkauft. Attraktive Angebote sind also rar. Darüber hinaus muss ein Kaufkandidat wertsteigernd sein und zu Infineons strategischer Ausrichtung passen. Es gibt keinen Handlungsdruck, da wir keine neue Geschäftssäule aufbauen wollen.
Was ist mit dem laufenden Rückkauf eigener Aktien und einer Dividende?
Mit dem Aktienrückkauf, den wir im Mai begonnen haben und der ein Volumen von bis zu 300 Millionen Euro in den verbleibenden zweieinhalb Jahren erreichen kann, machen wir gute Fortschritte. Zugegebenermaßen hilft uns in diesem Punkt auch der gegenüber Mai deutlich gesunkene Aktienkurs, selbst wenn es im Moment die Aktionäre weniger erfreuen mag. Daher beschleunigen wir das Programm etwas. Und mit der Zahlung von 0,10 Euro haben wir 2011 seit langem wieder eine Dividende gezahlt und wollen dies auch weiterhin tun ...
... die für manche Aktionäre viel zu gering ist?
Finden Sie? Wenige Firmen der Chipbranche zahlen angesichts der zyklischen Abläufe überhaupt eine Dividende. Insofern ist sie doch ganz gut und Zeichen der Stabilität.
Und was machen Sie nun mit dem ganzen Geld?
In diesen Tagen sind solide Bilanzen gefragt - und die haben wir. Unsere langfristig orientierten Investoren können damit gut leben. Bei ihnen gibt es sogar die Erwartungshaltung, dass Infineon gut mit Kapital ausgestattet bleibt. Das heißt nicht, dass wir nun noch mehr Geld ansammeln und den luxuriösen Zustand einer hohen Netto-Liquidität über Jahre beibehalten wollen. In der aktuellen Phase aber drängt uns nichts zum schnellen und schon gar nichts zum voreiligen Handeln.
