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Donnerstag, 09. Februar 2012
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Infineon-Chef Bauer im Interview Hoher Gewinn durch Handychip-Verkauf

07.09.2010 ·  Infineon wird aus dem Verkauf seiner Sparte Mobilfunkchips an Intel einen außerordentlichen Gewinn in Höhe eines mittleren dreistelligen Millionenbetrages erzielen. Das kündigt der Vorstandsvorsitzende Peter Bauer im Gespräch mit der F.A.Z. an. An eine Sonderausschüttung denke Infineon aber nicht.

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Herr Bauer, Sie haben Ihre florierende Sparte, die Mobilfunkchips herstellt, die sogar im iPad oder im iPhone von Apple Verwendung finden, an Intel verkauft. Warum sollte uns Infineon danach noch interessieren?

Weil die drei verbleibenden Geschäftsbereiche extrem attraktiv, zukunftssicher und an der Weltmarktspitze sind – und weil sie großes Wachstumspotential haben.

Davon weiß nur kaum jemand etwas…

... wenn das so wäre, müssten wir das ändern. Nehmen Sie unseren Bereich Automotive, der für Kunden aus der Autoindustrie arbeitet. Schon heute befinden sich zum Beispiel in einem 5er von BMW rund 70 Steuergeräte mit einer Vielzahl von Infineon-Komponenten. Vom Wandel hin zur Elektromobilität werden wir unmittelbar profitieren: Zur Steuerung der Leistung von Elektromotoren braucht man Chips – in der Regel von uns. Wir rechnen damit, dass der Anteil an Chips für diese Fahrzeuge auf durchschnittlich 900 Dollar steigen wird während es heute für ein herkömmliches Auto durchschnittlich 300 Dollar sind.

Und die anderen beiden Sparten?

Im Segment Chip Card & Security erhöhen wir die Datensicherheit bei Chipkarten und elektronischen Ausweisdokumenten mit unseren Lösungen. Im Bereich der Industrieelektronik liefern wir unter anderem die Produkte zur Erzeugung von Strom mit erneuerbaren Energien, zur Umspannung von Strom aber auch zur Ansteuerung von Verbrauchern wie LED-Leuchten.

Wie groß ist der Markt?

Da reden wir über einen Markt, der bald ein Volumen von 11 bis 14 Milliarden Euro im Jahr erreichen kann. Auf der Anbieterseite ist er sehr fragmentiert. Aber wir sind Weltmarktführer. Windkraft, Solarstrom, Licht, Elektromotoren, Netzteile aller Art, verbrauchsarme Haushaltsgeräte – all dies sind eindeutig Wachstumsmärkte.

Und da sind Sie nun gut positioniert?

Ja. Wir liefern die notwendigen Innovationen für die Bereiche Energieeffizienz, Mobilität und Sicherheit, die eine hohe gesellschaftliche Relevanz und eine steigende ökonomische Bedeutung haben.

Gleichwohl: Noch immer erschließt sich vielen nicht, warum Sie die derzeit so erfreulich arbeitende Mobilfunkchipsparte an Intel verkaufen ...

Im Kern geht es darum, unser Portfolio weniger volatil und insgesamt margenstärker auszurichten. Nach der Ausgliederung des Speichergeschäftes und der drahtgebundenen Kommunikation nun unsere Wireless-Aktivitäten. Schon vor zwei Jahren gab es allererste Kontakte mit Intel, in denen wir zwischen den Zeilen das Interesse ausloteten. In absehbarer Zeit wären zum Ausbau des Geschäftes weitere hohe Investitionen erforderlich gewesen. Dieses Geld hätte unseren margenstärkeren Bereichen dann nicht zur Verfügung gestanden. Zu Intel passt es gut und besser ...

... die dafür 1,1 Milliarden Euro zahlen.

Der Zeitpunkt ist günstig. Wir haben das Geschäft hervorragend entwickelt. Derzeit floriert der Bereich. Er ist profitabel. Der Käufer und wir haben etwas davon. Wir sparen Investitionen, die wir für unsere Kernbereiche Automotive, Industrie und Chipkarten einsetzen können. Eine zweistellige Umsatzrendite, wie wir sie im übrigen Geschäft erzielen, sind bei unserer Größe und bei zusätzlichen Investitionen im Mobilfunkmarkt schwer zu erreichen. Insgesamt erhöhen wir so unsere Rentabilität. Die Marge verbessert sich allein schon durch die hohen Umsatzrenditen vor Zinsen und Steuern von 16 Prozent im Auto- und von 20 Prozent im Industriegeschäft erheblich.

Wie viel außerordentlichen Ertrag werden Sie aus dem Verkauf erzielen?

Einen mittleren dreistelligen Millionenbetrag. Mit der Differenz zwischen Verkaufserlös und Buchwert müssen noch Restrukturierungskosten im Zusammenhang mit der Trennung und der Entflechtung etwa in der Verwaltung verrechnet werden.

Haben die Aktionäre etwas davon?

An eine Sonderausschüttung denken wir nicht, falls Sie das meinen. Aber Aufsichtsrat und Vorstand sind sich der Interessenlage der Aktionäre in Bezug auf eine Dividende bewusst. Darüber wird der Aufsichtsrat auf der Sitzung im November entscheiden.

Kaufen Sie etwa Aktien zurück?

Das sehe ich derzeit nicht. Der Vorstand schlägt die Mittelverwendung vor, und der Aufsichtsrat entscheidet darüber.

Wie gehen Sie dann mit dem Geldsegen um?

Über diese Frage kann ich mich wirklich freuen. Vor zwei Jahren hätte doch niemand für möglich gehalten, dass die überhaupt gestellt werden kann ...

… als Infineon um die Existenz kämpfte.

Heute haben wir hier fast ein Luxusproblem. Aber im Ernst: Zum einen ist eine vernünftige Nettoliquidität in der Halbleiterbranche sehr wichtig. So sind wir in der Lage, auch in einem konjunkturellen Tal investieren zu können, wie es andere Wettbewerber in der vergangenen Krise gemacht haben. Die Bargeldposition ist heute sehr stark. Wir haben einiges damit vor. Unser schon erwähntes, verbleibendes Kerngeschäft hat noch ein sehr großes Wachstumspotential. Es ist schon in den vergangenen zehn Jahren durchschnittlich um fast 10 Prozent expandiert, 3 bis 4 Prozentpunkte stärker als der Markt. Und es wird weiter wachsen. Wir werden noch stärker in die Fertigung, auch in die Umstellung der Produktion von 200- auf 300-Millimeter-Scheiben für die Leistungselektronik investieren. Damit erhöhen wir die Produktivität.

Und in Akquisitionen?

Akquisitionen gehören eindeutig zu unserer Strategie. Sie sind neben organischem Wachstum ein bedeutendes Element. Derzeit haben wir jedoch nichts in der „Pipeline“. Abgesehen davon ist das Preisniveau aktuell auch sehr hoch. Wir schauen uns um, ob es kleine, mittlere oder große Übernahmekandidaten gibt. Ein Zukauf kommt aber nur dann in Frage, wenn strenge Kriterien erfüllt werden.

Welche sind das?

Der Kauf muss strategisch in unser Portfolio passen, die Zielmargen des Konzerns erreichen, und er muss für die Infineon-Aktionäre wertsteigernd sein. Darüber hinaus muss eine geeignete Firma zur Ergänzung von Infineon auch verfügbar sein. Derzeit ist das eher schwierig.

Aber die Aktionäre vermissen doch gerade den zweiten Teil der Verkaufsgeschichte, wie der Kursrückgang in diesen Tagen zeigt.

Viele unserer Investoren fordern: Lasst euch Zeit mit Akquisitionen. Die wollen nicht, dass wir voreilig und unüberlegt handeln. Wir sprechen beispielsweise mit Pensionsfonds, die langfristig bei uns investiert sind. Die machen überhaupt keinen Stress.

Auch die angelsächsischen unter ihnen?

Die genauso. Die geben uns Zeit, auch die großen Anteilseigner wie Dodge & Cox. Ich weiß aber auch, dass wir gegenüber der Öffentlichkeit noch entsprechend ausführlich kommunizieren müssen, wie es weitergeht ...

… also eine Art „Roadmap“ – einen Plan für die Investitionen in der Zukunft – präsentieren?

Wir werden weiter erläutern, warum wir an ein hohes organisches Wachstum unserer Bereiche glauben und wie wir es erreichen wollen, etwa mit dem Ausbau der Forschung und Entwicklung sowie dem Ausbau der Fertigung. Eine detaillierte Roadmap für Akquisitionen ist nicht möglich, so etwas diskutiert man nicht öffentlich.

Der Börse gefällt das bisher Kommunizierte jedenfalls nicht.

Die Infineon-Aktie ist offenbar nach wie vor ein Titel, der gern von Brokern und Tradern gehandelt wird. Der Aktienkurs reflektiert allzu häufig nicht das Handeln des Unternehmens. Er zuckt mit erheblichen Ausschlägen nach jeder noch so kleinen Neuigkeit aus der Hightech-Branche. Nach dem Abschluss des Verkaufs der Mobilfunksparte hatten wir eigentlich mit einer nur geringen Bewegung gerechnet, da ja das Ergebnis mit dem Kaufpreis absehbar war.

Der Kursverfall gegenüber April und Mai hat also nichts mit dem Verkauf zu tun?

Aktuell wird die Halbleiterbranche insgesamt wegen der langsamen Abflachung der Konjunktur in der Computerindustrie und im Konsum zurückgestuft. Aber eines ist auch klar, die meisten Analysten sehen die Aktie unterbewertet, gerade auch nach dem Verkauf, und erwarten mittelfristig eine deutliche Aufwärtsbewegung.

Angesichts des niedrigen Kursniveaus und einer vollen Kasse von deutlich mehr als 2,2 Milliarden Euro macht sich Infineon selbst zum Übernahmekandidat. Droht da Ungemach?

Nein. Da mache ich mir keine Sorgen. Ohne einen satten Aufschlag von 40 Prozent auf unsere Cash-Position wäre ein Übernahmeversuch gar nicht zu machen. Wir sind mit einer Marktkapitalisierung von derzeit 5 Milliarden Euro mit dem Zehnfachen unseres Ergebnisses vor Zinsen und Steuern bewertet. Das kann sich auch mit Blick auf die Wettbewerber sehen lassen. Auf der anderen Seite haben wir das klassische Restrukturierungsthema hinter uns. Ein nennenswerter Kostenabbau ist bei uns nicht mehr herauszuholen. Und zerlegt werden können wir auch nicht.

Wieso? Infineon lässt sich mit seinen drei verbleibenden Bereichen Automobilzulieferung, Industrie und Chipkarten & Sicherheit doch geradezu vorbildlich filetieren?

Weit gefehlt! Wir sind nicht zerlegbar. Infineon hat einen Status erreicht, in dem die verschiedenen Bereiche stark in der Entwicklungs- und Produktionsstruktur zusammengewachsen sind und nicht nur dort. Das kann man nicht trennen. Würde zum Beispiel die Automotive-Sparte aus dem Infineon-Verbund herausgelöst werden, gäbe es hohe Mengen- und Skalennachteile im Bereich der Leistungselektronik. Das wäre ein Desaster. Die drei Bereiche hängen synergetisch miteinander zusammen. Eine Besonderheit im Autogeschäft ist zum Beispiel, dass die Zeitspanne von der Entwicklung bis zur Produktion großer Stückzahlen relativ groß ist. Dies liegt an der aufwendigen Prozedur mit vielen Zulassungsverfahren seitens der Kunden, bis ein Chip tatsächlich in Serie geht. Hier hilft die Industrieelektronik, denn dort lassen sich die auf der gleichen Technologiebasis gefertigten Produkte ohne diese so aufwendigen Zulassungsverfahren schneller in den Markt bringen. Somit sorgen sie frühzeitig für eine Grundauslastung und einen schnelleren Beginn des Return-on-Invest.

Intel oder Samsung könnte doch Interesse haben? Die hätten jedenfalls genug Geld, auch für eine ordentliche Prämie.

Intel hat kein Interesse. Das weiß ich ja nun aus den intensiven monatelangen Verhandlungen. Auch Samsung sehe ich nicht. Das passt nicht. Es gibt keinen größeren Wettbewerber, der eine unfreundliche Übernahme riskieren würde. Unfreundliche Übernahmen sind im Halbleitergeschäft, bei dem sie zwingend auf die Kreativität der Mitarbeiter und Loyalität des Managements angewiesen sind, nicht erfolgreich zu stemmen.

Verkaufen Sie selbst noch etwas?

Nein, zumindest nichts Nennenswertes. Unser Portfolio stimmt.

Hat sich die Zusammenarbeit mit dem Aufsichtsrat und dessen seit Januar amtierendem Vorsitzenden Klaus Wucherer geändert?

Mit Herrn Kley habe ich gut zusammengearbeitet, mit Herrn Wucherer arbeite ich gut zusammen. Der Aufsichtsrat unterstützt unseren Kurs. Dafür bin ich dankbar.

Herr Wucherer hat nach dem Widerstand von Aktionärsgruppen im Januar zugesichert, nur ein Jahr das Amt auszuüben. Wie weit ist Infineon mit der Suche nach einem Nachfolger?

Das ist, wie Sie wissen, nicht meine Angelegenheit. Wie ich aber höre, läuft die Kandidatensuche nach Plan. Herr Wucherer hat mit Investoren im Vorfeld Gespräche geführt, um deren Interessenlage zu berücksichtigen und um die Suchkriterien abzuklopfen.

Hat er auch mit seinen Kritikern gesprochen?

Auch das.

Mit dem plötzlichen Ausscheiden von Finanzchef Marco Schröter Anfang August – ausgelöst durch unterschiedliche Auffassungen – haben Sie kommissarisch das Ressort übernommen. Behalten Sie es?

Natürlich nicht. Wir werden voraussichtlich Anfang nächsten Jahres einen neuen Finanzvorstand haben. Er wird, wie es jetzt aussieht, von außen kommen.

Hermann Eul, gegenwärtig im Vorstand noch für Technologie, Vertrieb und vor allem für die Mobilfunkchips zuständig, wird mit der Transaktion zu Intel wechseln. Wird sein Posten wieder besetzt?

So wie die Struktur des Unternehmens künftig ist, werden drei Vorstandsmitglieder mit Reinhard Ploss, einem neuen Finanzvorstand und mit mir wohl ausreichen.

Die drei Geschäftsbereiche von Infineon

Die Infineon Technologies AG ist 1999 aus dem Halbleitergeschäft des Siemens-Konzerns hervorgegangen. Das Unternehmen entwickelt, fertigt und vermarktet Halbleiterprodukte und komplette Systemlösungen - nach dem Verkauf der Sparte für Mobilfunkchips an Intel verbleiben noch drei Geschäftsbereiche: Das Segment Automotive steht für Halbleiterprodukte für Anwendungen in der Automobilindustrie.

Im Segment Industrial & Multimarket bietet Infineon Halbleiterprodukte für Anwendungen in der Industrieelektronik, und auch verbrauchernahen Bereichen wie beispielsweise Lösungen für PC-Netzteile. Im Segment Chip Card & Security geht es um Lösungen für Chipkarten oder neue Ausweisdokumente. Mit diesen Produkten will das Unternehmen von den Wachstumsthemen Energieeffizienz, Mobilität und Sicherheit profitieren. Im vergangenen Jahr lag der Umsatz von Infineon bei rund 3 Milliarden Euro.

Das Gespräch führten Carsten Knop, Rüdiger Köhn und Holger Steltzner.

Quelle: F.A.Z.
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