Home
http://www.faz.net/-gqi-yuuz
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Industrie Hannover Messe am Puls der Zeit

 ·  Nach zwei Jahren Trübsal findet die Hannover Messe nun in einer Stimmung des geradezu überschäumenden Optimismus statt. Im Mittelpunkt der größten Investitionsgütermesse der Welt stehen in diesem Jahr die alternativen Energien. Selten war die Messe so am Puls der Zeit wie in diesem Jahr.

Artikel Bilder (1) Lesermeinungen (0)

Von der Hannover Messe gehen Impulse aus: Wo 6500 Aussteller und mehr als 200.000 Fachbesucher zusammenkommen, kann man den Zustand der Wirtschaftslage mit allen Sinnen erleben. Und die nehmen Erfreuliches wahr. Nach zwei Jahren mit schwacher Konjunktur findet die größte Investitionsgütermesse der Welt nun in einer Stimmung des geradezu überschäumenden Optimismus statt.

Wurde vor zwei Jahren die bange Frage gestellt, wie schlimm sich die Finanzkrise wohl in der realen Wirtschaft niederschlagen werde und war man sich vor einem Jahr nicht sicher, ob nach einem ersten zaghaften Aufschwung nicht doch noch eine abermalige Delle (Double-dip-Rezession) kommen würde, stehen in diesem Jahr alle Zeichen auf Wachstum und Zuversicht. Beides dürfte in Hannover verstärkt werden.

In diesem Jahr lohnt sich ein Blick auf die Hannover Messe aber vor allem aus technischen Gründen. Denn die Hannover Messe ist nicht nur die größte Industriemesse, sie ist auch die größte Energiemesse der Welt. Die Messe steht unter dem zunächst etwas abstrakten Thema „Smart Efficiency“ und versteht darunter mehr Effizienz beim Ressourceneinsatz, in der Prozesstechnik und bei den Kosten.

Energieeinsatz reduzieren

Damit versucht die Messe Antworten sowohl auf die starken Erhöhungen der Rohstoffkosten zu geben, indem rohstoffsparende Techniken gezeigt werden. Die Messe wird vor allem aber Antworten auf die durch das Kraftwerksunglück in Japan ausgelösten Fragen nach einer sicheren Stromversorgung bieten. Im Mittelpunkt der Messe stehen alle Verfahren und Anlagen, die eine alternative Stromerzeugung zur Kernenergie ermöglichen und solche, die helfen, den Energieeinsatz zu reduzieren. Nach Ansicht vieler Fachleute ist die größte Energiequelle nicht Öl, Kohle oder eine der alternativen Energien, sondern die Energieeffizienz. Das Potential scheint nirgendwo ausgeschöpft, weder in der Industrie noch in den privaten Haushalten.

Auf einen Satz gebracht lautet daher die alles überlagernde Frage der Hannover Messe: Wie kann mit einem geringeren Energieeinsatz ein größerer Nutzen erzielt werden? Hier erweist es sich als Vorteil, dass in Hannover als einziger Messe auf der Welt das gesamte Spektrum der Energietechnik von der Produktion über die Verteilung bis zur Nutzung abgebildet wird. Alle Stromerzeugungsarten außer der Kernenergie werden ausgestellt.

Intelligente Stromnetze

Das zweite große und geradezu klassische Thema der Hannover Messe ist die Automation. Auch hier geht es bei aller Vernetzung und Optimierung immer wieder um die energiesparendere Produktion. Und verbunden wird alles über die intelligenten Netze, die sogenannten „Smart Grids“, die Energie optimal verteilen sollen. In großflächigen Unternehmenspräsentationen zeigen zahlreiche Hersteller vom Mittelständler bis zu Volkswagen oder Siemens, wie weit sie im Energiesparen oder in der Nachhaltigkeit schon fortgeschritten sind.

Es gibt einen weitgehenden Konsens in der Wirtschaft, dass die Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen nur reduziert werden kann, wenn alle effizienter mit Energie umgehen. Und es herrscht auch Einigkeit darüber, dass die Techniken dazu – von der Energieerzeugung über die Weiterleitung bis zur Verteilung und Nutzung – vorhanden sind. Da muss nichts mehr erfunden werden. Es muss nur angewandt werden.

Bisher hat sich die Industrie aber verhalten wie der private Haushalt: Ausgetauscht wird erst, wenn die alte Anlage kaputt ist. Daher haben sich bisher energieeffiziente Anlagen nicht so schnell durchgesetzt wie erwartet. Das könnte sich als Folge der jüngsten Diskussionen um Kernenergie ändern. Alle Hersteller energieeffizienter Anlagen verspüren eine große Offenheit gegenüber ihren Angeboten. Viele Investoren fürchten offenbar schon bald strengere gesetzliche Vorschriften zum Einsatz energiesparender Techniken. Dem möchten sie zuvorkommen, indem sie selbst über den Einsatz solcher Techniken entscheiden.

Sonderschau: die Metropolen von morgen

Die derzeitige Energiediskussion ist also dazu geeignet, der Wirtschaft zusätzlich zum schon bestehenden wirtschaftlichen Wachstum einen weiteren Umsatzschub zu verschaffen – und hier gerade den deutschen Unternehmen. Der Umsatz mit „grünen“ Technologien wird für das Jahr 2020 auf bis zu 2 Billionen Euro geschätzt, allein der Ausstieg aus der Kernenergie soll der deutschen Wirtschaft zusätzliche Aufträge über 65 Milliarden Euro bescheren.

Zudem ist Energiesparen kein rein deutsches Thema. Schon vor der aktuellen Diskussion hatte sich die Messe entschlossen, in diesem Jahr erstmals in einer Sonderschau zu zeigen, wie die Metropolen von morgen nur zu führen sind, wenn sie ihre Infrastruktur energiesparend ausrüsten. Dass hier ein großer Absatzmarkt gesehen wird, zeigt nicht zuletzt der Aufbau einer entsprechenden Infrastruktursparte durch Siemens in den vergangenen Tagen.

Es bestehen also gute Aussichten, dass die diesjährige Hannover Messe nicht nur eine der größten, sondern auch eine der erfolgreichsten wird. Selten war sie so am Puls der Zeit wie in diesem Jahr.

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel

Jahrgang 1955, Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Menschen und Wirtschaft“.

Jüngste Beiträge

Mütter der (Solar-)Subvention

Von Lisa Nienhaus

Wieso regen wir uns auf über billige chinesische Solarmodule? Eigentlich sollten wir uns einfach bedanken und freuen, dass die Energiewende so etwas günstiger vonstatten geht. Mehr 21 31

Wichtigste Werte
Name Wert Änderung
  F.A.Z.-Index --  --
  Dax --  --
  Dow Jones --  --
  Euro in Dollar --  --
  F.A.Z.-Anleih… --  --
  Gold --  --
  Rohöl Brent --  --
  Bund Future --  --