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Indien Heimfahrt als Hochsicherheitstransport

 ·  Nach der Vergewaltigung und Ermordung der jungen Inderin in Delhi versucht Indiens Softwareindustrie, ihre vielen Mitarbeiterinnen besser zu schützen.

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Die Vergewaltigung und Ermordung der jungen Inderin in Delhi hat die Beschäftigung Hunderttausender junger Frauen im Schichtdienst in der Datenverarbeitungsindustrie in Indien in den Blickpunkt gerückt. Erst vor wenigen Wochen hatte der Oberste Gerichtshof in der Wirtschaftsmetropole Bombay (Mumbai) das Todesurteil gegen zwei Männer bestätigt, die 2007 in Pune die 22 Jahre alte Jyoti Choudhry, Mitarbeiterin im Callcenter Spectramind des Softwarekonzerns Wipro, entführt, vergewaltigt und ermordet hatten. Das Opfer hatte an seinem letzten Arbeitstag bei Wipro abends ein vom Unternehmen angefordertes Taxi bestiegen, und war dann vom Fahrer und seinem befreundeten Beifahrer misshandelt und ermordet worden.

Nach dem brutalen Überfall in Delhi am dritten Adventssonntag fühlen sich die Computer- und Softwareunternehmen Indiens noch mehr in der Pflicht, ihre Mitarbeiterinnen zu schützen. Som Mittal, der Präsident des indischen Branchenverbandes Nasscom, kündigte an, dass die Firmen „die Richtlinien überprüfen“, die eine sichere Heimfahrt der Mitarbeiterinnen auch nachts garantierten. „Unternehmen können aber nicht die Rolle der Polizei übernehmen“, warnte Mittal mit Blick auf das weitgehende Versagen des indischen Staates.

Immer wieder kommt es zu Übergriffen auf die jungen Frauen, die der gut bezahlten Arbeit in einem Callcenter nachgehen. Da sie von Indien aus auch für die Telefon-Hotlines für Unternehmen aus Europa und Amerika wie etwa Lufthansa, Microsoft oder große Versandhäuser arbeiten, sind sie im Schichtdienst tätig. Viele Eltern weigern sich deshalb, ihre Töchter zu den großen Datenverarbeitungsunternehmen zu schicken, obwohl die als Arbeitgeber eigentlich einen hervorragenden Ruf genießen. Dennoch sind ein Drittel der Mitarbeiter in Indiens hoch entwickelter Softwareindustrie Frauen. Im wachsenden Geschäft mit der Auslagerung von Geschäftsprozessen und Anrufzentren liegt der Frauenanteil bei gut 50 Prozent. Nach dem Mord an Choudhry vor rund sechs Jahren war der damalige Präsident von Nasscom, Kiran Karnik, gezwungen, Stellung zu den Sicherheitsbedingungen der Mitarbeiterinnen zu nehmen. „So etwas passiert vor allem aufgrund der zunehmenden Kriminalisierung. Dieser Fall hat nichts damit zu tun, dass es sich um ein Callcenter handelt. Er ist vor allem darauf zurückzuführen, dass immer mehr Frauen arbeiten.“

Allerdings fügte er an, dass seine Branche als Arbeitgeber durchaus in der Pflicht stehe, möglichst viel für die Sicherheit ihrer Mitarbeiterinnen zu tun. „Frauen sollten niemals die ersten oder die letzten sein, die abgeholt werden. Zweitens muss Technologie eingesetzt werden, um die Sicherheit zu verbessern. Drittens brauchen wir Wachmänner in den Taxis.“

Immer wieder schreckten die Vergewaltigungen in der Vergangenheit die Branche auf. Im Dezember 2005 war eine 24 Jahre alte Mitarbeiterin im Callcenter von Hewlett-Packard in der Softwarehauptstadt Bangalore nach Schichtende vom Fahrer des Firmenwagens entführt, im Auto vergewaltigt und ermordet worden. Nach der Vergewaltigung einer Mitarbeiterin eines Callcenters bei Delhi im Jahre 2010 in einem fahrenden Kleinlaster durch fünf Männer hatte die Polizei dort die Unternehmen aufgefordert, Listen ihrer Fahrer und der angeforderten Taxiunternehmen zu erstellen. Zugleich forderte die Polizei die Unternehmen auf, nur ihre „erfahrensten und verlässlichsten Fahrer“ für den Transport der Mitarbeiterinnen einzusetzen.

Infosys bietet Frauen ein Sicherheitstraining für Heimfahrten an

Auch weil die Unternehmen - gerade die ausländischen Investoren - nach den Verbrechen um ihren guten Ruf fürchteten, hat sich manches geändert. „Wir werden eine Viertelstunde, nachdem wir zu Hause angekommen sind, von unserem Transportteam angerufen, um zu prüfen, ob alles glattgegangen ist. Sind wir die letzte, die abgesetzt wird, begleiten uns der Fahrer und ein Sicherheitsmann“, erzählt die Mitarbeiterin eines global tätigen Unternehmens in Bangalore. „Das erscheint mir als ein sehr effektiver Weg, unsere Sicherheit zu garantieren.“

Die meisten Unternehmen der Branche halten sich an die Richtlinien, die Nasscom inzwischen herausgegeben hat. Sie halten die Mitarbeiterinnen unter anderem dazu an, sehr aufmerksam zu reagieren, sollte der Fahrer nächtens die Route ändern. Fehlt ein Sicherheitsmann im Taxi, sollten sie sofort die Transport-Hotline ihres Unternehmens anrufen. Der zweitgrößte Softwarekonzern Indiens, Infosys, hält eigene Sicherheitsseminare für weibliche Mitarbeiterinnen ab und bietet ihnen ein Sicherheitstraining für Heimfahrten an.

Dem „Wall Street Journal“ gegenüber erklärte das Outsourcing-Unternehmen WNS Holdings, wie seine strikten Sicherheitsvorkehrungen zum Schutze der indischen Mitarbeiterinnen aussehen. So würde der Hintergrund aller Sicherheitsleute überprüft, die die jungen Frauen begleiten. Fingerabdrücke und Fotos aller Fahrer und Wachmänner seien genauso Pflicht wie GPS-Systeme, die Standort und Strecke der Firmenwagen für die Frauen festhalten. „Wir sind extrem vorsichtig, wenn es um die Sicherheit unserer weiblichen Mitarbeiter geht“, lässt sich Keshav Murugesh zitieren, der Vorstandsvorsitzende des in New York börsennotierten Unternehmens. Die Hälfte seiner Angestellten in Indien sind Frauen.

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