Home
http://www.faz.net/-gqi-75gac
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, HOLGER STELTZNER
easyfolio

Indien Heimfahrt als Hochsicherheitstransport

Nach der Vergewaltigung und Ermordung der jungen Inderin in Delhi versucht Indiens Softwareindustrie, ihre vielen Mitarbeiterinnen besser zu schützen.

© AFP Vergrößern Hinter Schutzgittern: Frauenabteil in einem indischen Pendlerzug.

Die Vergewaltigung und Ermordung der jungen Inderin in Delhi hat die Beschäftigung Hunderttausender junger Frauen im Schichtdienst in der Datenverarbeitungsindustrie in Indien in den Blickpunkt gerückt. Erst vor wenigen Wochen hatte der Oberste Gerichtshof in der Wirtschaftsmetropole Bombay (Mumbai) das Todesurteil gegen zwei Männer bestätigt, die 2007 in Pune die 22 Jahre alte Jyoti Choudhry, Mitarbeiterin im Callcenter Spectramind des Softwarekonzerns Wipro, entführt, vergewaltigt und ermordet hatten. Das Opfer hatte an seinem letzten Arbeitstag bei Wipro abends ein vom Unternehmen angefordertes Taxi bestiegen, und war dann vom Fahrer und seinem befreundeten Beifahrer misshandelt und ermordet worden.

Nach dem brutalen Überfall in Delhi am dritten Adventssonntag fühlen sich die Computer- und Softwareunternehmen Indiens noch mehr in der Pflicht, ihre Mitarbeiterinnen zu schützen. Som Mittal, der Präsident des indischen Branchenverbandes Nasscom, kündigte an, dass die Firmen „die Richtlinien überprüfen“, die eine sichere Heimfahrt der Mitarbeiterinnen auch nachts garantierten. „Unternehmen können aber nicht die Rolle der Polizei übernehmen“, warnte Mittal mit Blick auf das weitgehende Versagen des indischen Staates.

Mehr zum Thema

Immer wieder kommt es zu Übergriffen auf die jungen Frauen, die der gut bezahlten Arbeit in einem Callcenter nachgehen. Da sie von Indien aus auch für die Telefon-Hotlines für Unternehmen aus Europa und Amerika wie etwa Lufthansa, Microsoft oder große Versandhäuser arbeiten, sind sie im Schichtdienst tätig. Viele Eltern weigern sich deshalb, ihre Töchter zu den großen Datenverarbeitungsunternehmen zu schicken, obwohl die als Arbeitgeber eigentlich einen hervorragenden Ruf genießen. Dennoch sind ein Drittel der Mitarbeiter in Indiens hoch entwickelter Softwareindustrie Frauen. Im wachsenden Geschäft mit der Auslagerung von Geschäftsprozessen und Anrufzentren liegt der Frauenanteil bei gut 50 Prozent. Nach dem Mord an Choudhry vor rund sechs Jahren war der damalige Präsident von Nasscom, Kiran Karnik, gezwungen, Stellung zu den Sicherheitsbedingungen der Mitarbeiterinnen zu nehmen. „So etwas passiert vor allem aufgrund der zunehmenden Kriminalisierung. Dieser Fall hat nichts damit zu tun, dass es sich um ein Callcenter handelt. Er ist vor allem darauf zurückzuführen, dass immer mehr Frauen arbeiten.“

Allerdings fügte er an, dass seine Branche als Arbeitgeber durchaus in der Pflicht stehe, möglichst viel für die Sicherheit ihrer Mitarbeiterinnen zu tun. „Frauen sollten niemals die ersten oder die letzten sein, die abgeholt werden. Zweitens muss Technologie eingesetzt werden, um die Sicherheit zu verbessern. Drittens brauchen wir Wachmänner in den Taxis.“

Immer wieder schreckten die Vergewaltigungen in der Vergangenheit die Branche auf. Im Dezember 2005 war eine 24 Jahre alte Mitarbeiterin im Callcenter von Hewlett-Packard in der Softwarehauptstadt Bangalore nach Schichtende vom Fahrer des Firmenwagens entführt, im Auto vergewaltigt und ermordet worden. Nach der Vergewaltigung einer Mitarbeiterin eines Callcenters bei Delhi im Jahre 2010 in einem fahrenden Kleinlaster durch fünf Männer hatte die Polizei dort die Unternehmen aufgefordert, Listen ihrer Fahrer und der angeforderten Taxiunternehmen zu erstellen. Zugleich forderte die Polizei die Unternehmen auf, nur ihre „erfahrensten und verlässlichsten Fahrer“ für den Transport der Mitarbeiterinnen einzusetzen.

Infosys bietet Frauen ein Sicherheitstraining für Heimfahrten an

Auch weil die Unternehmen - gerade die ausländischen Investoren - nach den Verbrechen um ihren guten Ruf fürchteten, hat sich manches geändert. „Wir werden eine Viertelstunde, nachdem wir zu Hause angekommen sind, von unserem Transportteam angerufen, um zu prüfen, ob alles glattgegangen ist. Sind wir die letzte, die abgesetzt wird, begleiten uns der Fahrer und ein Sicherheitsmann“, erzählt die Mitarbeiterin eines global tätigen Unternehmens in Bangalore. „Das erscheint mir als ein sehr effektiver Weg, unsere Sicherheit zu garantieren.“

Die meisten Unternehmen der Branche halten sich an die Richtlinien, die Nasscom inzwischen herausgegeben hat. Sie halten die Mitarbeiterinnen unter anderem dazu an, sehr aufmerksam zu reagieren, sollte der Fahrer nächtens die Route ändern. Fehlt ein Sicherheitsmann im Taxi, sollten sie sofort die Transport-Hotline ihres Unternehmens anrufen. Der zweitgrößte Softwarekonzern Indiens, Infosys, hält eigene Sicherheitsseminare für weibliche Mitarbeiterinnen ab und bietet ihnen ein Sicherheitstraining für Heimfahrten an.

Dem „Wall Street Journal“ gegenüber erklärte das Outsourcing-Unternehmen WNS Holdings, wie seine strikten Sicherheitsvorkehrungen zum Schutze der indischen Mitarbeiterinnen aussehen. So würde der Hintergrund aller Sicherheitsleute überprüft, die die jungen Frauen begleiten. Fingerabdrücke und Fotos aller Fahrer und Wachmänner seien genauso Pflicht wie GPS-Systeme, die Standort und Strecke der Firmenwagen für die Frauen festhalten. „Wir sind extrem vorsichtig, wenn es um die Sicherheit unserer weiblichen Mitarbeiter geht“, lässt sich Keshav Murugesh zitieren, der Vorstandsvorsitzende des in New York börsennotierten Unternehmens. Die Hälfte seiner Angestellten in Indien sind Frauen.

Quelle: F.A.Z.

 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Indien Henker dringend gesucht

Unzählige junge Inder suchen einen Job, aber zu allem sind sie nicht bereit: Die Henkerbranche im Land leidet unter akutem Nachwuchsmangel. Um das zu ändern, ergreift ein südlicher Bundesstaat ungewöhnliche Maßnahmen. Mehr

23.07.2014, 13:29 Uhr | Gesellschaft
Taxi-Konkurrent Fahrdienst Uber wehrt sich gegen Hamburgs Verbot

Der Internetanbieter Uber wirbelt die Taxi-Branche mächtig durcheinander. Gerade hat die Stadt Hamburg ihn verboten. Das Unternehmen legt Widerspruch ein. Mehr

24.07.2014, 19:06 Uhr | Wirtschaft
Taxi-Konkurrent Uber darf in Hamburg vorerst weiter machen

Verwirrung um die Uber-App: Die Internetplattform darf ihren Fahrdienst in Hamburg zunächst weiter anbieten. Das Verbot bleibt zwar bestehen, wird allerdings noch nicht vollstreckt. Derweil prüft auch Frankfurt ein Verbot. Mehr

25.07.2014, 21:22 Uhr | Wirtschaft

Indien enttäuscht

Von Henrike Roßbach

Indien hat überraschend ein Veto gegen ein globales Handelsabkommen eingelegt. Das Land will nicht auf Agrarsubventionen verzichten. Doch damit lässt sich der Hunger nicht besiegen. Mehr 19 8


Die Börse
Name Kurs Änderung
  Dax --  --
  F.A.Z.-Index --  --
  Dow Jones --  --
  Euro in Dollar --  --
  Gold --  --
  Rohöl Brent --  --

Grafik des Tages Die am höchsten verschuldeten Kommunen Deutschlands

Die Gemeinden im Saarland haben die höchsten Schulden pro Einwohner, die Bayern wirtschaften besonders gut. Die höchste Pro-Kopf-Verschuldung in Deutschland hat ein besonders kleiner Ort - mit nur elf Einwohnern. Mehr 2

Nachrichten in 100 Sekunden
Nachrichten in 100 Sekunden