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Krebs-Therapie : Milliarden für ein Molekül

Ingmar Hoerr forscht seit fast zwanzig Jahren an Therapien gegen Krebs. Bild: Rainer Wohlfahrt

Kann man den Krebs mit einer Impfung bezwingen? Ingmar Hoerr glaubt daran schon lange. Jetzt hat der Biotech-Gründer aus Tübingen sogar Bill Gates von seiner Idee überzeugt.

          Woran erkennt man, ob eine ungewöhnliche Idee das Zeug zum wirtschaftlichen Erfolg hat oder nicht? Womöglich daran, dass ein alteingesessener Konzern ihr Vertrauen schenkt. Vielleicht auch an den akribisch gesammelten Daten eines wissenschaftlichen Tests. Ganz bestimmt aber dann, wenn diese Idee – und der Kopf dahinter – den reichsten Mann der Welt dazu bringen, einen Batzen Geld in sie zu investieren.

          Sebastian Balzter

          Redakteur in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Als Ingmar Hoerr vor gut einem Jahr zum ersten Mal Bill Gates traf, war genau das die Folge. Die Technik, mit der Hoerrs Firma Curevac eine neue Generation von Impfstoffen entwickeln will, hat den Microsoft-Gründer überzeugt. Mit umgerechnet 46 Millionen Euro hat sich die Stiftung, die Gates und seine Frau Melinda vor allem zur Bekämpfung von Krankheiten in der Dritten Welt ins Leben gerufen haben, danach an Curevac beteiligt. Es ist ihr bislang einziges Investment in Deutschland. Und ihre größte Unternehmensbeteiligung überhaupt.

          Eine Dreiviertelstunde war für das Gespräch mit Gates angesetzt; zu Inhalt und Absicht war die Einladung im Ungefähren geblieben. Aber welcher Nachwuchsunternehmer hätte diese Gelegenheit verstreichen lassen? Wenn Bill Gates ruft, dann reist man an, egal wohin.

          Bloß keine Powerpoint-Präsentation

          Die Szenerie für die Zusammenkunft, wie Hoerr sie im Nachhinein beschreibt, war filmreif: Ein fensterloser Kellerraum in einem Pariser Hotel, die Wände unverputzt, Heizungsrohre unter der Decke. Und mitten im Raum ein Tisch, an dem sie sich nun gegenüber sitzen sollten: Auf der einen Seite der Milliardär aus Amerika, der mit seinem Vermögen die größte private Stiftung der Welt aufgebaut hat. Auf der anderen Seite der Biotech-Unternehmer aus Tübingen, dessen Firma anderthalb Jahrzehnte nach ihrer Gründung noch kein einziges Produkt auf den Markt gebracht hat.

          Klar, wer die Spielregeln diktierte. Bloß keine Powerpoint-Präsentation, legte Gates kurz vorher fest. In letzter Minute fand Hoerr einen Drucker, um seine Folien aus dem Laptop auf Papier zu bringen. Doch dann übersprang Gates ungeduldig Seite um Seite, eine Einführung ins Thema hatte er nicht nötig.

          Die Frage, die ihn umtrieb, war: Wie unterscheidet sich Curevac von den Wettbewerbern, die an ähnlichen Projekten arbeiten? Hoerrs Antwort, leicht gekürzt: „Wir glauben nicht, dass wir es besser machen können als die Natur. Deshalb wollen wir keine künstlichen Moleküle bauen, sondern in der Natur genau diejenigen finden, die wir für unsere Zwecke nutzen können.“ Volltreffer.

          Bill Gates und Gottvertrauen

          Natürlich hätte die Sache, die Hoerr und Curevac zu Stars der deutschen Biotechbranche gemacht hat, auch daneben gehen können. Hoerr hatte Gates bis zu dem Rendezvous in Paris noch nie persönlich getroffen. Kurz vorher war die Gates-Stiftung aber schon zum Kooperationspartner von Curevac geworden – mit dem Ziel, eine neue Impfung gegen das Rotavirus zu entwickeln.

          An dieser hierzulande harmlosen Durchfallerkrankung sterben in Afrika und Asien fast eine Million Kinder im Jahr. Sollte sich Gates die Sache anders überlegt haben? An dem Start-up aus Baden-Württemberg zweifeln? Dem Chef die Leviten lesen wollen? „Darüber habe ich mir überhaupt keine Gedanken gemacht“, beteuert Hoerr. „Ich glaube fest an den roten Faden im Leben. Deshalb hatte ich nie richtig Angst vor Rückschlägen.“

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