03.07.2005 · Drei VW-Affären innerhalb weniger Monate lassen vermuten, daß Niedersachsens CDU den Filz bei Volkswagen öffentlich machen will. Die Mitsprache der Politik und der Einfluß der Gewerkschaften schaden dem Konzern.
Von Winand von PetersdorffHeute erscheint eine Attacke in neuem Licht, die der inzwischen zurückgetretene Betriebsratsvorsitzende von Volkswagen, Klaus Volkert, vor wenigen Monaten gegen den niedersächsischen Ministerpräsidenten Christian Wulff (CDU) begann. Mitte Februar, zum Höhepunkt der VW-Gehälteraffäre, ließ Klaus Volkert eine Schimpfkanonade auf den Politiker ab. Er verglich ihn unter anderem mit einem "pubertierenden Heranwachsenden".
Der Grund: Der Politiker, als Vertreter des VW-Großaktionärs Land Niedersachsen Mitglied des VW-Aufsichtsrats zerrte an Volkerts Nerven mit seiner steten Forderung nach Aufklärung der Gehälter-Affäre, die vor allem SPD-Abgeordnete betraf, die trotz Mandat von VW Gehalt bezogen hatten. Der Betriebsrat polterte damals: Wulff schädige das Unternehmen und das Land, wenn er die Zusammenarbeit zwischen Vorstand und Management sowie Betriebsrat und IG Metall "jetzt unter den Generalverdacht eines Systems der Korrumpierung stellt".
Täglich tröpfeln Nachrichten und Gerüchte
Und dann kam der Satz, der im Lichte der aktuellen Erkenntnisse gespenstisch wirkt: Es sei nicht mit dem VW-Interesse in Einklang zu bringen, wenn Wulff den Eindruck erwecke, "daß Volkswagen mit Hilfe der SPD ein mafioses System zur Korrumpierung der Politik betreibe". Was mag Volkert bewogen haben, so aggressiv in die Öffentlichkeit zu gehen? Wollte er das System VW verteidigen oder seine eigenen Interessen?
Fest steht, daß inzwischen Volkert wieder der Mann der Stunde ist. Täglich tröpfeln Nachrichten, Gerüchte und Verdächtigungen in die Öffentlichkeit. Der jüngste Stand: Nach Informationen der Zeitschrift "Focus" und der Frankfurter Allgemeinen Zeitung überprüfen interne Ermittler des Autobauers, ob Volkert in zwei Affären verstrickt ist. Demnach soll er nicht nur in Geschäfte mit dem inzwischen entlassenen Skoda-Vorstand Helmuth Schuster verwickelt sein, sondern wegen dubioser Zahlungen an eine Brasilianerin gestürzt sein.
Die VW-Revision vermutet Filz
Die Ermittlungen der Konzernrevision ergaben, daß VW die Frau großzügig unterstützt haben soll, getarnt über einen Werbevertrag. Mit Volkert soll sich die Brasilianerin in einer von VW bezahlten Wohnung in Braunschweig getroffen haben, berichtet der "Focus". Einen Hauskauf der Brasilianerin habe der Autobauer mitfinanziert, im niedersächsischen Gifhorn existiere ein Konto für die Brasilianerin, auf das jedes Quartal 20.000 Euro überwiesen würden. Die VW-Revision vermutet Filz.
Affäre Nummer zwei: Volkert soll zusammen mit dem inzwischen gefeuerten Skoda-Vorstand Schuster versucht haben, sich am Konzern zu bereichern. Volkert soll laut "Focus" Gesellschafter einer Property Finance S.A. sein, die Anteile an einem tschechischen Unternehmen hielt, welches sich wiederum um einen 60-Millionen-Euro-Auftrag von Skoda bemüht haben soll. Schuster hatte nach den Berichten die Aufgabe, die Bewerbung zu unterstützen. Volkert sagt, er habe nichts Kriminelles getan.
Kapitaleigner haben wenig zu sagen
Drei VW-Affären, die innerhalb weniger Monate öffentlich werden, lassen zwei Vermutungen aufkommen. Erstens: Es gibt Bestrebungen der niedersächsischen CDU-Spitze, den Filz bei VW öffentlich zu machen. Zweitens: Das System Volkswagen begünstigt Mauscheleien und Selbstbedienungsmentalität zu Lasten der Aktionäre.
Das zentrale Charakteristikum des Volkswagen-Konzerns ist, daß die Kapitaleigner, abgesehen vom Großaktionär, dem Land Niedersachsen, wenig zu sagen haben im Konzern. Das spiegelt sich im Börsenwert des Unternehmens wider, der halb so groß ist wie der des deutlich kleineren Autokonzerns BMW und ungefähr ein Neuntel des Stars der Branche, Toyota, beträgt. Es spiegelt sich auch im Gehaltsgefüge wider. 20 Prozent liegt der Lohn bei VW über dem Flächentarif, aber auch über dem Entgelt für die Belegschaft der Tochter Audi, die deutlich profitabler als die Mutter ist.
Man kennt sich, trifft sich
Die zentralen Machtfiguren bei Volkswagen sind neben dem Vorstandsvorsitzenden Bernd Pischetsrieder und dem Betriebsratschef, der als eine Art Neben-CEO agierte, der Ministerpräsident des Bundeslandes, der IG-Metall-Chef Jürgen Peters und natürlich der Personalvorstand und Alt-IG-Metaller Peter Hartz, quasi das Scharnier zwischen Betriebsrat und Management.
Vor allem in den Jahren der SPD-Regierung in Niedersachsen bestimmten im Prinzip sozialdemokratische Gewerkschaftler die Richtung bei Volkswagen; die Arbeitsdirektoren und führende Mitarbeiter in den Personalabteilungen sind häufig Gewerkschaftler. Man kennt sich, trifft sich.
Hartz soll brisante Belege abgezeichnet haben
Vorstand Peter Hartz kokettiert damit, daß in Wolfsburg niemand länger IG-Metall-Mitglied ist. Er ist Volkert und dem IG-Metall-Bundesvorsitzenden seit Jahren freundschaftlich verbunden. In so einem Milieu der Harmonie bleibt Kontrolle zwangsläufig auf der Strecke.
Die Zentralfiguren der jüngsten Affären, Volkert, Schuster und ein weiterer Mitarbeiter der Personalabteilung, gehören beziehungsweise gehörten zu den Vertrauten von Hartz. Nach Angaben des Focus soll Hartz mehrere brisante Volkert-Belege abgezeichnet haben. Ferner deutet das Blatt an, Hartz habe erst kürzlich den Widerstand aufgegeben, die in seinen Zuständigkeitsbereich fallenden Abrechnungen des Gesamtbetriebsratsausschusses der Revisionsabteilung zu übergeben. Eine offizielle Stellungnahme dazu gibt Hartz nicht.
Ein etwas normaleres Unternehmen
Doch zweifelsohne ist seine Position gefährdet. Ministerpräsident Wulff verübelt ihm die politische Unterstützung der rot-grünen Bundesregierung und mehr noch die in seinen Augen schleppende Aufklärung der SPD-Gehälteraffäre. Rücktrittsspekulationen hatte der Aufsichtsratsvorsitzende der Volkswagen AG, Ferdinand Piech, gegenüber der Frankfurter Allgemeinen Zeitung klar dementiert: "Herr Dr. Hartz bleibt Personalvorstand von Volkswagen."
Die Aufklärung der frischen Affären hat Vorstandsvorsitzender Bernd Pischetsrieder zur Chefsache gemacht. Wirtschaftsprüfer von KPMG unterstützen die Konzernrevision bei der Untersuchung. "Da ist jetzt ein ganz anderer Zug dahinter als in der Gehälteraffäre", heißt in der niedersächsischen Landesregierung. Sie ermuntert die Konzernführung auch diskret, die IG Metall im Unternehmen auf ein "Normalmaß" zurückzuführen. Es gebe die einmalige Chance, aus Volkswagen ein etwas normaleres Unternehmen zu machen.
„Wie auch immer geartete Unregelmäßigkeiten“
Die Solidarität im Konzernbetriebsrat scheint zu bröckeln. Kein Mitglied des Gremiums stellte sich vor Volkert. Bernd Osterloh, der bisherige Stellvertreter von Volkert, wandte sich in einem Schreiben an die Mitarbeiter.
Darin heißt es, er habe den Vorstand im Namen des Gesamtbetriebsrates aufgefordert, "eine lückenlose und ausnahmslose Aufklärung zügig voranzutreiben". Und weiter: "Und das gilt für alle, die in dem Verdacht stehen, wie auch immer geartete scheinbare Unregelmäßigkeiten persönlich zu verantworten."
Winand von Petersdorff-Campen Jahrgang 1963, stellvertretender Ressortleiter Wirtschaft.
Jüngste Beiträge
| Name | Kurs | Prozent |
|---|---|---|
| FAZ-INDEX | 1.376,76 | −0,07% |
| Dow Jones | 12.454,80 | −0,60% |
| EUR/USD | 1,2527 | −0,11% |
| Rohöl Brent Crude | 107,03 $ | −0,21% |
| Gold | 1.574,60 $ | +0,32% |
Anonym bewerben? Ist das gut?