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Im Zeichen der Krise „Wir Banken wertberichtigen die Schwäbische Alb“

13.12.2008 ·  Immer mehr Mittelständler klagen, dass es schwieriger wird, Kredite zu erhalten. Eine Kreditklemme gibt es zwar noch nicht - doch die Lage verschärft sich. Nur hinter vorgehaltener Hand geben die Banken das zu. Der Staat versucht gegenzusteuern.

Von Holger Appel und Benedikt Fehr
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Die Unternehmerin wäre besser nicht in die Talkshow gegangen. Nein, sie will ihren Namen nicht mehr in der Öffentlichkeit sehen, und sie will auch nicht mehr öffentlich beklagen, dass die Finanzierungsbedingungen für den deutschen Mittelstand immer schwieriger werden. Natürlich klemme es in der Kreditvergabe, auch wenn der Tatbestand einer völligen Kreditverweigerung noch nicht erfüllt sei. Natürlich gebe es noch mehr Fälle als ihren eigenen. Und natürlich stünden Dutzende Betriebe vor der Pleite, weil die Kreditinstitute nur noch Institute seien, aber keine Kredite mehr gewährten. Doch reden will sie darüber nicht mehr. Nach dem letzten Auftritt hat es nur wenige Stunden gedauert. Dann haben die Banken ihrem Unternehmen die Kreditlinien gekürzt.

Hinter den Kulissen kämpft es nun, das Rückgrat der deutschen Wirtschaft. Nicht nur um Aufträge und gegen die Rezession, sondern auch um den Mut zu sagen, was los ist. Sicher, es gibt auch Unternehmen, vor allem Familienunternehmen, die mit ihrer traditionell längerfristigen Perspektive jetzt eine Chance sehen. Sie werben gute Leute ab und halten ein oder zwei Jahre ohne größeren Gewinn aus, um hernach gestärkt in den kommenden Aufschwung zu starten. Da erweist sich als Vorteil, was lange Zeit ein Nachteil zu sein schien: Sie sind nicht an der Börse notiert und von Fremdkapital weniger abhängig.

Eigenkapital abhanden gekommen

Doch für viele andere Unternehmen gilt: Die Banken fahren ihre Kreditengagements herunter, weil ihnen in der Finanzkrise durch Wertberichtigungen und Verluste das Eigenkapital abhandenkommt. Das aber benötigen sie. Denn nach den Aufsichtsregeln müssen sie für jeden Kredit überschlagsmäßig gerechnet 8 Prozent an Eigenkapital als Risikopuffer vorhalten. Bei Schuldnern mit guter Bonität lassen die Regeln einen niedrigeren Risikopuffer zu, bei wackligen Kreditnehmern müssen die Banken mehr Eigenkapital vorhalten. Das schlägt sich in höheren Kreditzinsen für die Unternehmen nieder - und bisweilen auch in einer Kürzung der Kreditlinien.

Manche Mittelständler bringt dies in Rage. Doch ist es eigentlich schon immer so gewesen, dass Banken mit der Vergabe von Krediten vorsichtiger werden, wenn die Konjunktur abkühlt und das Ausfallrisiko zunimmt. Und dass dies manchem wackligen Schuldner den Rest gibt - nicht selten zur Erleichterung der Wettbewerber. Doch diesmal ist die Lage anders. Schließlich sind viele Banken selbst auf staatliche Hilfe angewiesen - und erhalten sie auch. Wenn diese Häuser gleichwohl mit der Kreditvergabe geizen, sollten sie sich besser nicht nach ihrem Ansehen bei den Unternehmern erkundigen. "Auf die sind wir richtig sauer. Bekommen den staatlichen Rettungsschirm - und drehen uns trotzdem den Hahn zu", bringt einer die Stimmung auf den Punkt.

Kein Randgebiet auf Deutschlands Arbeitsplatzkarte

Hart ist die Automobilindustrie getroffen und hier vor allem die Zulieferer. Das ist kein Randgebiet auf Deutschlands Arbeitsplatzkarte. 330.000 Mitarbeiter beschäftigen die Betriebe direkt. Zählt man die Vorlieferanten in Gießereien, dem Maschinenbau oder der Chemieindustrie hinzu, kommen leicht mehr als eine Million Arbeitsplätze zusammen. Und es gibt durch die regionale Konzentration dieser Industrie ein Klumpenrisiko, das ein Bankmanager mit den Worten umschreibt: "Wir wertberichtigen gerade die ganze Schwäbische Alb."

Die Situation wird zudem dadurch verschärft, dass die kleinen und mittelständischen Betriebe traditionell enge Bande zu den Landesbanken haben, mithin zu jenen Instituten, die derzeit von Abschreibungen und der zwangsweisen Verringerung des Geschäfts besonders getroffen sind. Klagen betreffen die Landesbank Baden-Württemberg (LBBW) und die Bayern LB, aber auch andere unter den Rettungsschirm geflüchtete Häuser. "Ausgerechnet die vom Staat mit Milliarden gepäppelten Banken West LB und IKB haben mir die Kreditlinien gestrichen. Und das, obwohl mein Betrieb im Kern gesund ist", berichtet ein Unternehmer, der den Gang zum Insolvenzrichter nur vermeiden konnte, weil er von einem großen Konzern aufgefangen wurde.

Geld, heißt es quer durch alle Branchen des Mittelstandes, gebe es fast nur noch von Volksbanken, Sparkassen und der Postbank - jenen Instituten, die durch ihre umfangreichen Spareinlagen über ausreichend Bewegungsfreiheit verfügen. Dabei geht es nicht nur um Kredite für Investitionen, sondern zum Beispiel auch um die Absicherung von Leasingverträgen. Baumaschinenvermieter, um nur ein Beispiel zu nennen, betreiben ihr Geschäft zu einem großen Teil über Leasingverträge. Fällt hier die Bank als Partner aus, ist das Geschäft tot, obwohl es eigentlich nicht krank ist.

Im Verband der Automobilindustrie gärt es besonders

"Wir müssen zusehen, dass die Betriebe, die wettbewerbsfähig sind, die Krise überstehen", heißt es von den Branchenvertretern. Im Verband der Automobilindustrie gärt es besonders. Geschäftsführer Klaus Bräunig sieht "dramatische Auswirkungen der weltweiten Finanzkrise". Auch wenn es ein wenig nach Stammtischparole klingt, die Stimmung in der Branche ist eindeutig: "Der Finanzsektor hat uns die Krise eingebrockt, und wir sollen sie ausbaden."

Der Staat versucht gegenzusteuern. Allein über die Förderbank KfW werden für Unternehmen bis zu einer Umsatzgrenze von 500 Millionen Euro 15 Milliarden Euro zu günstigen Konditionen bereitgestellt, die Staatsbank trägt einen Großteil des Ausfallrisikos. Hessen hat ein Sonderprogramm Kreditbürgschaften aufgelegt, in Nordrhein-Westfalen, Bayern und anderen Ländern sind ähnliche Programme angelaufen oder in Planung. Die Europäische Investitionsbank stellt Geld bereit. Und speziell für die Automobilzulieferindustrie ist ein Sonderfonds für vermeintlich unverschuldet in Not geratene Betriebe geplant, den die KfW, die Industrie selbst oder beide gemeinsam speisen wollen.

Hinter vorgehaltener Hand geben die Banken durchaus zu, dass sie den Kreditzugang erschweren. Die Zinsen steigen, was zunächst ein Ausdruck knapperer Mittel ist, aber auch der einer anderen Risikoeinschätzung. Mit der Rezession und ausbleibenden Aufträgen verringert sich die Bonität der Betriebe, Fremdkapital wird teurer. "Das Risiko bekommt wieder einen richtigen Preis. In der Vergangenheit sind doch aus Gründen des Wettbewerbs massenweise Kredite unter Entstehungskosten ausgereicht worden. Endlich normalisieren sich die Konditionen wieder", sagt ein Banker. Und der Vorstandsvorsitzende der Commerzbank, Martin Blessing, wird noch deutlicher. "Sicher werden Kredite teurer und für den einen oder anderen auch knapper, aber eine generelle Kreditklemme sehe ich nicht. Vor allem für jene Unternehmen, die in der Vergangenheit keine feste Hausbank-Beziehung gepflegt haben und nur auf den Preis geschaut haben. Wenn sich jetzt die Auslandsbanken zurückziehen, könnte es für manchen eng werden. Wer hingegen bei uns seit vielen Jahren guter Kunde ist, muss nichts fürchten", sagt er.

In Frankreich gibt es einen „Zorro des Kreditwesens“

Vielleicht, meinen selbst einige Banker, hätte man es doch so wie die Briten oder Franzosen machen müssen. Die Briten haben mehrere Großbanken in staatliche Obhut genommen, so dass nun der Staat selbst die Kreditvergabe steuern kann. In Frankreich gibt es einen "Zorro des Kreditwesens", der als Vermittler auftreten soll, aber auch als öffentlicher Mahner, "der die Banken ganz schnell dazu bringen kann, eine umstrittene Kreditentscheidung zu überdenken", wie die französische Finanzministerin Christine Lagarde sagt. Sie hat mit jeder Bank, die der Staat mit frischem Kapital ausstattet und die von der Staatsgarantie zur Refinanzierung profitiert, eine Konvention unterzeichnet, nach der die Banken ihr Kreditvolumen an Haushalte und Unternehmen 2009 um 3 bis 4 Prozent gegenüber dem Vorjahr erhöhen müssen.

In Berliner Regierungskreisen verfolgt man das Vorgehen in den Nachbarländern allerdings skeptisch. Wenn sich der Staat als Banker beteilige und Kredite nach politischen Kriterien vergebe, gehe dies meist schief, warnen diese Stimmen und verweisen auf die schlechten Erfahrungen mit den öffentlich-rechtlichen Landesbanken. Abgesehen davon sei das deutsche Programm zur Stützung der Banken und ihrer Kreditkunden noch gar nicht richtig angelaufen. Bislang habe jedenfalls außer der Hypo Real Estate noch keine deutsche Bank vom Staat garantierte Anleihen ausgegeben, um sich zu refinanzieren und diese Mittel an die Unternehmen weiterzuverleihen. Nach dem Jahreswechsel, wenn die Kreditinstitute ihre nun bereits weitgehend geschlossenen Bücher wieder öffneten, dürfte dieses Programm dann aber rege genutzt werden.

Zahlen nicht für bare Münze nehmen

Diese Gelassenheit macht sich auch daran fest, dass die Kreditvergabe insgesamt bislang noch keineswegs rückläufig ist. Vielmehr zeigen die Statistiken der Deutschen Bundesbank, dass die Banken die Vergabe von Krediten mit mittleren und langen Laufzeiten in den zwölf Monaten bis Oktober 2008 zwar verringert, die gesamte Kreditvergabe aber weiterhin beträchtlich gesteigert haben. Doch Branchenkenner warnen, diese Gesamtzahlen für bare Münze zu nehmen.

Denn der Anstieg der Kreditvergabe geht zum Teil darauf zurück, dass Unternehmen - ähnlich wie Banken - aus Vorsichtsgründen viel Liquidität halten. Manche schieben deshalb eigentlich geplante Kredittilgungen auf, andere ziehen vorab vereinbarte Kreditlinien. Wohin die Reise geht, hat die Bundesbank Anfang November festgehalten: Schon zur Entwicklung im dritten Quartal schreibt sie, dass sich die Banken mit Krediten an Unternehmen spürbar zurückgehalten, zudem die Kreditkonditionen verschärft und die Risikoprämien erhöht hätten. Dabei herrschte im Herbst in Deutschland konjunkturell noch keineswegs die Eiszeit, die jetzt angebrochen scheint.

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Jahrgang 1966, Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Technik und Motor“.

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