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Im Porträt: Karstadt-Investor Berggruen Ein Vielflieger in Essen

03.09.2010 ·  Nicolas Berggruen schürt mit Aussagen wie „Das Herz von Karstadt soll weiter schlagen“ große Hoffnungen in der Belegschaft. Bei der Herkulesaufgabe Sanierung von Karstadt wird der Milliardär einen langen Atem brauchen.

Von Brigitte Koch
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Als Nicolas Berggruen am vergangenen Dienstag auf einem spontan einberufenen Treffen in der Kantine der Essener Karstadt-Zentrale mit einer kurzen emotionalen Ansprache vor die Mitarbeiter trat, wurde er wie ein Medienstar bejubelt. Ein kurzer dienstlicher Termin hatte den ständig um den Globus fliegenden Investor in die Ruhrmetropole geführt. Die Chance, sich kurz den in diesen Tagen höchst angespannten Mitarbeitern zu präsentieren, wollte er offensichtlich nicht auslassen.

Der in Paris aufgewachsene, überwiegend in den Vereinigten Staaten lebende Karstadt-Retter spricht ein im Vokabular überschaubares, aber sehr verständliches Deutsch. Und so fielen kurze, knappe Sätze wie „Ich arbeite jetzt auch für Karstadt“ oder „Das Herz von Karstadt soll weiter schlagen“. So etwas kommt an; so etwas ist Balsam für die Seele der zutiefst verunsicherten Karstadt-Mitarbeiter. Seine Sprache ist frei von Managerkauderwelsch, von dem die Beschäftigten in der Vergangenheit mehr als genug bekommen haben. Zumindest bei diesem ersten Auftritt hat er es verstanden, die Mitarbeiter mitzunehmen. Ein per Handy geschossenes Erinnerungsfoto an seiner Seite ist für so manchen Karstädter in diesem Moment etwas Wundervolles.

Letzte Flucht nach vorn

Schon vor drei Monaten schloss Berggruen mit dem Insolvenzverwalter Klaus-Hubert Görg einen Kaufvertrag für Karstadt. Trotzdem tobte weiter ein Nervenkrieg, drohte die Zerschlagung. Die scharfen Worte, die er in der vergangenen Woche im Gespräch mit dieser Zeitung der Deutschen Bank als einem der Gläubiger des Vermieterkonsortiums Highstreet entgegengeschleudert hatte, klangen wie eine letzte Flucht nach vorn. Die Bank spiele bei Karstadt mit dem Feuer, lautete einer seiner Vorwürfe.

Nicolas Berggruen schürt mit Aussagen wie „Das Herz von Karstadt soll weiter schlagen“ große Hoffnungen in der Belegschaft. Bei der Herkulesaufgabe Sanierung von Karstadt wird der Milliardär einen langen Atem brauchen.

Das Kalkül des Geschäftsmanns, dessen Mannschaft für eine harte Verhandlungsführung bekannt ist, ging auf. Welche Großbank will bei einer Pleite dieser Dimension schon den Schwarzen Peter bekommen? Nun hat er es geschafft und wird Warenhausbesitzer. Damit hat sich Berggruen einen gewaltigen Sanierungsfall vorgenommen. Aber er sei in Sanierungsfällen erfahren, wie er wiederholt mit dem Hinweis auf Investitionen in den insolventen Möbelhersteller Schieder, die portugiesische Mediengruppe Media Capital oder den amerikanischen Brillenhersteller FGX versichert hat.

Sammelleidenschaft für besondere Immobilien

Der zweitjüngste Sohn des einst vor den Nazis in die Vereinigten Staaten geflüchteten Kunsthändlers und -mäzens Heinz Berggruen und der Schauspielerin Bettina Moissi glaubt, Karstadt in eine solide Zukunft führen zu können. Zugleich verspricht er, als langfristiger Investor ohne Zerschlagungsabsichten anzutreten. Karstadt sei für ihn eine alte deutsche Traditionsmarke, die leben solle. So hat er kürzlich auf eine Frage dieser Zeitung geantwortet, was er denn ausgerechnet mit dem verstaubten Warenhausunternehmen wolle. Die deutsche Kultur spielte schon in seiner Kindheit eine große Rolle. Von den vielen Reisen, die ihn mit der Familie früh auch nach Berlin geführt haben, kennt er natürlich das Kadewe, das Flaggschiff des Karstadt-Konzerns.

Der 49-Jährige ist schwer zu fassen. Als „mysteriös“ hat ihn einmal das Wall Street Journal bezeichnet. Schon früh hat der Mann mit den Erkennungszeichen Blackberry, weit geöffneter Hemdkragen und Dreitagebart in New York eine eigene Investmentfirma gegründet und schnell viel Geld verdient. Die Investments seiner Berggruen-Holding reichen von türkischen Windparks, Reisanbaufarmen in Kambodscha über Ethanol-Anlagen in Oregon bis hin zu einer Hotelkette in Indien. Speziell in Berlin frönt der Liebhaber von Werken der Künstler Damien Hirst, Andy Warhol oder Jeff Koons über die 2005 gegründete Nicolas Berggruen Holdings GmbH auch seiner Sammelleidenschaft für besondere Immobilien. Als Architekturfan, der die renommiertesten Architekturbüros dieser Welt für sich arbeiten lässt, hat er in Berlin das traditionsreiche Café Moskau, die Sarotti-Höfe und die Schuckert-Werke gekauft.

Tiefsinniger Philanthrop

Er persönlich ist ein Weltreisender ohne festen Wohnsitz, der in Hotels oder an Bord seines Geschäftsflugzeugs lebt. Der Wunsch des unverheirateten kinderlosen Milliardärs, in seinem Leben etwas Bleibendes, Sinnvolles zu schaffen und auch soziale Projekte zu fördern, ist eine Facette dieser von seinem Umfeld als tiefsinniger Philanthrop beschriebenen Person. Der Ruf des schillernden „Womanizers“, der sich mit wechselnden jungen Schönheiten umgibt und dessen Hollywood-Partys in den einschlägigen Kreisen als ein Muss gelten, eine weitere.

Bei der Herkulesaufgabe Sanierung von Karstadt wird er einen langen Atem brauchen. Drei Jahre sollten es nach seiner eigenen Einschätzung mindestens werden, bis die ersten Champagnerflaschen geöffnet werden können. Wenn das Amtsgericht den Insolvenzplan an diesem Freitag endgültig durchwinkt, dürfte bei vielen Karstadt-Beschäftigen nach reichlich Selters aber schon ein vorsichtiger Schluck Sekt drin sein.

Die schwierige Rettung von Karstadt - ein Rückblick

2009

9. Juni: Die Karstadt-Muttergesellschaft Arcandor stellt einen Insolvenzantrag beim Amtsgericht Essen. Insolvenzverwalter wird Klaus Hubert Görg. 1. September: Eröffnung des Insolvenzverfahrens über Arcandor und 25 weitere Gesellschaften, darunter auch die Karstadt Warenhaus GmbH und die Versandhaustochtergesellschaft Quelle.

10. November: Die Gläubigerversammlung spricht sich für eine Sanierung und Fortführung des Unternehmens aus. Dennoch werden erste Filialen geschlossen.

1. Dezember: Der Sanierungsplan sieht die Schließung von weiteren 13 Filialen vor. 120 Kaufhäuser mit 25 000 Mitarbeitern sollen erhalten bleiben.

2010

24. Februar: Das Vermieter-Konsortium der Karstadt-Immobilien Highstreet, hinter dem neben den Banken Goldman Sachs und Deutsche Bank auch der italienische Kaufhausbesitzer Maurizio Borletti steht, stimmt dem Sanierungsvorschlag zu und macht finanzielle Zugeständnisse in Höhe von rund 160 Millionen Euro.

15. März: Görg reicht den Insolvenzplan ein und meldet „namhafte Bieter“ für Karstadt. Die Frist für den Abschluss eines Kaufvertrages wird auf den 30. April gelegt.

23. April: Der Finanzinvestor Triton legt ein Übernahmeangebot für Karstadt vor.

28. April: Insolvenzverwalter Görg einigt sich mit den Gläubigern und Triton auf eine Fristverlängerung für den Kaufhausverkauf bis Ende Mai.

21. Mai: Mit dem Privatinvestor Nicolas Berggruen, Sohn des bekannten Kunstsammlers Heinz Berggruen, betritt ein weiterer Bieter für Karstadt die Bühne.

28. Mai: Am Ende der Angebotsfrist gibt es, nachdem Highstreet mit Goldman Sachs ein verbindliches Angebot gemacht hat, drei ernsthafte Interessenten für Karstadt.

7. Juni: Das Bieterrennen um die Kaufhausgruppe Karstadt ist entschieden. Nicolas Berggruen erhält vom Gläubigerausschuss ein Jahr nach der Insolvenzanmeldung den Zuschlag für den Kauf von Karstadt. Berggruen macht allerdings die endgültige Unterschrift von Nachverhandlungen über Mietnachlässe mit Highstreet abhängig. Die Verhandlungen sind schwierig, weil sich Highstreet auch mit der Valovis Bank, der ehemaligen Karstadt Bank, einigen muss. Sie hat dem Konsortium 850 Millionen Euro geliehen.

10. Juni: Die Unterzeichnung des Kaufvertrages wird auf den 16. Juli verschoben.

16. Juli: Berggruen bekommt abermals mehr Zeit für die Einigung mit den Vermietern der Warenhäuser. Das Amtsgericht Essen stimmt einer Fristverlängerung bis zum 10. August zu.

1. August: Kurz vor dem geplanten Vollzug des Karstadt-Verkaufs bringt sich der italienische Kaufhausbetreiber Maurizio Borletti ins Gespräch. Er gibt in einem Schreiben an Insolvenzverwalter Görg ein Gebot im Umfang von 100 Millionen Euro ab, das er mit Hilfe der amerikanischen Investmentgesellschaft Gordon Brothers aufbringen will.

8. August: Der Vertrag zur Übernahme von Karstadt wird abermals vertagt. Der Gläubigerausschuss ringt weiterhin um die Konditionen für die Kaufhausmieten. Die Mietverträge sollen jetzt bis zum 2. September unterzeichnet werden. Zugleich wird dem Angebot von Borletti eine Absage erteilt.

25. August: Berggruen macht der Deutschen Bank schwere Vorwürfe, die Einigung zu hintertreiben.

29. August: Borletti kämpft weiter für sein Konzept einer Übernahme. Allerdings hat mittlerweile nach einer Einigung mit der Valovis Bank die Deutsche Bank ihre Zustimmung für Berggruen signalisiert.

2. September: Die Entscheidung über den Verkauf fällt auf einem Gläubigertreffen in London zugunsten Berggruens aus.

( F.A.Z.-Archiv, Hans-Josef Susenburger)

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