20.08.2010 · Jürgen Großmann, Vorstandsvorsitzender des Energiekonzerns RWE, hält viel von klaren Worten - auch in Sachen Atomstrom. Dass er die Initiative zum „energiepolitischen Appell“ an Umweltminister Röttgen ergriff, passt zum zuweilen extravaganten und in großen Zahlen denkenden Selfmade-Milliardär.
Von Carsten Knop und Brigitte KochJürgen Großmann, der Vorstandsvorsitzende des Energiekonzerns RWE, hat ganz offensichtlich genug. Der Mann hat sowieso immer eine dezidierte Meinung, die er in jeder Hinsicht gewichtig vorzutragen weiß. Aber das, was sich in der gesellschaftlichen Diskussion in Deutschland rund um die Energiepolitik abspielt, stinkt ihm mehr als alles andere.
Vor allem regt er sich darüber auf, dass es in der Bundesregierung mit Norbert Röttgen einen Umweltminister von der CDU gibt, der Sätze schreibt wie diese: Energieintensive Industrien, die einem starken internationalen Wettbewerb ausgesetzt seien, hätten durch ambitionierten Klimaschutz „möglicherweise Nachteile zu erwarten“. Und: „Eine Regierung, welche die gesamte Gesellschaft im Blick haben muss, kann aber nicht durch ein zu enges Verständnis von Wettbewerbsfähigkeit die Wettbewerbsvorteile in Zukunftsbranchen“ aufs Spiel setzen. So geschrieben in einem Gastbeitrag für die F.A.Z., erschienen am 30. April dieses Jahres.
Solche Sätze haben in der Industrie eingeschlagen wie der Blitz. Die Betroffenen lesen die Sätze so: Röttgen ist bereit, klassische Industriebranchen zu opfern, wenn im Gegenzug „grüne“ Branchen vom Klimaschutz profitieren. Großmann ist alarmiert: „So geht die Wettbewerbsfähigkeit unseres Landes unter“, sagt er beschwörend im Gespräch, unmittelbar nachdem bekannt geworden ist, dass 40 deutsche Manager einen „Energiepolitischen Appell“ unterzeichnet haben, der sich wie eine Attacke auf den tatsächlichen oder vermeintlichen gesellschaftlichen Konsens zur Energiepolitik liest.
Großmann ist davon überzeugt, dass die Deutschen eine ganz andere Meinung zur Kernenergie haben, als gemeinhin suggeriert wird. „Gegen eine Verlängerung von Laufzeiten hat die breite Mehrheit der Bevölkerung nichts einzuwenden“, sagt Großmann. „In den Umfragen wird nicht das Richtige gefragt.“ Und wenn der SPD-Parteivorsitzende Sigmar Gabriel das Auftreten der Energiekonzerne als „beispiellose Propaganda“ bezeichne, sei genau das Gegenteil richtig. „Wer hat denn die ganze vergangene Woche die Medien beherrscht?“, fragt Großmann bissig zurück. Und die Antwort ist klar: Es sind stets die Gegner der Atomkraft.
„Energiepolitik ist knallharte Wirtschaftspolitik“
Dabei hat Großmann nach eigenem Bekunden gar nichts gegen Investitionen in erneuerbare Energien. Tatsächlich beginnt der Appell mit dem Punkt „Die Zukunft gehört den Erneuerbaren“. Aber, wendet Großmann ein, wer solle die großen Offshore-Windparks vor der Küste denn bezahlen? „Die sind so teuer wie ein Atomkraftwerk, das können sich zwei, drei Stadtwerke nicht leisten.“ Gefragt sei daher die Finanzkraft der großen Konzerne, die sich dazu auf einen sicheren Mittelzufluss (Cash-flow) aus den bestehenden Großkraftwerken stützen müssten.
Röttgen und seine Mitstreiter verstünden nicht, dass Energiepolitik „knallharte Wirtschaftspolitik“ sei - das müsse er aber wissen, wenn er zum Beispiel mit den Franzosen über eine Verknappung von Emissions-Zertifikaten verhandle. „Da befinden die sich mit ihren Kernkraftwerken nämlich ebenfalls in einer relativ viel stärkeren Wettbewerbsposition.“ Zudem werde den beiden Versorgern GDF Suez und EDF in ihrer Auslandsexpansion jede heimische Unterstützung zuteil, die man sich wünschen könne.
Die Deutschen müssten sich jetzt zügig für ein ausgewogenes energiepolitisches Konzept entscheiden. „Der Stillstand der Rechtspflege bis zur Wahl in Nordrhein-Westfalen hat nur den politischen Kräften genützt, die nicht an der Regierung sind“, ist Großmann überzeugt. Deshalb habe er mit seinen Mitstreitern auch nur eineinhalb Wochen gebraucht, um den Appell zu formulieren. In anderen Ländern seien die Dinge längst klarer, in Frankreich sowieso, aber auch in Belgien hätten Kernkraftwerke in der Bauart des umstrittenen RWE-Meilers Biblis eine Laufzeit von 60 Jahren.
„Was ist mit der Industrie?“
In Deutschland gehe es in der Diskussion um die Bezahlbarkeit von Strom immer nur um den Konsumenten. „Aber was ist mit der Industrie?“ Das ist für Großmann die Frage, um die sich alles dreht. Die Deutschen könnten sich im Gegenzug darauf verlassen, es in Sachen Kernkraft nicht mit „verbrecherischen Abzockern“ zu tun zu haben, sondern mit Konzernen, die heute und in Zukunft verantwortungsvoll mit dieser Technologie umgingen.
Der 58 Jahre alte Mann kommt auf den Punkt. Schnell und ohne großes Getue. Und Großmann war schon immer für das Besondere und unkonventionelle Handeln gut, und das meist im XXL-Format: Die Studiengänge Eisenhüttenkunde und Wirtschaftswissenschaften mit MBA und Promotion hat der in Mülheim an der Ruhr als Sohn eines Wirtschaftsprüfers geborene 2,05 -Meter-Hüne an fünf in- und ausländischen Universitäten absolviert.
Seine Auslandspraktika in Amerika und Japan und die Dissertation in Brasilien hat er aus fünf verschiedenen Stipendientöpfen gespeist. Die nach dem Studium eingeschlagene, bis in den Vorstand führende Karriere bei den damaligen Duisburger Klöckner-Werken beendete er als 41-jähriger und kaufte für symbolische 2 DM die marode Georgsmarienhütte. Nach zügiger Sanierung schmiedete er daraus innerhalb nur einer Dekade eine Gruppe von mehr als 50 Unternehmen mit mehr als 2 Milliarden Euro Umsatz.
Am liebsten in großen Zahlen denken
Und als dem erfolgreichen, eher mittelständisch geprägten Stahlunternehmer und Selfmade-Milliardär 2007 die Führung des Stromkonzerns RWE übertragen wurde, sorgte dies für eine handfeste Überraschung in der Energiebranche sowie der eher konservativen Wirtschaftsszene an Rhein und Ruhr.
Auch das Versprechen des Gourmetrestaurant-Besitzers und Liebhabers guten Essens und guter Weine an seine Frau, bei einem Amtsantritt bei dem Essener Energieriesen tausend Tage keinen Alkohol zu trinken, passt zu Großmanns Art, zuweilen etwas extravagant und am liebsten in großen Zahlen zu denken. So hat er es auch geschafft, sich mit seinem Vorstandgehalt neben Josef Ackermann an die Spitze aller Dax-Vorstande zu setzen.
Auch in seinem Konzern RWE hat der mit der Musikverlegerin Dagmar Sikorski verheiratete Vater dreier Kinder bisher einiges bewegt. Er hat neue Strukturen eingezogen, Doppelfunktionen und Zwischenholdings beseitigt und Zukunftsthemen wie die Erneuerbaren Energien oder die Elektromobilität besetzt. Er hat den Rückzug aus der amerikanischen Beteiligung American Water eingeleitet und das Kerngeschäft durch die Übernahme des niederländischen Energieversorgers Essent gestärkt. Fertig ist er deshalb aber noch nicht: Mit Spannung wird erwartet, welche weiteren Pläne zum Konzernumbau er im Herbst vorstellen wird.
Carsten Knop Jahrgang 1969, Redakteur in der Wirtschaft, verantwortlich für die Unternehmensberichterstattung, zuständig für „Die Lounge“.
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