14.09.2008 · Pathos ist ihm fremd, Größenphantasien kann er sich nicht leisten: Der Post-Chef räumt seinen Laden auf, nüchtern und ziemlich effizient. Gerade hat Frank Appel knapp dreißig Prozent der Postbank an die Deutsche Bank verkauft.
Von Rainer HankStellen wir uns einen Moment lang vor, die Karriere des Frank Appel wäre völlig nach Plan verlaufen: Dann wäre der Mann seit ein paar Wochen Vorstandsvorsitzender der Deutschen Post, hätte über sich einen Aufsichtsratschef namens Klaus Zumwinkel, der als erfolgreicher Baumeister eines weltweiten Logistikimperiums derzeit zwischen Bonn und Berlin von einer Abschiedsparty zur anderen zöge, den ergebenen Ziehsohn Appel immer in seinem Schatten.
Bekanntlich verlief die Geschichte nicht nach Plan. Weil Übervater Zumwinkel nach einem kleinen Steuerunfall (so darf man wohl sagen) vom Finanzminister zum vorzeitigen Rücktritt genötigt wurde, hatten die Zeitläufte ein wenig Hals über Kopf Appel schon Mitte Februar an die Spitze des Konzerns katapultiert. Dort regiert er seither einigermaßen souverän; vor allem sitzt ihm Zumwinkel, anders als geplant, nicht mehr als Aufsichtsratschef im Nacken. "Bonum durch malum", nannte der Philosoph Odo Marquard eine solche Wendung des Schicksals: "Aus bös wird gut", was man frei nach Wilhelm Busch auch so übersetzen kann: "Denn erstens kommt es besser, und zweitens als man denkt."
Er redet hastig, ein wenig nuschelig
Ein wenig erschöpft sitzt Frank Appel am vergangenen Freitagabend in seinem Büro. Es ist das Büro des Vorgängers im 40. Stock des Bonner Post Towers, freilich komplett neu möbliert. Gerade hat Appel knapp dreißig Prozent der Postbank an die Deutsche Bank verkauft. Er redet hastig, ein wenig nuschelig. Die Tage zuvor müssen hektisch gewesen sein. Zuletzt hatte die Bank Santander, eine große spanische Bank, am Donnerstag noch einmal sein Gegenangebot erhöht, als man sich mit den Deutschen über Preis und Konditionen eigentlich längst einig war. Aber natürlich gebietet die Verantwortung eines Vorstands gegenüber den Aktionären, das Angebot zu prüfen. Niemand soll sagen, Appel habe sich dem Wunsch der Bundesregierung gebeugt und einer "deutschen Lösung" aus politischen Erwägungen den Vorzug gegeben, selbst wenn es genau so gewesen ist.
"Ich bin mit mir im Reinen", sagt Appel. Das kann er erst einmal auch sein. Die Börse hat seiner Aktie für den Deal einen kleinen Kursgewinn spendiert, während Deutsche und Postbank bestraft wurden. Immerhin haben die Frankfurter einen Aufschlag von 35 Prozent auf den aktuellen Börsenwert gezahlt, was Aktionäre nicht so gern mögen. Appel macht kein Hehl daraus, dass er möglichst bald auch den Rest seiner Bank loswerden will. "Wir sind ein Brief- und Logistikunternehmen und keine Bank."
Lohn der Freiheit ist die Rücksichtslosigkeit
Hier wird die Gnade des Schicksals konkret. Während Zumwinkel stets an der Postbank festhalten wollte ("Das ist eine Goldmine") und erst bereit war, über eine Trennung nachzudenken, als es unter dem Druck der Kapitalmärkte für ihn darum ging, Kopf und Kragen zu retten, kann Appel, frei von Zumwinkel, heute nüchtern walten. Der Lohn der Freiheit ist die Rücksichtslosigkeit. "Wir haben einen fundamentalen Schwenk in der Strategie vollzogen", sagt der neue Chef nach getaner Arbeit.
Mit dieser Befreiung hat Appel es auf einen Schlag in die Riege der interessanten neuen Dax-Vorstände geschafft. Er selbst nennt die Namen: Martin Blessing, der erfolgreiche Neue bei der Commerzbank, René Obermann, der nicht mehr ganz so Neue bei der Telekom, oder Wolfgang Klein, der Chef der Postbank. Sie alle sind irgendwo Mitte vierzig, nüchtern, ohne allzu viel Charisma (gottlob auch ohne Visionen) und daran interessiert, ihren Job gut zu machen. Die Zeit seines Idealismus hat Appel hinter sich: Damals, nach dem Abitur 1981, studierte er Physik und Neurowissenschaften, um zu verstehen, was in den Hirnen der nationalsozialistischen Verbrecher vorgegangen sein könnte.
„Postheroisch“ - das mag er nicht mehr
"Postheroisch" hat Appell seine Managergeneration einmal selbst genannt, einen Begriff, den er wegen der albernen Doppeldeutigkeit (Post!) heute nicht mehr so gerne mag. Aber schlecht ist er deswegen nicht: Das übertrieben moralische Pathos eines Alfred Herrhausen ist den neuen Chefs zutiefst fremd. Alle wissen sie, dass die Verweildauer als CEO heute kürzer ist als früher und der Druck der Aktionäre größer. Alle arbeiten sie für ziemlich viel Geld ziemlich viel. Aber sie übertreiben es nicht. "Wer es mit einer 60-Stunden-Woche nicht schafft, schafft es nie", sagt Appel. Will sagen: Das Wochenende bleibt frei und gehört der Familie.
Postheroisch geht Appel auch das missglückte Amerika-Abenteuer seines Vorgängers an. Weil zu einem globalen Logistikkonzern auch eine starke Stellung in den Vereinigten Staaten gehöre, hatte Zumwinkel dort einen minderwertigen Expressdienst gekauft, der dem Unternehmen seither nur Verluste bringt: 1,3 Milliarden Dollar jährlich, fünf Millionen Dollar am Tag. "Das ist schrecklich", sagt Appel dazu nur. Gegen die Platzhirsche FedEx und UPS haben die Deutschen nie einen Stich machen können. "Eine gute Idee, aber miserabel exekutiert", heißt es im Umfeld des Post-Chefs zum Amerika-Desaster. Ein ums andere Mal hatte Zumwinkel versichert, jetzt gehe es in Amerika bergauf ("Wir haben die Kurve gekriegt"); der Nachfolger ist frei, den Schlussstrich zu ziehen.
So weit ist es noch nicht. Erst einmal exekutiert Appel ein gigantisches Restrukturierungsprogramm von zwei Milliarden Euro, bei dem 8000 Beschäftigte eines Frachtflughafens in Ohio ihren Job verlieren dürften. Minutiös lässt der deutsche Chef sich über die Fortschritte berichten, selbst Widerstände des republikanischen Präsidentschaftskandidaten John McCain brachten ihn nicht von seinem Kurs ab: "Ich bin meinen Aktionären verpflichtet." Und weil das so ist, verstummen auch Gerüchte nicht, wonach Appel bereits im Oktober verkünden könnte, dass er das inländische Geschäft in Amerika ganz einstellen könnte. Dann ginge es nicht nur um 8000, sondern um 40 000 Jobs.
Tapfer gegen den Renditerecner
Apropos Aktionäre. Neben dem Bund mit 30 Prozent sind das viele Kleinanleger. Richtig glücklich sind sie über die gelbe Aktie, die ihnen Zumwinkel zusammen mit Thomas Gottschalk im Jahr 2000 angedient hat, bislang nicht geworden. Der Renditerechner, den die Post auf ihrer Internetseite angebracht hat, errechnet ihnen nach sieben Jahren, neun Monaten und 24 Tagen eine negative Verzinsung ihres Investments von minus 3,7 Prozent: 1000 Euro sind zu 760 Euro geschrumpft. Tapfer hält Appel dagegen, dass der Gewinn (Ebit) des Unternehmens in diesem Zeitraum von 2,5 Milliarden (2000) auf 4,1 Milliarden (2008) Euro gewachsen sei.
Sind die Börsen also irrational? Es ist schlimmer: "Die Post hat schon zu viel Vertrauen verbraucht", sagt der Post-Chef. Und er freut sich drauf, dass er jetzt wenigstens aus den Erlösen des Postbank-Verkaufs (insgesamt werden es circa 4,6 fünf Milliarden Euro sein, wenn die Deutsche Bank ihre Option auf weitere Anteile einlöst) eine ordentliche Sonderdividende zurückgeben kann. Wie viel das sein wird, mag er noch nicht sagen, nicht zuletzt aus Rücksicht auf die starken Gewerkschaften im Konzern.
Womit wir wieder in Deutschland wären. Tatsächlich hat es ein Unternehmen, das innerhalb einiger Jahre den Wandel von einem nationalen monopolistischen Staatskonzern - die alte gelbe Post - zu einem globalen Logistikkonzern bewerkstelligen muss, an den Börsen nicht ganz leicht: viel zu viele Beschäftigte (viele sind bis heute Beamte), ständig reinredende Politiker aller Parteien und einen Finanzminister, der Standort- und Renditeziele unter einen Hut bringen muss - all das mögen die Börsen nicht. Noch nicht einmal den hohen Mindestlohn, den Zumwinkel der Politik abgepresst hat, um vorübergehend das Monopol zu retten, haben die Börsen honoriert. Appel signalisiert, dass er nicht unglücklich darüber ist, dass der Mindestlohn nicht seine Idee war. "Er nützt uns betriebswirtschaftlich, aber wir sollten ihn nicht moralisch überhöhen", sagt er. Das ist auch so eine postheroische Bemerkung, die ein Nachfolger sich nur dann leisten kann, wenn er nicht mehr unter der Observanz des Vorgängers steht.
Nichts als lobende Worte über Ziehvater Zumwinkel
Nein, Frank Appel ist nicht undankbar. Er weiß, was er Klaus Zumwinkel verdankt, und sagt nichts als lobende Worte über seinen Ziehvater, die so lobend ausfallen, dass er es für nötig hält, darauf hinzuweisen, dass das natürlich kein Lob für Zumwinkels mutmaßlichen Fehltritt in der Steueraffäre sei. Doch die Freiheit, die Appel heute ohne den Schatten des Vorgängers hat, ist ohne Glanz. Ein Manager, der Unternehmensteile verkauft (die Postbank) oder schließt (Amerika), hat damit noch keinen Eintrag in das Geschichtsbuch verdient. Ein Manager, der viel Geld an seine Aktionäre zurückgibt (der Postbankerlös), gilt als ideenlos und kann weniger strahlen als ein Manager, der ein Imperium baut: Zumwinkel hat das im Börsengang der Postbank gesammelte Kapital für eine Fünf-Milliarden-Akquisition in England genutzt.
Man hat Appel vorgehalten, er sei ein Mann ohne Fortüne. Das stimmt nach dem erfolgreichen Verkauf der Postbank nicht mehr. Appel nimmt das abgenutzte Wort von den "Mühen der Ebene" nicht in den Mund. Aber besonders prickelnd klingt es nicht, wenn er über "organisches Wachstum" und Prozessoptimierung für effiziente Lösungen im Logistikbereich doziert. Dass die Programme als "First Choice" oder "Roadmap to value" mit englischen Vokabeln verhübscht werden, macht das Ganze nicht attraktiver. Aber gleichwohl ist das alles vermutlich das Programm eines klugen Strategen.
Der Mensch
Wie sein Vorgänger und Ziehvater Klaus Zumwinkel hat auch Frank Appel seine Karriere als Manager bei McKinsey begonnen. 1993 kam er zu den Unternehmensberatern, 1999 wurde er dort Partner. Sein Schwerpunkt war Logistik: Kein Wunder, dass Zumwinkel auf ihn aufmerksam wurde und ihn im Jahr 2000 zur Deutschen Post AG holte; seit 2002 ist Appel Vorstand. Nachdem Zumwinkel am 15. Februar 2008 nach 18 Jahren als CEO aufgrund von Ermittlungen wegen Steuerhinterziehung vorzeitig zurücktrat, rückte Appel unmittelbar an seine Stelle. Appel ist Hamburger, wurde 1961 geboren und studierte zunächst allerlei Naturwissenschaften. 1993 promovierte er in Zürich im Fach Neurobiologie; die akademische Karriere hat er abgebrochen.
Das Unternehmen
Deutsche Post World Net nennt sich die Post heute: Das Unternehmen ist mit rund 500 000 Mitarbeitern in 220 Ländern einer der größten privaten Arbeitgeber in der Welt. 2007 hat der Konzern einen Umsatz von 63,5 Milliarden Euro erwirtschaftet und dabei einen Gewinn (Ebit vor Einmaleffekten) von 3,7 Milliarden Euro ausgewiesen. Seit 2000 ist die Post an der Börse notiert; der Bund hält über die KfW-Bank noch 31 Prozent. Bis vergangenen Freitag hießen die Marken des Unternehmens Deutsche Post, DHL (dazu zählen alle Express-, Fracht- und Kurierdienste) und Postbank: Jetzt hat sich die Deutsche Bank für 2,8 Milliarden Euro einen Anteil von knapp 30 Prozent und zugleich den Zugriff auf die Postbank gesichert.
Rainer Hank Jahrgang 1953, verantwortlicher Redakteur für Wirtschaft und „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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