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Im Porträt: Ferdinand Piëch : Das abrupte Ende einer Patriarchenkarriere

VW-Aufsichtsratschef Ferdinand Piëch hat seinen Rücktritt erklärt. Bild: AP

Der Patriarch von Volkswagen gibt auf. In einem beispiellosen Machtkampf verliert am Ende Ferdinand Piëch. Das gab es noch nie.

          Wann wird das Gesetz der Wiederholung außer Kraft gesetzt? Wann wird jener geheimnisvolle Zwang, wonach Muster sich immer wieder erfüllen, falsifiziert? Stets galt als eherne Regel: Wer sich mit Ferdinand Piech anlegt, wird verlieren. Immer obsiegte Piëch, immer unterlag der andere.

          Rainer Hank

          Freier Autor in der Wirtschaft.

          Georg Meck

          Verantwortlicher Redakteur für Wirtschaft und „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Jetzt ist es anders gekommen. Ferdinand Piëch, der unverwundbare Siegfried, wurde schwer getroffen. Und endgültig besiegt. Das Schicksal hat sich gedreht.

          Am Samstag hatte sich das Präsidium des Aufsichtsrates getroffen, die sechs Männer, die schon eine Woche vorher gestritten hatten über die Zukunft von Volkswagen und vor allem über die Frage, wer hat die Macht im Konzern? Ferdinand Piëch, der Alleinherrscher oder irgendwelche Angestellte im Bündnis mit Vertretern der Arbeitnehmer?

          Nach zwei Stunden war die Schlacht geschlagen: Ferdinand Piëch legt sein Amt im Zorn nieder. Ein Beben für den Konzern. Eine Zeitenwende, sagen sie in Wolfsburg nach der Vier-Punkte-Erklärung, die der Aufsichtsrat am Samstagabend herausgegeben hat.

          Erster Punkt: „Die Mitglieder des Präsidiums haben einvernehmlich festgestellt, dass vor dem Hintergrund der vergangen Wochen das für eine erfolgreiche Zusammenarbeit notwendige wechselseitige Vertrauen nicht mehr gegeben ist.“ Punkt zwei: „Prof. Dr. Ferdinand K. Piëch legt sein Amt als Vorsitzender des Aufsichtsrates nieder“, ebenso alle sonstige Mandate innerhalb des Konzerns. Mit sofortiger Wirkung. Und begleitet von seiner Frau Ursula Piëch. Der Bruch ist total.

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          Es übernimmt kommissarisch Berthold Huber, ehemaliger IG Metall-Vorsitzender und stellvertretender Aufsichtsratschef. Er wird auch die Hauptversammlung am 5. Mai leiten. Der Name Martin Winterkorn fällt in dem Text nicht, kein einziges Mal. Es gilt die Verlautbarung des Präsidiums von einer Woche zuvor, wonach Winterkorn der bestmögliche Vorstandschef für Volkswagen ist, und er sogar einen neuen Vertrag bekommen soll - wiewohl er 68 Jahre alt ist. Und vor allem, obwohl Piëch ihn öffentlich angezählt hatte: „Ich bin auf Distanz zu Winterkorn“. Dieser eine Satz aus seinem Mund hatte alles ins Rollen gebracht, dieser Satz hat alle gegen Piëch aufgebracht.

          So stand es in der Nacht zum Freitag vor einer Woche schon Spitz auf Knopf, als sich das Präsidium des Aufsichtsrates in Salzburg getroffen hat, im Büro des Ferdinand Piëch, wohin er für gewöhnlich seine Untergebenen geladen hat, ihnen sanft aus dem Honigtopf löffelnd Marschbefehle mit auf den Weg gegeben hat.

          Piëch-Nachfolger Huber: „Wir gehen davon aus, dass Herr Piëch mit seinen Anteilen nicht Volkswagen schädigen will, das ist ja sein Lebenswerk.“

          Dieses Mal war alles anders. Dem Patriarchen ist die Macht entglitten. Bis in die Nacht hatten sich die sechs Männer gestritten, über Sachliches ging es mit keinem Wort, nicht um neue Modelle, schwierige Märkte, die Zukunft des Automobils, nur um die eine Frage: Wer hat das Sagen? Zementiert Piëch seine Macht, gelingt es ihm, seine Frau als Nachfolgerin an der Spitze des Aufsichtsrates zu installieren? Und da stellten sich alle fünf Gäste gegen den Hausherrn, so entschlossen, wie er es noch nicht erlebt hat. Fünf gegen einen. Der Enkel des Käfer-Erfinders Ferdinand Porsche stand allein.

          Die Gewerkschafter – Betriebsratschef Bernd Osterloh, sein Stellvertreter Stephan Wolf und Ex-IG-Metall-Chef Berthold Huber - waren gegen Piëch. Auf der Kapitalseite Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil (SPD) als Miteigentümer (das Land hält 20 Prozent der VW-Anteile). Sogar Wolfgang Porsche, Piëchs Cousin, befand sich im anderen Lager. Alle waren entsetzt über Piechs Ansinnen, Winterkorn weg zu schicken. In Piechs Augen war Winterkorn ein leitender Angestellter mehr, der seinen Dienst getan hatte und auszuwechseln war, wie es seinem Willen entspricht, und dem Wohl des Konzerns dient. Dies war für Piëch stets dasselbe, VW ist damit gut gefahren, zu einem Giganten aufgestiegen: zwölf Marken, 200 Milliarden Euro Umsatz, 600.000 Arbeitsplätze. Auf die Widerworte hat das Publikum zunächst wenig gegeben, schon gar nicht auf Winterkorns Protest. Bisher hatte Piech noch immer gewonnen.

          Als die anderen sich weigerten, Winterkorn zu feuern, bockte er, dass könnten sie mit ihm nicht machen. Sie sollten die Tragweite bedenken. Und wenn, dann müsste sein eigener Vertrag ebenso verlängert werden wie der von Winterkorn. Das nannte er als Preis dafür, sich der Mehrheit zu fügen.

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