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HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Im Interview: RWE-Chef Jürgen Großmann „Unsere Kernkraftwerke sind in den besten Jahren“

12.07.2009 ·  Am Montag treffen sich in München Industrievertreter, um ein Jahrhundertprojekt zu durchdenken: Solarstrom aus der Sahara. Auch der Versorger RWE ist dabei. Im Interview spricht der RWE-Chef über die Störfälle in Krümmel, guten Strom aus der Sahara und saubere Kohle gegen den Klimawandel.

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Am Montag treffen sich in München Industrievertreter, um ein Jahrhundertprojekt zu durchdenken: Solarstrom aus der Sahara. Auch der Versorger RWE ist dabei. Im Interview spricht der RWE-Chef über die Störfälle in Krümmel, guten Strom aus der Sahara und saubere Kohle gegen den Klimawandel.

Herr Großmann, die deutsche Wirtschaft will die Energieprobleme mit Sonnenkraftwerken in der Sahara lösen. Ein guter Vorschlag?

Eine blendende Idee, die übrigens so neu gar nicht ist. Sie ist schon mehr als 100 Jahre alt. Einer der Väter der Sozialdemokratie, August Bebel, hatte bereits 1879 in seinem Buch „Die Frau und der Sozialismus“ angeregt, die Sonnenenergie Nordafrikas für die Versorgung des Deutschen Reiches zu nutzen. Wie dem auch sei: Es ist eine prima Idee. Mehr aber noch nicht.

Das klingt jetzt ein bisschen distanziert.

Nein, gar nicht. Aber bevor aus der Idee ein Projekt und dann möglicherweise eine Investition wird, muss sie genau geprüft werden. Es geistern schließlich schon Kosten in dreistelliger Milliardenhöhe durch die Medien. Ich sehe gewiss Vorteile, ein paar Nachteile gibt es aber auch.

Nämlich?

Auch eine Solarstromerzeugung in der Sahara hätte einen Schalter, mit dem die Leitungen nach Europa unterbrochen werden könnten. Wir sehen ja am Beispiel Gas, wie die Energiedurchleitung als Machtmittel eingesetzt werden kann.

Aber RWE macht erst einmal mit?

Nicht nur erst einmal. Wir sind gern dabei! Wenn das Projekt Wüstenstrom machbar ist, passt es perfekt in unsere Strategie: Mehr Wachstum und weniger CO2.

Würden Sie auf das Projekt wetten?

Zu jeder Wette gehört auch ein Zeitraum, wie lange sie läuft. Will hier heißen: in dem das Projekt verwirklicht werden soll. Bebel wäre sicher erstaunt, dass seine Idee heute noch nicht Realität geworden ist. Ich glaube, wir können ruhig noch ein paar Kohlekraftwerke bauen und komplett abschreiben, bevor wir vielleicht einen nennenswerten Teil unserer Versorgung über Wüstenstrom decken.

Wir reden von 40 Jahren

RWE ist ein finanzstarkes Unternehmen, das seine Kraftwerke in rund 20 Jahren abschreibt

Sonnenkraft hat einen Riesenvorteil gegenüber RWE-Kraftwerken, die vor allem mit Kohle und Kernkraft laufen: Die Leute lieben es.

Richtig. Aber das Verhältnis von Saat und Ernte, von Kosten und Erträgen, muss trotzdem beachtet werden. Photovoltaik wird sich auf absehbare Zeit in Nordeuropa nicht rechnen. Bei thermischen Solarkraftwerken, wie sie für die Sahara vorgesehen sind, liegen die Erträge höher. In jedem Fall bin ich dafür, nicht zu früh hurra zu schreien.

Dem Publikum wurde suggeriert, Wüstenstrom kann Kohle- und Kernkraft in zehn Jahren ersetzen.

Das ist nicht seriös und deshalb eine Gefahr. Die aktuelle Debatte über Desertec birgt das Risiko, dass man sich keine Gedanken mehr über die notwendige Erneuerung des konventionellen Kraftwerkparks macht, weil die Sonne es ja vermeintlich richten wird.

Aber ist es nicht tatsächlich Zeit für die große Energiewende? Die Leute lehnen neue Kohlekraftwerke ab, selbst wenn sie sauberer sind als die alten. Und nach den Vorfällen im Kernkraftwerk Krümmel werden sie sich auch nicht von längeren Reaktorlaufzeiten überzeugen lassen.

Das Wort von der Energiewende klingt mir zu sehr nach religiöser Heilslehre. Wir fahren gut mit einem breiten Energiemix, damit streuen wir das Risiko.

Können Sie den Leuten Kernkraft noch zumuten? In deutschen Kraftwerken wird der Störfall zum Normalfall, hat Umweltminister Sigmar Gabriel gesagt.

Das geht meilenweit an der Realität vorbei. Gabriel sollte das mal auf einer Belegschaftsversammlung in einem unserer Kernkraftwerke wiederholen. Dort arbeiten kompetente, verantwortungsvolle Menschen. Die werden ihm sagen: Die deutschen Kernkraftwerke gehören zu den sichersten der Welt. Man merkt bei Sigmar Gabriel, dass der Wahlkampf schon begonnen hat. So schnell werden wir auf Kernkraft nicht verzichten können. Deshalb wäre mehr Sachlichkeit angebracht.

Ältere Kernkraftwerke wie jenes in Krümmel oder Ihres in Biblis sind nicht so sicher wie ihre Nachfolger, sagt sogar die Bundesregierung.

In Deutschland sind die Sicherheitsanforderungen extrem hoch und werden streng überwacht. Jedes einzelne Kraftwerk, ob nun älter oder jünger, muss beweisen, dass es diese Standards einhält. Erfüllt es sie, ist es sicher und kann am Netz bleiben. Sonst eben nicht.

Sie haben früher einmal gesagt, deutsche Kernkraftwerke könnten 25 Jahre länger laufen, als ihnen in Deutschland erlaubt wird. Bleiben Sie dabei?

International üblich ist eine Laufzeit von 50 bis 60 Jahren. Bei uns sind es nach dem geltenden Ausstiegsbeschluss rechnerisch 32 Jahre. Deutsche Kernkraftwerke sind sozusagen in ihren besten Jahren. Wir brauchen die Kernkraft, bis die erneuerbaren Energien und Energiespeicher so weit sein werden, auch einen hochentwickelten Industriestaat wie Deutschland sicher zu versorgen. Das ist in wenigen Jahren nicht zu schaffen. Dazu brauchen wir mehr Zeit.

Sind Sie verärgert über die Firma Vattenfall, die das Thema gefährliche Kernkraft auf der öffentlichen Agenda hält?

Es ist immer ärgerlich, wenn etwas nicht so funktioniert, wie es soll. Und es ärgert besonders, wenn das dann auf die politische Agenda gezogen wird. Gefährlich ist die Kernkraft deshalb aber trotzdem nicht. Deutsche Anlagen sind sicher.

Sie kämpfen auch tapfer für neue Kohlekraftwerke. Die beschleunigen nun eindeutig den Klimawandel.

Halt. Wir kämpfen für saubere Kohlekraftwerke in einer Welt, die ihren Strom zunehmend aus Kohle gewinnt. Ob uns das passt oder nicht: In Indien und China entstehen Kohlekraftwerke fast im Wochenrhythmus. Global wird die energetische Nutzung der Kohle in den nächsten Jahren massiv wachsen. Deshalb brauchen wir neue Technik für saubere Kohleverstromung. Daran arbeitet RWE.

Gas wäre sauberer als Kohle.

Unser Hauptgaslieferant Russland stellt seine Energieversorgung gerade stark von Gas auf Kohle um, weil Gas teuer exportiert werden kann. Deutschland wiederum stellt von Kohle auf Gas um, um ökologisch sauberer dazustehen. Entschuldigung, aber das ist doch ein Treppenwitz. So macht man keinen globalen Klimaschutz.

Sie verteidigen die konventionelle Energie wie Kohle und Kernkraft so kraftvoll und eloquent, dass ihr Engagement für erneuerbare Energie wie geschicktes Marketing wirkt.

Das ist eindeutig falsch. Erneuerbare Energie genießt seit meinem Amtsantritt Priorität bei RWE. Wir würden nicht jährlich weit mehr als 1 Milliarde Euro in ein bisschen Reklame investieren. Also - kein grünes Feigenblättchen, sondern Teil der Zukunft des Konzerns! Gleichzeitig bleiben wir Realisten: Nur mit Erneuerbarer Energie hätten wir in Deutschland keine Chemie, keine Stahlindustrie und kaum Maschinenbau. Denn im Moment liegen die Kosten des Ökostroms noch beträchtlich über den Marktpreisen.

Sie investieren in Wind, Wasser, Biomasse. Aber Photovoltaik fehlt in Ihrem Ökoportfolio, warum?

Das ist das Ergebnis nüchterner Kosten-Nutzen-Analysen. Wir halten viel mehr von Solarthermie. In Andalusien baut RWE derzeit mit Partnern eines der größten solarthermischen Kraftwerke weltweit. Dank riesiger thermischer Salzspeicher können wir damit auch nach Sonnenuntergang noch Strom erzeugen. Diese Technologie ist überzeugend und wird die Nutzung der Sonnenenergie ein großes Stück nach vorn bringen. Deutschland scheint uns trotz generöser Förderung kein geeigneter Standort für Photovoltaik zu sein. Die Sonne scheint zu selten.

Die Energieversorger investieren zunehmend im Ausland. Wird ihnen das Leben in Deutschland schwergemacht?

Wir investieren nach festen Rendite-Risiko-Abwägungen. Und leider auch entsprechend den kartellrechtlichen Vorgaben, die uns Wachstum zu Hause fast unmöglich machen. Dazu stört mich in Deutschland, dass die großen Energiefragen gar nicht oder nur zögerlich abgearbeitet werden. Wir haben eine Debattenkultur, die es jedem erlaubt, seinen Standpunkt vorzutragen. Nur ein Konsens wird nicht gesucht, so dass wichtige Fragen offenbleiben.

Die Arbeit an der Spitze von RWE hat Sie verändert, lautet ein Zitat von Ihnen. Wie denn?

Ich musste lernen, mehr Geduld aufzubringen. Bei Powerpoint-Präsentationen zum Beispiel. Interessengruppen, die man vor der Entscheidung einbinden muss, gibt es mehr, als ich vermutete. Auch das ist eine Lektion.

Sie spielen auf den Streit mit dem früheren Aufsichtsratsvorsitzenden Thomas Fischer an?

Nein, es gab keinen Streit.

Fakt ist, dass Fischer überraschend kein Aufsichtsratsvorsitzender mehr ist.

Das ist seine persönliche Angelegenheit und die des Aufsichtsrats. Ich werde mich dazu nicht äußern. Nur so viel: Der Vorstand hat nie versucht, auf die Zusammensetzung des Aufsichtsrats Einfluss zu nehmen.

So viel zu den Fallstricken. Sie sind jetzt knapp zwei Jahre an der Spitze von RWE. Was war gut?

RWE steht kurz vor der Übernahme des holländischen Energiekonzerns Essent, der uns in Mitteleuropa mehr Schlagkraft geben wird. Wir haben RWE Innogy, unsere Sparte für erneuerbare Energie, rasch und erfolgreich entwickelt. Wir beweisen durch Organisationsvereinfachung und Kostensenkung, dass die große RWE sich bewegen kann. Und unsere Aktie hat besser abgeschnitten als die europäische Konkurrenz. Das ist doch was.

Der Energieriese

RWE ist dabei, wenn sich Deutschlands Industrievertreter morgen in München treffen, um ein Jahrhundertprojekt zu durchdenken: Desertec ist der Name, es soll Solarstrom aus der Sahara nach Deutschland bringen.

Dass Deutschlands größter Stromversorger RWE mitmacht, ist auch auf den Chef Jürgen Großmann (57) zurückzuführen. Erneuerbare Energie wird jetzt ernstgenommen. Das Image als Dreckschleuder, das RWE seinen Braunkohlekraftwerken verdankt, verblasst. Unter dem Stahlunternehmer wird der Konzern grüner und internationaler, ohne dass er schlecht verdient.

Das Gespräch führte Winand von Petersdorff.

Quelle: F.A.S.
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