Home
http://www.faz.net/-gqi-74f5a
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, HOLGER STELTZNER
easyfolio

Im Handel Nazi-Hetze für 2,99 Euro

Bei Mediamarkt und Weltbild gab’s bis jetzt Propaganda aus dem Dritten Reich - ungeschnitten und im Sonderangebot. Wie kann das sein?

© Rüchel, Dieter Vergrößern Produktionsjahr 1938.

„Ihr habt es gut, so etwas gab es zu meiner Zeit nicht“, spricht in Filmminute zehn der Vater zum Hitlerjungen. Wenig später marschiert Deutschlands Jugend in Kolonne mit ausgestrecktem Arm an Adolf Hitler vorbei: eine Volksgemeinschaft, „sauber und rein“.

Hendrik Ankenbrand Folgen:  

„Der Marsch zum Führer“ heißt der Propagandastreifen aus dem Jahre 1938, Inhalt: Sternförmig wandern die minderjährigen Massen zum Reichsparteitag in Nürnberg. „Die großartigen Berichte über die bemerkenswerte Disziplin der Jugend“ behandeln 44 Minuten lang die „Pilgerfahrten“ zu den „farbenprächtigen Zeremonien“ des „Nürnberger Kongresses“ - so steht es auf der Rückseite der DVD. Die Scheibe findet sich im Mediamarkt im Frankfurter Nordwestzentrum gleich neben der Kasse zum Schnäppchenpreis: 2,99 Euro. Bei Weltbild, jener Verlagsgruppe aus Augsburg, deren Gesellschafter zwölf katholische Diözesen umfassen, kostet der „Marsch zum Führer“ 4,99 Euro - so günstig sind viele andere Versandhändler nicht.

Der Film zeigt „die Auflösung des Individuums“

Rolf Seubert, Medienpädagoge von der Universität Siegen, kennt den „Marsch“ in- und auswendig: Der Film zeige „die totale Unterwerfung und Auflösung des Individuums in einer quasi-soldatischen Masse“. Der Erziehungswissenschaftler ist einer der führenden Forscher über NS-Jungenpropaganda - und entsetzt beim Anblick der DVD: „Dass dieses verführerische Propagandawerk in Zeiten von Terrorzellen wie der NSU praktisch ungeschnitten und unkommentiert zum Billigpreis im Laden um die Ecke angeboten wird, ist ein Skandal!“

Seubert stellt beim „Marsch“ und bei gleichfalls überall frei erhältlichen Titeln wie „Soldaten von morgen“ (1941) die Frage: „Wie kommt so etwas, das ich unter großer Vorsicht nur Studenten vorführe, als Nazi-Orginalfassung in die Läden?“ Immer wieder hat Seubert in der Vergangenheit gegen vom Staat geduldete Vermarktung des nationalsozialistischen Filmerbes gekämpft, in dem NS-Filme wie „Junge Adler“ auf der Rückseite der DVU-„Nationalzeitung“ offeriert wurden. Nazi-Streifen beim Buch- und Elektrohändler nebenan sind auch für den Experten neu.

Die Händler nehmen den Film aus dem Sortiment

Weltbild reagiert nach der F.A.S.-Anfrage prompt: „Wir wollen dieses Machwerk nicht weiter verbreiten.“ Der Großhändler, die Bremer Versandwerk GmbH, habe den „Marsch“ in den Weltbild-Shop „eingespielt“, die braune Hetze „ist uns unangenehm und peinlich“. Der Großhändler ist für eine Stellungnahme nicht erreichbar. Auch Mediamarkt verbannt den Nazi-Titel, jedoch nicht ohne anzumerken, man sei ja eigentlich gegen „Zensur“: „Wir betrachten es nicht als unsere Aufgabe, auf weltanschaulicher Basis eine Vorauswahl für unsere Kunden zu treffen.“

Schuld sei vielmehr die Freiwillige Selbstkontrolle der Filmwirtschaft (FSK), die das braune Werk „ab 16 Jahre“ freigegeben hat. Bei der FSK heißt es, ein Gremium (die Namen der Mitglieder verrät die Organisation nicht) habe den Film 2005 geprüft: „Das Expertengremium war der Ansicht, dass 16-Jährige die Ereignisse in der Dokumentation einordnen können.“

Mehr zum Thema

Das sehen jene, die für den Eigentümer des Filmmaterials, die Bundesrepublik Deutschland, über die Vermarktung von Filmgut aus der Nazizeit entscheiden, völlig gegensätzlich: „Solch ein Machwerk hätten wir nie für den Verkauf lizensiert, schon gar nicht in dieser Länge“, verteidigt sich die aufgeschreckte bundeseigene Münchener Transitfilm GmbH: die Filmrollen müssten gestohlen worden sein, das Bundeskriminalamt soll ermitteln.

KSM heißt die Wiesbadener Filmproduktionsfirma, die einst die Freigabe bei der FSK beantragte. Woher sie das Material hatte, sagt KSM nicht und behauptet, der Film sei „frei verfügbar“, was zweifelhaft ist. KSM beteuert, der Film werde auch nicht mehr vertrieben: „Die Firma war damals noch jung. Wir sind keine Nazis.“ Tatsächlich wird im Film nicht mehr KSM, sondern eine „Cat Film“ als Vermarkter genannt, Herkunft unbekannt.

Die kümmert Ronny R. aus Brandenburg ohnehin nicht. Wie 43 andere ist er Facebook-„Fan“ vom „Marsch zum Führer“ - und weiß, wo er selbst herkommt. Sein Motto: „National und stolz darauf - mehr muSS man nicht wiSSen.“

Quelle: F.A.S.

 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Ukraine-Konflikt Als Stalin Hitlers Verbündeter war

Präsident Putin hat die Tradition der Angriffskriege in Europa wiederbelebt. Das Geschichtsbild wird dieser Entwicklung angepasst - und der deutsch-sowjetische Nichtangriffspakt vom 23. August 1939 rehabilitiert. Ein Gastbeitrag. Mehr Von Timothy Snyder

20.12.2014, 08:27 Uhr | Politik
Kate und William in Amerika Draußen Proteste, drinnen royaler Besuch

Dass Massen auf sie warten, sind Kate und William gewohnt. Doch die Menge, die sich vor der Sport-Arena in Brooklyn versammelt hatte, war nicht gekommen um die Royals zu begrüßen. Sie protestierte gegen übermäßige Polizeigewalt. Mehr

09.12.2014, 12:29 Uhr | Gesellschaft
Pegida-Demonstrationen Politisch heimatlos

Bei den Pegida-Demonstrationen geht es nur vordergründig um die Rettung des Abendlandes vor dem Islam oder um Patriotismus. Sondern um das Gefühl vieler Bürger, von der Politik ignoriert zu werden. Eine Ausgrenzung der Demonstranten ist keine Antwort darauf. Ein Kommentar. Mehr Von Jasper von Altenbockum

17.12.2014, 09:30 Uhr | Politik
Nepal Massenschlachtung bei Hindu-Ritual

Blutiges Ritual im nepalesischen Bariyarpur: Massen von Hindu-Pilgern schlachten dort tausende Tiere, um sich die Göttin Gadhimai gewogen zu machen. Tierschützer hatten gegen die Massenschlachtung interveniert - erfolglos. Mehr

29.11.2014, 21:35 Uhr | Gesellschaft
Nach UN-Bericht Nordkorea will atomar aufrüsten

Nicht nur wegen der Hacker-Angriffe auf Sony steht Nordkorea am Pranger. Die Vereinten Nationen werfen dem Regime vom Kim Jung Un schwerste Menschenrechtsverletzungen vor. Pjöngjang reagiert auf gewohnte Weise. Mehr

20.12.2014, 12:32 Uhr | Politik
   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 18.11.2012, 13:45 Uhr

Gabriels falsches Signal

Von Heike Göbel

Sigmar Gabriel hat weiteren Sanktionen gegen Russland eine Absage erteilt. Das ist das falsche Signal. Mehr 10


Die Börse
Name Kurs Änderung
  Dax --  --
  F.A.Z.-Index --  --
  Dow Jones --  --
  Euro in Dollar --  --
  Gold --  --
  Rohöl Brent --  --

Grafik des Tages Lehrer und Schüler sind zufrieden mit der Computerausstattung an Schulen

Lehrer und Schüler sind eigentlich zufrieden mit ihrer Internet- und Computer. Doch welche Gruppe ist kritischer mit der Ausstattung? Mehr 1

Nachrichten in 100 Sekunden
Nachrichten in 100 Sekunden