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Im Gespräch: Stephen Girsky und Karl-Friedrich Stracke „In Europa besteht der größte Handlungsbedarf“

22.11.2011 ·  Opel hat mit Stephen Girsky einen neuen Aufsichtsratsvorsitzenden. Der Vizechef von GM tritt sein Amt zu einer Zeit an, in der vor allem das Geschäft im Süden Europas schwierig geworden ist. Die Antwort darauf lautet: Opel muss weiter sparen - und wachsen.

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Herr Girsky, in Deutschland weiß man um den Wert der Marke Opel. Ist das in Amerika genauso?

Girsky: Nun, der einzelne Amerikaner kennt die Marke Opel nicht unbedingt. Aber wir bei General Motors wissen, dass Opel für uns ein Schlüssel ist: zu wichtigen Technologien, zum europäischen Markt - und nicht zuletzt für mehr Skaleneffekte. Opel und GM profitieren gemeinsam von den Stärken, die sich aus unserem weltweiten Firmenverbund ergeben.

Und wer setzt dieses Bekenntnis in der alltäglichen Arbeit um? Die Konzernzentrale in Detroit oder die Chefs von Opel in Rüsselsheim?

Girsky: Die Führung des Opel/Vauxhall-Geschäfts liegt ganz klar bei Karl-Friedrich Stracke.

Die Gewerkschaften, allen voran Gesamtbetriebsratschef Klaus Franz, der heute seinen Abschied zum Jahreswechsel angekündigt hat, scheinen an die These, dass GM und Opel an einem Strang ziehen, aber nicht zu glauben. Das hat jüngst die Diskussion um die Verteilung der Produktion künftiger Opel-Modelle auf die einzelnen Fabrikstandorte gezeigt. Franz befürchtet, dass hierbei Werke außerhalb der Opel-Organisation bevorzugt werden.

Girsky: Ganz einfach: Wir müssen mit den Gewerkschaften zusammenarbeiten, um die Situation zu verbessern. Das gelingt uns in Amerika, warum sollten wir das nicht auch in Deutschland schaffen?

Zunächst stellt sich doch die Frage, warum es überhaupt schon wieder gilt, die Situation zu verbessern? Schließlich hat Opel gerade erst 8000 Stellen abgebaut.

Girsky: Die wirtschaftliche Lage in Europa hat sich stark verschlechtert, das gilt vor allem für die Märkte im Süden Europas. Darauf müssen wir reagieren.

Warum ausgerechnet darauf? Verschlechtert sich die wirtschaftliche Lage nicht überall auf der Welt?

Girsky: Nun, die Vereinigten Staaten scheinen derzeit recht stabil zu sein, wenn auch auf einem niedrigen Niveau. Chinas Konjunktur kühlt sich zwar ab, aber die Wirtschaft wächst. Lateinamerika ist immer noch gut unterwegs, allerdings ist dort der Wettbewerbsdruck sehr groß. Letztlich besteht derzeit in Europa der größte Handlungsbedarf.

Aber Sie sind mit Verträgen, die eine Laufzeit bis zum Jahr 2014 haben, gegenüber Ihren Betriebsräten daran gebunden, keinen weiteren Personalabbau vorzunehmen und keine Werke zu schließen...

Girsky: Karl-Friedrich Stracke und sein Team werden mit allen Beteiligten, inklusive den Arbeitnehmervertretern, zusammenarbeiten, um die Profitabilität von Opel zu verbessern. Wir müssen unsere Kosten senken, Skaleneffekte besser nutzen und unsere Margen verbessern.

Kosten kann man mit der Auslastung von Werken beeinflussen, Skaleneffekte auch. Sind denn auf der Aufsichtsratssitzung zu Beginn der Woche Entscheidungen darüber getroffen worden, wo die neuen Modelle - also der kompakte Geländewagen und die Nachfolger von Antara und Agila - gebaut werden?

Stracke: Zum Teil sind diese Entscheidungen gefallen, zum Teil noch nicht. Wir entscheiden allein danach, wo die Produktion wirtschaftlich am sinnvollsten ist.

Wenn es nun schon wieder Diskussionen um die Kosten von Opel gibt: Wäre es nicht sinnvoller gewesen, unmittelbar nach der letzten lebensbedrohlichen Krise härter durchzugreifen? Hätte man nicht ein weiteres Werk schließen müssen, zum Beispiel in Bochum?

Stracke: Als mein Vorgänger Nick Reilly die Verantwortung übernommen hat, stand er vor einer hochkomplexen Aufgabe. Seine Strategie hat ja erste Früchte getragen. Unser Geschäft war ja im ersten Halbjahr schon wieder profitabel. Aufgrund der aktuellen Finanz- und Vertrauenskrise gibt es aber neue Herausforderungen.

Warum wird eigentlich über strategische Entscheidungen, zum Beispiel über die Planung der Produktion einzelner Modelle in verschiedenen Werken immer so viel öffentlich diskutiert? Bei ihrem ebenfalls amerikanischen Wettbewerber Ford zum Beispiel heißt es irgendwann, das Modell Y kommt künftig aus dem Werk Z. Das nimmt man zur Kenntnis, und die Sache hat sich.

Girsky: Das ist ein Modell, das wir ebenfalls anstreben.

Das gelänge vermutlich besser, wenn die Antwort auf ihre Schwierigkeiten Wachstum wäre.

Stracke: So ist es! Genau darum geht es doch. Die Lösung kann nicht allein das Sparen sein. Die andere Hälfte des Paktes muss aus höheren Umsätzen und steigenden Margen kommen ...

Leichter gesagt als getan, oder?

Stracke: Nein. Wir sind doch auf genau dem richtigen Weg. Unseren neuen Modelle, zum Beispiel der auf der IAA vorgestellte Zafira Tourer oder der ganz neue Astra GTC, kommen richtig gut an. Gleich sechs neue Modelle und Modellvarianten werden wir der Öffentlichkeit nächstes Jahr vorstellen. Und natürlich haben die neuen Modelle auch bessere Margen als die alten.

Apropos alt: Das Attribut trifft nach der Meinung von Fachleuten vor allem auf ihre Motorenpalette zu.

Stracke: Das ist aber nicht richtig. In unseren neuen Modellen finden sich viele neue Motoren, und weitere kommen im nächsten Jahr. Die ersten Fachkritiken über den neuen Zafira Tourer oder den Astra GTC fallen sehr positiv aus. Und vergessen Sie nicht: Seit Anfang des Monats ist der Ampera auf dem Markt, unser Einstieg in die Elektromobilität. Bei der Entwicklung dieser bahnbrechenden Technologie haben wir erheblich von unserer Zusammenarbeit mit GM profitiert.

Ein weiterer Vorwurf, der GM gern gemacht wird, kreist um die fehlenden Exportchancen von Opel. Warum sind Opel so viele Märkte im Ausland versperrt?

Girsky: Opel entscheidet über Export von Fall zu Fall. Wir müssen unsere Konzernmarken nur so positionieren, dass sie sich nicht gegenseitig das Leben schwer machen.

Von Exportverboten kann also keine Rede sein?

Stracke: Nein! Wir sind in Russland stark vertreten und wachsen dort als Marke schneller als alle anderen. Wir exportieren seit diesem Jahr nach Israel, im nächsten Jahr gehen wir nach Australien. In China kann man Opel ebenfalls kaufen, auch wenn das Volumen dort noch begrenzt ist. Und für den indischen Markt gilt: wir prüfen.

Klaus Franz geht

Er war und ist das Gesicht von Opel. Der 59 Jahre alte Klaus Franz verabschiedet sich Ende 2011 in die arbeitsfreie Zeit seiner Altersteilzeit, danach braucht Opel einen neuen Betriebsratschef. In der Führung des Unternehmens wird der Wechsel vermutlich mit Erleichterung aufgenommen werden, brachte es die Art und Weise, wie Franz die Rolle des Betriebsratsvorsitzenden interpretierte, doch mit sich, dass Opel selbst häufig die Kontrolle über die Öffentlichkeitsarbeit in eigener Sache entglitt. Im wesentlichen vertrat Franz dabei immer eine These: Opel leidet unter dem amerikanischen Mutterkonzern General Motors. Bis zuletzt kämpfte er mit harten Bandagen um die Zuteilung der Produktion neuer Modelle auf die Opel-Standorte und forderte flexiblere Exportmöglichkeiten für die Marke Opel in Länder außerhalb Europas. In der für Opel lebensbedrohlichen Krise im Jahr 2009 hoffte Franz, Opel mit Hilfe des Automobilzulieferers Magna von GM unabhängig machen zu können. Doch die Amerikaner wollten von Opel nicht lassen, und so feierte Franz seinen „persönlichen Unabhängigkeitstag“ zu früh. Der Schwabe Franz hatte 1975 als

Lackierer bei Opel angefangen. Seit Juli 2000 führt er nicht nur den Betriebsrat, sondern auch den Konzern- und Gesamtbetriebsrat. Im Januar 2003 wurde Klaus Franz zudem stellvertretender Opel-Aufsichtsratschef. (Kno.)

Das Gespräch führte Carsten Knop.

Quelle: F.A.Z.
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