20.03.2008 · Die Siemens-Aktien verloren am Montag bis zu 20 Prozent ihres Wertes, so viel wie nie zuvor in der Dax-Geschichte. Der Konzern erschreckte die Börse mit neuen Belastungen von 900 Millionen Euro. Wie geht es weiter? Im Interview mit der F.A.Z wirbt der Siemens-Chef um Vertrauen.
Die Siemens-Aktien verloren am Montag bis zu 20 Prozent ihres Wertes, so viel wie nie zuvor in der Dax-Geschichte. Der Konzern erschreckte die Börse mit neuen Belastungen von 900 Millionen Euro für das zweite Quartal. Die Vergangenheit hat Siemens wieder eingeholt. In der Kraftwerkstechnik drohen Vertragsstrafen wegen Lieferschwierigkeiten. Altbekannte Mängel bei der Straßenbahn Combino erfordern noch teurere Reparaturen. Ein angespannter, aber energischer Vorstandsvorsitzender ist entschlossen, die Missstände zu beseitigen. Peter Löscher hält an seinen Zielen fest und wirbt um Vertrauen.
Herr Löscher, warum kommen die neuen Belastungen so plötzlich zum Vorschein?
Ich suche mir den Zeitpunkt nicht aus. Maßgeblich sind Fakten. Wir stehen für Klarheit, Entschlossenheit, Transparenz. Und wir kommunizieren schnell und offen.
War das nicht alles schon wesentlich früher abzusehen?
Nein. Wir hatten gesagt, dass wir uns die Großaufträge genau anschauen. Auf der Hauptversammlung am 24. Januar haben wir angekündigt, dass wir den Auftragsbestand im integrierten Großkraftwerkbau sowie in der Bahntechnik im Einzelnen intensiv auf die Ergebnisqualität überprüfen. Mit diesem Ausmaß der Problemfälle habe ich nicht gerechnet. Die Probleme etwa mit der Straßenbahn Combino reichen in das Jahr 2004 zurück. Aber es brauchte Zeit, um sich nach meinem Antritt und der Neustrukturierung des Konzerns ein umfassendes Bild von der Lage zu machen.
Können Sie garantieren, dass in den 15 Divisionen von Siemens tatsächlich alle Aufträge durchleuchtet worden sind?
Nein, das kann niemand. Aber im Energiebereich wurden 80 Prozent der Großprojekte durchleuchtet. Dabei handelt es sich allerdings eindeutig um die Projekte mit den größten Risiken. Wir sind noch nicht durch. Aber der größte Teil ist erfasst.
Also es kommt noch etwas?
Das kann sein. Aber das, was wir am Montag berichtet haben, bildet den allergrößten Teil der Belastungen ab.
Waren Sie geschockt, als Sie sahen, wie die Börse auf die Hiobsbotschaften am Montag reagierte?
Nein. Die Höhe der Belastungen ist eine unerfreuliche Überraschung für die Aktionäre wie für mich. Da gibt es keinen Unterschied. Das Management von Siemens hat die Verantwortung für Fehler und ihre Bewältigung. Der Aktionär ist verantwortlich für seine Entscheidungen.
Aber wie wollen Sie nach dieser Erschütterung Vertrauen zurückgewinnen?
Wir haben jetzt Riesenprobleme aufgedeckt, das ist die Voraussetzung dafür, dass man sie auch löst. Ziel muss sein, Überraschungspotential stetig zu senken. Wir wollen langfristig und kontinuierlich die Ertragskraft stärken - und Arbeitsplätze schaffen. Wir werden immer wieder berichten, was wir machen. Und daran werden wir letztlich gemessen.
Wäre es nicht ehrlicher gewesen, am Montag die mittelfristig bis 2010 gesteckten Renditeziele für die neuen Konzernbereiche zu kassieren?
Das tun wir nicht. Wir halten an den Zielen fest. Wir sind zuversichtlich, sie zu erreichen. Nach vorne gerichtet sind wir gut unterwegs.
Wird das Verhältnis zur Belegschaft angespannter? Gesamtbetriebsrat und IG Metall haben Sie scharf kritisiert, weil sie sich vor den Kopf gestoßen fühlten.
Die Sorge habe ich nicht. Wir gehen klar und offen miteinander um und pflegen eine intensive Kommunikation. Es gibt aktienrechtliche Vorschriften, was die Information angeht. Ich konnte nicht vor der Pflichtmitteilung am frühen Montag den Betriebsrat benachrichtigen. Aber parallel zur Veröffentlichung der Pflichtmitteilung wurden selbstverständlich der Aufsichtsrat und damit auch die Arbeitnehmervertreter unterrichtet.
Sind Arbeitsplätze in Gefahr?
Was wir zu berichten hatten, hat nichts mit Arbeitsplätzen zu tun. Die Auftragsabwicklung hat nicht sauber funktioniert. Wir haben ja mehr Aufträge, als wir abarbeiten können.
Sie wollen die Kosten in der Verwaltung senken. Bleibt es bei den anvisierten Einsparungen von 10 bis 20 Prozent?
Selbstverständlich. Am 30. April anlässlich der Bekanntgabe der Zahlen für das zweite Quartal werde ich wie im Januar angekündigt einen Zwischenstand zu dem Projekt vorstellen.
Wird es Kündigungen geben?
In der Verwaltung werden wir schlanker. Siemens wird aber weiterhin stark wachsen, und wir wollen weiter neue Stellen schaffen. Im vergangenen Jahr waren es 12 000 neue Stellen, davon 1400 in Deutschland. Und wir haben immerhin allein in Deutschland noch 3500 Positionen offen.
Was ist denn in diesem Konzern falsch gelaufen, dass Sie nun mit solchen Luxusproblemen zu kämpfen haben?
Wir hatten nicht genügend erfahrene Projektingenieure, die die zahlreichen Aufträge abarbeiten konnten. Die Kapazitäten wurden falsch eingeschätzt, und es wurden zu viele Aufträge in die Bücher genommen. Normalerweise werden 30 bis 35 schlüsselfertige Kraftwerksprojekte abgearbeitet. Derzeit haben wir über 60. Andere Themen wie die galoppierenden Rohstoffpreise kommen hinzu.
Hätte das nicht früher auffallen müssen?
Denken Sie an die früheren Strukturen mit all ihren Zwischenebenen: Zentralvorstand, Vorstand, Geschäftsbereiche, Betreuer unterhalb der Geschäftsbereiche. Das ist heute anders. Es gibt direkte, persönliche Verantwortung. Die Organisation ist durchgestochen.
Was sind die Konsequenzen?
Wir werden uns auf Projekte konzentrieren, die ertragsstark sind. Wir werden bei den Großprojekten sehr viel selektiver vorgehen. Das Projektmanagement wird neu aufgestellt.
Ist Siemens also noch immer zu breit aufgestellt? Probleme wie in der Kraftwerks- und Bahntechnik können doch jederzeit woanders auftreten?
Das ist unwahrscheinlich. Anderswo im Unternehmen überwiegen Produkt- und Lösungsgeschäft. Im Übrigen sind wir eindeutig nicht mehr so breit aufgestellt wie früher. Die Hälfte des Portfolios ist in den vergangenen Jahren neu positioniert worden, in Gemeinschaftsunternehmen eingebracht oder verkauft worden. Wir haben uns entlang weniger Wachstumsfelder aufgestellt. Basis sind die weltweiten Markttrends, die sogenannten Mega-Trends und ihre Wachstumsthemen.
Was bleibt von dem Kommunikationsbereich übrig?
Wir haben drei Sektoren: Energie, Industrie und Healthcare. Das zeigt die Richtung. In der Kommunikationstechnik ist bei Enterprise Networks klar kommuniziert, dass Portfolioveränderungen anstehen. Davon abgesehen gehören die Gigaset-Telefone zu unserem Portfolio. Das ist ein eigenständiges, erfolgreiches Geschäft.
Hat die Informationstechnik im Siemens-Konzern Zukunft?
Die ist enorm wichtig für alle unsere Geschäfte. Die Vernetzung, die die IT übernimmt, ist sektorübergreifend ein zentrales Thema - genauso wie die Tätigkeit der Siemens Financial Services als Finanzierer großer Projekte.
Wäre es nicht sinnvoller, in der IT mit Dritten zusammenzuarbeiten, als diese Querschnittsfunktion selbst mit viel Kraft zu unterhalten?
Solche Fragen stellen sich ganz generell für alle Geschäftsaktivitäten und sind Thema jeder Unternehmensentwicklung bei uns wie in jedem anderen Unternehmen.
Was sind die essentiellen Querschnittsfunktionen, die unbedingt im Hause bleiben müssen?
Mit unseren weltweit rund 20.000 Softwareentwicklern stehen wir in der Top-Liga. In der Medizintechnik etwa spielen Softwarelösungen eine immer wichtigere Rolle. Das Gesundheitswesen wird mit der Patientenversorgung, deren Überwachung oder der Verwaltung von Patientendaten immer stärker vernetzt. Da müssen wir nicht zukaufen, um Gesamtlösungen anzubieten. Dadurch sind wir ein Integrator mit Lösungskompetenz und haben einen Wettbewerbsvorteil, mit dem wir uns klar von anderen absetzen.
Siemens hat nun die richtige Struktur?
50 Prozent sind neu positioniert. Wir müssen die operative Kraft der Geschäfte langfristig weiter stärken. Das Portfolio zu überprüfen - das ist aber ein permanenter Prozess. Nach den großen Portfolioveränderungen steht für mich jetzt aber organisches Wachstum klar im Vordergrund.
Muss es künftig auch so lange dauern, bis solche Vorgänge wie die jüngsten an die Oberfläche kommen?
Wir gehen mit hoher Geschwindigkeit nach vorne. Die Vorbereitung der letzten Neuorganisation 1989 hat 18 Monate gedauert. Jetzt waren es drei Monate.
Wieso drei Monate? Sie sind doch schon seit Juli vergangenen Jahres im Amt.
Stimmt. Aber ich setze einen anderen Stichtag. Ich bin damals gleich die Kernprobleme angegangen. Wir haben die neue Organisationsstruktur mit den drei Konzernbereichen Energie, Medizin sowie Industrie entwickelt und im November die drei Chefs der Sektoren verkündet. Seit dem 1. Januar gilt die neue Organisation. Das neue Führungspersonal ist seitdem voll verantwortlich für das, was passiert. Nicht der Juli, der Zeitpunkt meines Eintritts in den Siemens-Konzern, ist für mich der Stichtag für die neue Verantwortung, sondern der 1. Januar 2008.
Geht der Umbau mit nun drei Konzernbereichen und 15 Divisionen weit genug?
Absolut. Es gibt keinen Zentralvorstand mehr, der nicht in die operativen Geschäfte eingebunden ist. Es gibt keine zwei Vorstandsebenen wie früher. Wir haben den Vorstand von elf auf acht Mitglieder verkleinert, und bei denen liegt die operative Verantwortung. Aus vorher acht Geschäftsbereichen sind drei Sektoren geworden. Und die drei dafür verantwortlichen CEOs sitzen nun an einem Tisch mit mir: Heute sitzen Wolfgang Dehen für die Energie, Erich Reinhardt für Medizin und Heinrich Hiesinger für die Industrie mir gegenüber. Wir haben die Verantwortung nach oben gezogen und tragen sie allumfassend. Das ist eine völlig andere Führungsstruktur und -verantwortung.
In der Kraftwerkssparte sind besonders hohe Korruptionszahlungen geleistet worden. Dass dort die Ergebnisprognose am stärksten korrigiert werden muss, steht damit in keinem Zusammenhang?
Nein.
Und Siemens wird es künftig möglich sein, ohne Schmiergeldzahlungen auszukommen?
Definitiv. Denn am Ende des Tages zählen nur nachhaltige Geschäfte. Und nur saubere Geschäfte sind nachhaltige Geschäfte. Da lasse ich keine Zweifel und keine Grauzonen zu.
Wann treffen Sie sich das nächste Mal mit der amerikanischen Wertpapieraufsichtsbehörde SEC, um dort die zu erwartende Strafe für die Korruptionsaffäre abschließend zu klären?
Es gibt dafür keinen Termin. Aber seit dem Besuch von Herrn Cromme und mir bei der SEC im Dezember gibt es laufend einen konstruktiven Dialog auf der Arbeitsebene. Würde ich einen weiteren Termin bei der SEC wahrnehmen, wäre das auch nicht zwangläufig gleichbedeutend mit einer offiziellen Besprechung zum Beispiel über einen Vergleich.
Wann rechnen Sie mit einem Abschluss der internen Ermittlungen einerseits und der durch die SEC andererseits?
Ich kann nicht über Zeitpunkte spekulieren. Eine Frage wird in diesem Zusammenhang übrigens immer vergessen.
Welche?
Wann die Staatsanwaltschaft München mit ihren Ermittlungen fertig ist.
Und wann wird das sein?
Das weiß ich auch nicht.