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Dienstag, 18. Juni 2013
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Im Gespräch: Peter Terwiesch „Wir brauchen Stromautobahnen von Nord nach Süd“

 ·  Die Wirtschaft steht vor der Energiewende. Noch stockt es im Netzausbau. Doch das muss sich bald ändern, sagt der Vorstandsvorsitzende der ABB Deutschland AG. Denn alles andere wäre teuer.

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Herr Terwiesch, was bedeutet die politisch beschlossene Energiewende für die Industrie?

Für die Hersteller von Techniken zur Herstellung, Übertragung und Verteilung von Strom ist die Energiewende eine große Chance. Der deutsche Markt kann hier eine weltweite Pilotfunktion übernehmen.

Und wenn wir das nicht schaffen?

Wir müssen es schaffen. Eine Stunde ohne Strom würde in Deutschland einen Produktionsausfall von einer Milliarde Euro auslösen.

Wie vermeiden wir, dass diese Situation eintritt?

Indem wir alle technischen Möglichkeiten der regenerativen Stromerzeugung, der optimalen Stromübertragung, der intelligenten Stromverteilung und der effizienten Nutzung einsetzen.

Wo sind schon Erfolge zu sehen?

Die größten Erfolge erzielen wir derzeit in der Energieeffizienz, also im Einsatz energiesparender Geräte. Allein durch die von ABB weltweit vertriebenen Frequenzumrichter, die Elektromotoren an die abgeforderte Leistung anpassen und damit gebrauchsabhängig Strom verbrauchen, werden heute mehr als 100 Millionen Tonnen CO2-Ausstoß eingespart. Das entspricht dem gesamten CO2-Ausstoß Finnlands.

Das hört sich nach viel an, ist da noch Potential drin?

Noch sehr viel. 42 Prozent der Elektrizität gehen weltweit in die Industrie. Davon zwei Drittel in rotierende Motoren. Und davon sind global erst zehn Prozent mit modernen Frequenzumrichtern ausgestattet.

In der öffentlichen Diskussion spielt die Stromübertragung eine größere Rolle als die Energieeinsparung. Der Transport des in Windkraftparks in der Nordsee gewonnenen Stroms nach Bayern scheint die größte Herausforderung. Schaffen wir das technisch oder nicht?

Ja, wir schaffen das, wenn wir das Netz rechtzeitig umbauen. Das heutige auf 400 Kilovolt ausgelegte Hochspannungsnetz ist nicht auf den Ferntransport ausgelegt. Was wir brauchen, sind Stromautobahnen von Nord nach Süd. In einem zweiten Schritt müssen diese Stromautobahnen verknüpft werden, national wie grenzüberschreitend.

Und wie geht das technisch?

Deutschland ist Pionier in der Hochspannungsgleichstromübertragung. Das sind Netze, die hohe Strommengen mit ganz geringen Energieverlusten über weite Strecken transportieren.

Ist die Technik ausgereift?

Ja. ABB hat in einer Pionierleistung den Windkraftpark Borwin I mittels einer Hochspannungsgleichstromübertragung (HGÜ) über 120 Kilometer im Meer und dann weitere 80 Kilometer über Land an das bestehende Netz angeschlossen. In China hat ABB die leistungsstärkste Stromübertragungsleitung gebaut, die 6400 Megawatt über 2000 Kilometer transportiert. Zusammenfassend kann man sagen, die Technik für eine energieeffiziente Stromübertragung über große Entfernungen ist gegeben.

Warum stockt dann der Ausbau?

Das müssen Sie die Stromnetzbetreiber fragen. Aber vor dem Bau sind natürlich Fragen der Finanzierung, der Risiken, der Haftung und der Kapazitäten der Zulieferer zu klären.

Für die Kapazitäten der Zulieferer ist auch ABB verantwortlich. Ist ABB auf den Ausbau des deutschen Stromübertragungsnetzes vorbereitet? Nach einer Studie der Deutschen Energieagentur geht es in einem ersten Schritt um 3600 Kilometer.

ABB ist gut vorbereitet. Wir haben für 200 Millionen Euro die Siliziumhalbleiterproduktion in der Schweiz erweitert, für 90 Millionen Euro ein Landkabelwerk in Amerika ausgebaut und für 400 Millionen Euro die Seekabelproduktion im schwedischen Karlskrona erweitert. Dazu kommt die hohe Umrichterkapazität. Unsere Investitionssumme innerhalb weniger Jahre beträgt mehr als 1 Milliarde Dollar. Wir haben unsere Kapazitäten ausgebaut, um mit der HGÜ eine Technik anzubieten, die gegenüber herkömmlicher Übertragungstechnik bei dreifacher Leistung den halben Energieverlust mit sich bringt.

Wie viele Aufträge haben Sie bekommen?

Die Energiewende kommt, zugegeben, erst zögerlich bei uns an. Wir haben drei Großaufträge zum Anschluss von Off-shore-Windkraftparks in der Nordsee, von denen einer abgearbeitet ist und die beiden anderen im Bau sind. Aber wir gehen davon aus, dass es in den kommenden Monaten zu weiteren Ausschreibungen von Großprojekten zur Stromübertragung in Deutschland kommen wird. Im Juni wird der Netzentwicklungsplan abgeschlossen sein, der dann zu einem Energiebedarfsplan führt - und dann hoffentlich auch zum notwendigen Ausbau der Netze.

Nur der Übertragungsnetze?

Nein. Noch wichtiger sind die Verteilnetze vor Ort. Diese Netze sind noch weniger auf die Herausforderungen der Energiewende ausgerichtet. Sie haben - wie ihr Name sagt - bisher eigentlich nur Strom eines Anbieters an viele Abnehmer verteilt. Sie müssen künftig in der Lage sein, auch viele Einspeiser zu verkraften, die diskontinuierlich Strom liefern. Wie das Verteilnetz der Zukunft aussieht, hängt sehr stark von der Entwicklung der Elektromobilität ab, inwieweit dadurch Strom dem Netz entnommen und bei Engpässen auch möglicherweise wieder durch Batterieentladung zugeführt wird.

Wie wird sich das Geschäft von ABB Deutschland angesichts der Ungewissheiten bei den Stromnetzen in diesem Jahr entwickeln?

ABB hat in Deutschland ein robustes Jahr 2011 hinter sich mit einer Umsatzsteigerung von 13 Prozent auf 3,43 Milliarden Euro; damit trägt die deutsche ABB etwa ein Zehntel zum globalen Umsatz von ABB bei. Bereits der nur um 0,5 Prozent auf 3,76 Milliarden Euro gestiegene Auftragseingang zeigt, dass es derzeit hohe Unsicherheiten im Markt gibt. Eine Prognose kann man daher heute nicht abgeben.

Das Partnerland der Hannover Messe ist China. Welche Rolle spielt China im ABB-Verbund?

Für uns ist China ein gleichberechtigter großer Markt. ABB beschäftigt in China 18000 Mitarbeiter und damit mehr als in Deutschland, wo 10000 Mitarbeiter beschäftigt werden. China ist für uns kein Markt geringerer Qualität. ‚Made by ABB‘ bedeutet für uns ein gleichbleibend hohes technisches Niveau in allen Ländern.

Viele Unternehmen haben Angst vor Datenklau. Forschen Sie auch in China?

Ja. China ist Teil unseres weltweiten Forschungsverbundes. ABB beschäftigt global 7000 Mitarbeiter in Forschung und Entwicklung und gibt dafür 1,5 Milliarden Dollar aus. Davon ist China ein gleichberechtigter Teil, weil wir bemüht sind, jeweils marktgerechte Produkte anzubieten.

Das Gespräch führte Georg Giersberg.

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