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Donnerstag, 20. Juni 2013
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Im Gespräch: Miele-Gesellschafter „Erfolg ist ein sehr guter Leim“

 ·  Der Hausgerätehersteller Miele liegt seit 113 Jahren in der Hand der beiden Gründerfamilien Miele und Zinkann. Unabhängigkeit ist für die geschäftsführenden Gesellschafter des Hausgeräteherstellers Markus Miele und Reinhard Zinkann ein Schlüssel des Erfolgs.

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© Pilar, Daniel Urenkel der Firmengründer: Markus Miele (links) und Reinhard Zinkann

Herr Zinkann, Sie haben im September geheiratet. Herzlichen Glückwunsch!

Zinkann: Vielen Dank.

Waren Sie der Trauzeuge, Herr Miele?

Miele: Nein.

Sie beide verbindet also in erster Linie das Geschäft?

Miele: Im Prinzip schon. Aber man muss dazu wissen, dass ich neun Jahre jünger bin als Reinhard Zinkann und, anders als er, in dieser Region aufgewachsen. Wir haben und hatten schon immer unterschiedliche Freundeskreise.

Wie würden Sie einander beschreiben?

Miele: Reinhard Zinkann kann sehr gut reden und mit Kunden umgehen. Er hat ein Händchen dafür, Menschen für unser Unternehmen, unsere Marke und unsere Produkte zu gewinnen.

Zinkann: Markus Miele ist sehr bodenständig und geradlinig und damit klar berechenbar, was ganz wichtig ist in einer Partnerschaft. Er beschäftigt sich intensiv mit der Technik und kennt jedes unserer Produkte ganz genau.

Nur weil man Miele oder Zinkann heißt, also Nachfahre der Firmengründer ist, ist man noch lange nicht qualifiziert für die Führung des Unternehmens. Wie wurden Sie ausgewählt?

Miele: Wer aus dem Kreis der Familie im Unternehmen arbeiten möchte, muss ähnliche Anforderungen erfüllen wie jemand, der von außen kommt. Wir haben beide unseren Lebenslauf eingereicht und uns vor dem Gesellschafterausschuss präsentiert, der bei uns Familienrat heißt. Außerdem mussten wir uns einen Tag lang den Fragen von zwei Personalberatern stellen, die anschließend ein Gutachten verfassten.

Zinkann: Zwischen beiden Familien besteht Einigkeit, dass die Interessen des Unternehmens immer vorgehen. Hierzu zählt auch, dass unsere Gesellschafter ihren eigenen beruflichen Weg gehen, anstatt Anspruch auf einen Sitzplatz mit Beleuchtung bei Miele zu erheben.

Es gibt also kein ungeschriebenes Gesetz, wonach die Familie auf der Kommandobrücke sitzen sollte?

Zinkann: Nein. Schon heute besteht die Geschäftsleitung aus fünf gleichberechtigten Geschäftsführern, von denen drei keiner der beiden Familien angehören. Diese Konstellation ist aber keineswegs in Stein gemeißelt. Ob unsere Söhne und Töchter einmal unsere Nachfolge antreten und ob es in der Familie gegebenenfalls andere geeignete Kandidaten geben wird, ist völlig offen. Eine operative Führung ganz ohne Familie ist also nicht auszuschließen.

Der Familienrat besteht aus jeweils drei Vertretern Ihrer Familien. Sollten im Dienste einer objektiven Urteilskraft dort nicht auch familienfremde Fachleute vertreten sein?

Miele: Nein, entscheidend ist, dass die Mitglieder im Familienrat hochqualifiziert sind.

Gibt es Momente, in denen Sie, Herr Miele, am liebsten nicht „Miele“ hießen?

Miele: Bislang hat es die nicht gegeben. Dazu erzähle ich Ihnen eine Geschichte aus meinem Studium in Karlsruhe: Eine Kommilitonin kam zu mir zu Besuch und sah meine Miele-Waschtrockensäule. „Ach, guck mal, wie komisch, das Gerät heißt genauso wie du“, sagte sie - und kam gar nicht auf die Idee, das ich damit was zu tun hatte. So geht es vielen Menschen: Sie halten Miele für eine Aktiengesellschaft und nicht für ein Familienunternehmen.

Was ist der Vorteil eines Familienunternehmens?

Miele: Es ist immer das eigene Geld, über das man entscheidet. Wir denken also lieber einmal mehr nach, bevor wir größere Investitionen beschließen. Aber wenn wir uns erst einmal durchgerungen haben, sind die Entscheidungswege sehr kurz. Und dann haben wir einen langen Atem.

Der Nachteil ist aber, dass Sie sich kein Eigenkapital von außen holen können.

Miele: Wir wollen und können uns aus eigener Kraft finanzieren. Das hat einen heilsamen Effekt. Wir können nur so schnell wachsen, wie es unser Cash-flow erlaubt. Es bedeutet aber auch, dass die Organisation organisch mitwachsen kann.

Zinkann: Bei einem gesunden ostwestfälischen Unternehmen stehen die Banken auf der linken Seite der Bilanz, also auf der Aktivseite, bei den Guthaben und Forderungen. Das ist der Spruch, den wir von unseren Vätern immer gehört haben. Der gilt bis heute. Schulden passen nicht zu Miele.

Einzelne Familienmitglieder könnten doch darauf dringen, durch den Verkauf von Anteilen Kasse zu machen.

Zinkann: Das könnte passieren, aber dagegen spricht der Erfolg. Erfolg ist ein sehr guter Leim. Miele hat immer „ertragsauskömmlich“ gearbeitet. Außerdem bietet das Ansehen unserer Marke und unserer Produkte, auf die unsere Gesellschafter ja überall treffen und die sie auch selbst gerne nutzen, ein großes Identifikationspotential.

So viel Dividende schütten Sie im Interesse der Eigenkapitalbildung doch gar nicht aus, oder?

Zinkann: Wir schütten einen festgelegten Anteil unseres Nettogewinns aus. Damit sind die Gesellschafter zufrieden. Gleichzeitig bleibt genug Geld im Unternehmen für die nötigen Investitionen in Innovation und Wachstum - und zur Sicherung unserer Unabhängigkeit.

Miele erwirtschaftet 70 Prozent des Umsatzes im Ausland, aber die Wertschöpfung findet zu 90 Prozent im Hochlohnland Deutschland statt, wo mehr als 10000 Ihrer fast 17000 Beschäftigten arbeiten. Wie rechnet sich das?

Miele: Wir sind im Premium-Segment zu Hause. Unsere Geräte sind auf 20 Jahre Lebensdauer ausgelegt und getestet und gehören technisch und ökologisch zum Besten, was auf dem Markt erhältlich ist. Für dieses Qualitätsversprechen sind die Menschen auch bereit, höhere Preise zu bezahlen. Außerdem haben wir viel Geld in die Automatisierung unserer Produktionsanlagen gesteckt - dies aber ohne Abbau oder Verlagerung von Arbeitsplätzen, denn gleichzeitig sind wir kontinuierlich weiter gewachsen.

Preisaggressive Wettbewerber aus Korea und China greifen in Europa an. Können Sie sich diesem Preiswettbewerb entziehen?

Miele: Natürlich muss auch Miele darauf achten, dass der Preisabstand zu den relevanten Mitbewerbern, die wir sehr ernst nehmen, nicht zu groß wird. Deshalb arbeiten wir weiter kontinuierlich an unseren Kostenstrukturen, ohne dabei aber unser Qualitätsmotto „Immer besser“ zu vernachlässigen. Einen Wettbewerb um den niedrigsten Preis können wir nicht gewinnen, wohl aber den um das beste Produkt.

Welche Rolle spielt Prestigedenken bei der Kaufentscheidung Ihrer Kunden?

Zinkann: Das ist von Land zu Land verschieden. In Asien und in Russland schmücken sich wohlhabende Menschen besonders gerne aus Prinzip mit dem Besten und Teuersten, das der Markt zu bieten hat, Motto: „Ich kaufe BMW, Montblanc, Lange-Uhren und eben Miele, also bin ich wer.“ Deshalb haben wir Miele dort als reine Luxusmarke positioniert. Zum Beispiel kaufen die Chinesen nur unsere Spitzenstaubsauger aus Bielefeld, nicht auch die älteren, in China produzierten Baureihen, die in Europa und Amerika aber noch viele Abnehmer finden.

Miele: Bei unseren Kunden in Europa spielt das Markenprestige natürlich auch eine Rolle, wobei die Exklusivität unserer Marke aber stärker durch Produktmerkmale wie Langlebigkeit, Leistung, Bedienkomfort und Design geprägt ist.

Zu Ihren neusten Produkten zählt auch ein mehr als 3000 Euro teurer Weintemperierschrank fürs Wohnzimmer, der auch eine Etage zur Kühlung der Gläser hat. Wer kauft so etwas?

Zinkann: Dieses Gerät ist in seiner Ausstattung einmalig in der Welt und hat bei seiner Messeweltpremiere auf der Funkausstellung in Berlin eine Resonanz gefunden, die unsere Erwartungen weit übertroffen hat. Dennoch wird dieses Gerät bei uns sicher kein Massenseller. Bei Miele-Fans in China, Hongkong, Amerika und Arabien mag dies anders aussehen.

Araber dürfen doch gar keinen Wein trinken.

Zinkann: Sie können den Schrank ja theoretisch auch mit alkoholfreien Getränken füllen. Außerdem leben dort, wie zum Beispiel in den Emiraten, nicht nur Moslems.

Sie investieren 5 bis 7 Prozent Ihres Umsatzes in Forschung und Entwicklung. Reicht das? Ihren großen Wettbewerbern stehen deutlich höhere Investitionsmittel zur Verfügung.

Zinkann: Das stimmt, aber die Wettbewerber, insbesondere die aus Asien, sind dafür auf vielen verschiedenen Feldern unterwegs. Wir hingegen sind extrem fokussiert auf dieses eine Geschäft: Hausgeräte. Wir können auch mal mehr Geld in die Hand nehmen, wenn wir von einer neuen Technologie überzeugt sind. Außerdem steht bei uns nur eine einzige, klar positionierte Marke im Mittelpunkt. Das erleichtert vieles, auch in der Vermarktung.

Im zurückliegenden Geschäftsjahr haben Sie den Umsatz um gut 3 Prozent erhöht. Wie laufen die Geschäfte im Moment? Spüren Sie die Schuldenkrise in Europa?

Miele: Insgesamt wachsen wir weiter, und wir sind verhalten optimistisch, dass sich dieser Trend fortsetzt. In Ländern wie Griechenland, Italien oder Portugal ist der Umsatz zwar deutlich gesunken. Aber dafür läuft es zum Beispiel in Zentraleuropa, Skandinavien, Nordamerika, Asien und den Golf-Staaten sehr gut, woran der schwache Euro einen gewissen Anteil hat. In Deutschland merken wir bislang keinerlei Abkühlung und legen auf hohem Niveau stabil weiter zu.

Wie erklären Sie das?

Miele: Hier dürfte vor allem eine Rolle spielen, dass die leichten Eintrübungen der Konjunktur bislang ohne nennenswerte Auswirkungen auf den deutschen Arbeitsmarkt bleiben. Außerdem sagen sich angesichts niedriger Zinsen und der Sorge vor steigenden Preisen viele Leute: Da kann ich mein Geld auch investieren, und zwar vernünftigerweise in Qualitätsprodukte, die auch in zehn, 15 Jahren noch zuverlässig funktionieren. Das steigert das Wohlbefinden. Last, but not least sind wir auf unserem Heimatmarkt mit rund 1500 qualifizierten Vertriebs- und Servicekräften sowie einem erstklassigen Netz von Fachhandelspartnern hervorragend aufgestellt.

Der SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück will den Spitzensteuersatz erhöhen und die Vermögensteuer wiedereinführen. Wie finden Sie das?

Zinkann: Ich glaube nicht, dass sich die Schuldenkrise in Europa durch die Anhebung der Steuern in Deutschland lösen lässt, zumal unser Staat derzeit so viel Geld einnimmt wie nie zuvor. Eine höhere Steuerbelastung ohne Differenzierung zwischen entnommenen und thesaurierten Gewinnen würde zudem die Investitionskraft der Unternehmen schmälern. Entsprechendes gälte für eine neue Vermögensteuer und im Übrigen auch für Verschärfungen bei der Erbschaftsteuer, da es sich in beiden Fällen um reine Substanzsteuern handelt. Daran kann auch Herrn Steinbrück nicht gelegen sein.

Urenkel der Firmengründer

Markus Miele und Reinhard Christian Zinkann sind die Urenkel von Carl Miele und Reinhard Zinkann, die das Unternehmen Miele & Cie. KG im Jahr 1899 in Herzebrock nahe Gütersloh gegründet hatten. Die Firma mit einem Jahresumsatz von zuletzt 3 Milliarden Euro ist bis heute im Besitz dieser beiden Familien, wobei sich die Anteile auf 60 Gesellschafter verteilen. Markus Miele rückte 2002 in die Geschäftsführung des Hausgeräteherstellers. Der 43 Jahre alte promovierte Wirtschaftsingenieur ist mit Katja Soehnle verheiratet, die aus der Familie des gleichnamigen (heute zu Leifheit gehörenden) Waagenherstellers stammt. Die beiden haben zwei Kinder.
Reinhard Zinkann ist seit 1999 geschäftsführender Gesellschafter von Miele. Er kümmert sich vor allem um das Marketing. Der promovierte Kaufmann hat seine ersten beruflichen Erfahrungen bei BMW in München gesammelt. Seither begeistert er sich für Oldtimer dieser Marke. Zinkann hat einen 17 Jahre alten Sohn aus erster Ehe. Anfang September heiratete er die Hamburger Ärztin und Psychotherapeutin Amélie von Wallenberg-Pachaly.

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Jahrgang 1964, Wirtschaftskorrespondent in Hamburg.

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