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Im Gespräch: Jürgen Hambrecht „Wir sägen an dem Ast, auf den wir klettern wollen“

 ·  Der Chef des weltweit größten Chemiekonzerns BASF begrüßt längere Laufzeiten für Atomkraftwerke. Dennoch befürchtet er, dass die deutsche Energiepolitik den Strom insgesamt derart verteuert, dass sich Investitionen nicht mehr rechnen.

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Herr Hambrecht, freuen Sie sich auf die Verlängerung der Laufzeiten für Atomkraftwerke? Strom müsste dadurch für Sie ja billiger werden.

Eine Laufzeitverlängerung wäre ein erster Schritt. Wenn ich mir aber die politische Diskussion anschaue, bin ich im Gegenteil besorgt, dass die Folgen einer falschen Energiepolitik sich weiterhin negativ auf Investitionen und Arbeitsplätze in Deutschland auswirken werden.

Meinen Sie damit speziell die chemische Industrie?

Vor allem der Bundesumweltminister erweckt den Eindruck, die im Energiegutachten bezifferten 0,5-1,8 Eurocent je Kilowattstunde, um die sich längere Laufzeiten von Atomkraftwerken strompreisdämpfend auswirken können, seien nicht signifikant. Das ist mehr als ärgerlich für stromintensive Branchen wie die chemische Industrie. Hier wird ein großes Problem fahrlässig kleingeredet. Die Realität ist, dass alleine auf die chemische Industrie Kosten von bis zu 1 Milliarde Euro zukommen können.

Werfen Sie der Politik vor, die Lage bewusst schönzureden?

Als Realist interessieren mich weniger theoretische Zahlenspiele als vielmehr die praktische Umsetzbarkeit. Das vorgelegte Energiegutachten legt eine ganze Reihe politischer Rahmenbedingungen zu Grunde, die es so heute noch gar nicht gibt. Darauf weisen die Gutachter ja selbst ausdrücklich hin.

Welche Rahmenbedingungen meinen Sie konkret?

Vor allem ein international akzeptiertes Klimaabkommen, das für alle sinnvolle Regeln schafft. Ohne dieses verfehlt auch Deutschland seine Klimaziele. Wir werden nach den Szenarien des Gutachtens von Stromimporten abhängen, die auch klimaverträglich produziert werden müssen. Durch nationale Alleingänge ohne internationale Vereinbarungen fehlt der Industrie langfristig die Absicherung für Investitionsentscheidungen. Darüber hinaus geht das Gutachten davon aus, dass in Deutschland zusätzlich massiv in Energiesparmaßnahmen investiert wird. Hier fehlt ein Gesamtkonzept der zuständigen Ministerien.

Was bedeutet das?

Werden diese Rahmenbedingungen nicht erfüllt, sind die Berechnungen des Gutachtens Makulatur. Realität ist dagegen heute schon eine einseitige Belastung der europäischen Industrie durch den CO2-Emissionshandel. Darüber hinaus belastet Deutschland die Industrie durch das Erneuerbare-Energien-Gesetz und die geplante Erhöhung der Energiesteuer. Alles in allem Zusatzkosten, die sich für die deutsche Chemieindustrie 2013 auf mindestens 650 Millionen Euro gegenüber heute addieren.

Mit welchen Folgen rechnen Sie?

Strompreisverteuerungen können viele stromintensive Prozesse in der Chemie unwirtschaftlich machen. Dazu gehört beispielsweise die Herstellung von Chlor und Natronlauge.

Was wäre daran so schlimm?

Chemikalien bestimmen oft Wertschöpfungsketten weit über die Chemie hinaus. Chlor und Natronlauge werden zum Beispiel bei der Herstellung technischer Kunststoffe gebraucht, die wiederum bei der Fertigung von Windanlagen und Wärmespeichern für solarthermische Kraftwerke zum Einsatz kommen. Hier hat Deutschland heute eine Spitzenstellung. Wir sägen an dem Ast, auf den wir klettern wollen. Das ist doch absurd.

Von welchem Strompreis an müssen Sie in Deutschland Produktionsanlagen schließen?

Genau danach fragen uns Politiker immer wieder. Das ist aber der falsche Ansatz. Wenn Politiker so lange an den Strompreisen drehen, bis die Unternehmen gerade noch hierbleiben und nicht abwandern, dann leben wir in einer Planwirtschaft. Unternehmen bewegen sich dagegen in freien Märkten und können in dem sich ständig verschärfenden globalen Wettbewerb nicht vorhersagen, welche Preise in 20 Jahren für ihre Produkte erlöst werden können. Was wir heute aber schon wissen, ist, dass überall auf der Welt neue Produktionsanlagen für Chemikalien gebaut werden, die in fünf bis zehn Jahren produzieren werden. Viele dieser Anlagen entstehen an Standorten, an denen Rohstoffe, vor allem aber Energie günstiger sind als in Deutschland. Das oberste Gebot muss deshalb lauten, die Wettbewerbsfähigkeit der Energieversorgung in Deutschland langfristig sicherzustellen und zu verbessern.

Könnte das bedeuten, dass die BASF die Verbundproduktion aus Deutschland an andere Standorte verlagern müsste, etwa nach Nanjing in China?

Das Stammwerk der BASF in Ludwigshafen ist heute einer der effizientesten Chemiestandorte der Welt. Damit das so bleibt, reden wir über die Zukunft: Denn in der Tat ist es so, dass sich ohne Planungssicherheit bei den Energiekosten Investitionen in unsere Großanlagen kaum mehr rechtfertigen lassen.

Welche Lösung schlagen Sie für die Energiepolitik vor?

Ohne internationale Absicherung kommen wir nicht weiter. Nur so sichern wir, dass unsere Energiepolitik ökologische, ökonomische, soziale und nationale Aspekte ausgewogen berücksichtigt. Dies ist Grundlage, dass Deutschland seine Klimaziele erreicht und eine starke Industrie behält. Darüber hinaus muss unsere Energiepolitik eingebettet sein in ein deutsches Zukunftskonzept. Wir müssen das Ziel einer preiswerten, umweltverträglichen Energie fest verbinden mit einem Innovationsplan für Technologien, mit strategischer Förderung von Effizienzmaßnahmen und mit dem Ansatz, Stromnetzwerke und -preisbildung sinnvoll zu regulieren und effizient zu steuern.

Zum Energiekonzept gehören auch schärfere Vorgaben zur energetischen Gebäudesanierung. Winkt da der BASF mit ihrer starken Bauchemie ein gewaltiges Konjunkturprogramm?

Wir reden schon lange darüber, dass die Dämmung von Gebäuden ein riesiges Potential hat, den Energieverbrauch und damit auch die CO2-Emissionen zu senken. Daher ist das ein richtiger Schritt. Sicherlich würde sich das auch positiv auf unser Geschäft und unsere Wettbewerber auswirken. In welchem Umfang kann man aber erst sagen, wenn Regelungen dafür auf dem Tisch liegen.

Die Fragen stellte Michael Psotta.

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