Home
http://www.faz.net/-gqi-z1ps
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Im Gespräch: Frank Appel „Die Post soll zum iPhone der Logistik werden“

01.07.2010 ·  Mit Briefen ist die Deutsche Post groß geworden. Ihre Zukunft sind Container. Der Vorstandsvorsitzende Frank Appel will mit der DHL Lieferketten unkompliziert machen, so wie das iPhone komplexe Handys durchschaubar gemacht habe.

Artikel Bilder (1) Lesermeinungen (3)

Beim Blick auf das große Ganze spricht Frank Appel lieber über logistische Intelligenz und Lieferkettenoptimierung als über die Niederungen des deutschen Briefgeschäftes. Mit den Briefen ist die Deutsche Post groß geworden, ihre Zukunft aber sind Seecontainer, Frachtflugzeuge und Hochregallager. Der Vorstandschef ist kaum zu bremsen, wenn er detailreich die „gewaltigen Potentiale“ und „gigantischen Wachstumschancen“ der Logistik schildert.

Die Flaute ist vorüber. Die DHL-Sparten profitieren vom wieder anziehenden Welthandel und vom wachsenden Zulieferverkehr zwischen Unternehmen, die sich immer stärker auf kleine Segmente der Produktion spezialisieren. Steile Zuwachsraten im Internethandel bringen Zusatzgeschäft. Sogar die angespannte Finanzlage im deutschen Gesundheitswesen macht Hoffnung auf neue Aufträge. Für Krankenhäuser in Großbritannien bündelt DHL schon den Einkauf und die Logistik, und auch in Deutschland sieht Appel im Gespräch mit dieser Zeitung „riesige Einsparmöglichkeiten“.

„Sie sehen mich relativ entspannt“

Um den roten Faden in seiner Zukunftsplanung für DHL zu beschreiben, greift Appel zu einem überraschenden Vergleich: DHL soll zum iPhone der Logistik werden. „Das iPhone ist deshalb so erfolgreich, weil es Schnittstellen und Anwendungen integriert und den Nutzern das Leben erleichtert“, sagt Appel. Nach dem gleichen Muster sollen intelligente Gesamtlösungen, in denen die Leistungen der einzelnen DHL-Sparten Express, Spedition und Lagerhaltung zusammengeführt werden, den Logistikkunden künftig das Geschäft vereinfachen. Die „Komplexität aus den Lieferketten“ herausnehmen, nennt Appel das.

Wesentlich vager wird er aber, wenn er diese Zukunftsszenarien in betriebswirtschaftliche Zahlen umrechnen soll: Konkrete mittelfristige Zielvorgaben für den Umsatz gebe es nicht, aber man habe eine „klare Marschrichtung“, sagt der Vorstandschef. „Wir peilen in diesem Jahr mit den DHL-Sparten ein Ergebnis von etwas mehr als einer Milliarde Euro an und wollen von dort aus weiter wachsen. Ziel ist es, jedes Jahr um ein bis zwei Prozentpunkte besser abzuschneiden als der Wettbewerb und Margen zu erwirtschaften, die sich im oberen Viertel unserer Industrie bewegen.“

Der Konzern ist dabei gut unterwegs. Das weltumspannende Transportnetz hat kaum noch Lücken; in der Luft- und Seefracht hat sich DHL zum Weltmarktführer aufgeschwungen. Selbst im Krisenjahr 2009 habe sich DHL im Speditionsgeschäft und in der Lagerhaltung besser geschlagen als die großen Konkurrenten; im internationalen Expressgeschäft sei es immerhin gelungen, den Marktanteil zu halten. Und seit Jahresbeginn geht es ohnehin kräftig aufwärts. „Es gibt momentan keine Anzeichen dafür, dass sich die Konjunktur wieder abkühlt“, sagt Appel. Die Transportvolumina stiegen quer über alle Branchen hinweg, was für eine „nachhaltige Entwicklung“ spreche.

Nach dem hervorragenden Auftaktquartal läuft das Geschäft offensichtlich weiterhin gut. „Sie sehen mich relativ entspannt“, lächelt Appel auf die Frage nur und lehnt sich demonstrativ zurück. Angesichts der Zwischenergebnisse und konjunkturellen Belebung wirkt die Prognose eines Betriebsgewinns (Ebit) von 1,6 bis 1,9 Milliarden Euro für das Jahr 2010 inzwischen übervorsichtig. Appel bleibt trotzdem zurückhaltend. Ein Grund seien die anhaltenden Risiken durch die Schuldenkrise in Südeuropa und die Lage an den Finanzmärkten. Auch ein Scheitern der Rettungsbemühungen um den Karstadt-Konzern, einen großen DHL-Auftraggeber, ist noch nicht ganz auszuschließen.

Appel will ernten, was Zumwinkel gesät hat

Zum Volumen des Auftrages äußert sich Appel nicht. Doch immerhin hängen daran die Arbeitsplätze von 2500 bis 3000 DHL-Mitarbeitern. Diesmal will Appel auf der sicheren Seite sein, zu oft hat die Post ihre Anleger enttäuscht. „Wir sind gut beraten, nicht mehr zu versprechen, als wir sicher halten können. Sonst zerstören wir Vertrauen, das wir gerade mühsam wiederaufgebaut haben.“

Seit gut zwei Jahren steht der Hamburger an der Spitze des Konzerns. Die Aufräumarbeiten sind weitgehend abgeschlossen. Die Postbank hat er, gerade noch rechtzeitig vor dem Zusammenbruch von Lehman Brothers, an die Deutsche Bank verkauft. Das verlustreiche inländische Expressgeschäft in den Vereinigten Staaten und Großbritannien wurde aufgegeben, auch die Trennung von der nationalen französischen Expresssparte mit ihren hohen Defiziten steht kurz bevor. Jetzt will und muss Appel die Früchte ernten, die sein Vorgänger Klaus Zumwinkel mit dem Umbau der Behördenpost zum globalen Logistikkonzern gesät hat. Denn auf der anderen Seite des Geschäfts, in der Briefsparte, geht es längst nicht mehr um Wachstum, sondern um die Eindämmung von Umsatzverlusten und die Absicherung von Ergebnissen.

„Wir sind strategisch besser positioniert als TNT“

Die Jahre, in denen die Briefe mit schöner Zuverlässigkeit 2 Milliarden Euro zum operativen Gewinn beitrugen, sind vorüber. Bestenfalls 1,2 Milliarden Euro erwartet die Post in diesem Jahr, zum ersten Mal würden Briefsparte und Logistik dann einen etwa gleich großen Ergebnisbeitrag liefern. Mittelfristig will Appel das Ergebnis aus den Briefen bei einer Milliarde Euro stabilisieren. „Diesen Betrag brauchen wir, um genügend Wasser unter dem Kiel zu haben. Dann können wir unsere Mitarbeiter halten, weiter investieren und die Aktionäre bedienen“, sagt Appel.

Aber passen die beiden Teile, hier das schrumpfende Kerngeschäft, dort die wachstumsstarke Logistik, auf Dauer überhaupt noch zusammen? Wäre es nicht konsequent, dem Beispiel des niederländischen Konkurrenten TNT zu folgen und die Briefsparte an die Börse zu bringen? „Wir sind strategisch zweifellos besser positioniert als TNT“, sagt Appel. „Obwohl die Synergien zwischen Brief und Logistik mit Sicherheit begrenzt sind, können wir für unsere Investoren mehr Wert generieren, wenn wir dem eingeschlagenen Weg treu bleiben.“ Die Briefsparte verspreche auch „weiterhin ein sehr attraktives Geschäft mit interessanten Renditen“, wenn es gelinge, die Kosten unter Kontrolle zu halten.

Keine neuen ehrgeizigen Sparprogramme geplant

Die Antwort fällt gegenwärtig wohl auch deshalb so eindeutig aus, weil es ein Unding wäre, laut über eine Abspaltung der Briefsparte nachzudenken, während die Post mit zweistelligen Millioneninvestitionen eine ihrer größten Innovationen vorantreibt: den „E-Postbrief“, der von Mitte Juli an die Sicherheit und Verbindlichkeit des herkömmlichen Briefwechsels mit den Vorteilen der E-Mail kombinieren soll. Doch Appel wäre ein schlechter Vorstandschef, würde er sein Versprechen auf die Ewigkeit münzen. „Vielleicht müssen wir die Frage in einigen Jahren neu beantworten, aber derzeit überwiegen ganz klar die Argumente, die gegen eine Abspaltung sprechen“, schränkt er vorsichtig ein.

Damit die Briefrechnung weiterhin aufgeht, will Appel auch an die Personalkosten heran. „Sowohl das Lohnniveau als auch eine Arbeitszeitverlängerung bleiben mittelfristig auf der Tagesordnung“, sagt er. Der mit der Gewerkschaft Verdi ausgehandelte Tarifvertrag mit seinen beiden Nullrunden könne nicht das letzte Wort gewesen sein. Geprüft werde auch, das Tätigkeitsfeld der Düsseldorfer Tochtergesellschaft First Mail weiter auszudehnen. Dort wird nicht der hohe Haustarif der Deutschen Post gezahlt, sondern nur der gesetzliche Mindestlohn. Neue ehrgeizige Sparprogramme, über die in den vergangenen Wochen spekuliert worden war, plant Appel vorerst aber nicht.

„Die meisten unserer Investoren haben verstanden“

Aus dem abgeschlossenen Index-Programm ergäben sich noch „nachlaufende Einsparungen in dreistelliger Millionenhöhe. Generell drehen wir jeden Euro zweimal um, bevor wir ihn ausgeben“, sagt der Vorstandschef. Von der Politik erwartet er, dass sie der Post sowohl bei der Portogestaltung als auch beim Zuschnitt ihres Leistungsangebotes größeren Spielraum zugesteht, wenn der gesetzliche Rahmen für die Zeit nach 2011 neu bestimmt wird. „Wenn weniger Briefe zugestellt werden, während die Fixkosten unverändert hoch sind, muss man auch über das Porto reden können“, sagt er. Ob die Post den Montag als Zustelltag streichen würde, sollte die Regierung die gesetzlichen Vorschriften lockern, lässt Appel offen.

Unter den großen Investoren sieht Appel viel Unterstützung für seine Langfriststrategie. „Unsere zwanzig größten Aktionäre denken in einer Fünf-Jahres-Perspektive. Da geht kaum einer heraus, weil der Kurs 10 Prozent steigt oder sinkt“, sagt er. Auch die Forderungen nach einer Sonderdividende für den Verkauf der Postbank seien leiser geworden. „Die meisten unserer Investoren haben verstanden, dass eine komfortable Cash-Situation außerordentlich nützlich ist, um Risiken abzufedern und das Geschäft voranzubringen. Solange wir weiter gute Erträge abliefern, wird man die Füße ruhig halten“, meinte Appel.

Bestätigt sieht er sich auch dadurch, dass Standard & Poor's sein Rating gerade nach oben korrigiert hat und die Post jetzt mit BBB+ einstuft. Den Einfluss des Bundes, der indirekt noch 30 Prozent der Aktien der Post kontrolliert, spielt Appel herunter: Er fühle sich dadurch in seinem Tun weder eingeengt noch bevorteilt. „Sollte sich der Bund zurückziehen, bliebe das ohne Folgen für die Strategie der Post“, sagt er mit Blick auf die Finanznöte des Staates, die das Nachdenken über einen Verkauf von Postanteilen befördern könnten.

Steile Karriere

In der Deutschen Post blickt Frank Appel auf eine steile Karriere zurück. Im Jahr 2000 war der promovierte Neurobiologe von der Unternehmensberatung McKinsey an den Rhein gewechselt, zwei Jahre später saß er im Vorstand. Dort übernahm der gebürtige Hamburger ein Schlüsselressort: die Logistik. Appel fädelte die Übernahme der britischen Exel ein; übernahm Querschnittsaufgaben und die Leitung des internationalen Briefgeschäftes. Als der damalige Vorstandschef Klaus Zumwinkel im Februar 2008 zurücktreten musste, fiel die Wahl auf Appel. In seiner Freizeit bastelt der 48 Jahre alte Post-Chef mit den beiden Kindern an der Modelleisenbahn oder kraxelt mit dem Mountainbike durch das Siebengebirge.

Einer der größten Arbeitgeber

Mit ihren fast 500 000 Beschäftigten ist die Post einer der größten Arbeitgeber der Welt. Allein im deutschen Briefgeschäft verdienen rund 160 000 Menschen ihr Geld, die Hälfte davon als Briefträger. Das frühere Staatsunternehmen wird immer noch zu rund einem Drittel von der Bundesregierung kontrolliert. Trotz des Auslaufens ihres Monopols hat die Post ihren Marktanteil von mehr als neunzig Prozent behauptet.

Das Gespräch führten Helmut Bünder und Carsten Knop.

Quelle: F.A.Z.
Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen

Die Förderlücke

Von Heike Göbel

Der Gesetzentwurf zum Betreuungsgeld ist ein Ausweis unbelehrbaren Glaubens an die unbegrenzte Leistungsfähigkeit des Sozialstaates. Dass Eltern ihre Kinder, wie seit Menschengedenken, unbezahlt hüten, ist in Deutschland offenbar nicht mehr denkbar. Mehr 9 7

29.05.2012 17:45 Uhr
  Vortag
Dax 6.396,84 +1,16%
 OK
NameKursProzent
FAZ-INDEX 1.394,15 +1,26%
Dow Jones 12.580,70 +1,01%
EUR/USD 1,2471 −0,14%
Rohöl Brent Crude 106,28 $ −0,53%
Gold 1.579,50 $ +0,31%
Umfrage

Anonym bewerben? Ist das gut?

Alle Umfragen

Bitte aktivieren Sie ihre Cookies.