10.04.2008 · Insidervorwürfe der französischen Börsenaufsicht setzen EADS unter Druck: Siebzehn Topmanager sowie die Aktionäre Daimler und Lagardère stehen unter Verdacht. EADS-Chef Gallois glaubt aber, die Anschuldigungen widerlegen zu können.
Von Christian SchubertAuf diesen Augenblick hat EADS lange gewartet. Am Dienstagabend sind die ersten Dokumente der französischen Börsenaufsicht AMF über die Insidervorwürfe gegen das Unternehmen eingetroffen. Vollständig sind die Anschuldigungen der EADS nach eigenen Angaben zwar noch nicht bekannt. Doch es reicht, um eine erste Verteidigungslinie aufzubauen. „Wir werden uns mit aller Kraft verteidigen und wir haben exzellente Argumente“, kündigt der EADS-Vorstandsvorsitzende Louis Gallois im Gespräch mit der F.A.Z. an. Scheinbar gelassen, kommentiert der Konzernchef in seinem Pariser Büro gegenüber der Pferderennbahn von Longchamp die Insideraffäre, doch dies verdeckt sein inneres Empfinden: Seit langem verfolgen er und seine Vorstandskollegen mit wachsender Verärgerung, wie EADS durch gezielte Informationen der französischen Presse „an den Pranger“ gestellt werde, ohne sich dazu äußern zu können. "Denn wir kannten ja weder den genauen Inhalt noch die Qualität der bekannt gewordenen Informationen." Am vergangenen Dienstag tauchte in den französischen Medien die jüngste Veröffentlichung auf, die sich auf Originaldokumente der AMF bezieht. Die seit gut 18 Monaten ermittelnde Börsenaufsicht beteuert, dafür nicht verantwortlich zu sein.
Nach Informationen des französischen Internetunternehmens Mediapart, die von der AMF nicht dementiert werden, wirft die Börsenaufsicht 17 Führungskräften von EADS und der Tochtergesellschaft Airbus vor, die Auslieferungsverzögerungen bei den Flugzeugen A 380 und A 350 der Öffentlichkeit verheimlicht und stattdessen eigene Aktienoptionen verkauft zu haben, bevor es zu dem Kurssturz kam, den die Bekanntgabe der Produktionspannen am 13. Juni 2006 auslöste. Auch die Großaktionäre Lagardère und Daimler hätten Insiderwissen genutzt, denn im April 2006 vereinbarten sie Termingeschäfte für den Verkauf von jeweils 7,5 Prozent ihrer Anteile, der aus steuerlichen Gründen erst im Jahr 2007 ausgeführt werden sollte. Damit sicherten sie sich den hohen Kurs der EADS-Aktie vom April 2006. Schließlich hätten auch EADS und Airbus als Unternehmen Analysten und Fondsmanager falsch unterrichtet.
„Vielleicht gab es ja öffentliche, überall zugängliche Informationen“
Gallois will sich zu Details zunächst nicht äußern, er bekräftigt aber seine Zuversicht: „Ich habe volles Vertrauen in die Führungskräfte. Ich wende mich vehement gegen die Idee, dass die Hälfte des Vorstandes von EADS und Airbus Fälscher und Profiteure sein sollen. Ich will mit diesen Managern weiterarbeiten. Wir befinden uns in einer schwierigen Sanierungsphase." Außerdem ist Gallois von der korrekten Finanzkommunikation seines Konzerns überzeugt. "Unsere Kommunikation war und ist von guter Qualität. Das wird uns von Analysten und Anlegern immer wieder bestätigt." Er weist darauf hin, dass die AMF bei mehr als 1100 EADS- und Airbus-Managern Insiderwissen vermutet habe. "Das wäre eine große Sekte von Insidern. Vielleicht gab es ja öffentliche, überall zugängliche Informationen, die einen so großen Kreis von Aktionären zum Verkauf veranlasste", deutet er mit einem verschmitzten Lächeln an, das seine Überzeugung zeigt: Die Manager hätten verkauft, weil die Aktien auf einem hohen Niveau notierten - aber nicht, weil sie von einer bevorstehenden Unternehmenskrise wussten. "Dass man versucht, mit seinen Aktienoptionen Geld zu verdienen, ist in der Logik des Systems angelegt." Ein System, das Gallois im Übrigen nicht gefällt. Daher hat EADS die freie Terminwahl bei Verkäufen von Mitarbeiteraktien abgeschafft und durch regelmäßige, automatische Termine ersetzt. Damit hofft das Unternehmen, jedem Anschein von Interessenkonflikten zu entgehen, die laut Gallois bei frei verfügbaren Aktienoptionen immer aufträten.
In einem internen Papier von EADS an 1300 Führungskräfte wird das Unternehmen zu seiner Verteidigung konkreter: AMF wirft EADS vor, es zugelassen zu haben, dass sich ein positiver Konsensus der Analysten zwischen Herbst 2005 und Frühjahr 2006 immer stärker von der internen Unternehmensrealität entfernt habe. Damit stieg der Aktienkurs, während die Manager intern wussten, dass es aufgrund der Verzögerungen der A 380 und der teuren Neuentwicklung der A 350 bergab gehe. Im Februar 2006 etwa hätte Airbus einen Fondsmanager des EADS-Aktionärs Alliance Bernstein durch eine überzogen positive Außendarstellung davon überzeugt, noch Aktien hinzuzukaufen. "Falsch", ruft EADS. Zum einen habe es genügend Gründe gegeben für eine positive Sicht von EADS und Airbus, etwa die gute Auftragslage, die Tatsache, dass der europäische Flugzeughersteller den Mitbewerber Boeing bei den Aufträgen überholt habe, und die Rekordverkäufe der kleineren A-320-Flugzeuge. Zudem könne von einem Konsens der Analysten kaum die Rede sein, weil ihre Einschätzung weit auseinandergelegen hätte, nicht zuletzt wegen unterschiedlicher Markt- und Dollarprognosen. Einer zentralen These der AMF fehle somit eine wichtige Grundlage. Gallois ergänzt: Der für die Beziehung zu Finanzinvestoren zuständigen Airbus-Abteilung könne kein Vorwurf gemacht werden, wenn sie die positiven Seiten ihres Unternehmens betone. "Das entspricht ihrem Auftrag."
Gallois: Man kann nicht jede Schwierigkeit dem Markt mitteilen
Zentral in der EADS-Verteidigung ist der Hinweis auf die Anstrengungen der Airbus-Belegschaft, die bekannten Produktionsprobleme zu überwinden. Durch Sondermaßnahmen habe man versucht, die Verspätungen aufzuholen. Aufgrund der Komplexität bei der Herstellung eines völlig neuen Flugzeugs dürfe man laut EADS nicht an einen festen Termin glauben, von dem an die Verspätungen als uneinholbar galten und die entstandenen Mehrkosten beziffert werden konnten. Dies entspreche nicht der Unternehmensrealität. "Die Finanzinvestoren waren sich, wie die Analysen von Ende 2005 und Anfang 2006 gezeigt haben, über die vielen Herausforderungen bei der Produktion des A 380 im Klaren", teilt EADS mit.
Gallois empfiehlt zudem einen Blick auf die Konkurrenz. "Natürlich muss man transparent sein und die Dinge so darstellen, wie sie sind. Doch man kann auch nicht erwarten, dass wir jede Schwierigkeit, die es täglich gibt, dem Markt mitteilen. Schauen Sie sich Boeing an. Die erzählen den Anlegern auch nicht jeden Tag, welche Schwierigkeiten sie mit der Boeing 787 haben."
Auch die Pariser Staatsanwaltschaft ermittelt
Der von der AMF angestoßene Prozess wird Jahre dauern, wie Gallois beklagt, denn er "destabilisiert das Unternehmen". Die Börsenaufsicht hat ihre endgültige Sicht der Dinge auch noch gar nicht formuliert. Darüber entscheidet wahrscheinlich erst im nächsten Jahr der Sanktionsausschuss der AMF. Vor diesem wird EADS ausführlich Stellung nehmen.
Zudem ermittelt die Pariser Staatsanwaltschaft, woraus sich ein zweites, äußerst unangenehmes Verfahren entwickeln könnte. Sind EADS-Top-Manager noch haltbar, wenn sie unter Anklage gestellt werden sollten? "Ich will nicht über Dinge spekulieren, die nicht eingetreten sind. Solange es nicht gegenteilige Beweise gibt, gilt die Unschuldsvermutung. Und solche Beweise kenne ich nicht", sagt Gallois. Einen deutsch-französischen Konflikt kann er in der Affäre nicht erkennen, denn Manager aus fünf Nationen seien betroffen. Auf eine Frage nach dem deutschen Airbus-Chef weicht Gallois indes aus. Tom Enders hat zu Protokoll gegeben, dass er im März 2006 Gründe sah, keine Aktienoptionen mehr zu verkaufen; zuletzt trennte er sich im November 2005 von seinen Anteilen. Diese Aussage bringt all jene Manager in Schwierigkeiten, die noch im März 2006 Aktien verkauften. Am 13. Juni 2006 haben übrigens keine Führungskräfte mehr verkauft, wie in der F.A.Z.-Ausgabe vom 9.April (siehe Insider-Dokument schockt EADS) fälschlicherweise stand.
Zur Person
Der EADS-Vorstandsvorsitzende Louis Gallois war in der fraglichen Periode der Insider-Affäre Verwaltungsratsmitglied und besaß keine Aktienoptionen. In einem Audit-Ausschuß des Verwaltungsrates drängte er am 12. Mai 2006 darauf, dass EADS seinen Finanzausblick ("guidance") zurücknehme, wie in einer Veröffentlichung von "Le Monde" nachzulesen ist. Doch der damalige Airbus-Chef Gustav Humbert blieb in seinen Aussagen zu den Verzögerungen der A380 vage, und Finanzvorstand Hans Peter Ring sowie der Verwaltungsratsvorsitzende Manfred Bischoff sprachen sich dagegen aus. Gallois gab daher zu Protokoll, dass der Ausblick nur auf die Empfehlung des EADS-Managements hin beibehalten werde. Der damalige Verwaltungsrat und heutige Verwaltungsratsvorsitzender Rüdiger Grube bemerkte darauf bissig, dass sich das Gremium auf die besten Lösungen und nicht auf die Protokolleinträge konzentrieren solle. Doch Gallois sollte Recht behalten: Wenige Wochen später musste EADS seine Planung korrigieren, der Kurs brach ein. Der 64 Jahre alte Manager blickt auf eine lange Karriere: Er war Konzernchef des Triebwerksherstellers Sncema, des Luftfahrtkonzerns Aérospatiale und der Bahngesellschaft SNCF.
Zum Unternehmen
EADS und seine 116 000 Mitarbeiter befinden sich in einer schwierigen Restrukturierung. Die wichtigste Tochtergesellschaft, Airbus, steckt aufgrund der Verzögerungen bei den Flugzeugen A380 und A350 in Schwierigkeiten. Zudem hinkt der Militärtransporter A400 seinem Zeitplan hinterher. Der schwache Dollarkurs macht das Unternehmen weniger wettbewerbsfähig. Dadurch muss die Sanierung mit ihrem umfangreichen Personalabbau voraussichtlich verschärft werden. Auch die Werksverkäufe in Deutschland aufgrund der Dollarschwäche und der Finanzkrise ins Stocken geraten. EADS hat sich vorgenommen, seine Abhängigkeit von Airbus zu verringern und das stabilere Verteidigungsgeschäft sowie den gewinnträchtigen Bereich der Dienstleistungen auszubauen. Einen großen Erfolg feierte der Konzern kürzlich mit dem Zuschlag eines Großauftrages für Betankungsflugzeuge durch das amerikanische Militär. Jetzt will EADS mittelgroße Rüstungsunternehmen in Amerika übernehmen.
Son Blödsinn !
Simon Pein (shampaign)
- 10.04.2008, 09:38 Uhr
| Name | Kurs | Prozent |
|---|---|---|
| FAZ-INDEX | 1.394,15 | +1,26% |
| Dow Jones | 12.580,70 | +1,01% |
| EUR/USD | 1,2471 | −0,14% |
| Rohöl Brent Crude | 106,28 $ | −0,53% |
| Gold | 1.579,50 $ | +0,31% |
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