Herr Scheer, noch vor Beginn Ihrer Amtszeit an der Spitze des Bitkom hatten Sie eine Idee. Sie wollten Wirtschaft und Politik auf den Weg bringen, dass 100 kleine deutsche Softwareunternehmen so gut gedeihen, dass sie es auf eine Größe von jeweils 100 Millionen Euro Jahresumsatz schaffen...
Ja, das hat nicht geklappt.
Warum nicht?
Nun, zunächst war es vor allem eine griffige Idee, um auf eine Schwierigkeit aufmerksam zu machen, die wir in Deutschland haben: Viele erfolgreiche, aber kleine Unternehmen aus der IT-Branche werden zu früh verkauft und geben dabei ihre Selbständigkeit auf.
Was ist daran schlimm?
Die Unternehmen entwickeln sich dabei nur zu einer Größe von vielleicht 50 bis 100 Mitarbeitern, schaffen es aber nicht mehr zu einer Bedeutung, die dazu geeignet wäre, auch andere deutsche IT-Unternehmen positiv in ihrer Entwicklung zu beeinflussen - zumal die Käufer nicht selten im Ausland sitzen und sich um die Fortführung der Entwicklungstätigkeit in Deutschland nur noch selten scheren.
Kennen Sie ein jüngeres Beispiel?
Der jüngste Beleg für diese Entwicklung ist der Verkauf des deutschen Unternehmens Visionapp, das auf dem Zukunftsgebiet des Cloudcomputing eine interessante, positive Entwicklung genommen hatte - und soeben an ein Unternehmen aus Amerika verkauft wurde.
Ist Deutschland mit Blick auf die Weiterentwicklung und Stärkung seiner IT- und Kommunikationsunternehmen denn grundsätzlich auf dem richtigen Weg?
Die Frage kann man natürlich nicht so einfach mit einem Ja oder einem Nein beantworten. Gut ist zum Beispiel, dass wir mit der Breitbandstrategie und dem Thema "Digitale Dividende", wo die freiwerdenden Frequenzen des Rundfunks nun für die Internet-Breitbandanbindung des ländlichen Raumes und zusätzlich für den Mobilfunk verwendet werden, in unserem Sinne vorangekommen sind. Hier sind wir europaweit Vorreiter. Wir haben jetzt auch einen IT-Beauftragten der Bundesregierung, den "Bundes-CIO". Und immerhin kommt die elektronische Gesundheitskarte, wenn auch fünf bis sechs Jahre hinter dem Zeitplan. Insgesamt gilt: Die Aufmerksamkeit der Politik für die IT- und Telekommunikationsbranche ist in den letzten Jahren insgesamt stark gewachsen - wie nicht zuletzt die Serie jährlicher IT-Gipfel und die Bundestags-Enquête zum Internet zeigen.
Aber?
Das Silicon Valley zum Beispiel erfindet sich mit seiner starken geographischen Konzentration von Elite-Universitäten, Venture-Capital-Gesellschaften und großen Unternehmen immer wieder neu. In Deutschland gehen wir mit Blick auf diese Kombination manchmal auch einen Schritt zurück.
Ist das Ihr Eindruck?
Nehmen Sie die Studiengebühren, die gerade wieder abgeschafft werden. Die habe ich für eine gute Idee gehalten. Oder die Finanzierung von Forschung und neuen Unternehmensgründungen: Venture-Capital ist in Deutschland tendenziell rückläufig. Und wir geben in Deutschland zwar genug öffentliche Mittel für die Forschungsförderung aus. Doch sollte das Geld stärker an die Einhaltung von Erfolgskriterien gebunden werden. Zudem: Eine steuerliche Forschungsförderung im Sinne der Absetzbarkeit von F&E-Ausgaben halte ich ohnehin für sinnvoller.
Und wer soll das bezahlen?
Das Ziel ist im Koalitionsvertrag von CDU/CSU und FDP doch klar genannt. Das Geld kommt über höhere Steuereinnahmen von den innovativen, erfolgreichen Unternehmen wieder rein. Es ist doch besser, die Unternehmen entscheiden über ihre Forschungsinvestitionen nach betriebswirtschaftlichen Kriterien, als wenn nur Projekte direkt gefördert werden, die nicht selten sinnlos sind - und in die oft Mitarbeiter geschoben werden, die man für die wirklich wichtigen Projekte des Unternehmens nicht braucht.
Völlig sauber wäre es doch, wenn der Staat weder das eine noch das andere fördern würde. Dann würden die Unternehmen nämlich immer noch investieren, aber wirklich nur noch in das, was vielversprechend ist.
Nein, so einfach ist es nicht. Schauen Sie, andere Länder, vor allem in Asien, betreiben rund um ihre IT-Branche eine Industriepolitik, sehr strategisch, angefangen bei der Ausbildung, teils bis hin zu Dumpingpreisen beim Absatz - gegen die muss Deutschland antreten.
Schon, aber das gelingt der deutschen Industrie in den klassischen Branchen doch grundsätzlich recht gut. Warum sollte es gerade in der IT anders sein? Zumal wir vor einer neuen Epoche der IT stehen, die gerade für deutsche Unternehmen viele neue Chancen eröffnet. Denn die klassische Industrie wächst ja gerade mit der IT zusammen: Die Energiewende braucht "intelligente" Stromnetze, die digital gesteuert werden. Der moderne Verkehrsfluss wird künftig intelligenten Steuerungen folgen müssen, viele andere Beispiele ließen sich nennen ...
Stimmt. Hier könnte es sein, dass die Unternehmen der etablierten deutschen Industrie für Impulse sorgen, die international ja sehr wettbewerbsfähig sind und oft die kritische Größe haben, die zu vielen deutschen IT-Unternehmen fehlt. Allerdings sollte der Staat, zum Beispiel bei seinen Ausschreibungen, darauf achten, dass auch deutsche IT- oder Kommunikations-Unternehmen berücksichtigt werden, wenn es um den Bau solcher neuen Infrastrukturprojekte geht.
Das wäre ja auch schon wieder ein steuernder Eingriff des Staates. Warum braucht Deutschland überhaupt einen stärkeren IT-Sektor? Der Wirtschaft geht es doch prima.
Weil die IT der Innovationstreiber der Zukunft ist. Die traditionellen, starken deutschen Branchen können nur mit IT selbst innovativ und wettbewerbsfähig bleiben. Wir brauchen in der deutschen Wirtschaftspolitik einfach weniger Villa Hügel und mehr Silicon Valley.
Ja, aber die deutsche IT-Branche beschäftigt auch jetzt schon 850 000 Mitarbeiter, und die vielen Mittelständler, die es gibt, scheinen ziemlich erfolgreich zu sein. Brauchen wir wirklich ein Google oder ein Facebook in Deutschland?
Wir müssen unsere Großunternehmen hier behalten und mehr Unternehmen in der Branche großziehen. Viele Unternehmen sind in Deutschland allein deshalb entstanden, weil sie Produkte rund um das Angebot von SAP entwickeln. SAP ist aber schon 40 Jahre alt. Wir brauchen mehr solche Erfolge wie SAP.
In der Branche wird der Fachkräftemangel als eines der gravierendsten Hemmnisse beschrieben. Was ist zu tun, um den Mangel zu bekämpfen?
Zum Beispiel sind die Hürden, um die entsprechenden Studiengänge zu meistern, zu Beginn zu hoch. Es werden zu schnell zu viele Studenten ausgesiebt. Und das Interesse an der Technik muss früher geweckt werden. Das beginnt schon im Kindergarten.
Und was werden Sie nach Ihrem Ausscheiden als Bitkom-Präsident machen?
Nach dem Verkauf von IDS Scheer an die Software AG treiben mich ja auch noch andere unternehmerische Aktivitäten um. Da gibt es noch viel zu tun. Mir wird nicht langweilig werden.
