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Im Gespräch: Architekt Pierre de Meuron „Bei der Elbphilharmonie wackelt der Schwanz mit dem Hund“

 ·  Der Bau des Hamburger Konzerthauses wird teurer als geplant. Architekt Pierre de Meuron, sieht die Schuld vor allem beim Baukonzern Hochtief - und hat keinerlei Verständnis für einen Baustopp.

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© dpa Teures Prunkstück: Die Kosten für den Bau der Elbphilharmonie sind stetig gestiegen

Herr de Meuron, an diesem Donnerstag stellen Sie sich dem Parlamentarischen Untersuchungsausschuss (PUA) der Hamburger Bürgerschaft, der sich mit dem Debakel rund um die Elbphilharmonie befasst. Sehen Sie sich dort auf der Anklagebank?

Nein, wieso denn das? Der PUA dient der Aufarbeitung politischer Verantwortung. Ich bin als Zeuge geladen.

Sie und Ihre Kollegen sind als Generalplaner auch für die Bauüberwachung zuständig. Was ist aus Ihrer Sicht schiefgelaufen?

Eine Menge! Insbesondere wurde das Projekt ausgeschrieben, bevor eine ausreichende Planungsgrundlage bestand. Wir haben immer wieder vor einer verfrühten Ausschreibung gewarnt. Kosten und Termine ließen sich nach unserer Einschätzung zum damaligen Zeitpunkt nicht mit der notwendigen Sicherheit bestimmen. Die kalkulatorischen Risiken waren zu groß. Diese Warnungen gibt es auch schriftlich. Dieselben Fehler wurden Ende 2008 bei der sogenannten Neuordnung - dem NA4 - wieder gemacht. Auch hier haben wir im Vorfeld schriftlich gewarnt. Im Übrigen ist schon merkwürdig, dass ein Bauunternehmen wie Hochtief seinem Auftraggeber nicht die notwendigen Informationen zur Überwachung liefert. Nicht einmal Angaben zu verwendeten Produkten, Messprotokollen, Terminabläufen und dergleichen werden übergeben.

Was sind die wesentlichen Ursachen für den enormen Kostenanstieg?

Die verfrühte Ausschreibung habe ich bereits genannt, die falsch angelegte Vertragsarchitektur tat ihr Übriges. Auf dieser Grundlage konnte die Baufirma Hochtief ein ungehemmtes Forderungsmanagement aufbauen. Hier hätte man zumindest durch hartes Gegensteuern reagieren müssen. Stattdessen wurde im NA4 erneut den überzogenen Forderungen von Hochtief entgegengekommen.

Der Hamburger Senat hat 5700 Mängel aufgelistet, die noch nicht behoben sind. Wie viele gehen davon auf Ihr Konto?

Das ist einfach, nicht einer. Sie reden über Ausführungsmängel, die von uns festgestellt und an die ReGe - die städtische Realisierungsgesellschaft, die das Projekt steuert - gemeldet wurden. Die Ausführungsqualität ist in weiten Bereichen nach wie vor ein großes Problem.

Hamburgs Kultursenatorin Barbara Kisseler hält es für möglich, dass Ihre Planungen fehlerhaft waren, und droht Ihnen bereits mit Schadensersatzansprüchen.

Dass Frau Kisseler uns drohen würde, ist mir neu. Wir stehen zu unserer Planung und haben sie pünktlich abgeliefert. Wenn Sie auf das Saaldach der Elbphilharmonie anspielen: Die Statik ist vom Aufsteller, dem zuständigen Prüfer und der Behörde sowie einem unabhängigen Gutachter gerechnet und für richtig befunden worden.

Was sind die größten Baumängel, die Hochtief zu verantworten hat?

Wir wollen in Hamburg eine erstklassige Elbphilharmonie abliefern. Das ist unser Auftrag. Dabei hat Qualität für uns zwei Aspekte: Funktionalität und gestalterische Qualität. Bei der Funktionalität machen wir keine Abstriche. Gestalterische Kompromisse sind hinnehmbar, solange sie keine prominenten Bereiche betreffen und zu Kosteneinsparungen führen. Ob ein Rohr im Keller nicht verkleidet ist, ist sicher nicht entscheidend. Wenn es jedoch schon beim einfachen Parkhaus Probleme mit der Qualität gab, was ist erst beim anspruchsvollen Konzertsaal zu erwarten?

Der Bau hinkt 25 Monate hinter dem ursprünglichen Zeitplan hinterher. Davon nimmt die Stadt Hamburg nur drei Monate auf die eigene Kappe. Wer trägt die Schuld für die restliche Verzögerung?

Wir können weder die Verzögerung von 25 Monaten noch die drei Monate zu Lasten der Stadt Hamburg verstehen. Eine so dramatische Terminentwicklung wie hier habe ich noch in keinem Projekt erlebt. Und wir bauen weltweit komplexe Bauwerke.

Hochtief erhebt hohe Nachforderungen gegenüber der Stadt. Sie auch?

Um mit einem verbreiteten Vorurteil aufzuräumen: Das Honorar für unsere Entwurfs- und Ausführungsplanung steigt nicht mit den Baukosten! Die enorme zeitliche Verzögerung sorgt jedoch auch auf unserer Seite für zusätzliche Kosten. Hinzu kommt, dass viele Arbeiten unnötigerweise mehrfach und mit großer Verspätung abgefordert werden. Ich gebe Ihnen ein Beispiel: Die letzten Pläne für die Haustechnik hätte Hochtief vor zwei Jahren liefern sollen, von den rund 3500Plandokumenten ist bis heute keines vollständig und abschließend bearbeitet. Das muss ein Ende haben.

Hochtief hat Zweifel an der Tragfähigkeit der Dachkonstruktion und daher einen Baustopp verhängt. Der Baukonzern fürchtet, dass sich Stahlträger verziehen und Risse in der „weißen Haut“ des Konzertsaals verursachen können. Was sagen Sie dazu?

Unmöglich! Das Dach ist sicher! Darüber hinaus ist die „weiße Haut“ so konzipiert, Bewegungen des Stahlbaus zu kompensieren. Die „weiße Haut“ ist mit einem dichten Netz von Dehnungsfugen überzogen und wird, wenn sie fachgerecht ausgeführt ist, nicht reißen.

Hochtief beklagt einen Entscheidungsstau auf Seiten des Bauträgers, also der Stadt. Schließen Sie sich der Kritik an?

In der Tat werden Entscheidungen oft sehr spät getroffen. Durch die Vertragskonstellation wurde die ReGe zum Nadelöhr für alle Entscheidungen. Dieses Problem hat man dort augenscheinlich unterschätzt.

Welche Lehren ziehen Sie aus diesem Katastrophenprojekt?

Die Elbphilharmonie ist ein einmaliges Bauwerk, mit dem wir uns nach wie vor voll identifizieren. Ein hochkomplexes Projekt wie dieses verlangt jedoch nach einer starken und hoch professionellen Projektsteuerung. In diesem Projekt indes diktiert der Auftragnehmer Hochtief dem Bauherrn die Spielregeln. Das heißt: In Hamburg wackelt der Schwanz mit dem Hund.

Gibt es einen Ausweg aus der „verkanteten“ Situation?

Es hat 2008 schon einmal einen Projektneustart gegeben. Das Ergebnis waren Zeitverzögerung, höhere Kosten und noch mehr Schriftverkehr. Hochtief hat sich bis heute noch nicht für höhere Planungsaufgaben qualifiziert. Jetzt schlägt Hochtief vor, jegliche Kontrolle - auch für die Planprüfung - selbst zu übernehmen. Damit würde man den Bock zum Gärtner machen. Denn das würde bedeuten, dass die Stadt die noch ausstehende Qualitätsprüfung und -sicherung aus der Hand gibt. Somit kontrollierte sich Hochtief in Zukunft nur noch selber.

Was schlagen Sie zur Lösung der Probleme vor?

Bauen! Wir verstehen nicht, warum hier sämtliche Mechanismen eines Bauvertrags nicht greifen. Bauunternehmen sind vorleistungspflichtig. Die zur Ausführung erforderliche Planung liegt Hochtief, soweit sie von uns zu erstellen war, vor. Hochtief muss jetzt seine eigene Planung mal fertigstellen. Es gibt keinen Grund, die Bauarbeiten einzustellen.

Was schätzen Sie: Wie teuer wird die Elbphilharmonie am Ende?

Auch wenn die Antwort nicht befriedigt - das weiß heute keiner. Es hängt maßgeblich davon ab, wie lange sich der Bau noch hinzieht und in welchem Umfang es gerechtfertigte Nachforderungen gibt.

Das Gespräch führte Johannes Ritter.

Quelle: F.A.Z.
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