26.02.2006 · Die IG Metall in Baden-Württemberg macht Ernst. Bei Daimler-Chrysler, Bosch und Porsche wollen Zehntausende streiken. Es geht um mehr Lohn und den Erhalt von Erholungspausen.
Von Georg MeckDer Ausstand bei Müllabfuhr, Kindergärten und Krankenhäusern ist noch nicht vorüber, da rollt die nächste Streikwelle auf Deutschland zu. Die IG Metall plant für kommende Woche „sichtbare Aktionen“ in Baden-Württemberg. Dieses Mal geht es nicht gegen 18 Minuten mehr Arbeit pro Tag, sondern um fünf Minuten weniger in der Stunde - die sogenannte Steinkühler-Pause. Und es geht um mehr Geld: Fünf Prozent mehr Lohn verlangt die IG Metall. Die Arbeitgeber halten allenfalls 1,2 Prozent für gerechtfertigt.
Die Metaller sehen sich dabei in einem taktischen Vorteil gegenüber den Kollegen von Verdi. „Die Kassen der öffentlichen Arbeitgeber sind leer. Die Firmen der Metall- und Elektroindustrie dagegen verdienen prächtig“, sagt Jörg Hofmann, Bezirksleiter der Gewerkschaft in Baden-Württemberg. „Bevor das Geld nur bei den Aktionären landet, möchten wir nicht mehr als unseren fairen Anteil.“
Kampf um die fünf Minuten
Traditionell wird der Tarifkampf im Südwesten entschieden. Dieses Jahr beginnt er dort auch früher als im Rest der Republik. Der Grund dafür ist jene Besonderheit, die nach einem der Vorgänger Hofmanns benannt ist: die Steinkühler-Pause, fünf Minuten Erholzeit pro Stunde plus drei Minuten Bedürfniszeit bei Fließband- und Akkordarbeit. In seiner Stuttgarter Zeit, im Jahr 1973, hat der spätere IG-Metall-Chef Franz Steinkühler den Arbeitgebern abgerungen, was der ehemalige Mercedes-Chef Jürgen Hubbert die „baden-württembergische Krankheit“ nannte. In den Augen der Arbeitgeber sind die Pausen ein unnötiges Relikt, das die Arbeit um acht Prozent verteure. Deswegen haben sie den entsprechenden Tarifvertrag im Südwesten gekündigt. Deswegen darf die IG Metall hier früher streiken.
Los geht's am Aschermittwoch - wenn die Arbeiter aus dem Faschingsurlaub zurück sind, damit sie erholt in den Ausstand treten können. Sichtbare Aktionen werde es geben, kündigt Jörg Hofmann bewußt vage an: „Nicht nur an einem Tag, nicht nur in einem Betrieb.“
Zehntausende werden streiken
Mehrere zehntausend Arbeiter werden vorübergehend die Arbeit niederlegen, bei Daimler-Chrysler schon in der Nachtschicht zum Mittwoch, später auch in den Fabriken von Porsche und Bosch. Am Donnerstag schwört die IG Metall dann ihre Funktionäre auf den Konflikt ein. Hofmann bietet dazu zwei seiner Vorgänger als Gastredner auf: Steinkühler persönlich soll den Kampfgeist der siebziger Jahre wiederbeleben. IG-Metall-Vize Berthold Huber ist als Referent für die Zukunft, „die humane Arbeitswelt von morgen“, gebucht. Die Steinkühler-Pause ist dafür ein Symbol. Sie erhält laut Hofmann neue Brisanz, da etwa die Autoindustrie die Taktzeiten auf breiter Front kürze.
Für die Tarifrunde ist der Pausenstreit eine Belastung. Für die IG Metall erleichtert er die Mobilisierung. Und für Jörg Hofmann sichert er eine erhöhte Aufmerksamkeit. Pilotbezirk zu werden, das ist immer anzustreben für einen IG-Metall-Bezirksfürsten. Das fördert die Motivation der Truppen und die eigene Karriere. Und im Südwesten ist der Ehrgeiz der Metaller besonders hoch. Wer hier der Gewerkschaft vorsteht, aus dem wird in der Regel etwas - entweder Minister in Berlin (wie Walter Riester) oder Gewerkschaftsboss in Frankfurt. Auch wenn Hofmann weitergehende Ambitionen zurückweist, ein „gewichtiges Wort“ im Tarifpoker 2006 will er in jedem Fall mitreden. „Wo dann am Ende der Schlußpunkt gesetzt wird, ist zweitrangig.“
Annäherung erst „unter zeitlichem Druck“
Um sich für die Verhandlungen fit zu halten, hat er erst mal ein paar Kilo abgenommen. Kämpferischer als sonst gibt er sich in diesen Tagen auch. „Unverantwortlich“ nennt er etwa das Verhalten der Arbeitgeber, die auch beim nächsten Treffen kein Angebot vorlegen wollen. „Da bestimmen Leute in Berlin die Strategie, die noch nie in ihrem Leben bei einem Tarifabschluß dabei waren“, schimpft Hofmann - gemünzt wohl auf die neue Hauptgeschäftsführerin bei Gesamtmetall, Heike Maria Kunstmann. Deren Verband zögere die Verhandlungen hinaus und provoziere „sehenden Auges betriebliche Konflikte“.
Ohne Steinkühler-Pause keine Einigung beim Lohn, so lautet Hofmanns Marschrichtung. Die Arbeitgeber zeigen jedoch keine Anzeichen, den eben gekündigten Vertrag wieder zu unterschreiben. Eine Annäherung erwartet der IG-Metall-Anführer daher erst „unter zeitlichem Druck und der Bewegung in den Betrieben“.
Ende März endet bundesweit die Friedenspflicht. Dann darf die Gewerkschaft überall für fünf Prozent mehr Lohn streiken. „Dann werden die Aktionen in die Breite gehen“, sagt Hofmann. Der gelernte Landmaschinenschlosser, der sich im Studium mit Agrarfragen befaßt hat, ehe er seine Metaller-Karriere startete, sieht im Tarifpoker alle Trümpfe in seinem Lager. Die Stimmung im Land habe sich gedreht, glauben die Gewerkschafter. Aus der Politik, selbst aus der Union, spüren sie sich durch das Kaufkraftargument angestachelt, das da lautet: Höhere Löhne bedeuten höhere Nachfrage, höhere Nachfrage bedeutet niedrigere Arbeitslosigkeit. Daß die Rechnung nicht aufgeht, gilt unter Ökonomen als bewiesen. Die Gegenthese (“Moderate Löhne sichern Jobs“) verfängt im Gewerkschaftslager aber weniger denn je seit Fällen wie Continental oder AEG, wo profitable Fabriken geschlossen werden. „Diese Sprüche glaubt irgendwann niemand mehr“, sagt Hofmann. „Die Leute wollen jetzt mehr Geld.“
| Name | Kurs | Prozent |
|---|---|---|
| DAX | 6.692,96 | −1,41% |
| FAZ-INDEX | 1.495,13 | −1,32% |
| TecDAX | 769,89 | −0,43% |
| MDAX | 10.249,10 | −1,04% |
| SDAX | 4.985,13 | −0,71% |
| REX | 421,06 | −0,02% |
| Eurostoxx 50 | 2.480,76 | −1,65% |
| F.A.Z. EURO INDEX | 80,01 | −1,60% |
| Dow Jones | 12.801,20 | −0,69% |
| Nasdaq 100 | 2.547,32 | −0,65% |
| S&P500 | 1.342,64 | −0,69% |
| Nikkei225 | 8.947,17 | −0,61% |
| EUR/USD | 1,3195 | −0,67% |
| Rohöl Brent Crude | 117,61 $ | −0,91% |
| Gold | 1.711,50 $ | −2,09% |
| Bund Future | 138,62 € | +1,01% |