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Hypo Alpe Adria „Eine Geldverteilungsmaschine der besonderen Art“

 ·  Gottwald Kranebitter leitet seit knapp einem Jahr die Hypo Alpe Adria. Er soll die „Balkanbank“ sanieren. Im Gespräch mit der F.A.Z. gibt er zu erkennen, dass sich der alte Vorstand gegen die Aufarbeitung krimineller Machenschaften wehrt.

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Gottwald Kranebitter, langjähriger Wirtschaftsprüfer bei KPMG, hat im April 2010 im Alter von 48 Jahren eine Herkulesaufgabe übernommen: Die Sanierung der Hypo Alpe Adria. Für Österreich und das Bundesland Kärnten stellt die „Balkanbank“ nach dem verlustreichen Ausstieg der Bayern LB ein größeres Risiko dar als die Landesbanken für Deutschland.

Herr Kranebitter, der im April angetretene neue Vorstand der Hypo Alpe Adria hat allen Mitarbeitern in Aussicht gestellt, dass sie nicht verfolgt werden, wenn Sie über kriminelle Machenschaften berichten. Warum sind Sie diesen ungewöhnlichen Schritt gegangen?

Wir wollen glaubwürdig zeigen, dass wir es Ernst meinen mit einer neuen Hygiene in unserer Bank. Die Hypo Alpe Adria war in der Vergangenheit eine Geldverteilungsmaschine der besonderen Art. In den zwölf Jahren vor 2008 ist sie jedes Jahr um mindestens 20 Prozent gewachsen, mit billig aufgenommenem, vom Land Kärnten gedeckten Geld, das vorzugsweise in den Ländern des früheren Jugoslawien in Immobilien und Kredite gesteckt wurde. Die Risikosysteme der Bank waren jedoch so unterentwickelt, dass sie nicht einmal für normales Kreditgeschäft geeignet gewesen wären. Im Nachkriegsumfeld des früheren Jugoslawien hätte es aber ganz besonders strenger Kontrollen bei der Geschäftsanbahnung und der Kreditvergabe bedurft. Wir haben Grund zur Annahme, dass genau das Gegenteil der Fall war.

Siemens, vom Österreicher Peter Löscher geführt, hat seinerzeit eine Schmiergeldaffäre ähnlich aufgearbeitet wie Sie. Zufall?

Nein, ich kenne Herrn Löscher. Siemens ist ein erfolgreiches Beispiel für die geglückte geschäftsethische Reinigung eines Unternehmens. Wir haben gemeinsam mit dem Eigentümer 100 Berater, darunter vor allem Anwälte und Forensiker, beauftragt, systematisch Unterlagen in der Hypo Alpe Adria abzuarbeiten. Das reicht aber nicht aus. Nur wenn Sie die Mitarbeiter zur Mithilfe motivieren, gelingt die Aufarbeitung der Vergangenheit. Das hat Siemens vorgemacht, und wir haben daraus gelernt.

Das Amnestie-Programm in der Hypo Alpe Adria läuft Mitte Januar aus. Was hat es gebracht? Wie viele Mitarbeiter haben sich schließlich offenbart?

Der Rücklauf war entsprechend unserer Erwartungen und Hochrechnungen aus ähnlichen Programmen. Der erhoffte Effekt hat sich eingestellt: Die Vertraulichkeit, die wir den Mitarbeitern zugesagt haben, blieb gewahrt. Unsere Amnestie hat in der Bank und außerhalb großes Aufsehen erregt.

Inwiefern auch außerhalb?

Wenn Sie die Medien beobachten, werden Sie sehen, dass es viele Versuche gibt, Mitglieder des neuen Vorstandes und Aufsichtsrates zu diskreditieren und die Aufarbeitung der Vergangenheit zu erschweren. Es wundert mich auch gar nicht, dass sich diejenigen jetzt wehren, die sich in der Vergangenheit ungerechtfertigte Vorteile aus der Bank haben zuwachsen lassen. Ich habe damit sogar gerechnet.

Wie lange wird die Bank sich noch mit der Aufarbeitung ihrer Vergangenheit beschäftigen müssen?

2010 hat das große Aufräumen begonnen, im Laufe diesen Jahres wollen wir die Vergangenheit soweit aufgearbeitet haben, dass wir sie den Gerichten überlassen können. Derzeit ermittelt die Staatsanwaltschaft gegen rund 50 ehemalige Organmitglieder der Bank und Dritte. Straf- und Zivilrecht spielen hier zusammen. Wegen der Komplexität wird es mehrere Jahre brauchen, um die Vorfälle juristisch abzuarbeiten. Die Hypo Alpe Adria musste notverstaatlicht werden, und das Land Kärnten haftet noch für 20 Milliarden Euro an Anleihen, die bis 2017 zurückgezahlt werden müssen…

…das heißt: Jeder der 560.000 Einwohner Kärntens haftet mit rund 36.000 Euro. Übertragen auf Deutschland bedeutete dies, dass zum Beispiel die 4 Millionen Sachsen für ungefähr 140 Milliarden Euro für die Sachsen LB haften müssten. Dabei hat schon eine Bürgschaft von 2,75 Milliarden Euro für die Sachsen LB zu einem politischen Erdbeben geführt…

Und daher ist es nachvollziehbar, dass die Hypo Alpe Adria in Österreich mit allem, was sie tut, stark im Fokus steht. Ihr Überleben ist in nationalem Interesse und auch in regionalem. Wenn wir als neuer Vorstand nicht erfolgreich sind, ist das budgetwirksam. Deshalb ist es wichtig, dass wir die Vergangenheit spätestens 2012 ruhen lassen. Wir wollen schon 2011 beweisen, dass wir in unseren Kernmärkten, das sind Slowenien, Serbien, Kroatien, Bosnien-Herzegowina und Österreich sowie bis zu weiteren Auflagen der EU-Kommission Italien und Montenegro, profitabel arbeiten können. Insgesamt wollen wir 2011 die Nulllinie sehen und 2012 wieder nachhaltig Gewinne erzielen.

Kann man in dem Gebiet, das man landläufig Balkan nennt, überhaupt als Bank nur ehrliche Geschäfte machen?

Ich bin überzeugt davon und bin im Übrigen insbesondere davon überzeugt, dass man langfristig nur ehrliches Geschäft machen kann. Wir haben hier künftig Null-Toleranz. Wir werden nicht zögern, uns von Geschäftsführern zu trennen, die unsere Standards nicht einhalten. Wir sind in den Ländern des ehemaligen Jugoslawien als Bank ein gewichtiger Akteur, und wir haben nur dann eine Überlebenschance, wenn wir uns von inakzeptablen Geschäftspraktiken fern halten. In der Vergangenheit hat sich die Bank zudem zu stark bei der Refinanzierung auf das Land Kärnten verlassen und die Einlagengewinnung vor Ort sträflich vernachlässigt. Das wollen wir ändern, und auch dafür ist ein tadelloser Ruf vor Ort notwendig.

Wie viele Risiken stecken noch in der Hypo Alpe Adria?

Wir haben 2010 in einer für die Bank einmaligen Art die Kreditrisiken abgeklopft und die Sicherheiten bewertet. Das war ein Kraftakt, weil es kein adäquates Risikosystem gab. Wir brauchten neue Systeme für Limits und mussten den ganzen Kreditvergabeprozess neu aufsetzen. Das ist geschehen. Die Folge der Prüfung ist, dass wir deutlich mehr als 1 Milliarde Euro an Risikovorsorge in 2010 werden bilden müssen. 2010 ist auch das Jahr der Bilanzreinigung, Bei uns werden die Wertberichtigungen nicht versteckt, sondern gebucht.

Das heißt: die Bank hat ihren Verlust, der mit 500 Millionen Euro zum Halbjahr schon dreimal höher war als im Vorjahreszeitraum, noch weiter ausgeweitet?

Ich kann der Bilanzvorlage nicht vorgreifen. Aber wir werden 2010 mit einem Verlust abschließen, so viel ist klar. Schließlich ist mehr als jeder vierte unserer Kredite notleidend. Aber operativ sind wir 2010 schon besser unterwegs gewesen als 2009.

Braucht die Hypo Alpe Adria neues Eigenkapital?

Wir als Vorstand sind im April angetreten, mit dem was der Staat uns zur Verfügung gestellt hat…

...nach dem Ausstieg des Freistaates Bayern für 1 Euro gab es eine Kapitalerhöhung der Republik Österreich von 450 Millionen Euro, dies zusätzlich zu den 900 Millionen Euro, die bereits 2008 in die Bank gesteckt wurden…

...was gewiss nicht üppig ist, auszukommen und die Haftungsrisiken des Landes Kärnten in Höhe von 20 Milliarden Euro nicht schlagend werden zu lassen. Dafür müssen wir 2012 profitabel werden und die Bank dann für den zügigen Verkauf ausrichten.

Die Hypo Alpe Adria steckt in einem weiteren Beihilfeverfahren vor der EU-Kommission. Wenn die Hypo Alpe Adria, wie zu erwarten, ein Drittel ihrer derzeit rund 40 Milliarden Euro betragenden Bilanz abbauen muss - was bleibt dann noch übrig?

Ziel ist eine deutlich verkleinerte Netzwerk-Bank für die Kernregion Ex-Jugoslawien plus Österreich. Wir hoffen, 2011 das Beihilfeverfahren mit der EU-Kommission abschließen zu können. Es wird noch einmal schmerzhafte Auflagen bereit halten. Es würde nicht überraschen, wenn wir unser heute schon profitables Italien-Geschäft verkaufen müssten. Aber ich bin überzeugt: Wir werden 2012 in die Gewinnzone zurückkehren. Dafür brauchen wir auch neue Mitarbeiter. Wir müssen unsere Belegschaft mehr mit alten und neuen Kräften durchmischen, um künftig noch effektiver zu sein.

Wenn Sie es tatsächlich schaffen, 1,35 Milliarden Euro durch eine Reprivatisierung wieder zu erlösen, hätte der Freistaat Bayern mit seinem Ausstieg für einen Euro im Dezember 2009 etwas falsch gemacht?

Ich bin ein Anhänger davon, Entscheidungen im Lichte der seinerzeit verfügbaren Informationen zu beurteilen. Und ich gehe davon aus, dass sich der Freistaat Bayern gut überlegt hat, bevor er seine Anteile an der Hypo Alpe Adria verkauft hat.

Das Gespräch führte Hanno Mußler.

Quelle: F.A.Z.
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