Eine Tonne Zeitungspapier kostete in Deutschland im Mai zwischen 410 und 430 Euro; im Jahr zuvor lag die Spanne noch zwischen 535 und 570 Euro. Das auf die Branche spezialisierte Beratungsunternehmen Pöyry hat in seiner 25 Jahre zurückreichenden Datenbank für Europa keine niedrigeren Realpreise gespeichert; nominal lagen die Preise zuletzt Anfang der neunziger Jahre auf dem gegenwärtigen Niveau.
Die Papierhersteller reagieren auf diese Entwicklung zum Teil mit Kapazitätskürzungen, zum Teil krempeln sie ihre Unternehmensstrategie um. Jetzt hoffen sie auf die anziehende Konjunktur und die Verhandlungsrunden für das kommende Jahr, in denen deutlich höhere Preise aufgerufen werden dürften.
„Das ändert jedoch nichts am Trend“, sagt Pekka Ylä-Anttila vom Forschungsinstitut der finnischen Wirtschaft in Helsinki. In Nordeuropa ist die Holzverarbeitung traditionell ein besonders wichtiger Wirtschaftsfaktor. In den sechziger Jahren stand sie in Finnland sogar für mehr als die Hälfte der exportierten Güter. Inzwischen liegt ihr Anteil am Export nur noch bei rund 15 Prozent. Allein 2009 ist die Produktion um rund ein Fünftel gesunken. Ein halbes Dutzend Papiermühlen wurden in den vergangenen fünf Jahren geschlossen.
Papiernachfrage hat sich vom Wachstum entkoppelt
„Mit dem Jahrtausendwechsel hat sich die Nachfrage nach Papier in Europa und Amerika vom Bruttoinlandsprodukt abgekoppelt – in den Jahren zuvor ist sie parallel zu ihm stabil gewachsen“, erläutert Ylä-Anttila. „Das liegt eindeutig am Internet.“ Die Unternehmen der Branche investierten deshalb kaum mehr in Europa, sondern vorzugsweise in China. Mehr als die Hälfte der zwischen 2001 und 2006 neu aufgebauten Kapazitäten entfalle auf das Reich der Mitte.
Die beiden größten finnischen Papierhersteller UPM Kymmene und Stora Enso suchen deshalb schon länger nach neuen Geschäftsfeldern. UPM Kymmene, mit einem Umsatz von 7,7 Milliarden Euro und einer Gesamtkapazität von rund 10 Millionen Tonnen einer der größte Hersteller von Druckpapier auf der Welt, stellt sich nun als „Biofore Company“ dar. Die Zusammensetzung aus „Bio“ und „Forest“ soll anzeigen, dass nicht mehr nur Zellstoff und Papier den Kern der Geschäftstätigkeit ausmachen sollen, sondern auch die Energiegewinnung und Produkte wie selbstklebende Etiketten. Noch tiefgreifender ist der Schwenk beim schwedischen Wettbewerber SCA, der sich nicht mehr als Forstunternehmen verstanden wissen will, sondern als Konsumgüterkonzern sowie als Hersteller von Taschentüchern und Windeln den Vergleich mit Branchengrößen wie Procter & Gamble und Kimberly-Clark sucht.
„Die Krise birgt die Chance zum Imagewandel – und die Möglichkeit, sich selbst neu zu erfinden“, sagt Ylä-Anttila zu solchen Bestrebungen. Die Branche könne sich davon am Beispiel ihrer eigenen Vergangenheit überzeugen. Einst sei das wichtigste Exportgut finnischer Waldbesitzer der Holzteer gewesen, mit dem Europas Schiffsplanken abgedichtet wurden. Dann ersetzte Stahl im Schiffsbau das Holz, kalfatert wurde nicht mehr – und Finnland avancierte zunächst zum Schnittholz-, dann zum Papierexporteur.
„Zur Zeit ist keine einzige Papierfabrik in Europa rentabel“
Nun könnte Holz zum Rohstoff für eine neue Generation von Chemikalien werden und dem Erdöl auch als Kraftstoff Konkurrenz machen. „Wir wissen schon, wie man aus Holz Kunststoff herstellen kann. Aber noch ist das ein sehr teures Verfahren“, kommentiert Ylä-Anttila die Einrichtung erster Versuchsfabriken. Dass der Studiengang Papieringenieurwesen an der Universität von Helsinki in dem neuen Fach „Bio Sciences“ aufgegangen ist, sei kein Etikettenschwindel, sondern ein Signal für die Zukunft.
Seinem Kerngeschäft treu bleiben will dagegen der größte deutsche Zeitungspapierhersteller Palm aus der schwäbischen Stadt Aalen. „Zur Zeit ist keine einzige Papierfabrik in Europa rentabel“, räumt Wolfgang Palm, der geschäftsführende Gesellschafter des Familienunternehmens, ein. Der gestiegene Altpapierpreis verschärfe die Situation für die Hersteller, so dass viele das erste Quartal des Jahres mit deutlichen Verlusten abgeschlossen hätten. „Aber wir hoffen, dass sich das zum 1. Januar ändern wird.“ Schon jetzt liege der Weltmarktpreis um 25 Prozent über dem europäischen Niveau; auf lange Sicht seien 600 Euro je Tonne realistisch. Dann werde sich auch die Investition in eine neue Papierfabrik in Großbritannien lohnen, die Palm erst im vergangenen August in Betrieb genommen hat. „Wir sind dort und auch an unseren anderen Standorten voll ausgelastet“, beschreibt Palm die paradox anmutende Lage. „Wir sind dabei nur nicht rentabel.“
Für den überwiegenden Teil des Geschäfts mit Druckpapier, das in Europa ein Volumen von rund 20 Millionen Tonnen hat, werden die Preise von Jahr zu Jahr festgelegt. Weniger als 10 Prozent werden nach Auskunft des Beratungsunternehmens Pöyry auf dem Spotmarkt gehandelt. Dort liegt der Preis derzeit rund 40 Euro über dem Durchschnitt der Jahreskontrakte. Wolfgang Palm gibt der eigenen Branche die Schuld, dass der Jahrespreis seinen historischen Tiefstand erreichen konnte: „Den Preis haben uns nicht unsere Kunden abgepresst. Vielmehr haben viele Anbieter im Vertrieb nur noch auf die Menge geschielt und die Rentabilität außer Acht gelassen.“
Als Folge haben nun einige Papierfabriken in Frankreich, Italien und Spanien den Betrieb schon eingestellt, weil er sich zu den derzeitigen Preisen nicht lohnt. Andere ziehen inzwischen nach Aussagen aus der Branche den Export nach Indien oder Nordamerika der Belieferung ihrer europäischen Kunden vor. In Deutschland gab es nach Angaben des Verbands der Papierfabriken unter den Zeitungspapierherstellern bisher weder Insolvenzen noch Eigentümerwechsel. Doch eine Konsolidierung des Marktes hält nicht nur Palm für wahrscheinlich. Auf lange Sicht werde die Nachfrage nach Zeitungspapier konstant bleiben, der Markt für Verpackungspapier sogar wachsen. Deshalb sei er selbst an Zukäufen durchaus interessiert.
Gute Nachricht
Andreas Tepe (NetFox)
- 08.07.2010, 20:06 Uhr
Bevor alle den Umweltengel heraushängen lassen:
Mona Vogelsang (Aghapi)
- 09.07.2010, 11:13 Uhr
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Hans Schulze (HansSchulze)
- 09.07.2010, 15:34 Uhr
