19.07.2010 · Kaum wird der Sommer heiß, fallen die Klimaanlagen aus. Und die Fahrgäste brutzeln in Saunatemperaturen. Ausnahmsweise ist nicht der Mehdorn schuld. Bahn-Chef Rüdiger Grube hat einen anderen Kandidaten unter Verdacht: den Klimawandel.
Von Konrad MrusekDeutschland schwitzt. Und den Bahnfahrern steht der Schweiß auf der Stirn - vor Überhitzung und vor Wut. Dass Züge sich verspäten, das kennt man inzwischen. Dass man dort aber auch einen Hitze-kollaps erleiden kann, das ist neu. In mehr als fünfzig ICE-Zügen haben seit dem letzten Wochenende Kühlaggregate versagt. Und die Temperaturen in den Abteilen stiegen auf 50 Grad Celsius und mehr.
„Alle reden vom Wetter. Wir nicht“
Ist die Klimakatastrophe der Bahn hausgemacht? Oder ist sie ein weiterer Beleg für den Klimawandel? Jochen Flasbarth, der Präsident des Umweltbundesamtes, zögert mit der Antwort. „Ob das schon als Beweis für den Klimawandel gelten kann, lasse ich dahingestellt.“ Dann aber fügt er hinzu, der Trend sei eindeutig: „Es wird heißere und vielfach trockenere Sommer geben.“
Wie immer, wenn bei der Bahn etwas schiefläuft, steigt der Wutpegel der Leute in Windeseile. Und die Kalauer machen Purzelbäume. Von der „Deutschen Brutzelbahn“ ist die Rede, die Karikaturisten malen Sauna-Bahnabteile, und die Spötter fragen: „Was sind die vier schlimmsten Feinde der Bahn?“ Antwort: „Frühling, Sommer, Herbst und Winter.“
Auch ein Uraltwerbespruch fliegt der Bahn jetzt um die Ohren. „Alle reden vom Wetter. Wir nicht“, brüstete die Bahn sich in den sechziger Jahren. Bahn-Chef Rüdiger Grube, von dessen Büro im Berliner Bahn-Tower der Hauptbahnhof der Hauptstadt wie eine Modelleisenbahnanlage wirkt, hat den Wetter-Werbespruch an seiner Pinnwand befestigt. Er beteuert, dass er das Versprechen der Wetterunabhängigkeit irgendwann einlösen möchte. Doch zugleich bittet er um Geduld. „Die Bahn ist ein viel komplexeres System als die Luftfahrt.“
Von den 20 Millionen Euro entfällt nur ein Bruchteil auf Klimatechnik
Kritiker der Bahn lassen den Hinweis auf die Komplexität des Systems nicht gelten. Ihnen will nicht einleuchten, dass 80 Prozent der Autos inzwischen gut klimatisiert sind, die Bahn aber immer häufiger als Brutkasten durch die Lande fährt. „Klimaanlagen in den älteren ICE-Modellen sind doch kein Hightech, das ist Standardtechnik“, wundert sich Werner Häcker, der Präsident des Kälte-Klima-Fachverbandes. Von den 20 Millionen Euro, die ein ICE 2 kostet, entfällt nur ein Bruchteil auf Klimatechnik. Teurer ist die Wartung, da kann man Geld sparen.
„Die haben bei der Wartung nur noch das Nötigste gemacht, weil die zweite Baureihe des ICE nach 15 Jahren demnächst zur Generalüberholung ansteht“, schimpft der Vorsitzende des Fahrgastverbandes Pro Bahn, Karl-Peter Naumann. Verkehrsminister Peter Ramsauer tönt ähnlich: „Der heutige Bahnvorstand löffelt die Suppe aus, die von der alten Unternehmensführung vor Jahren eingebrockt worden ist.“ Mehdorn war's, so lautet der Refrain: Der wollte das Unternehmen an die Börse bringen und hat es kaputtgespart. Gewinn ging vor Komfort und Sicherheit.
„In der Regel werden solche Anlagen lieber zu groß als zu klein dimensioniert“
Ist also wieder einmal der Kapitalismus schuld? Wenn das stimmt, müssten Lebensmittel in extrem heißen Sommern verderben, weil Hersteller und Händler allesamt Profite machen wollen. Dennoch sorgen sie für ausreichende Kühlung. „Es wundert mich, was bei der Bahn passiert“, sagt eine Kältetechnik-Expertin des Maschinenbauverbandes, „in der Regel werden solche Anlagen lieber zu groß als zu klein dimensioniert.“
Grube sucht nicht die Schuld beim Vorgänger: „Unsere Recherchen bestätigen nicht, dass die jetzigen Probleme mit dem Sparkurs vor dem geplanten Börsengang in der Ära Mehdorn zusammenhängen“, sagte er: „Der Aufwand für die Wartung wurde zwischen 2004 und 2009 ganz erheblich vergrößert.“
Die Kunden müssen weiter schwitzen
Der Bahn-Chef gibt aber zu, dass man den Klimawandel unterschätzte. „Die Wahrscheinlichkeit eines Hitzesommers ist um das Zwanzigfache gestiegen. Seit 1991 gab es in Berlin fünf Tage mit mehr als 37 Grad, davon allein zwei am letzten Wochenende. Darauf müssen wir nicht allein die Fahrzeuge anpassen.“
Das aber wird dauern. Die Kunden müssen vorerst weiter schwitzen. Vor allem im ICE 2, der Berlin mit dem Westen Deutschlands verbindet. Seine Klimaanlage ist auf 32 Grad ausgelegt. Das war, als er konzipiert wurde, internationale Bahn-Norm für die Klimazone Zwei, in der Deutschland liegt. Heute schreibt diese Norm 35 Grad vor. Der alte ICE bringt zu wenig Kühlleistung, vor allem dann, wenn er überfüllt ist und zusätzlich zur Hitze noch die Wärme der Insassen ausgleichen soll.
Grube beteuert, die jetzigen Störungen habe man in dieser Form noch nie gehabt. Als die Aggregate jetzt Höchstleistung bringen sollten, habe ein Druckwächter nicht mitgespielt. Der Magnetschalter schaltete die Anlage zeitweise aus, weil der Druck des Kältemittels (neuere Anlagen verwenden zum Kühlen Luft) über einen gewissen Wert stieg. Kaum hatte man den Zug in die Werkstatt gefahren, tat es die Anlage jedoch wieder.
Die Bahn passt den Sollwert für die Raumtemperatur auf über 24 Grad an
Man trommelte Techniker zusammen, machte Testfahrten, veränderte die Toleranz beim Druckwächter, überprüfte Kühlmittel, Verdichter und Filter. Das half immerhin etwas. Nachdem es am vergangenen Wochenende in über 20 Zügen einen Hitzeschock gegeben hatte, sank die Pannenzahl im Laufe der Woche. Doch in der Hitze dieser Tage lassen sich Ausfälle nicht völlig vermeiden. Die Bahn versucht sie dadurch zu vermindern, dass sie bei Außentemperaturen über 32 Grad den Sollwert für die Raumtemperatur über 24 Grad anhebt, um eine Überlastung zu vermeiden.
Es tröstet Grube, dass auch Bahnen in anderen Ländern unter Hitzestress leiden. In Schweden musste ein Zug geräumt werden, weil er zur Sauna wurde. Dass der französische TGV, der am Mittelmeer noch mehr Hitze vertragen muss, weniger Pannen hat, wird von Managern der Bahnindustrie auch damit begründet, dass diese Züge nie mit Überlast fahren, weil man ohne Platzkarte nicht hineinkommt. Der ICE sei dagegen oft zu 120 Prozent belegt.
Bis 2050 könnte die Mitteltemperatur um 1 bis 2,2 Grad steigen
Grube will jetzt schnell nachrüsten, um den Imageschaden zu begrenzen. Die Technik soll jetzt auf ein anderes Klima ausgerichtet werden. „Bei der Generalüberholung der ICE-2-Flotte, die im November 2010 beginnt und 100 Millionen Euro kostet, prüfen wir jetzt, ob wir auch die Klimaanlagen einbeziehen, was ursprünglich nicht vorgesehen war.“ Und in der neuen Serie der Intercity-Züge wird die Anlage auf 45 Grad ausgelegt. Man wechselt also gewissermaßen in die mediterrane Klimazone. Die Bahn-Industrie hat allerdings Zweifel, ob Grube die Geräte so schnell beschaffen kann, denn es gibt nur eine Handvoll Anbieter. Überdies braucht man für mehr Kälte mehr Energie und größere Aggregate, die nicht so leicht in den schnittigen ICE passen und wegen des größeren Gewichts auch Schienen schneller verschleißen.
„Die Klimazonen verändern sich, und damit ist klar, dass wir mehr Kühlung brauchen“, sagt Lars-Jürgen Schreiber vom Deutschen Wetterdienst in Offenbach. Bis 2050, so schätzt die Bundesregierung, könnte die Mitteltemperatur um 1 bis 2,2 Grad steigen. Das gäbe im Süden und Osten Deutschlands bis zu 27 zusätzliche Hitzetage mit mehr als 30 Grad.
Die Bundesregierung will 2011 einen Aktionsplan beschließen, wie sich das Land gegen die Folgen eines Klimawandels wappnen kann. Man rechnet mit geringeren Ernteerträgen und auch mit Stromausfällen, weil Kühlwasser für Kraftwerke knapp werden könnte. Doch an den Hitzestress für Fahrgäste hat bisher niemand gedacht, nicht einmal die Bahn.
Klimawandel bei der Brutzelbahn
Bertram von Steuben (Elim_Garak)
- 19.07.2010, 10:30 Uhr
"Dass der französische TGV, der am Mittelmeer noch mehr Hitze vertragen muss..."
Frank Steinke (dl8waa)
- 19.07.2010, 10:41 Uhr
Der Klimawandel!
Andreas Kirsch (A.Kirsch)
- 19.07.2010, 10:53 Uhr
der Skandal ist nicht ...
Christian Berger (anonymix)
- 19.07.2010, 10:56 Uhr
Ha ha ha
Andreas Seidl (ASeidl)
- 19.07.2010, 11:24 Uhr
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